Warum der Kaiser nach Knoblauch roch – Erstaunliches aus der Welt der Farben
von Max J. Kobbert
Isabella von Spanien, so die Legende, hatte geschworen, ihr Hemd nicht zu wechseln, bis ihr Gemahl, Albrecht von Österreich, Ostende erobert habe. Das gelang ihm zwar, doch bis zum Sieg im Jahre 1604 vergingen mehr als drei Jahre. Inzwischen hatte sich ihr Hemd in Spielarten von beige nach braun und grau verfärbt. ›Isabellfarben‹ nennt man seither diese Farbgestalt, die typischerweise etwa Fjordpferde zeigen. |

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Hinter vielen Farbnamen verbergen sich Geschichte und Geschichten. ›Ägyptisch Blau‹ etwa beschwört Geheimwissen der Alchimisten pharaonischer Zeit. Es war wohl zunächst Zufall, dass sie in den Schlacken der Schmelzöfen eine blaue Substanz entdeckten. Die ›Fritte‹ wurde die erste künstliche Buntfarbe, ein tausende von Jahren wohlbehütetes Geheimnis, das sich die Römer aneigneten und mit dem Zerfall des römischen Reiches verloren ging. Erst in der Neuzeit hat man das Pigment analysiert, und wer will, kann es selbst herstellen: Man nehme 70 Teile Sand + 15 Teile Kupferoxid + 25 Teile Kreide + 6 Teile Soda und schmelze sie unter Luftabschluss zusammen.
Tricks mit Erhitzung unter Luftabschluss kannten schon die Steinzeitmenschen. Auf diese Weise gelang es ihnen, die allererste künstliche Farbe herzustellen: Zeichenkohle. Mit deren Schwarz realisierten die Frühmenschen eine der wichtigsten Erfindungen der Kunst: die Umrisslinie. Eine geistige Erfindung, die die Kultur in unbegrenzter Weise um Darstellung und Erschaffung von Gesehenem und Vorgestelltem bereicherte. Von beiden Erfindungen profitiert noch die Kunst unserer Tage.
Viel älter noch ist die Verwendung natürlicher Pigmente. Bereits vor 100.000 Jahren bestreuten die Menschen der Mousterien-Epoche ihre Verstorbenen mit sorgfältig gemahlenem Rötel – der Farbe des Lebens. Tatsächlich ist für dieses Mineral die gleiche Substanz farbgebend wie für unser Blut: Eisenoxid. Verantwortlich ist der Blutfarbstoff Hämoglobin; die Gene hierfür sind 1,5 Milliarden Jahre alt und gehören damit zu den ältesten, die wir besitzen.
Eine Methode des Farbauftrags, wie sie wohl schon zur Steinzeit angewandt wurde, pflegen noch heute die Aborigines: Sie nehmen Farbschlamm in den Mund und prusten ihn auf die Felswand. Als der Höhlenforscher Michel Lorblanchet das mit Manganoxid ausprobierte, einem in Höhlenmalereien häufigen Pigment, stellte er verblüfft fest, dass sich die Wirkung halluzinogener Drogen einstellte. Das wirft ein Licht auf die kultische Bedeutung, die die Höhlenmalereien vermutlich besaßen.
Die Herstellung von Purpur wird oft den Phöniziern zugeschrieben. Doch sie haben das Geheimnis wohl von den Syrern oder Kretern übernommen. Die Phönizier (›Die Roten‹) wurden damit reich. Purpur war der wertvollste Farbstoff der Antike. Er wurde aus der Hypobronchialdrüse von Meeresschnecken gewonnen, die an den Küsten des Mittelmeeres leben. Sie liefert einen milchig weißen Schleim, der an Licht und Luft erst grün, dann blau und schließlich purpurfarben wird. Die Schnecken – für beste Qualität nur die Drüsen – wurden zu Brei zerstampft, mit Salz versetzt und zehn Tage lang gekocht. In den Sud wurde Textilmaterial eingebracht und ins Sonnenlicht gelegt. Dabei entwickelte sich der eigentliche Farbton. 10.000 Schnecken waren notwendig, um ein einziges Gramm reinen Purpur zu erhalten. Die fertige Farbe stank noch Jahrzehnte lang nach Knoblauch – ein Echtheitsmerkmal, das die Toga der römischen Kaiser ausströmte.
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Max J. Kobbert, geb. 1944, lehrte als Professor Wahrnehmungspsychologie an den Kunstakademien Düsseldorf und Münster sowie an der Fachhochschule Münster. Daneben ist er Autor von Gesellschaftsspielen, wobei sein bekanntestes Spiel ›Das verrückte Labyrinth‹ ist. Bei der WBG erschien 1986 sein Buch ›Kunstpsychologie‹. | |