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Im Blickpunkt: »Man reist ja nicht, um anzukommen ...«

16.01.2012 12:00
Michael Rieger stellt seinen Titel rund um reisende Schriftsteller vor

»Ich habe meine Freude daran, auf meinen Reisen den Menschen zu studieren.«


Diese Freude wird man Casanova angesichts seiner zahlreichen Liebesaffären gewiss nicht absprechen dürfen. Doch ganz so freudig verliefen die wenigsten seiner Reisen, musste er doch oft genug wieder weiterziehen, um seinen Gläubigern oder den Behörden zu entkommen. Und wenn wir an Goethes plötzlichen, ja nächtlichen Aufbruch aus Weimar denken oder an Herder, der vom »altsächsischen Dreck« die Nase voll hatte und einfach nur »reisen musste, selbst wenn es auf den Walfang gewesen wäre«, dann erweisen sich viele Schriftsteller-Reisen als veritable Fluchten.


Folgt man den Autorinnen und Autoren auf diesen Fluchten in die Ferne, spielt noch ein anderes Moment hinein: die Sehnsucht nach dem, »was nicht wie zu Hause ist«, wie Peter Handke es formuliert hat, die Sehnsucht nach dem Unterwegssein, nach anderen, fremden Orten, Menschen, Farben, Wirklichkeiten. So werden die Reisen nicht allein zu Ausbrüchen aus einengenden Strukturen, sie eröffnen gleichermaßen Wege und Umwege in eine größere Freiheit, die das Unbekannte verheißt. »Das Leben ist eine Reise durch die Wildnis«, meinte Bruce Chatwin, der in der Reise das Bild seines ruhelosen Lebens fand.


Aber von diesem Unterwegssein, von dieser Er-Fahrung, wüssten wir wenig oder nichts, wenn es nicht in unterschiedlichster Form Literatur geworden wäre. In den Texten finden sich nicht nur alltägliche Beobachtungen und abenteuerliche Unternehmungen, in ihnen spiegeln sich auch das neue Selbstbewusstsein reisender Frauen im 19. Jahrhundert und die wachsende Kritik am Kolonialismus oder an der »Kellerassel der Menschheit« (Peter Handke), dem Nationalismus.


Isabella Bird zieht als erste Frau quer durch die nicht eben komfortablen Rocky Mountains, der eben noch inhaftierte B. Traven wird zum Geschichtsschreiber der Indios in Mexiko, Hemingways Safaris in Afrika erweisen sich als Rückkehr in den Naturzustand, Bruce Chatwin sucht in Afghanistan eine seltene Kerbel-Art und Hubert Fichte reist im Auftrag brasilianischer Voodoo-Priesterinnen nach Westafrika.


Die Schriftsteller reisen nicht, um anzukommen, sondern um die Welt in ihrer bunten Vielfalt, ihrem ganzen Reichtum zu erforschen, zu verstehen und in sich aufzunehmen. So entwickeln die Reisen eine besondere Dynamik, denn die Schriftsteller sind mit wachem Blick für die Probleme der westlichen Zivilisation auch unterwegs zu sich selbst und zu einem neuen Menschenbild. Vor allem aber sind sie unterwegs zu einer neuen Sprache.

 

Michael Rieger

 

 

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