von Helmut Danner

Alle reden vom Corona-Virus und vergessen einen anderen Virus, den es schon seit Langem gibt und gegen den keine Impfung helfen wird. Eine große Anzahl von Bürgern ist von ihm befallen; er macht blind gegen die Realität; er macht vielen unserer Mitmenschen Angst, weil er sie als bedrohliche Feinde erscheinen lässt. Die von diesem Virus Befallenen verstehen sich als „das Volk“; alle anderen seien Feinde – die Ausländer, die Flüchtlinge, die Moslems, die Juden. Denn sie gehörten vermeintlich nicht zum „Volk“. Feinde des „Volkes“ seien auch die Eliten. Die Symptome, mit denen dieser Virus auftritt, reichen vom unterschwelligen Witz am Stammtisch, vom verdächtigen Versagen mancher Polizeieinheit über eine politische Partei bis zum organisierten Mord. Die sozialen Medien dienen der schnellen und weiten Verbreitung dieses Virus. Die Rede ist vom Populismus im weitesten Sinne, der in vielen Variationen auftritt.

Populisten leben in einer Welt der Imagination; sie interpretieren die Wirklichkeit auf der Basis ihrer Vorurteile: Politiker sind korrupt; Fremde jeglicher Art stören die eigene Identität. Ihre moralische Orientierung heißt Ausgrenzung: Das „Volk“ muss im Gegensatz zum „Nicht-Volk“ „rein“ erhalten werden. Es bleibt aber nicht bei einer populistischen Meinungsverschiedenheit, sondern es wird aktiv gegen das „Nicht-Volk“ gehetzt, ausgegrenzt, gemordet. Damit bedroht jener Virus die Grundlagen unserer demokratischen Gesellschaft. Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz sieht den Rechtsterrorismus als aktuell die größte Bedrohung für die Sicherheit in Deutschland.

Was hilft gegen eine ideologisch verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit und gegen eine ausgrenzende Moral? Nötig sind Personen, die vorurteilsfrei denken und handeln können. Damit wird eine zentrale Anforderung an Bildung genannt, die Personen dazu befähigt. Doch welche ‚Bildung‘ ist gemeint, also eine Bildung, die letztlich Widerstand gegen Populismus leisten kann? 

Zunächst richtet sich diese Forderung an die ‚Schulbildung‘ im weitesten Sinne, an die ‚Bildung‘, die durch das öffentliche ‚Bildungs‘-System angeboten und bewirkt wird. Diese ‚Schulbildung‘ ist ambivalent. Denn was dort geschieht, beschränkt sich möglicherweise auf Wissensvermittlung und „Kompetenz-Training“, auf eine funktionale, ethisch neutrale, sinn- und wertfreie Ausbildung. Kann diese dazu befähigen, Widerstand gegen Populismus zu leisten? Braucht es nicht vielmehr eine Bildung, die diesen Namen aufgrund einer langen pädagogischen Tradition verdient und also mehr ist als oberflächliches „Kompetenztraining“? Zweifellos muss ‚Bildung‘ an Schulen und Hochschulen Wissen vermitteln. Aber dieses Wissen will verstanden sein. Oberflächlich angeeignetes Wissen bleibt für Bildung im eigentlichen Sinne wertlos. Der Lernende muss sich mit ihm auseinandersetzen, persönlich dazu Stellung nehmen; er muss sich je nach Wissensinhalt dafür oder dagegen entscheiden; Kritikfähigkeit gehört sicherlich zur Bildung im eigentlichen Sinne.

Solche Bildungskriterien sind Voraussetzung für einen Widerstand gegen Populismus. Denn es reicht nicht, über Populismus etwas zu ‚lernen‘, d.h. gesagt zu bekommen, was man dann möglicherweise auswendig lernen muss und schnell wieder vergisst. Es braucht die Auseinandersetzung mit rassistischen und fremdenfeindlichen Vorurteilen, das Durchschauen von Verschwörungstheorien, ein Verstehen der historischen Zusammenhänge und Inhalte des Antisemitismus und des Neonazitums. Für eine kritische Stellungnahme und als Maßstab spielt die Orientierung an der Realität und an Humanität eine zentrale Rolle. Doch wie soll das im Sinne von Bildung ermöglicht werden? Hier ist eine begriffliche Differenzierung notwendig: ‚Bildung‘ hat zwei Bedeutungen, zweierlei Akteure: Einmal meint Bildung die pädagogische Bemühung, die Heranwachsenden und die Erwachsenen ‚zu bilden‘. Dazu gehören alle ‚Bildungs‘-Einrichtungen und die Lehrer und deren Absicht, Wissen zu vermitteln und dieses im kritischen Sinne für die Lernenden lebendig werden zu lassen, d.h. jene zur Auseinandersetzung und Aneignung anzuregen.

Aber – „alle Bildung hat ihren Ursprung allein im Innern der Seele, und kann durch äußere Veranstaltungen nur veranlasst, nie hervorgebracht werden.“ Was Wilhelm von Humboldt hier feststellt, betrifft die zweite Bedeutung von Bildung und den anderen Akteur: die Seite des Lernenden, des Zu-Bildenden. Schulbildung i.w.S. muss aufklären und zur Auseinandersetzung anregen und zwar mit allen didaktischen und erzieherischen Mitteln. Doch das Bildungsangebot muss vom Lernenden angenommen und verwirklicht werden. Bezogen auf das Verhältnis von Bildung und Populismus bedeutet das, dass Bildung zum Widerstand von Erziehern und Lehrern zwar angeboten und angeregt werden muss. Aber das Entscheidende kann erst durch die persönliche Annahme durch die so ‚Gebildeten‘ verwirklicht werden. Mit anderen Worten, der Einzelne muss Verantwortung übernehmen, muss gegen populistisches Gerede und ausgrenzendes Agieren Stellung beziehen. Bildung zeigt sich dann als Widerstand zum Populismus. Das kann in letzter Konsequenz bedeuten, das eigene Leben zu riskieren. 

 

Zum Autor

Doktorat in Philosophie; Habilitation in Pädagogik;
5 1/2 Jahre Tätigkeiten in der Privatwirtschaft;
10 Jahre Lehrtätigkeit an den Universitäten München, Trier und Edmonton;
10 Jahre entwicklungsorientierte Erwachsenenbildung in Ägypten und 9 Jahre in Kenia mit Uganda für die Hanns-Seidel-Stiftung.

Ich lebe in Nairobi, Kenia, und in München, Deutschland

https://www.helmut-danner.info

 

Zum Weiterlesen: Bildung zum Widerstand

Die Verführungskraft populistischer Parolen und rechtsradikal motivierte Verbrechen erinnern an Zeiten, die längst überwunden schienen. Zugleich begehren junge Menschen gegen soziale und ökologische Missstände auf. In einem Brief an Wilhelm III führt Humboldt aus, dass es eine Bildung der Gesinnung und des Charakters gebe, die keinem fehlen dürfe. Sie darf auch deshalb nicht fehlen, weil sie ein selbstbewusstes Dagegen-Sein und ein mutiges Kritik-Üben an herrschenden Diskursen impliziert. Trotz der Mahnung Humboldts erweist sich Bildung jedoch als brüchig und lässt sich für zweifelhafte Zwecke einspannen.

Die Beiträger gehen der Frage nach, wie eine Bildung aussehen muss, die beängstigenden Entwicklungen weltweit ebenso begründet wie entschlossen entgegentritt. Wie kann sie die Motivation zum Handeln liefern, die uns neben Carl Goerdeler auch Hans und Sophie Scholl vorgelebt haben, und die für den Schutz einer demokratischen Grundordnung und humanistischen Werte notwendig ist?

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  • Einseitigkeit

    Im Beitrag wird nicht darauf eingegangen, dass wahre Bildung bedeutet, die Bereitschaft zum permanenten, symetrischen und meinetwegen auch herrschaftsfreien Dialog als wichtigstes Bildungsziel anzuerkennen. Der signifikante Andere ist der Moslem, der Jude, der Flüchtlling, der Weisse, der Andersdenkende, der Ausgegrenzte,........Bildung ist eine notwendige, jedoch keine hinreichende Bedingung gegen oder für Populismus!

  • Indoktrinierung als Bildungsziel

    Der Beitrag birgt einen Widerspruch in sich: "Was hilft gegen eine ideologisch verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit und gegen eine ausgrenzende Moral? Nötig sind Personen, die vorurteilsfrei denken und handeln können. Damit wird eine zentrale Anforderung an Bildung genannt, die Personen dazu befähigt."
    Hier wird eine kritische Einstellung zu politischen Ereignissen wie Korruption, Verteidigung des eigenen Volkes und der eigenen Kultur, der kritische Umgang mit Massenzuwanderung kulturfremder Völker usw. als Populismus und Bildungsmangel abgetan. Der Autor versucht, den Leser zu indoktrinieren, kritische Stellungnahme als Haß und Hetze abzutun und ihn in eine bestimmte, vorgegebene Richtung zu lenken, den er ist ja ein bedauernswertes Dummerchen, das sich dem Populismos und der Ausgrenzung hingibt. Und solche eine Auffassung kommt auch noch von jemandem. Aderfür die Hanns-Seidel-Stiftung arbeitet oder gearbeitet hat, die zu Zeiten von Franz Josef Strauß nach heutigen Denkschemata rechtspopulistisch war. Gerade die von links aufgezwungene Denkweise, das aufgezwungene Denkschema, das von den (linksextremen) Grünen seit 1980 in die Gesellschaft eingefiltert wurde, ist gerade eine einseitige und intolerante, ideologisch verzertte Denkweise, der man nur mit Bildung entgegenwirken kann.
    Es ist nicht Aufgabe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, vorzugeben, wie wir Bürger und Mitglieder zu denken haben. Ihre Aufgabe ist die Herausgabe von Fachliteratur, die das Wissen fördert, sowie von Literatur, die erbauend ist, nicht die Vorgabe von Denkschemata "gegen Rechts",. Der Populismus wird hier vorzugsweise als rechts eingeordnet. Es ist nur noch der Übelkeit verursachende Versuch der Meinungsdiktatur und der undifferenzierten Abfertigung kritischen Denkens als Haß und Hetze.

  • Herr Danners "Einführung" gehn an vielen Realitäten vorbei !

    Herr Danner bemüht neben vielen sprachlich durchaus gut und eloquent vorgetragenen Argumentationen Pauschalbegriffe aus den heutigen ( 2020) Mainstream-Medien. So z.B. die Vokabel "POPULISMUS".
    Wer heute einigermassen unabhängig informiert ist - und noch dazu über gesunden Menschenverstand verfügt, entdeckt die klaffenden Lücken im Fundament von Herrn Danners Meinung ! Populismus, um dieses Pauschal-Vokabel auch einmal zu gebrauchen, ist seit der Generierung dieses Begriffs in seiner heutigen Bedeutung vor allem und zuvorderst das, was deutsche und andere Politiker seit 30 Jahren den mündigen Wählern direkt oder medial verzuckert bieten. Und zwar mit einer Dreistigkeit, die in Deutschland an unselige Zeiten unserer Vergangenheit erinnern.
    Herr Danner ist ein Lohnschreiber dieser informellen Politclique. Erhellendes bringt er der 'community' der wbg nicht.
    Er will es nicht - und ich folgere daraus, er kann es auch nicht.
    Es steht der wbg als einer altetablierten Institution im Dienste der Wissenschaftsgemeinde nicht an, solche verunklärende Meinungsäußerungen an die Spitze ihres Internetauftritts zu stellen.
    Damit tun Sie als wbg sich und einer Vielzahl Ihrer Kunden und Unterstützer keinen Dienst !
    Seien Sie kritischer und suchen Sie bitte nach anderen Kommentatoren. Ein vielbeschäftigter Blubber, pardon : blogger, ist unserem Niveau nicht angemessen, auch wenn er sich im Dunstkreis Merkel-deutscher Meinungsmache bewegt.
    Es ist überaus müssig und Zeitverschwendung, auf die paar Reste an Sachargumenten einzugehen, die Herr Danner gerade noch zwischen den Zeilen seiner historischen und soziologischen Verbrämungen liefert.
    Tiefer zu argumentieren lohnt sich erst wieder, wenn Herr Danner aufhört, seine Verbeugungen vor einem schief liegenden Zeitgeist zu machen und Substantielleres zu bringen beginnt. Will er das ? Kann er das überhaupt ? - Natürlich wollen wir ihm seine eigene Meinung lassen.
    Hier aber taugt sie allenfalls als Randbemerkung !
    Tg.

  • Sobald der Autor Bezug zur empirischen Realtitä aufnimmt, hat man den Verdacht, dass er selbst sehr vorurteilsbehaftet ist und sich selbst darüber nicht ansatzweise klar ist.

    Dem Autor fehlt die konkrete und intellektuell redliche Auseinandersetzung mit den harten Fakten, Daten und Zahlen der empirisch-sozialen Realität, denn er scheint selbst eine Menge Vorurteile mit sich zu tragen. So zitiert er z.B. den obersten Verfassungsschützer ("Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz sieht den Rechtsterrorismus als aktuell die größte Bedrohung für die Sicherheit in Deutschland. "), ohne offenbar den Bericht selbst komplett gelesen zu habe. Sonst würde er diesen Satz kaum derartig kritiklos für eine angemessene Zusammenfassung halten. Die dem Flügel der AfD zugerechneten politisch Tätigen sowie die Mitglieder der Jungen Alternative für Deutschland sind dort zahlenmässig als Rechtsradikale erfasst, um die Quantität von Rechtsradikalen in der Gefährder-Statistik nach oben fahren zu können (so zahlreiche Interpreten aus der konservativen Mitte). Dass diese Gruppen vom Verfassungsschutz unter Beobachtung gestellt worden sind, ist erstens sehr umstritten und zweitens erst im Jahre 2020 geschehen, geht aber in die Statistik von 2019 ein, was erst recht fragwürdig ist. Übrigens zeigt die Statistik im Bericht eindeutig. dass linke Gewalt dramatisch zugenommen hat (40%) und im Moment das größte konkrete Problem darstellt, weil sie ständig umgesetzt wird und nicht nur eine mutgemaßte Gefahr ist. Und wenn man sich das Buch vom Journalisten Schreiber über das Geschehen in Moscheen im Lande durchliest, sollte man sich überlegen, ob man Kritik am realen Islam von vornherein als islamophob und demokratiefeindlich abtut.