Die große Illusion: Lokale Lösungen für globale Probleme

von Angelos Chaniotis

Im Sommer 430 v. Chr. kam ein Schiff aus Ägypten in Piräus an, mit einem ungebetenen Gast an Bord: der ,,Pest“. Die Symptome dieser noch zu identifizierenden Krankheit – Hypothesen reichen von Typhus bis zu viralem hämorrhagischem Fieber – wurden vom Historiker Thukydides beschrieben, der selbst infiziert war und überlebte (2.47.3–54.5). Dazu gehörten extreme Kopfschmerzen, Rötungen und Entzündungen der Augen, blutige Kehlen und Zungen, abstoßender Atem, Niesen, Heiserkeit und Husten, Magenschmerzen und Erbrechen, rötliche, mit Pickeln und Striemen bedeckte Körper, hohes Fieber und Durst. Das Fieber tötete die meisten Patienten innerhalb von sieben bis neun Tagen, andere starben später an Schwäche. Es wird berichtet, dass einige Patienten ihr Augenlicht oder sogar Genitalien, Finger und Zehen verloren haben. Es wird geschätzt, dass die Krankheit mehr als 50 000 Menschen getötet hat. Ihre ersten Opfer waren die Ärzte, die versuchten, sie zu behandeln. Das prominenteste Opfer war kein anderer als Perikles, der Schöpfer des gleichnamigen ,,Goldenen Zeitalters“ von Athen.

Thukydides beschrieb nicht nur die Symptome der ,,Pest“, sondern auch ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft und die Mentalität der Bevölkerung: Verzweiflung und mangelnder Widerstand unter den Patienten, die ,,wie Schafe starben“; extremes Selbstvertrauen unter den Überlebenden, die immun wurden und dachten, dass sie niemals an einer anderen Krankheit sterben würden; Vernachlässigung religiöser Riten; respektlose Entsorgung von Leichen; große Zügellosigkeit, als die Menschen anfingen, in den Tag hinein zu leben. „Weder die Angst vor den Göttern noch die Gesetze der Menschen beeindruckten jemanden: die Angst vor den Göttern beindruckte nicht, weil die Menschen zu dem Schluss kamen, es mache keinen Unterschied, ob man betete oder nicht, da sie sahen, dass alle gleich umkamen; die Gesetze beindruckten nicht, weil kein Mensch erwartete, dass er lange genug leben würde, um vor Gericht gestellt zu werden und für seine Verbrechen bestraft zu werden“ (Thukydides 2.53.4).

Die menschlichen Gesellschaften haben viele Pandemien wie die heutige erlebt: Die ,,Antoninische Pest“ breitete sich 165–180 n. Chr. im Römischen Reich durch Soldaten aus, die von Feldzügen im Nahen Osten zurückkehrten; die Pest von Justinian dezimierte 541–542 n. Chr. die Bevölkerung von Konstantinopel und der Häfen des Mittelmeers; die Pest von Emmaus (Amwas) verursachte den Tod einiger Gefährten Mohammeds 639 n. Chr.; noch bekannter sind der schwarze Tod 1348–1350 und die spanische Influenza von 1918. Die Reaktionen auf Epidemien waren jedoch nie die gleichen. Die globalisierte Welt von 2020 hat wenig Ähnlichkeit mit der letzten großen Pandemie vor einem Jahrhundert.

„Löst der Flügelschlag einer Schmetterlingsfliege in Brasilien einen Tornado in Texas aus?“ Diesen Titel schlug man dem Mathematiker und Pionier der Chaostheorie Edward Lorenz für seinen Vortrag auf dem 139. Treffen der American Association for the Advancement of Science im Jahr 1972 vor. Ein halbes Jahrhundert später könnte die Frage lauten: „Kann eine Fledermaussuppe in Wuhan 16 000 Menschen in Italien töten?“ Natürlich muss die Ursache des Coronavirus noch ermittelt werden, aber seine rasche Ausbreitung erinnert uns daran, wie eng alles miteinander verbunden ist. Es überrascht nicht, dass die unmittelbaren Reaktionen sehr unterschiedlich ausfielen. Während westliche Städte einen Mangel an Toilettenpapier registrierten, registrierte Russland einen Mangel an Kondomen. Während der US-Präsident versuchte, exklusiven Zugang zu Medikamenten und medizinischer Versorgung zu erhalten, lieferte China Beatmungsgeräte nach New York, Untersuchungskits nach Palästina, Ärzte und medizinische Hilfsgüter nach Italien und Schutzmasken nach Griechenland. Während US-amerikanische Studenten Coronavirus-Partys in den Frühjahrsferien veranstalteten und fromme Iraner Schreine leckten und küssten, lieferten die ,,Invisible Hands“, eine Gruppe junger Freiwilliger, Lebensmittel an ältere Menschen in New York. In hundert Jahren werden Doktoranden der Geschichte endlos viele Möglichkeiten haben, Dissertationen darüber zu schreiben, wie die Pandemie die Welt verändert hat – vorausgesetzt, dass wertvolle Quellen (Tweets, YouTube-Videos, Blogs usw.) die Zeiten überdauern.

Historiker sind schlechte Propheten. Vergangene Erfahrungen regen zum Nachdenken an, aber sie sagen die Zukunft nicht voraus. Obwohl Vorhersagen in einer Welt, die sich schneller ändert als in jeder anderen Epoche der Geschichte, gefährlich sind, können zwei Beobachtungen gemacht werden: Die erste betrifft die Mängel des Föderalismus in einer Zeit der Krise, die zweite die Rolle der Wissenschaftler. Die meisten Staaten oder staatsähnlichen Formationen mit föderalen Strukturen oder solche mit starker regionaler Autonomie haben nicht schnell und effizient auf die Pandemie reagiert. Die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie, die Länder wie die Bundesrepublik Deutschland und die Vereinigten Staaten, aber auch kleine Staaten mit föderalen Strukturen wie Belgien, umgesetzt haben – und z. T. immer noch umsetzen, während diese Zeilen geschrieben werden –, sehen wie ein Flickenteppich aus. Die Tatsachen, dass der Gouverneur von New York drohte, den Nachbarstaat Rhode Island wegen seiner Politik, Autos mit New Yorker Nummernschildern anzuhalten, zu verklagen, dass sich Arkansas weigerte, alle nicht wesentlichen Geschäfte zu schließen, wie andere US-Bundestaaten es taten, dass nur 37 US-Bundesstaaten die Erweiterung von Medicaid angenommen haben, dass bis zum 21. März 2020 nur sechs der 16 Bundesländer (Bayern, Saarland, Rheinland-Pfalz, Hamburg, Niedersachsen und Hessen) eine partielle Schließung von Geschäften implementiert hatten, dass am 10. März 2020 die Region Brüssel alle Indoor-Events mit über 1000 Menschen verboten hatte, während die 53 Kilometer weiter nördlich gelegene Stadt Antwerpen sich weigerte, dies zu tun, all das sind nur einige Beispiele für den schockierenden Mangel an Koordination und für lokale Kurzsichtigkeit. Und viele weitere Beispiele könnten aus den USA, Italien und Spanien hinzugefügt werden. Sie spiegeln die naive Ansicht wider, dass sich eine lokale Gemeinde vom Rest des Landes, des Kontinents oder der Welt isolieren und einen separaten Weg bei der Bekämpfung eines Problems einschlagen kann, das nicht lokal ist.

Die Europäische Union bietet eines der sichtbarsten – aber kaum überraschenden – Beispiele für die Versäumnisse einer staatsähnlichen Einheit, koordinierte Maßnahmen zu ergreifen. Zugegeben ist die EU kein Bundesstaat; sie hat aber gemeinsame Grenzen, innerhalb derer sich die ,,europäischen Bürger“ frei bewegen können; sie hat ein Parlament; die Mitglieder der Eurozone haben dieselbe Währung, und für sie gelten strenge Haushaltsregeln. Das meiste, was die EU zu mehr als einer bloßen Wirtschaftsunion machte, ist außer Kraft gesetzt worden: Im Rahmen des Schengener Abkommens wurden die Grenzkontrollen wieder eingeführt. Die EU-Haushaltsregeln für Schulden sind auf Eis gelegt, das Europäische Parlament ist nirgendwo zu sehen. EU-Kritiker sind voreilig, die Brüsseler Bürokratie für etwaige Mängel der EU verantwortlich zu machen, aber man muss konstatieren: Die aktuelle Situation wurde durch die Weigerung der meisten Mitgliedstaaten zur Zusammenarbeit sowie durch die zunehmende nationale Kurzsichtigkeit verursacht. Werden Staaten mit föderalen Strukturen ihre Lehren daraus ziehen? Ich bin selbst europäischer Staatsbürger und der Idee einer funktionierenden Europäischen Union verpflichtet. Ich hoffe, dass die Länder der EU dies tun werden. Aber Hoffnungen sollten auf Indizien beruhen, und ich sehe keine.

Die zweite Beobachtung betrifft die plötzliche Bedeutung von Experten in öffentlichen Medien. Ob dies das Robert Koch-Institut in Deutschland oder die Johns-Hopkins-Universität in den USA, Dr. Fauci in Washington oder Professor Tsiodras in Athen, der Rat der Wirtschaftsexperten oder der Internationale Währungsfonds sind, es besteht ein unstillbarer Durst nach verlässlichen Informationen, insbesondere in Anbetracht der Menge pseudowissenschaftlicher Berichte, die die sozialen Medien überfluten. Ob man dem Rat eines Experten oder eines kurzsichtigen Politikers folgt, macht den Unterschied zwischen Leben und Tod. Im Falle des Klimawandels wird dieser Unterschied in Jahrzehnten zu sehen sein, im Fall des Coronavirus in Tagen. Die Pandemie hat Wissenschaftlern und Intellektuellen – Gesundheitswissenschaftlern, Ökonomen, Soziologen, Psychologen, Historikern, Philosophen, Juristen – ein Forum geboten, von dem sie nur träumen konnten, und die Möglichkeit, für ihre Disziplinen den öffentlichen Einfluss zu beanspruchen, den sie verdienen. Es bleibt abzuwarten, ob sie dieses Forum nach Beendigung der Krise weiterhin besetzen werden.

Es bleibt auch abzuwarten, ob die Welt aus dieser Pandemie die wichtigste Lektion lernen wird, die die Zukunft der globalisierten Welt betrifft: Es gibt keine lokalen Lösungen für globale Probleme, ob es sich um eine vorübergehende Pandemie handelt, das endemische Problem der Weltarmut und der Nahrungsmittelknappheit oder die kontinuierlich wachsenden, langfristigen Herausforderungen des Klimawandels. Die zwischenstaatlichen Organisationen, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO), die UNESCO und die anderen UN-Organisationen, zu achten und zu stärken, anstatt sie zu untergraben, wäre ein guter Anfang.

 

Zum Autor

Nach Stationen an der New York University, der Universität Heidelberg und der Universität Oxford hat der Althistoriker Angelos Chaniotis seit 2010 eine Professur am Institute for Advanced Study in Princeton inne. Chaniotis gilt international als einer der Vordenker zur Alten Geschichte. Der Grieche hat sich insbesondere auf die hellenistische Geschichte und die griechische Epigraphik spezialisiert. Chaniotis wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Phönix-Orden der griechischen Republik, dem Forschungspreis des Landes Baden-Württemberg und dem mit 250.000 Euro dotierten Anneliese-Maier-Forschungspreis der Alexander von Humboldt Stiftung. Bei der wbg erschien von ihm zuletzt »Die Öffnung der Welt. Eine Globalgeschichte des Hellenismus«.

Das englische Original dieses Artikels wurde am 7. April 2020 auf der Webseite des Institute for Advanced Study veröffentlicht: https://www.ias.edu/ideas/chaniotis-global-problems; übersetzt vom Autor.

 

Zum Buch: Die Öffnung der Welt

Eine Globalgeschichte des Hellenismus

Angelos Chaniotis erzählt die spannende Geschichte der Griechen in einem wahrhaft kosmopolitischen Zeitalter. Von Alexander dem Großen (334 v. Chr.) bis zu dem römischen Kaiser Hadrian (138 n. Chr.) spannt er den Bogen und etabliert damit eine neue Epochengrenze, die den Hellenismus über Kleopatras Tod hinaus deutlich länger in das Römische Reich hinein fortschreibt.

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