»Die Menschen haben verstanden, dass Bücher Lebensmittel sind.«

Karin Schmidt-Friderichs, Verlegerin und Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, im Gespräch mit der wbg.

Tom Erben: Liebe Frau Schmidt-Friderichs, seit über einem Jahr führen Sie den Branchenverband der Verleger:innen und Buchhändler:innen in Deutschland. Wie geht es dem Buchhandel in diesen Zeiten?

Karin Schmidt-Friderichs: Der Buchhandel hat sich durch das Corona-Jahr 2020 tapfer geschlagen mit einem unglaublichen Einsatz aller handelnden Personen, gerade auch auf der Ziel geraden im Weihnachtsgeschäft im zweiten Lockdown. Insgesamt gelang das also weitaus besser als im Frühjahr 2020 befürchtet. In Summe blieb die Branche aber unter dem Vorjahr.

Tom Erben: Wie ist die Branche denn so gut durch diese Zeit gekommen?

Karin Schmidt-Friderichs: Die Menschen haben sich darauf besonnen, was der Wert von Büchern ist. Es begann mit Kinderbüchern und Büchern zur Kinderbeschäftigung, und es setzt sich fort mit Belletristik und dem Sachbuch. Diese Warengruppen haben besonders profitiert. Warum? Die Menschen haben verstanden, was ihnen Bücher wert sind – und dass Bücher Lebensmittel sind. Und sie haben verstanden, dass auch die Buchhandlung vor Ort online agieren kann: 1 Million Menschen haben 2020 zum ersten Mal online im Buchhandel bestellt! Das war sicherlich auch der sprichwörtlichen Not geschuldet, aber die überwiegende Mehrheit der Leser:innen schildert es am Ende als positive Erfahrung.

Tom Erben: Sehen Sie da eine Renaissance für das Sachbuch? Profitieren wir gar von einem Trend? Die wbg vergibt den ›WISSEN! Sachbuchpreis der wbg für Geisteswissenschaften‹, der Börsenverein zeichnet 2021 mit dem Deutschen Sachbuchpreis erstmals das ›Sachbuch des Jahres‹ aus.

Karin Schmidt-Friderichs: Je mehr in den sozialen Netzwerken Fake News – ein verharmlosendes Wort für Lüge –, konsumiert und verbreitet werden, und je mehr die Medien im Wettbewerb um Clicks der Effekthascherei hinterher laufen, umso wertvoller wird das sorgfältig lektorierte und mit Zeit und Sorgfalt gemachte Sachbuch. Von daher wundert mich diese Renaissance überhaupt nicht. Ich verrate Ihnen hier auch, dass ich so gar nicht dem Klischee der weiblichen »Belletristik-Verschlingerin « entspreche – ich persönlich hege eine große Begeisterung für das Sachbuch.

 

»Wenn man sich überlegt, wie sehr wir uns in diesen Zeiten nach Zusammenkommen und Gemeinschaft sehnen, dann ist der Vereins- Gedanke zeitgemäßer denn je.«

 

Tom Erben: Ist das auch Ihr persönlicher Antrieb als Verlegerin?

Karin Schmidt-Friderichs: Meine Motivation schließt sicherlich daran an: Mir macht es Spaß, an Büchern mitarbeiten zu dürfen, die zum Teil über 10 Jahre lieferbar sind, und die eben keinem Verfallsdatum unterliegen. Wenn diese Bücher auf den – hoffentlich bald wieder auch physischen - Büchertischen liegen, und Studenten an den Hochschulen sich gegenseitig sagen: »Hey, dieses Buch ist gut, das brauchst du!« – dann verursacht dies bei mir letztlich noch immer mehr Herzklopfen als die puren Umsatzzahlen.

Tom Erben: Haben Sie einen Buchtipp aus Ihrem Verlagsprogramm für unsere Mitglieder?

Karin Schmidt-Friderichs: Wir haben im letzten Jahr mitten im Lockdown ein Buch ausgeliefert, das gar nicht für Corona gedacht war, das sich aber als sehr coronatauglich erwiesen hat: es heißt ›Unfog Your Mind‹ – Entnebele deinen Geist! Es ist ein Buch von einem jungen, unheimlich positiven und energiegeladenen Autor, Leander Greitemann, der frech und mitreißend unser Hirn durchpustet. Denn die meisten Dinge, die uns den Alltag vernebeln, vermiesen oder vermasseln, existieren nur in unseren Köpfen. Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist, sondern wie wir sind. Diese Botschaft passte offenbar so gut in die Zeit, dass wir im Herbst die zweite Auflage drucken konnten.

Tom Erben: Als Vereine sind wir ja quasi Kolleg:innen: der Börsenverein als Branchenvertretung, die wbg als die größte Wissenscommunity Deutschlands. Ist das Modell ›Verein‹ heute noch – oder wieder – zeitgemäß?

Karin Schmidt-Friderichs: Egal in welcher Form man zusammenarbeitet und ob das Wort ›Verein‹ antiquiert wirken mag – wenn man sich überlegt, wie sehr wir uns in diesen Zeiten nach Zusammenkommen und Gemeinschaft sehnen – dann beantwortet sich die Frage von selbst: der Mensch ist ein Gemeinschaftstier. Bei der wbg motiviert das gemeinsame Interesse an Themen, beim Börsenverein ist es die herausragende Leistung, seit fast 200 Jahren die drei Sparten – Verlage, Buchhandlungen und Logistik – zusammen zu organisieren. Diese Verbundenheit herzustellen, ist eine große Aufgabe - aber auch ein großer Erfolg.

Foto: © feinkorn, Gaby Gerster

 

Zum Schwerpunkt »Was ist Kultur?«

 

Zu den Beteiligten

Die Verlegerin Karin Schmidt-Friderichs ist seit Oktober 2019 Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Von der Architektur kommend, wechselte sie ins Verlagswesen und verantwortet seit 26 Jahren das Marketing und, gemeinsam mit ihrem Mann Bertram, das Programm des renommierten Verlags Hermann Schmidt Mainz. Im Bereich Marke, Typografie und Design ist der Verlag nicht nur bei Kreativen tonangebend.

Tom Erben ist Director Community Relations der wbg.

 

Tags: wbg, Beitrag
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