Eine neue Philosophie der Aufklärung: Die Vision der preisgekrönten Denkerin Corine Pelluchon

wbg: Frau Pelluchon, wenn Sie von der Notwendigkeit einer neuen Aufklärung im Zeitalter des Lebendigen sprechen, beziehen Sie sich auf die Werte und Ideen der ersten Aufklärung. Welche Bedeutung hat diese für unsere heutige Gesellschaft? Welche ihrer Ideen und Werte haben noch Bestand, welche sollten wir modifizieren oder sogar ablehnen?

Corine Pelluchon: Die Ablehnung des Fatalismus und der Unterwerfung unter Traditionen sowie die Idee, dass die Menschheit ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und die Gesellschaft auf Grundlage der gleichen Würde jedes Menschen organisieren kann, sind immer noch bedeutende Ideale der Aufklärung. Autonomie, Demokratie und Bejahung der Einheit der Menschheit sind Prinzipien, die wir verteidigen sollten.

Unter den heutigen ökologischen und technologischen Bedingungen reichen diese Ideale jedoch nicht mehr aus. Sie können nur bestehen, wenn man radikal Kritik an den anthropozentrischen Voraussetzungen der ersten Aufklärung übt. Indem wir den zugrunde liegenden Natur-Kultur-Dualismus, der zur radikalen Trennung des Menschen von den anderen Lebewesen geführt hat, ausrotten, können wir die Vernunft retten und aus der Beherrschung der anderen Wesen, der Natur und uns selbst ausbrechen. Emanzipation bedeutet, das Herrschaftsschema unserer Gesellschaft, das unsere technologischen und wirtschaftlichen Orientierungen sowie unser Verhalten diktiert, zu identifizieren und durch eine andere Beziehung zur Welt zu ersetzen. Wir können dann eine neue Aufklärung fördern, die radikal ökologisch ist und zu einem nachhaltigeren und gerechteren Entwicklungsmodell führt.

wbg: In Ihrem Buch beziehen Sie sich stark auf die europäische Aufklärung, wie sie sich insbesondere in Deutschland und durch Kant entwickelt hat. Und auch persönlich sind Sie, nicht zuletzt durch Ihre Arbeit bei The New Institute in Hamburg, Deutschland sehr verbunden. Worin sehen Sie die zentralen Aufgaben der Europäischen Union, deren Politik Frankreich und Deutschland maßgeblich prägen?

Corine Pelluchon: Der ökologische Wandel, der von uns verlangt, die Erde anders zu bewohnen und die Ressourcen miteinander zu teilen, erfordert ein grundsätzliches Überdenken unserer Vorstellungen und Lebensweisen sowie eine Neuausrichtung unserer Wirtschaft. Indem wir diesen Übergang zu einem neuen Projekt machen, geben wir Europa einen Inhalt und machen es begehrenswert.

Für mich liegt die heutige Stärke Deutschlands auch in seinem Sinn für Tragik. Demokratie und Frieden können nur erhalten werden, wenn wir uns bewusst sind, dass der Hass auf die Vernunft und die Identitätspolitik zu Tragödien führen. Die neue Aufklärung, von der ich spreche, hat die Prüfung durch das Böse bestanden, ihr Rationalismus ist ein verletzter Rationalismus, kein arroganter. Aus diesem Grund ist eine gemeinschaftliche Arbeit notwendig, verbunden mit einem interdisziplinären Dialog und dem Respekt vor Unterschieden. Das ist es, was wir in The New Institute versuchen werden. Dabei gehen wir von denselben Prämissen aus: Das Wissen um die Dringlichkeit und Ernsthaftigkeit der Probleme muss uns zu einem konstruktiven Geist anspornen, um theoretische Vorschläge zu machen, aber auch Orientierungspunkte für die Praxis zu geben.

wbg: Betrachtet man die Entwicklungen im Bereich des Klimaschutzes, aber auch die Gefahren für die Demokratie in Europa, kann man leicht den Eindruck gewinnen, dass uns die Zeit davonläuft und die Politik viel zu langsam reagiert. Wie kann es der Einzelne schaffen, in dieser Situation nicht zu verzweifeln oder resigniert so weiterzumachen wie bisher?

Corine Pelluchon: Hoffnung ist nicht das gleiche wie Optimismus. Letzterer ist nur ein Ersatz, weil er weder Verzweiflung noch Tränen kennt, wie Georges Bernanos sagte. Hoffnung ist eine Methode. Jeder muss seinen Teil zum Wandel beitragen, indem er seinen Lebensstil ändert, Panik vermeidet, sich gegen Hassreden wendet und kluge politische Koalitionen fördert. Nur dann gelingt es, unser Entwicklungsmodell so umzugestalten, dass es nachhaltiger und gerechter für Menschen und Nichtmenschen ist. Es handelt sich dabei um eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, die den Mut und den guten Willen jedes Einzelnen und der Politiker gleichermaßen erfordert.

 

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Zu den Beteiligten

Corine Pelluchon, Professorin für Philosophie an der Université Gustave Eiffel (Marne La Vallée) und Mitglied des Hannah Arendt Interdisciplinary Laboratory for Political Studies ist seit Herbst 2021 Fellow bei The New Institute in Hamburg. Ihr Schwerpunkt liegt auf Moralphilosophie, politischer Philosophie und angewandter Ethik (Medizin, Umwelt und Tierethik). Prof. Dr. Pelluchon ist Trägerin des Günther-Anders-Preises für kritisches Denken 2020.

 

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