»Ich schrie, als die SS uns die Treppe runterschleppte« – Corrado Pirzio-Biroli über das Schicksal seiner Familie im Dritten Reich

wbg: Lieber Corrado Pirzio-Biroli, Sie waren vier Jahre alt, als Sie und Ihr jüngerer Bruder durch die Gestapo gewaltsam von Ihrer Mutter getrennt wurden. Sie werden sich daran vermutlich nicht mehr erinnern können. Aber wann haben Sie erfahren, dass Ihr Großvater, Ulrich von Hassell, hingerichtet worden ist, dass Ihre Mutter als Angehörige des Widerstands in verschiedenen Lagern in Haft war, kurz: Wann habe Sie begriffen, dass Ihre Familie zu den Regimefeinden zählte, zum deutschen Widerstand?

Corrado Pirzio-Biroli: Ganz im Gegenteil: Ich kann mich sehr gut an den Moment erinnern, als wir Brüder ohne Vorwarnung von zwei SS Sozialfürsorgerinnen von meiner Mutter entführt wurden. Sie täuschten uns mit dem Versprechen, dass es sich nur um einen Spaziergang handelte. Aber ich verstand genug, dass dies eine Lüge war, um Aufsehen zu vermeiden. Deswegen schrie ich, als die SS uns die Hoteltreppe hinunterschleppte. Mein Geschreie muss laut genug gewesen sein, so dass es dem Concierge des Innsbruck Hotels in Erinnerung blieb und er meiner Tante Almuth, die nach dem Krieg in Innsbruck nach uns suchte, berichten konnte: Er hätte gehört, dass die SS uns in einem nahgelegenen Kinderheim unterbringen wollten.

 

wbg: Väterlicherseits stammen Sie, lieber Herr Pirzio-Biroli, von einer adligen Familie mit militärischer Tradition ab; Ihr Vater, Detalmo, schloss sich dem italienischen Widerstand, der Resistenza an. Widerstand wurde Ihnen geradezu ins Blut gelegt. Was bedeutet Ihnen diese Tradition?

Corrado Pirzio-Biroli: Nicht nur mein Vater, sondern auch sein Bruder, sein Vetter und andere Nachbarn waren in der Resistenza. Bald ging aber mein Vater nach Rom, wo er der antifaschistischen Opposition beitrat und am Ende des Krieges Kabinettchef in der Präsidentschaft der ersten zwei demokratischen Regierungen wurde. Von Anfang an war ich eine eher kritische Person und habe in meinem Leben oft unerwartete Stellungen eingenommen und Ratschläge gegeben. Das entspricht auch meinem Namen, den ich übrigens auch meiner Großmutter zu verdanken habe. Denn sie war es, die meinen unentschiedenen Eltern zusprach, mich Corrado zu nennen; nach Konradin von Schwaben, dem letzten Hohenstaufen-Kaiser, der auch der letzte Herrscher war, der versucht hatte, Italien und Deutschland friedlich zu einigen. Künrad ist ein deutscher Name, der eben besonders gut für Personen passt, die bereit sind, ›kühne‹ Ratschläge zu geben.

 

»Meine Mutter spürte, dass mein Vater ihre Erfahrung als Sippenhäftling nicht mitgemacht hatte und sie deswegen kaum verstehen konnte.«

 

wbg: Catherine Bailey hat nun gerade ein Buch über die Geschicke Ihrer Familie in der Nazi-Zeit geschrieben, dass in Großbritannien bereits ein Bestseller ist. Wie fühlt es sich an, wenn über einen selbst geschrieben wird? Sind Sie mit dem Buch zufrieden?

Corrado Pirzio-Biroli: Ich bin mit dem Buch von Catherine sehr zufrieden und habe auch in Brazzà, in Brüssel und London stundenlang mit ihr über Geschichtsereignisse, Familien- und auch persönliche Erinnerungen diskutiert. In dieser Zeit habe ich selbst eine Biographie über meine Großeltern und Eltern geschrieben, die bald auf Französisch und – hoffentlich – auch auf Deutsch erscheinen wird.

 

wbg: Nachdem Sie und Ihr Bruder im Herbst 1944 von Ihrer Mutter getrennt wurden: Wie konnten Ihre Eltern Sie nach Kriegsende wiederfinden?

Corrado Pirzio-Biroli: Das war, so glaube ich, anfangs nicht leicht, denn meine Mutter spürte, dass mein Vater ihre Erfahrung als Sippenhäftling nicht mitgemacht hatte und sie deswegen kaum verstehen konnte. Außerdem hatte er bis ganz zuletzt nicht gewusst, dass wir Kinder gar nicht bei unserer Mutter, sondern spurlos verschwunden waren. Das erfuhr er erst, als er meine Mutter auf Capri abholte. Er hatte also weniger gelitten als sie. Aber obwohl meine Mutter jahrelang manchmal etwas angespannt blieb – sie hatte ja sehr viel mitgemacht –, haben meine Eltern doch gut wieder zusammenfinden können und ein angenehmes und interessantes Leben gehabt – bis in ihre neunziger Jahre. Dafür können wir ihnen nur dankbar sein. Für mich bleibt aber Großmutter Ilse die einflussreichste Person meiner Kindheit.

 

Zur Leseprobe von »Bis wir uns wiedersehen« →

 

Zu den Beteiligten

Corrado Pirzio-Biroli ist der ältere der beiden geraubten Söhne in Catherine Baileys Buch »Bis wir uns wiedersehen«. Geboren 1940, ist der studierte Nationalökonom heute EU-Spitzenbeamter der Europäischen Kommission und derzeitiger Präsident der European Landowners Organization (ELO) sowie Chief Executive Officer der Rural Investment Support for Europe Foundation. Gerade arbeitet er am Manuskript zu einer Biographie seiner Großeltern Ulrich und Ilse von Hassell.

Daniel Zimmermann lebt in Mainz und ist Programmmanager im wbg-Lektorat Geschichte. Dort ist er zuständig für die Programme wbg Theiss, wbg Edition, wbg Academic und wbg Zabern.

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