Wie Organisationen moralisch handeln können - Ein Gespräch mit Lisa Herzog

wbg: Liebe Frau Prof. Herzog, Sie fassen unter dem Begriff der Organisation ganz Unterschiedliches zusammen: bürokratische Institutionen, Krankenhäuser, aber auch große Tech-Unternehmen. Was ist ihnen gemeinsam?

Lisa Herzog: Diese Organisationen teilen eine Reihe von Eigenschaften: Es gibt in ihnen verschiedene Regeln und berufliche Rollen, außerdem werden verschiedene Wissensformen zusammengebracht und sie haben ihre je spezifischen Organisationskulturen. Das einzelne Individuum funktioniert dort als das sprichwörtliche „Rädchen im System.“ Das wirft Fragen auf: Was bedeutet es, dabei ethisch zu handeln? Und wie können Organisationen so gestaltet werden, dass zumindest minimale ethische Standards eingehalten werden? Diese Fragen der „Meso-Ebene“, die zwischen politischer Philosophie und Moralphilosophie angesiedelt ist, wurden in der philosophischen Debatte bislang recht wenig beachtet. Sie zeigen sich in vielen Organisationen auf ähnliche Weise und ich möchte das Handwerkszeug anbieten, um sich ihnen zu stellen. Es geht sowohl um die Frage, was man selbst tun kann, als auch um eine Gestaltung von Organisationsstrukturen, durch die ethisches Versagen am ehesten verhindert wird.

wbg: Wie müsste eine solche Organisation denn beschaffen sein, in der die Einzelnen ihrer moralischen Verantwortung nachkommen können und nicht frustriert werden?

Lisa Herzog: Viele Probleme und viel Frustration entstehen durch Hierarchien, in denen diejenigen, die weiter oben stehen und Macht über andere haben, zu wenig über die Arbeit wissen, die „on the ground“ erledigt wird. Die Beschäftigten haben oft zu wenig Möglichkeiten, sich in Entscheidungsprozesse einzubringen oder auch moralische Fragen zu stellen – z.B. dazu, wie die eigene Organisation klimafreundlicher werden kann. Mehr Partizipation und demokratischere Strukturen sind meines Erachtens entscheidend dafür, die ethischen Dimensionen in Organisationen zu stärken. Außerdem benötigen sie gute Kommunikationsstrukturen und die Bereitschaft, eigene Strukturen und Praktiken zu reflektieren.

wbg: „Das System zurückerobern“ ist der kämpferische Titel Ihres Buches. Wie können wir als Verbraucher*innen, Aktionär*innen und Angestellte dazu beitragen, dass sich Organisationen moralisch verantwortungsvoll verhalten?

Lisa Herzog: Jede und jeder von uns hat Spielräume, und wenn wir diese alle nutzen würden, kämen wir vermutlich ein gehöriges Stück weiter! Es ist sehr leicht, sich selbst zu sagen, dass man an den ethischen Problemen, die man tagtäglich sieht, ja doch nichts ändern könne. Aber wenn wir alle das denken, wird es zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Anstatt sich von den vielen Problemen, die man sieht, überwältigen zu lassen, kann man sich ein oder zwei Felder suchen, auf denen man aktiv wird, und sich dann ein paar Verbündete suchen. Es sind oft kleine Gruppen, die den Anstoß zu Veränderungen geben – und die dann vielleicht feststellen, dass viele andere ihr Anliegen unterstützen, obwohl sie sich bisher nicht getraut hatten, offen etwas zu sagen. Aber sich zu engagieren verlangt oft eine gewisse Hartnäckigkeit und auch Geduld, vor allem, wenn man auf Widerstände stößt. Ausdauer ist eine Tugend, die meines Erachtens oft unterschätzt wird!

 

Zum Buch »Das System zurückerobern«

 

Lisa Herzog lehrte Political Philosophy and Theory an der Hochschule für Politik München und ist seit 2019 Professorin an der Philosophischen Fakultät und dem Center for Philosophy, Politics and Economics der Universität Groningen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind die Ideengeschichte des politischen und wirtschaftlichen Denkens, die normative Bewertung von (Finanz-)Märkten sowie Fragen der Ethik in Organisationen. Von 2007-2011 war sie Rhodes Scholar an der University of Oxford und wurde 2019 mit dem Tractatus-Preis sowie dem Deutschen Preis für Philosophie und Sozialethik ausgezeichnet.

 

 

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