Zum Tod von Hans Küng am 6. April 2021: Weltkirche und Weltgesellschaft den Spiegel vorgehalten

von Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel
Foto: © Erich Sommer, Stiftung Weltethos

Es erfüllt mich mit Trauer, von einem Menschen endgültig Abschied nehmen zu müssen, mit dem ich gut 50 Jahre einen gemeinsamen Weg gegangen bin. Hans Küng war mein Lehrer von dem Jahr an, als ich 1970 zum Studium nach Tübingen wechselte, nicht zuletzt seinetwegen, der damals schon einen exzellenten Ruf als katholischer Reformtheologe besaß. Dialog mit der protestantischen und säkularen Welt war damals das vom Konzil ausgelöste Zauberwort, und Hans Küng zeigte uns, wie das geht und welche Konsequenzen das für ein katholisches Kirchenverständnis hat, das immer noch mittelalterlich und antiprotestantisch geprägt ist. Unter seiner Leitung wurde Theologie wieder zu einem unerhört spannenden intellektuellen Unternehmen, zu einem Laboratorium des Geistes, in dem man Neues zu denken wagte – als Hüter nicht der Asche der Vergangenheit, sondern des Feuers der Zukunft. Eine in Lehre und Leben erneuerte Kirche schien uns in einer säkular-pluralistischen Gesellschaft ganz anders glaubwürdig dazustehen. Davon waren wir mit Hans Küng überzeugt. Waren wir zu naiv? War diese Gesellschaft überhaupt durch innerkirchliche Reformen zu beeindrucken? Oder ging die „Glaubenskrise“ tiefer, die „Gotteskrise“, wie manche sie nennen?

In vielen „Rollen“ habe ich ihn seither erlebt: als brillanten Redner, leidenschaftlichen Forscher, harten Arbeiter am Schreibtisch, Widerstandskämpfer, unbeeindruckt von hohen Hierarchen, Streiter für ein gemeinsames Christsein mit Protestanten und Orthodoxen, aber auch als einen charismatischen Priester bei Eucharistiefeiern, als vielsprachigen Kommunikator bei internationalen Konferenzen, erfolgreichen Publizisten und zupackenden Organisator. In den letzten Jahren dann das Kontrastbild: Hans Küng als kranker Mensch, der die schleichende Reduktion seines Körpers tapfer erträgt, mehr und mehr auf Pflege und Fürsorge angewiesen.

Ein Kirchen- und Papstkritiker ist tot: die Reduktion auf dieses Klischee ist jetzt wieder wohlfeil. Billiger kann man es sich mit einem Werk nicht machen, das über gut 60 Jahre gewachsen ist und am Ende 2020 in der Gesamtausgabe 24 Bände umfasst. Was sie für die Geschichte der Theologie im 20. Jahrhundert bedeutet, ist noch gar nicht abzuschätzen. Die vergleichende Rezeption, gar eine Auswertung der einzelnen Schriften hat noch gar nicht begonnen. Überraschende Entdeckungen wären zu machen, wenn man genau hinschaut, wie Küng beispielsweise die indische, islamische und europäische Philosophie rezipiert, die Paradigmenwechsel in Judentum, Islam und Christentum analysiert oder die Musik von Mozart, Bruckner und Wagner und das Werk von Thomas Mann interpretiert.

„Ecclesia semper reformanda“: Küng hatte nie Hemmungen, sich an diesem Leitspruch der Reformation zu orientieren und bis zuletzt für eine Erneuerung der Kirche zu arbeiten, bis die Parkinson-Erkrankung ihm buchstäblich die „Feder aus den Hand“ nahm. „Ist die Kirche noch zu retten“ hatte er noch 2011 mit einem doppeldeutigen Titel gefragt angesichts des damals schon aufgebrochenen „Missbrauchsskandals“ in seiner Kirche. Und er hatte geantwortet: Ja, trotz allem, wenn in der Kirche nach der ursprünglichen Botschaft Jesu gelebt wird. Dann würde Kirche vielleicht wieder als Gewissen der Nation ernstgenommen, als prophetische Stimme gehört wider moralische Verfallserscheinungen und damit als eine Instanz der Orientierung an Werten ohne Verfallsdatum. So gesehen versteht man die doppelte Stoßrichtung von Küngs Gesamtwerk: Es hält Kirche und Gesellschaft gleichermaßen kritisch den Spiegel vor.

In diesem Spiegel würde die katholische Kirche erkennen, so glaubte er, dass sie Traditionsbestände loslassen könnte, dann, wenn sie weder evangeliums- noch zeitgemäß sind. Dieses Doppelkriterium ist der Schlüssel zu Küngs Theologie und zu seinen weitreichenden Reformforderungen. Und es ist nicht einer Verfallenheit an den „Zeitgeist“ geschuldet, wie Verächter seiner Art von Theologie ihm vorzuhalten pflegen, sondern der konsequenten Inanspruchnahme der „Freiheit eines Christenmenschen“. Für Küng ist anders als für andere die Identität des Christlichen nicht identisch mit dem geschichtlich gewachsenen Protestantismus und Katholizismus.

Und weil das so ist, fand er beispielsweise, dass der biblisch gut begründete Petrusdienst für die Kirche nicht mit zwei Papstdogmen ausgestattet sein sollte (Primat und Unfehlbarkeit), weil dies das katholische Lehramt weitgehend reformunfähig macht. Für seine entsprechende Anfrage an diese Dogmen hat seine Kirche ihn abgestraft. Das war nicht mehr „katholisch“. Küng fand auch, dass der Zwangszölibat für Kleriker schriftwidrig und zugleich mitverantwortlich ist für die dramatische Personalkrise in unseren Gemeinden. Auch, dass das römische Ordinationsverbot für Frauen theologisch falsch ist und ungezählte engagierte Frauen (und Männer) der Kirche entfremdet hat. Und nicht zuletzt, dass der vom Konzil geforderte Ökumenismus von den Kirchenleitungen auf skandalöse Weise nur halbherzig betrieben wird. Das Reformationsgedenken 2017 war für Lippenbekenntnisse genutzt worden, entscheidende Taten blieben aus: Nach wie vor keine Anerkennung der protestantischen Ämter und Abendmahlsfeiern, keine Ausbildung der Theologenschaft in ökumenischen Fakultäten, keine Einführung eines ökumenischen Religionsunterrichts an staatlichen Schulen. Über Jahre Verschleppungs- und Vertröstungsmanöver mit ansehen zu müssen, trieb Hans Küng oft zur Verzweiflung. Als Insider war er präzise informiert, dass der jahrzehntelange ökumenische Forschungs- und Dialogprozess längst konsensfähige Resultate gebracht hatte, die eine Kirchenspaltung nicht länger rechtfertigten. Begriffen die Kirchenleitungen nicht, dass viele engagierte Christinnen und Christen entweder sich stillschweigend verabschiedet oder zu Selbsthilfe gegriffen hatten?

Doch mit dem ihm eigenen Charisma als Kommunikator und einem profunden wissenschaftlichen Werk im Rücken erreicht Küng auch die weitgehend säkulare, postkirchliche Gesellschaft. Er schaut ihr „aufs Maul“, ohne ihr „nach dem Mund“ zu reden. Kritisch auch hier. Schon Anfang der siebziger Jahre hatte er begriffen, dass bei allem Einsatz für die Ökumene das Christsein überhaupt infrage gestellt ist: durch historische Kritik an den Quellen, durch Religionskritik und Atheismus und durch den Pluralismus der großen Religionen. Diesen Herausforderungen konnte man in der Tat nicht mit einigen innerkirchlichen Reformen begegnen, sie gingen an die Substanz. Stichwort: Gotteskrise. Küng war sich der Brisanz dieser Entwicklung für das Überleben des religiösen Glaubens bewusst, ohne dass er die innerkirchliche Erneuerung gegen die Glaubenskrise auszuspielen gedachte.

In Aufnahme der Ergebnisse der historisch-kritischen Erforschung der neutestamentlichen Quellen beschrieb er historisch belastbare Grundzüge der Urbotschaft Jesu als Orientierung für heutiges Christsein („Christ sein“, 1974). In selbstkritischer Aufarbeitung der Religionskritik der Neuzeit legte er einen argumentativen Entwurf vor, der mit rational geprüften „guten Gründen“ ein Vertrauen in Gott verantwortbar sein lässt („Existiert Gott“, 1978). Im Gespräch insbesondere mit den Naturwissenschaften stellte er sich neueren Forschungen zu Mikro- und Makrokosmos und zwar so, dass der biblisch-koranische Glaube an den Schöpfer aller Dinge eine sinnvolle Option bleibt („Der Anfang der Dinge. Naturwissenschaft und Religion“, 2005). Herausgefordert von den großen Weltreligionen und ihrem mit dem Christentum konkurrierenden Wahrheitsanspruch versucht Küng, die Religionen asiatischen und nahöstlichen Ursprungs von innen heraus zu verstehen und zugleich Brücken für einen interreligiösen Dialog zu bauen („Christentum und Weltreligionen“, 1984).

Mehr noch: Gegenüber vielfach vertretenen Thesen, Religion würde im Verlauf von Modernisierungsprozessen absterben oder sich völlig privatisieren, nahm Küng den „Faktor Religion“ in vielen Teile dieser Erde ernst. Er hatte genug von der Welt gesehen, um nicht zu wissen, dass die Religionen für große Massen von Menschen nach wie vor eine prägende Rolle spielen. Ambivalent natürlich. Zwar nicht in West- und Nordeuropa, wohl aber in nahöstlichen, asiatischen und afrikanischen Ländern unter dem Einfluss des Islam, des Konfuzianismus und Buddhismus. Den Einfluss der Religionen politisch zu unterschätzen, wäre ein schwerer Fehler. Küng hat ihn nicht gemacht, zumal er erleben musste, dass die Dämonen eines religiösen Extremismus sich weltweit wieder erhoben hatten, ja sogar Terror und Kriege im Namen Gottes legitimieren. Küng intensiviert und motiviert daraufhin Forschungen zum Friedenspotenzial in den Religionen und zeigt, dass die Weltreligionen im Ethischen über große Gemeinsamkeiten verfügen. Er nennt das den Beitrag der Welt-Religionen zu einem Welt-Ethos und erkennt in einem solchen gemeinsamen Ethos die unverzichtbare Voraussetzung für einen Weltfrieden. Er hatte verstanden, dass eine globale Friedenspolitik nicht ohne und schon gar nicht gegen die Vertreter der Religionen Erfolg haben kann. Und dass diese Repräsentanten eine schwere Verantwortung für den Weltfrieden haben.

Mit diesem seinem Programmwort „Weltethos“ erreicht Küng eine vorher nicht gekannte internationale und interdisziplinäre Resonanz mit Wirkungen weit über Theologie und Religionswissenschaft hinaus bis in den Raum von Politik-, Sozial-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, aber auch den der operativen Politik. Als sich dann die Fratze eines gewissenlosen „Raubtierkapitalismus“ (H. Schmidt) erhebt, der das Weltfinanzsystem und mit ihm die gesamte Weltwirtschaft erschüttert, fordert Küng gemeinsame weltethische Standards gerade auch im Raum des globalen Wirtschaftens mit seinen computergesteuerten Weltbörsen und international vernetzten Kapitalmärkten. So unterstützt er mit Fachökonomen ein „Manifest Globales Wirtschaftsethos“ (2010) und legt im selben Jahr seine Programmschrift „Anständig wirtschaften. Warum Ökonomie Moral braucht“ vor. Küng glaubte daran, dass auch international handelnde wirtschaftliche Akteure ein Gewissen haben, dass der globale Markt ein globales Ethos braucht und dass „soziale Marktwirtschaft“ kein Ladenhüter von gestern ist.

1995 Präsident der neugegründeten „Stiftung Weltethos“ geworden, nutzt Küng sein mittlerweile erworbenes internationales Ansehen für regelmäßige kleine „Coups“. Seiner Einladung zu einer Weltethos-Rede an der Universität Tübingen folgen u.a. ein britischer Premierminister (Tony Blair), ein Generalsekretär der Vereinten Nationen (Kofi Anan), ein amtierender Bundespräsident (Horst Köhler), ein ehemaliger deutscher Bundeskanzler (Helmut Schmidt) und ein Bischof, der Rassenversöhner Desmond Tutu aus Südafrika. In Tübingen staunt man und kommt in Scharen. Für Menschen an der Basis jedes Mal ein Motivationsschub. Und in Zeiten, in denen die Trumps, die Putins und die Erdogans an der Macht sind und die Nationen wieder spalten, ist die Weltethos-Agenda alles andere als erledigt. Sie bleibt auch in Zukunft brisant. Ein Weltethos-Institut in Tübingen und vor allem die „Stiftung Weltethos“ wird Küngs Vermächtnis wachhalten und neuen Herausforderungen anpassen.

Mit seinen über 90 Jahren konnte Hans Küng auf ein reiches Leben zurückblicken. Als Christenmensch war er sich bewusst, wie viel an Gnade er in seinem Leben empfangen hat, und nahm dabei selbst den seinerzeit bitteren Konflikt mit Rom nicht aus. Persönliche Zeichen der Wertschätzung hat er von ungezählten Leserinnen und Lesern seiner Werke im In- und Ausland und auch vom jetzigen Papst erhalten, eine formelle Rehabilitation blieb aber aus. Eine Enttäuschung. Von einer „Versöhnung“ mit der Kirche im römischen Sinn kann keine Rede sein. Aber Hans Küng hat sein Werk vollenden, ja selbst den Abschluss seiner Gesamtausgabe noch erleben können, die von Stephan Schlensog professionell betreut wurde. Auch seinen 93. Geburtstag am 19. März hat er noch erlebt, immer schwerer gezeichnet von seiner Krankheit. Einsam gestorben ist er nicht. Bis zum Ende war er in seinem Haus umsorgt durch Pflegekräfte sowie frühere und aktuelle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Als auch die Augen immer mehr versagten, genoss er das Vorlesen durch Vertraute in seiner Umgebung. Aus einem Mittagsschlaf am 6. April ist er nicht mehr erwacht. Ein sanftes Sterben. Auch dafür wird er seinem Schöpfer dankbar sein. Und wir Nachgeborene sind dankbar für Werk und Wirken von Hans Küng. Seinesgleichen wird man lange nicht mehr sehen in Raum katholischer Theologie.

 

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Zum Autor

Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel, geb. 1948, Literaturwissenschaftler und Theologe, war Promovend, Habilitand und einer der engsten Mitarbeiter von Hans Küng am Lehrstuhl für ökumenische Theologie an der Universität Tübingen und Vizepräsident der 1995 von Küng gegründeten Stiftung Weltethos. Von 1995 bis 2013 hatte er die Professur für Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs an der Fakultät für Kath. Theologie in Tübingen inne. Sein Werk umfasst Forschungen und Publikationen zum Verhältnis von Religion und Literatur sowie zum interreligiösen Dialog. Zuletzt erschien: „Goethe und der Koran“.

 

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