»Der Sommer, als der Krieg nach Kozaruša kam.« Interview mit Mirsada Simchen-Kahrimanović und Daniel Zimmermann (wbg)

Daniel Zimmermann: Liebe Mirsada Simchen-Kahrimanović, wie würden Sie sich in knappster Weise vorstellen?

Mirsada Simchen-Kahrimanović: Ich bin Mirsada Simchen-Kahrimanović, und mein Name drückt meine Identität schon sehr gut aus: Zum einen trage ich meinen deutschen Namen Simchen. In Deutschland habe ich Zuflucht und auch meinen Lebensweg gefunden. Hier bin ich jetzt zuhause. Zum anderen trage ich meinen bosnischen Mädchenname Kahrimanović, weil ich in Bosnien in der Stadt Kozaruša im Jahr 1979 geboren bin. Ich trage mein Mädchenname mit sehr viel Stolz, weil ich meinen Vater und viele Mitbürger im Krieg verloren habe. Durch den Namen bleibe ich mit meinem Vater und mit meinem Heimatland verbunden. Als Friedensbotschafterin ist es mir sehr wichtig zu verdeutlichen, dass ich keine Nation, keine Religion vertrete, sondern mit meinem Buch nur zu Frieden, Demokratie, Bildung und Wohlstand in meinem Heimatland Bosnien-Herzegowina beitragen möchte - und darüber hinaus in ganz Europa.

Daniel Zimmermann: Der Bosnien-Krieg begann 1992, vor dreißig Jahren. In den allerersten Kriegstagen kam Ihr Vater ums Leben. Wie alt waren Sie damals?

 Mirsada Simchen-Kahrimanović: Im Mai 1992 war ich 13 Jahre alt. Es war kurz vor den Sommerferien. In diesen unbeschwerten Frühsommertagen spielte ich täglich stundenlang mit meinem Cousin Baja und mit meiner Schwester. Ich liebte es, auf unseren Kirschbaum bis in die höchsten Spitzen zu klettern. Meine Familie, meine Freunde und meine Nachbarn lebten in dieser Zeit in dem untergegangenen Vielvölkerstaat Jugoslawien, wo Muslime, Orthodoxe und Katholiken friedlich zusammengelebt haben. Ich war erst 13 Jahre alt, als mein Vater unser Dorf ganz ohne Waffen, nur mit bloßen Händen verteidigen wollte und am 01.06.1992 ermordet wurde. Damit wurde mir auf einen Schlag mein Urvertrauen genommen. Genauso, wie die Luft zum Atmen. Atmen heute kann ich nur durch Erinnerungen an ihn. Von heute auf morgen befanden wir uns inmitten von Granaten- und Munitionshagel.

In den Tagen des Krieges erlebte ich, wie Männer erschossen und Frauen vergewaltigt wurden. Man hat uns geschlagen, gedemütigt, hungern lassen und vertrieben. Mein Leben war auf einmal nur noch mit Angst und meine Umgebung mit Konzentrationslagern gefüllt. Damals mit meinen erst 13 Jahren endete meine Kindheit von einem Tag auf den anderen. Drei Jahre später, im Jahr 1995, wurde der zwar der Friedensvertrag für mein Heimatland erlassen, ich aber bin und bleibe ein Kriegsopfer bis an mein Lebensende.

Es hat mich viel Mut gekostet, meine persönliche Geschichte zu offenbaren, denn mit dem Schreiben wurden viele Erinnerungen wieder wach, alte Wunden wieder aufgerissen und alles Erlebte wird in den Gedanken und Emotionen nochmals durchlebt. Diesen Schritt bin ich trotzdem gegangen, weil nicht länger schweigen und tatenlos zusehen will, wie sich die politische Lage in meinem Heimatland heute wieder verschlechtert. Mein Volk leidet 30 Jahre nach dem Krieg noch immer an den Folgen des Krieges.

Daniel Zimmermann: 1992 war Deutschland noch im Rausch der Wiedervereinigung; am Ende der Jugoslawienkriege aber musste ausgerechnet die erste Bundesregierung mit grüner Beteiligung, musste ein grüner Außenminister 1999 Bundeswehr-Soldaten auf den Balkan schicken. Den Bosnien-Krieg aber beendete das Abkommen von Dayton 1995. Welche Lösung sah dieses Abkommen für Bosnien-Herzegowina vor?

Mirsada Simchen-Kahrimanović: Mit der Vereinbarung von Dayton wurde die Voraussetzung dafür geschaffen, dass die Menschen in Bosnien endlich eine realistische Chance auf Frieden hatten und der schreckliche Krieg zum Stillstand kommen konnte. Bosnien-Herzegowina sollte, so schrieb es das Abkommen vor, nicht geteilt, sondern als ganzes Land erhalten bleiben. Zwei Landeshälften wurden geschaffen, sogenannte „Entitäten“: die Föderation Bosnien und Herzegowina hauptsächlich bewohnt von muslimischen Bosniern und Kroaten, und die Serbenrepublik (Republika Srpska), hauptsächlich bewohnt von Serben. NATO und Russland hatten hier zusammengearbeitet, um diesen fragilen Frieden abzusichern. 1995 bezeichnete es unser damaliger Bundeskanzler Helmut Kohl als Partnerschaft zwischen der NATO und Russland. Er erwähnte in seinem Bundestagsbrief, dass dieses Zusammenwirken die zukünftige Ausgestaltung der europäischen Sicherheit einen wesentlichen Schritt voranbringen würde – heute in Zeiten des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine - sehen wir diese ‚Partnerschaft‘ in einem ganz anderen Licht.

Unmittelbar danach forderte die Bundesregierung den Wiederaufbau des Landes und betrieb die Rückkehr von Hunderttausenden von bosnischen Flüchtlingen voran. Diese sollten, nur fünf Jahre nach Ende dieses schrecklichen Kriegs, abgeschoben werden, was einer zweiten Traumatisierung bzw. einer Retraumatisierung gleich kam. Frauen, die im Krieg vergewaltigt wurden, wurden nicht mehr geduldet und ohne Rücksicht abgeschoben. Manche, die sich der Angst nicht stellen wollten, sind Zwangsheiraten eingegangen, damit sie eine Abschiebung abwenden konnten. Eine Zwangsheirat allerdings, kann sich ähnlich wie der Zwangsaufenthalt in einem KZ anfühlen.

Mein Zuhause liegt nach dem Dayton Abkommen in der Republika Srpska, und somit kehrten die wieder abgeschobenen Kriegsflüchtlinge, unter ihnen auch meine Schwester, zu den Menschen zurück, die uns vor kurzem noch vergewaltigt, misshandelt, weggesperrt und getötet haben.

Für mich ist dieses erzwungene Zusammenleben der Ethnien unter diesen Voraussetzungen - ohne Versöhnungsarbeit, ohne Anerkennung der Gräueltaten, ohne Aufarbeitung – ein großes, politisches Versuchsobjekt, welches heute zu scheitern droht. 

Der Krieg in Bosnien, der Genozid in Srebrenica, die Konzentrationslager – all das fand kaum Anerkennung. Die Menschen in meiner alten Heimat fühlen sich durch die Leugnung der Kriegsverbrechen gedemütigt. Ich habe selbst erlebt, wie ausgerechnet am 9. Januar 2022, am 30. Jahrestag der Gründung der Republika Srpska Kriegsverbrecher verherrlicht wurden. Dabei ist die Feier dieses Jahrestages eigentlich gar nichterlaubt, denn er bedeutet den Beginn des Bosnienkrieges. Es gibt wenig Bewusstsein dafür, wie demütigend dies für die Angehörigen der Opfer ist.

 

 Plakat mit dem verurteilten Kriegsverbrecher Ratko Mladić im Januar 2022 in Kozarska Dubica ( RS )

 

Daniel Zimmermann: Heute ist die Situation in dem unabhängigen Staat Bosnien-Herzegowina alles andere als befriedet. Der Hohe Repräsentant für B.-H., der Deutsche Christian Schmidt, kämpft verzweifelt für einen Zusammenhalt des multiethnischen Landes. Was sind heute die Hauptprobleme?

Mirsada Simchen-Kahrimanović: Aus dem damals beschlossenen Frieden wurde eben leider kein gelebter Frieden. Es gab keine Geschichtsaufarbeitung des Krieges, keine gesunde Politik, keine Versöhnungsarbeit zwischen den Ethnien.

Es gibt auch kaum Erinnerungskultur. Der entscheidende Beitrag muss von allen Konfliktparteien, vom Volk und der bosnischen Regierung kommen, damit es eine stabile Friedenssicherung und Wirtschaftswachstum geben kann. Dafür brauchen es einen Rechtssaat und eine demokratische Regierungsführung.

Eingefrorene Konflikte bleiben nicht ewig eingefroren. Und manche bemühen sich nach Kräften, wieder Öl ins Feuer gießen: Aktuell (genau genommen Dienstag, den 22. September 2022) trifft sich der bosnische Serbenführer Milorad Dodik – „Putins bester Mann auf dem Balkan“ - in Moskau mit dem Kreml-Chef. Dodik möchte sich bei Putin dafür einsetzen, dass der Verlängerung von Eufor Althea, der EU-Friedensmission in Bosnien-Herzegowina, zugestimmt wird. Milorad Dodik befürchtet nämlich, dass die EU-Mission sonst wieder durch eine Nato-Mission abgelöst werden könnte.

Das aktuelle Mandat von Eufor läuft am 3.November 2022 ab. Ihm muss alljährlich vom UN-Sicherheitsrat zugestimmt werden, in dem Russland ein Veto-Recht hat.

Valentin Inzko, der ehemalige Hohe Repräsentant für Bosnien-Herzegowina, ist mit viel Engagement für den Frieden in diesem Staat eingetreten, und sein Nachfolger, der Deutsche Christian Schmidt, wird ihm darin mit Sicherheit folgen. Meine große Bitte an Herrn Schmidt: bringen Sie die drei Völker Bosnien-Herzegowinas an einen Tisch, fördern Sie mit allen Kräften die Aussöhnung und stoppen Sie die Abwanderung junger Arbeitskräfte nach Westeuropa. Das Land benötigt eine nachhaltige Bildung für jungen Menschen, und es braucht Arbeitsplätze.

Daniel Zimmermann: Ihnen gelang 1992 zusammen mit Ihrer Mutter und Ihrer Schwester die Flucht nach Deutschland. Sind Sie nach dieser Flucht nochmals in Ihre verwüstete Heimat zurückgekehrt?

Mirsada Simchen-Kahrimanović: Erst 2015 kehrte ich zum ersten Mal in meine alte Heimat zurück. Davor hatte ich eine wahnsinnige Angst, die auch heute noch wegen der aufgeladenen politischen Situation völlig gerechtfertigt ist.

Heute sehe ich, wie ein serbischer Führer die Religionen, welche sich in den letzten 30 Jahren etwas angenähert haben und relativ friedlich miteinander leben, wieder gegeneinander aufhetzt und sich Teile des Landes zu eigen machen möchte. Genau so hat der Krieg vor 30 Jahre damals auch begonnen. Für mich ist das höchst alarmierend. Wollen wir ein zweites Mal einen blutigen Krieg zwischen den Religionen erleben?

Daniel Zimmermann: Liebe Frau Simchen-Kahrimanović, Sie sind Bosniakin, also bosnische Muslima. Sie und Ihre Familie haben schweres Leid erfahren durch andere Volksgruppen. Warum setzen Sie sich heute so sehr für Aussöhnung und Toleranz ein?

Mirsada Simchen-Kahrimanović: „Vergangenheit ist heute!“ Es ist wichtig, wenn Menschen, die in Konzentrationslagern unsäglich gelitten haben und auch heute noch an dieser Erinnerung leiden, ihre Erfahrungen an junge Menschen weitergeben, damit wir alle aus der Vergangenheit lernen. Wir müssen die Vergangenheit als Erinnerung bewahren, damit wir alles daransetzen, für die Zukunft eine friedlichere Welt zu gestalten. Als ich das Ausmaß der Katastrophe des Bürgerkriegs zu verstehen begann, als mir bewusstwurde, was das Erlebte in mir persönlich angerichtet hatte, da beschloss ich, über das, was uns widerfahren war, weder zu weinen noch deswegen zu hassen – sondern zu vergeben. Die Zukunft lag noch vor mir. All der Hass, den ich persönlich aufgrund meiner Identität als Bosnierin und als Muslima erlebt habe, ist mein Antrieb, die Wiederkehr einer solchen Situation zu verhindern.

Als Friedensbotschafterin und Zeitzeugin möchte ich jeden Konflikt und Krieg vermeiden, meine Vision kann nur umgesetzt werden, indem wir uns versöhnen und lernen, uns gegenseitig mit all unseren Unterschieden zu akzeptieren.

Wenn wir die universellen Menschenrechte nicht einhalten und achten, wenn das dadurch millionenfach und immer wieder entstehende persönliche Leid nicht verhindert, gesehen und aufgearbeitet werden kann, wird es keinen Frieden geben. Denn Frieden ist bekanntlich mehr als „die Abwesenheit des Krieges“, wie es der Militärhistoriker Carl von Clausewitz definierte. Es geht um einen konstruktiven, um positiven Frieden, wie ihn der Konfliktforscher Johan Galtung definiert hat. Das Zusammenwachsen der Völker in Europa verlangt den ehrlichen Blick in die Vergangenheit und die konstruktive Arbeit an der Zukunft.

Mein Anliegen ist es, den jungen Menschen die Werte von Freiheit und Selbstbestimmung zu vermitteln und so jeder Form von Extremismus vorzubeugen.

Daniel Zimmermann: Was wären, liebe Frau Simchen-Kahrimanović, Ihre Wünsche für Ihr früheres Heimatland Bosnien an uns Deutsche, an den Westen?

Mirsada Simchen-Kahrimanović: Wenn ich drei Wünsche frei hätte, dann wäre mein erster Wunsch:

Die EU soll Bosnien so schnell wie möglich und unbürokratisch in die EU aufnehmen. Ich bitte unsere Außenpolitikerin Annalena Baerbock um Beitrittsverhandlungen - am liebsten jetzt!

Mein zweiter Wunsch: Der Beitritt zu NATO. Daraus würde sich Sicherheit und Stabilität für das Land ergeben. Ich möchte auch darauf hinweisen, dass ein friedlicher Balkan auch ein friedliches Europa sichert – und Putin vom Balkan fernhält.

Und mein dritter, ganz persönlicher Wunsch: Baut mit mir Berufsschulen und gebt den jungen Menschen eine Zukunft!

Daniel Zimmermann: Liebe Mirsada, ich danke Dir ganz herzlich für dieses Gespräch! 

 

 

Über das Buch »Lauf, Mädchen, lauf!«

m Frühjahr 1992 spitzt sich die Lage in der zentraljugoslawischen Republik dramatisch zu. Bosnien-Herzegowina erklärt seine Unabhängigkeit von Jugoslawien. Als Antwort darauf beginnen serbische Einheiten sogenannte »ethnische Säuberungen« unter der bosniakischen Bevölkerung durchzuführen. Die Kriegsverbrechen und Gräueltaten steigern sich ins Unermessliche.

Gleich beim ersten Angriff auf ihr bosnisches Dorf wird Mirsada Simchen-Kahrimanovics Vater ermordet. Sie selbst wird mit Mutter und Schwester im Lager Trnopolje inhaftiert. Hier erlebt die 13-Jährige Terror und sexuellen Missbrauch der gefangenen Frauen durch serbische Soldaten.

In ihrer Autobiografie berichtet sie von diesem Kindheitstrauma und setzt ein Zeichen für Verständigung und Frieden.

Der verdrängte Krieg auf dem Balkan: Erinnerungsbuch macht menschliche Schicksale greifbar

»›Rennt, rennt‹, riefen uns die Soldaten von draußen in unser Versteck zu, während sie mit den Fäusten an die Fenster hämmerten. Wir rannten aus unserem Keller - direkt in die Hölle: das Konzentrationslager von Trnopolje.« Mirsada Simchen-Kahrimanovic gelingt schließlich die Flucht. In Deutschland baut sie sich erfolgreich ein neues Leben auf - und kann die Erinnerung an den geliebten Vater und den Krieg doch nicht abschütteln. Bis heute rennt sie: jeden Morgen zehn Kilometer.

»Lauf, Mädchen, lauf!« ist ihr sehr persönliches und emotionales Memoir. Eine Lebensgeschichte, die durch ihre Standhaftigkeit Mut macht, und ein Buch, das den vergessenen Krieg auf dem Balkan wieder in das öffentliche Bewusstsein rückt.

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Zu den Beteiligten

Mirsada Simchen-Kahrimanović wurde 1979 in Kozaruša bei Prijedor in Bosnien-Herzegowina geboren. Im Alter von 13 Jahren brach der Jugoslawienkrieg aus, ihr Vater wurde ermordet, und sie selbst kam in ein serbisches Gefangenenlager. Ihr gelang die Flucht nach Deutschland. Mit bewundernswertem, größtem Engagement tritt sie dafür ein, dass dieser Krieg wieder in das öffentliche Bewusstsein rückt.

 

 


Daniel Zimmermann lebt in Mainz und ist Programmmanager im wbg-Lektorat Geschichte. Dort ist er zuständig für die Programme wbg Theiss, wbg Edition, wbg Academic und wbg Zabern.

 

 

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