Gottes Sprache und das Paradox der Offenbarung

Ein Essay von Thomas Bauer

 

Der Frage nach dem Was und Wie der Sprache Gottes geht das Erstaunen darüber voraus, dass Gott überhaupt spricht, und dies in einer Weise, die Menschen zu verstehen glauben. Gott als das Transzendente, ganz Andere, von Menschen nie ganz erfassbar und verstehbar, offenbart sich den Menschen dennoch in irgendwie verständlicher Weise: Dieser Gedanke, der keineswegs auf die sogenannten Offenbarungsreligionen beschränkt ist, ist heute und war schon immer eine intellektuelle Herausforderung und ist doch offensichtlich im Menschen tief verwurzelt.

Theologen und Evolutionsbiologen haben gezeigt, dass ein Sinn für das, was man viel später »Religion« nennen sollte, in irgendeiner – und sei es noch so rudimentärer – Form zum Menschsein dazugehört. Nicht nur sollten Mensch und Religion sozusagen eine Koevolution durchleben, Religion hat vielmehr die menschliche Evolution, etwa durch Stärkung des Gemeinschaftssinnes (mit allen positiven, aber auch negativen Folgen), nachhaltig geprägt. Schließlich scheint auch der Übergang vom Jäger und Sammler zum Sesshaften durch Religion angestoßen worden zu sein, wie die ältesten bislang bekannten Monumentalbauten der Menschheit in Göbekli Tepe in Ostanatolien zeigen, deren Errichtung noch in die Zeit vor dem Beginn von Ackerbau und Viehzucht fällt und deren – auf welche Weise auch immer – religiöser Charakter kaum in Abrede zu stellen ist.

Doch mag auch Religion eine wichtige Rolle für die Evolution des Menschen gespielt haben, so heißt das doch nicht, dass es hierfür erforderlich war, den Menschen mit einem bestimmten Sinnesorgan auszustatten (ebenso wie er ja auch kein spezielles Sinnesorgan für den Umgang mit Parasiten hat, der für das Überleben der Menschheit sicherlich noch wichtiger ist). Stattdessen wurde mehr Energie für das Gehirn aufgewendet, dafür eine im Vergleich zu anderen Säugetieren eher dürftige Ausstattung des Gesichts-, Gehör- und Geruchssinns in Kauf genommen. Eine Katze hört und riecht um ein Vielfaches besser als wir. Zum Überleben benötigt der Mensch aber weder ihr Geruchs- und Hörvermögen noch die (auch Katzen nicht gegebene) Fähigkeit, Ultraschall zu hören oder Ultraviolett zu sehen.

Offensichtlich ist für religiöse Erkenntnis kein spezieller Sinn erforderlich. Sie kann auch mittels der vorhandenen Sinne erlangt und vertieft werden. Da sie sich aber von alltäglicher Information unterscheidet, wird zwangsläufig auch der Kanal, auf dem diese Information (etwa in Form von Offenbarung) übertragen wird, als auch die Art ihrer Rezeption und Verarbeitung von alltäglicher Kommunikation deutlich verschieden sein. Wie kann göttliche »Information« unter diesen Voraussetzungen überhaupt zu menschlicher werden? Wie verständlich, präzise und eindeutig kann sie sein, wenn sie schließlich bei den Menschen angelangt ist? Und ist es notwendigerweise ein Makel, wenn sie all dies nur in beschränktem Maße ist, oder kann dies auch gut und gottgewollt sein?

Thomas Bauer ist Professor für Islamwissenschaft und Arabistik an der Universität Münster. Er ist erster Preisträger des wbg-Wissen-Preises, der ihm 2019 für sein Buch »Warum es kein islamisches Mittelalter gab. Das Erbe der Antike und der Orient« zugesprochen wurde.

Wie stellen sich die drei monotheistischen Religionen ein Sprechen Gottes vor? Wie ist das Verhältnis zwischen der göttlichen Offenbarung und kanonischen Texten? Sind diese Texte selbst Offenbarung, und wie muss man sachgerecht mit ihnen umgehen? Welche Instanzen beanspruchen, die göttliche Offenbarung zu interpretieren und somit als Dolmetscher Gottes zu fungieren? Der Judaist Alfred Bodenheimer, der katholische Theologe Michael Seewald und der Islamwissenschaftler Thomas Bauer denken über die Kommunikation zwischen Gott und den Menschen nach. Jeder der drei Autoren setzt dabei seine eigenen Akzente – literaturwissenschaftlich, kulturgeschichtlich, theologisch –, so dass ein interreligiöses wie interdisziplinäres Kaleidoskop entsteht.

 

Über das Buch »Welche Sprache spricht Gott?«

Wie stellen sich die drei monotheistischen Religionen ein Sprechen Gottes vor? Wie ist das Verhältnis zwischen der göttlichen Offenbarung und kanonischen Texten? Sind diese Texte selbst Offenbarung, und wie muss man sachgerecht mit ihnen umgehen? Welche Instanzen beanspruchen aus welchen Gründen, die göttliche Offenbarung zu interpretieren und somit als Dolmetscher Gottes zu fungieren? Wie gehen wir mit sich wandelnden Textinterpretationen um? Ändert sich damit auch die Offenbarung? Und welche Sprache sprechen wir, wenn wir über Gott sprechen?

Der Judaist Alfred Bodenheimer, der katholische Theologe Michael Seewald und der Islamwissenschaftler Thomas Bauer denken über die Kommunikation zwischen Gott und den Menschen nach. Jeder der drei Autoren setzt dabei seine eigenen Akzente - literaturwissenschaftlich, kulturgeschichtlich, theologisch - so dass ein interreligiöses wie interdisziplinäres Kaleidoskop entsteht.

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Zu den Beteiligten

Thomas Bauer ist Professor für Islamwissenschaft und Arabistik an der Universität Münster, Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste und wurde mit dem Leibniz-Preis der DFG ausgezeichnet. Er ist außerdem Preisträger des Tractatus 2018 und erster Preisträger des wbg-Wissen-Preises, der ihm 2019 für sein Buch »Warum es kein islamisches Mittelalter gab. Das Erbe der Antike und der Orient« zugesprochen wurde.

 

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