Nationalsozialistischer Gewaltherrscher, faschistischer Diktator oder Unfall der deutschen Geschichte?

Ein Interview mit dem Hitler-Biografen Wolfgang Schieder

 

Daniel Zimmermann: Lieber Herr Schieder, 1955 begannen Sie in Freiburg, Geschichte zu studieren. Wann fingen Sie an, sich professionell mit dem Phänomen Adolf Hitlers zu beschäftigen?

Wolfgang Schieder: Meine professionelle Beschäftigung als Historiker mit Hitler begann in den siebziger Jahren. Das nationalsozialistische Regime Hitlers galt damals wegen seiner staatsterroristischen Verbrechen einerseits als historisch einzigartig. Andererseits wurde es als wesensgleich mit dem totalitären Regime Stalins in der Sowjetunion angesehen. Dieser offensichtliche Widerspruch irritierte mich, und ich begann nach einem historisch sinnvolleren Vergleich zu Hitlers Regime zu suchen. Dieser fand sich nach meiner Überzeugung im faschistischen Regime Mussolinis in Italien. Anders als Mussolini, dessen faschistisches Regime monarchisch gestützt blieb, konnte Hitler, wie der Vergleich zeigt, seine Herrschaft aber zu einem totalitären faschistischen Regime ausbauen, das in seiner Art tatsächlich einzigartig war.

Daniel Zimmermann: Nachdem die Person Hitler jahrzehntelang in alle Richtungen untersucht und ausgeleuchtet worden ist, ist mir persönlich bis heute der Mensch Adolf H. seltsam schemenhaft und undeutlich. Muss ich ihn mir als einen normalen oder getriebenen Menschen vorstellen? Glücklich, suchend oder als Ausnahme-Monster?

Wolfgang Schieder: Hitlers Biografie muss als sehr ungewöhnlich angesehen werden. Intellektuell eher mittelmäßig begabt, ohne jeden Schulabschluss und bei der Bewerbung an einer Kunstakademie gescheitert, gelang es ihm nach Jahren im Krieg in der Politik Karriere zu machen und als Diktator die alleinige politische Führung Deutschlands zu übernehmen. Als solcher hielt er sich zum "Führer" des deutschen Volkes berufen, eine angemaßte Rolle, die ihm desto mehr zu schaffen machte, je weniger er seine damit verbundenen Versprechungen halten konnte, ohne dass er sein Scheitern je eingeräumt hätte.

Der von ihm entfesselte Zweite Weltkrieg führte zu einer Katastrophe, die im Mord an Millionen von europäischen Juden ihren Tiefpunkt fand. Dass das möglich war, hing selbstverständlich nicht allein von Hitler ab, aber ohne ihn ist es auch nicht zu erklären.

Daniel Zimmermann: Sie sehen Hitler nicht in erster Linie als von Antisemitismus getriebenen Ideologen, sondern durchaus als strategischen Machtpolitiker, als ‚Faschistischen Diktator‘. Was meinen Sie damit?

Wolfgang Schieder: Hitler war durchaus durch die Ideologie eines rassenbiologischen Antisemitismus und eines imperialistischen Dranges nach Osten geprägt. Als praktischer Politiker orientierte er sich jedoch am faschistischen Vorbild von Benito Mussolini in Italien. Das bedeutete, dass er sich im Zuge seiner Machtübernahme auf das durchaus widersprüchliche, aber erfolgreiche Zusammengehen der revolutionären Massenbewegung des Nationalsozialismus mit dem nationalkonservativen Establishment der Weimarer Republik stützte.

Daniel Zimmermann: Sie gelten als einer der besten Spezialisten zur vergleichenden Geschichte Italiens und Deutschlands im faschistischen Zeitalter. Gerade wurde am 22. Oktober Giorgia Meloni italienische Ministerpräsidentin, die Vorsitzende der als postfaschistisch und rechtsextrem klassifizierten Partei Fratelli d’Italia. Was geht Ihnen dabei durch den Kopf?

Wolfgang Schieder: Die politischen Uhren in Italien schlagen ganz anders als in Deutschland. Die politischen Parteien haben keine feste organisatorische und ideologische Basis, sondern ändern sich ständig. Man spricht deshalb statt von Parteien eher von einer insgesamt von der Gesellschaft abgehobenen Kaste (casta). Zu dieser gehört auch Giorgia Meloni, gleichgültig welche politischen Ansichten sie einmal vertreten hat. Ihre Regierung wird daher nicht viel anders agieren als vorhergehende, wenn ihre Koalition überhaupt lange hält.

Daniel Zimmermann: Zu wenigen Figuren der Geschichte sind so viele Biographien geschrieben worden wie über Hitler. Darunter in jüngerer Zeit ungeheuer voluminöse Zweibänder wie die von Ian Kershaw oder Volker Ullrich. Was war, neben Ihrer besonderen Sicht auf die Gründe für den Erfolg des deutschen Diktators, Ihr Anliegen beim Schreiben dieser Biografie?

Wolfgang Schieder: Ich bin den umfangreichen, das Leben und die Politik Hitlers in allen Einzelheiten ausleuchtenden wissenschaftlichen Biographien Hitlers sehr verpflichtet. Ich stelle Hitler nur konsequent als faschistischen Diktator und seinen Aufstieg und seine Diktatur nicht durch eine feste Programmatik geprägt dar, sondern einer flexiblen Strategie folgend, die auch auf eine Reihe von Zufällen reagierte. Daneben war es mir durchaus wichtig, dass meine Biographie in ihrer Herangehensweise und in ihrem Umfang auch für Nicht-Spezialisten erhellend ist.

Daniel Zimmermann: Die deutsche Geschichte ist unendlich reichhaltig. Welche historischen Aspekte oder Epochen interessieren Sie persönlich ansonsten ganz besonders?

Wolfgang Schieder: Für Hitler interessiere ich mich aus der Verantwortung heraus, als Neuhistoriker zur Aufklärung über eine der düstersten Figuren der deutschen Geschichte beitragen zu müssen. Mein eigentliches wissenschaftliches Interesse gilt jedoch der Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts, besonders der Entstehung der modernen Arbeiterbewegung.

 

Über das Buch »Ein faschistischer Diktator«

Hitler und kein Ende – aber vielleicht war er doch anders, als wir ihn aus unzähligen Darstellungen kennen? Vielleicht war Hitler gar nicht so sehr der verbohrte Ideologe, dessen Gedanken vom Judenhass paralysiert waren? Tatsächlich handelte der Versager aus Österreich weit strategischer, und kopierte sein Vorbild Mussolini, der vom Sozialisten zum Faschisten mutierte, in entscheidenden Punkten. Wolfgang Schieder, der große Historiker des deutschen Nationalsozialismus und italienischen Faschismus, gewinnt dem Rätsel Hitler überraschend neue Akzente ab und zeigt, dass manche seiner Entscheidungen in einem anderen Licht zu sehen sind. Hitler muss als Extremausbildung des faschistischen Diktators gesehen werden. In seiner gewohnt luziden Klarheit und präzisen Argumentation gelingt ihm eine wohltuend knappe Biographie, getragen von der ganzen Erfahrung eines langen Forscherlebens und auf dem allerneusten Stand der Forschung. Eine Meisterleistung, an der in Zukunft keiner vorbeikommt.

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Zu den Beteiligten

Prof. Dr. Wolfgang Schieder hat in Trier und Köln von 1970 bis 2000 Neuere und Neueste Geschichte gelehrt. Schwerpunkte seines Schaffens sind die deutsche und europäische Sozialgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts und die Faschismusforschung, Wolfgang Schieder gilt als einer der Begründer des Faches Sozialgeschichte in Deutschland und hat maßgeblich Anteil am Aufbau der geisteswissenschaftlichen deutschen Auslandsinstitute (Max-Weber-Stiftung).

 

Daniel Zimmermann lebt in Mainz und ist Programmmanager im wbg-Lektorat Geschichte. Dort ist er zuständig für die Programme wbg Theiss, wbg Edition, wbg Academic und wbg Zabern.

 

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