Normandie 1944: Interview mit Klaus-Jürgen Bremm

In seinem neuen Buch »Normandie 1944« erzählt der Historiker und Publizist Klaus-Jürgen Bremm detailliert von »Operation Overlord« und den Monaten von der alliierten Landung in Frankreich zum Kriegsende in Europa. Im Interview mit wbg-Lektor Daniel Zimmermann beantwortet er vorab Fragen rund um die Kämpfe in Frankreich im zweiten Weltkrieg.

Daniel Zimmermann: Lieber Herr Bremm, im Frühsommer 1940 überrannte die deutsche Wehrmacht in nur sechs Wochen die Niederlande, Luxemburg, Belgien und Frankreich. Die militärische Aggressivität war seit dem Blitzsieg über Polen mehr als bekannt. Wie konnte es da zu diesem Desaster im Westen kommen?

Klaus-Jürgen Bremm: Zunächst einmal hatte die achtmonatige Phase des »Sitzkrieges« schon erheblich zur Demoralisierung der alliierten Truppen beigetragen. Als dann am 10. Mai 1940 die Deutschen endlich angriffen, wählten sie anders als 1914 den Weg durch die Ardennen und bildeten mit drei Panzerkorps jeweils Brückenköpfe an der Maas. Zehn Tage nach Beginn ihrer Offensive standen sie bereits an der Mündung der Somme und hatten damit die alliierten Armeen gespalten. Dieser Wucht und Schnelligkeit hatten die Franzosen mit ihrer statischen Militärdoktrin (Maginotlinie) kaum etwas entgegenzusetzen, während den Briten immerhin noch der geordnete Rückzug nach Dünkirchen glückte.

Daniel Zimmermann: Während die Alliierten die Deutschen ab 1942 in Nordafrika zurücktrieben, der Vormarsch im Osten 1942/43 bei Stalingrad gestoppt wurde und die Amerikaner 1943 in Italien landeten, dauerte es im Westen ganze vier Jahre, bis dort die alliierte Gegenoffensive startete. Woran lag es, dass dies so lange dauerte?

Klaus-Jürgen Bremm: Die beiden Alliierten verfolgten zunächst unterschiedliche strategische Ansätze. Während die Amerikaner schon im Sommer 1942 in Frankreich landen wollten, bevorzugten die Briten eine indirekte Strategie im Mittelmeerraum. Churchill und sein Stabschef Alan Brooke wollten erst den Kanal überqueren, wenn Hitlerdeutschland entscheidend geschwächt war. Roosevelt und seine Generale (Marschall und Eisenhower) mussten dazu gute Miene machen, weil der Aufbau ihres Landungskorps in Großbritannien wegen der deutschen U-Boote im Atlantik vorerst nur schleppend vorankam. Erst auf der Konferenz von Teheran, als Stalin sich im November 1943 offen auf die Seite der Amerikaner stellte, wurde der Termin für »Overlord« unwiderruflich auf den 1. Mai 1944 festgelegt.

Daniel Zimmermann: Lieber Herr Bremm, lassen Sie uns nochmals auf Frankreich zurückkommen, eine der führenden Nationen Europas. Befreit wurde das Land von Amerikanern und Briten. Welchen Anteil hatten französische Bemühungen daran überhaupt?

Klaus-Jürgen Bremm: Der Anteil der Franzosen ist erstaunlich gering. Man hätte eigentlich erwarten können, dass die Franzosen am 6. Juni 1944 wenigstens einen der fünf alliierten Landeköpfe erstürmen würden. Doch vor allem die Amerikaner misstrauten General de Gaulle und seinen Freien Franzosen. Außerdem fehlten dem General die Soldaten. Viele wehrfähige Männer in Frankreich standen noch loyal zum Vichy-Regime. Am Landungstag selbst kämpfte daher nur ein kleines Kommando »Kieffer« von 177 Mann um den Küstenort Ouistreham. Eine französische Panzerdivision landete erst Anfang August in der Normandie und durfte, allerdings erst auf massiven Druck de Gaulles, die Hauptstadt Paris befreien. Zwar waren schon seit 1943 an der Italienischen Front mehrere freifranzösische Divisionen im Einsatz, doch sie bestanden tatsächlich überwiegend aus Marokkanern und Senegalesen. Im Zuge der zweiten alliierten Landung (Operation Dragoon) gelang ihnen immerhin die rasche Eroberung von Marseilles und Toulon. Um diesen nachrangigen Platz der Franzosen bei der Befreiung ihres Landes zu überspielen, hat die »Grande Nation« noch lange die Rolle der Résistance gefeiert und dabei ihre militärische Bedeutung weit überzeichnet.

Daniel Zimmermann: Die Rückeroberung Frankreichs fiele den Alliierten nach der ersten kritischen Phase der Landung dann doch recht leicht. Wo lagen die größten Hindernisse, den deutschen Widerstand im Westen zu brechen?

Klaus-Jürgen Bremm: »Overlord« bestand aus drei Phasen. Dabei lief die erste Phase der Landung mit einer Ausnahme (Omaha) noch erstaunlich reibungslos ab. Dann aber ging es darum, den Brückenkopf gegen einen sich versteifenden Widerstand der Deutschen so zu erweitern, dass überlegene alliierte Kräfte für einen Durchbruch massiert werden konnten. Diese Phase nahm auch aufgrund des schwer zu überwindenden Heckengeländes im Westen der Normandie (Bocage) fast sieben Wochen in Anspruch. Als dann den Amerikanern am 25./26. Juli 1944 der Durchbruch bei Saint Lo gelang, ging alles sehr schnell. Kaum vier Wochen später stand General Patton an der Seine und Paris kapitulierte am 25. August. Erstaunlich war, dass den Amerikanern die größten Erfolge in der Normandie gelangen, während die übervorsichtigen Briten vier Wochen lang vor Caen festsaßen. Dabei hatte nach den Plänen Montgomerys die Hauptstadt des Calvados schon am ersten Landungstag erobert werden sollen.

Daniel Zimmermann: Was bedeutet die Operation Overlord für die Nachkriegsordnung?

Klaus-Jürgen Bremm: Die Frage ist nicht eindeutig zu beantworten. »Overlord« hat mit Sicherheit wenigstens die Hälfte Europas und auch die Hälfte der Deutschen vor Stalins Tyrannei gerettet. Ob mehr möglich gewesen wäre, wenn die Alliierten ihre Kräfte weiterhin in Italien massiert hätten und vielleicht sogar in Jugoslawien gelandet wären, muss Spekulation bleiben. Für Churchill war es gewiss eine bittere Pille, Länder wie Polen, Ungarn und die Tschechoslowakei hinter einem neuen eisernen Vorhang verschwinden zu sehen. Immerhin war Großbritannien doch 1939 auch für ein freies Polen in den Krieg eingetreten.

 

Über das Buch »Normandie 1944«

6. Juni 1944, im Morgengrauen: Mit einer beispiellosen Militärmaschinerie landen Amerikaner und Briten in der Normandie: 326.000 Mann, 104.000 Tonnen Material und 54.000 Fahrzeuge. Acht Monate später kapituliert das ›III. Reich‹. Doch bedeutete die Operation Overlord wirklich die Wende im II. Weltkrieg? Und warum gelang der Sturm auf Westeuropa erst so spät?

Klaus-Jürgen Bremm zeichnet das große Panorama des Weltkriegs im Westen: vom Vormarsch der Deutschen bis an den Atlantik und dem Aufbau der massiven Befestigungen des Atlantikwalls. Er beschreibt die ersten geheimen Pläne zu Landungsoperationen und die raffinierten alliierten Ablenkungsmanöver. Und dann den D-Day und die folgenden Operationen in Frankreich mit dem Vormarsch auf Paris, während die Sowjetunion die Heeresgruppe ›Mitte‹ zerschlägt. Es folgt der unaufhaltsame Siegeszug bis zum Rhein - gewohnt dichte Kriegsgeschichte von einem der besten Militärhistoriker, für alle, die sich für den II. Weltkrieg interessieren.

Jetzt ansehen

 

Weiterführende Links

Alle Bücher von Klaus-Jürgen Bremm
Mehr Bücher zur Zeitgeschichte

 

Zu den Beteiligten

Das Spezialgebiet des Historikers und Publizisten Klaus-Jürgen Bremm ist die Technik- und Militärgeschichte. Von ihm stammt die erste Darstellung zum Deutsch-Österreichischen Krieg »1866. Bismarcks Krieg gegen Habsburg« (2016). Daneben veröffentlichte Bremm zahlreiche sehr erfolgreiche Sachbücher wie »70/71. Preußens Triumph über Frankreich und die Folgen« (2019) und »Die Türken vor Wien« (2021).

 

Daniel Zimmermann lebt in Mainz und ist Programmmanager im wbg-Lektorat Geschichte. Dort ist er zuständig für die Programme wbg Theiss, wbg Edition, wbg Academic und wbg Zabern.

 

Bitte geben Sie die Zeichenfolge in das nachfolgende Textfeld ein

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.

Informationen zum Umgang mit personenbezogenen Daten finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen.

Passende Artikel
wbg Original i
Normandie 1944 Bremm, Klaus-Jürgen  Normandie 1944

inkl. MwSt. zzgl. Versandkosten

Vorbestellbar