Ravenna, die erste europäische Stadt

Die Althistorikerin, Archäologin und Byzantinistin Judith Herrin war bis zu ihrer Emeritierung Professorin für Spätantike und Byzantinische Studien am King’s College in London. Für ihre bahnbrechenden Arbeiten über die frühmittelalterliche Mittelmeerwelt erhielt die vielfach ausgezeichnete Erzählerin und glänzende Stilistin 2016 den als »holländischen Nobelpreis« bezeichneten Heineken-Preis für Geschichte. wbg-Lektorin Teresa Löwe hat mit ihr über Ravenna gesprochen.

Teresa Löwe: Liebe Frau Herrin, Sie haben vier Bücher über Byzanz geschrieben und sind weltweit eine der führenden Byzantinistinnen. War Ravenna in seiner Blütezeit eine byzantinische Stadt?

Judith Herrin: Ja, in vieler Hinsicht war es das. Aber Ravenna war weit mehr als ein Außenposten von Konstantinopel. In der Zeit von 402 bis 751 n. Chr. bildete die eher kleine, gut zu verteidigende Stadt an der Pomündung gemeinsam mit dem in unmittelbarer Nachbarschaft gelegenenen Adriahafen Classis eine ganz eigene Identität aus. Nicht nur die lange Zeit von fast 350 Jahren als Herrschaftssitz unterschied Ravenna von anderen kaiserlichen Residenzen wie Mailand, Trier oder Arles. Es ist vor allem die Rolle als Dreh- und Angelpunkt zwischen Ost und West, die Ravenna und seine Geschichte so besonders macht.

Teresa Löwe: »Cede vetus nomen, novitati cede vetustas« – »Weiche, alter Name, dem Neuen weiche das Alte«: Steht diese Bauinschrift aus der 451 eingeweihten Neonischen Taufkapelle, dem Baptisterium der Orthodoxen, für das ravennatische Selbstbewusstsein?

Judith Herrin: Eben das ist mir besonders wichtig, deutlich zu machen, dass Ravenna seine neue Aufgabe als Hauptstadt des Weströmischen Reiches mit ungeheurer Dynamik und innovativem Geist anging. Diese Stadt zeichnete die gesamten 350 Jahre über, die sie politisch eine Rolle spielte, ein in die Zukunft gewandter Blick aus – ganz anders als es die Epochenbezeichnung »Spätantike« suggeriert. Dieses Etikett passt auf Ravenna nicht.

Teresa Löwe: Das Neue ist vor allem das Christentum?

Judith Herrin: Das ist der entscheidende Punkt: Die klassische Antike war »heidnisch«, aber spätestens seit dem 4. Jahrhundert war das Römische Reich auf dem Weg, christlich zu werden. Und seit dem Dreikaiseredikt von 380 galten dort als wahre Christen nur die Anhänger der Lehre von der Dreifaltigkeit von Vater, Sohn und Heiligem Geist, wie sie im Bekenntnis von Nicäa festgeschrieben war.

Auch die sogenannten Barbaren waren von der Aussicht auf ein ewiges Leben im Jenseits fasziniert und traten zum Christentum über. Die Goten und andere germanische Stämme waren jedoch zum Arianismus konvertiert, einer nach dem Priester Arius benannten christlichen Lehre, der zufolge Gottes Sohn nicht wesensgleich mit dem Vater ist, sondern ihm in seiner Natur lediglich ähnlich und dessen vornehmstes Geschöpf. Damit die Goten den Gottesdienst in ihrer Sprache feiern konnten, hatte der erste gotische Bischof, Wulfila, für sein Volk ein Alphabet entwickelt und die Bibel und liturgische Texte ins Gotische übersetzt.

Teresa Löwe: Dieser Konkurrenz verschiedener christlicher Richtungen verdanken wir die Vielzahl der großartigen frühchristlichen Kirchen in Ravenna mit ihren einmalig schönen Mosaiken.

 

Mosaik im „Mausoleum“ der Galla Placidia: rechts der hl. Laurentius (oder möglicherweise Christus), in der Mitte der Rost über offenem Feuer, auf dem er gemartert wurde, links im Schrank die Evangelien. © Kieran Dodds

 

Judith Herrin: Das Mosaik war das wichtigste Medium der frühchristlichen Kunst. Auch das war etwas Neues: Statt der in römischen Villen üblichen Bodenmosaiken auf weißem Hintergrund waren es nun farbige Wandmosaiken auf Goldgrund. Und denken Sie daran, dass die fast fensterlosen Kirchen von Kerzenschein erleuchtet waren.

Teresa Löwe: Sie haben Detailansichten der großartigen Mosaiken in Ravenna und Classe für den 32-seitigen Tafelteil des Buches von dem Fotografen Kieran Dodds neu fotografieren lassen. Auf einigen dieser Mosaiken ist oder war auch die weltliche Macht zu sehen.

Judith Herrin: Das hatte Tradition in Ravenna. Als erste ließ Kaiserin Galla Placidia, eine ganz erstaunliche Frau und die erste große Baumeisterin Ravennas, nicht nur die Porträts der Vertreter ihrer kaiserlichen Familie in der Kirche San Giovanni Evangelista anbringen – mit Ausnahme derer, die sich der arianischen Ketzerei verschrieben hatten –, sondern auch ein Porträt ihrer selbst. Der wohl 425 von Galla nach der Errettung aus stürmischer See in Auftrag gegebene Bau wurde 1944 durch Fliegerbomben schwer beschädigt, dabei wurden diese Mosaiken vollständig zerstört.

König Theoderich tat es der Kaiserin nach in seiner Basilika, die später den Namen Sant’Apollinare Nuovo erhielt. In San Vitale folgten die berühmten Bilder des Kaiserpaars Justinian und Theodora. Das Bild Theoderichs wurde später getilgt – es war nicht zuletzt ein Kampf um die Deutungsmacht, der diese einmaligen Kunstwerke hervorgebracht hat.

 

Auf dem Palastmosaik in Sant’Apollinare Nuovo waren ursprünglich Theoderich und seine Höflinge dargestellt. Sie wurden in den 560er Jahren entfernt und durch Vorhänge ersetzt. Links an zwei Säulen sind noch einige Hände sichtbar. © Kieran Dodds

 

Teresa Löwe: Weder Kaiser Justinian noch seine Gattin Theodora waren jemals in Ravenna.

Judith Herrin: Bischof Victor muss die Idee gehabt haben, das Kaiserpaar abzubilden. Vermutlich wollte er damit seine enge Verbindung zum Kaiserhof aufzeigen. Interessanterweise gibt es kein Bild von Victor in der Kirche, denn sie wurde erst unter seinem Nachfolger Bischof Maximinian im Jahr 547 geweiht. Maximinian dagegen ist abgebildet in Justinians Gefolge: links des Kaisers und damit näher am Altar als dieser und auch näher zu Gott. Der Bischof ist also sehr prominent dargestellt und als einzige Figur mit Namen versehen.

 

Kaiser Justinian I. mit Erzbischof Maximianus, Priestern und Soldaten, San Vitale. © Kieran Dodds

 

Teresa Löwe: Es war ein Nebeneinander, eine Konkurrenz dieser verschiedenen Kulturen und Bekenntnisse, aber durchaus auch ein Miteinander.

Judith Herrin: Das vielleicht beste Beispiel ist Theoderich selbst: Ein Gote, der als Geisel am byzantinischen Hof aufwuchs und dann zum Anführer seines Volkes wurde, der Konstantinopel belagerte, bis der Kaiser ihm die Erlaubnis gab, in Italien einzumarschieren und sich dort niederzulassen, der dann Ravenna eroberte und es zur Hauptstadt eines riesigen Königreichs machte, das sich von Südfrankreich bis zum westlichen Balkan und über ganz Italien erstreckte. Da haben Sie es in einem Mann: ein Gote, der Griechisch spricht, Gesetze auf Latein erlässt und Juden toleriert.

Teresa Löwe: Verdiente gotische Krieger waren unter Theoderich zu Wohlstand und Landbesitz gekommen und hatten sich in und um Ravenna angesiedelt. Wie erging es diesen Goten nach der Rückeroberung der Stadt durch oströmische Truppen?

Judith Herrin: Die gotische Identität wurde immer brüchiger. Denn wenn diese neuen Grundbesitzer das erworbene Land an ihre Nachkommen weitergeben wollten, dann mussten sie nun unter dem Exarchat das arianische Bekenntnis aufgeben und katholisch werden. Viele schlossen Ehen mit Einheimischen. Oft dienten sie auch der neuen Obrigkeit, den Exarchen, auf deren zahlreichen Feldzügen als tüchtige Militärs. Sie passten sich also an – wer würde nicht in diesem fruchtbaren Landstrich Italiens leben wollen, wenn er die Möglichkeit hätte?

Papyri aus dem 6. Jahrhundert zeigen, dass viele Menschen weiter ihre gotischen Namen benutzten oder auch gotische Ortsnamen. Aber gesprochen wurde das Gotische nicht mehr. Etwas Ähnliches geschieht im 7. und 8. Jahrhundert mit dem Griechischen.

Teresa Löwe: Wie stand es um diesen »Schmelztiegel«, wie es im Untertitel Ihres großartigen Buches heißt, um das Neben- und Miteinander der verschiedenen Kulturen in Ravenna im 7. Jahrhundert?

Judith Herrin: Viel dessen, was in Ravenna entstand und produziert wurde, war, wie gesagt, ein Mix aus den drei Elementen griechisch, lateinisch und gotisch. Ein Großteil der Bevölkerung war im 7. Jahrhundert latinisiert. Griechisch sprach zu diesem Zeitpunkt nur noch eine relativ kleine Oberschicht von Amtsträgern, die oft aus Konstantinopel kam und die Stadt regierte.

Ende des 7. Jahrhunderts war der Exarch sehr besorgt, als sein des Griechischen mächtiger Notar verstarb. Wer sollte ihm nun die Informationen und die Befehle, die aus Konstantinopel kamen, übersetzen und die Berichte an den kaiserlichen Hof verfassen? Also machte man sich in Ravenna auf die Suche und fand einen jungen Mann, der ausreichend Griechisch konnte. Als Eignungsprüfung musste Johannicis, so hieß der Jüngling, eine auf Latein verfasste Charta aus dem Stand ins Griechische übersetzen.

Johannicis soll klein und hässlich gewesen sein. Er war nicht nur ein sehr effizient arbeitender Übersetzer, sondern auch ein Dichter und machte am Hof des Exarchen Karriere. Er wurde sogar nach Konstantinopel geschickt, arbeitete dort am kaiserlichen Hof und kehrte schließlich nach Ravenna zurück.

Selbstverständlich waren Griechischkenntnisse also auch in Ravenna Ende des 7. Jahrhunderts nicht mehr, aber es gab in der Stadt immer noch Menschen, die Griechisch lernten, zu einer Zeit, als in vielen anderen Zentren so gut wie kein Griechisch mehr gesprochen wurde.

Teresa Löwe: Auch die verfeinerte Kultur des Ostens spielte in Ravenna durchaus noch eine Rolle.

Judith Herrin: Nehmen Sie den überwältigend schönen Elfenbeinthron des Maximinian aus dem 6. Jahrhundert, den Sie im Erzbischöflichen Museum ansehen können: Es war nicht ein Thron zum Daraufsitzen, sondern zum Bestaunen, ein mit dem Namen des Adressaten versehenes Geschenk von enormem Wert für Bischof Maximinian – vielleicht vom Kaiser selbst, vielleicht aus Alexandria. Elfenbein war ein kaiserliches Monopol ebenso wie Seide, Gold und Silber.

Ravenna war auch im 7. und 8. Jahrhundert noch das Drehkreuz zwischen Ost und West und das Tor, durch das Ideen und Waren aus dem östlichen Mittelmeer in den Westen fanden: nicht nur Seide und Gewürze, Gold und Edelsteine, Kunst- und Modetrends. In Ravenna galt es offenkundig als chic zu essen, was in Konstantinopel gern aufgetischt wurde, und die süßen Weine aus Santorin zu trinken. Hier konnte man mitbekommen, was in der großen Metropole Konstantinopel gerade los und angesagt war.

Es gab permanent Spannungen im Verhältnis zu Konstantinopel, nicht zuletzt wegen all der Erlasse und Ernennungen, die direkt eingriffen in das religiöse Leben vor Ort. Was sich die Bischöfe in Ravenna übrigens oft nicht gefallen ließen. Doch zugleich gab es diese engen kulturellen und materiellen Beziehungen. Im 9. Jahrhundert wurde es still um Ravenna, und der Aufstieg Venedigs, des neuen Machtzentrums an der Adria, begann.

Teresa Löwe: Das Buch endet mit den drei Besuchen, die Karl der Große Ravenna abstattete. Er ließ dort so einiges mitgehen an »Baumaterial« für seine kaiserliche Residenz in Aachen.

Judith Herrin: Ja, Karl der Große hat nicht nur Rom, sondern auch Ravenna als Steinbruch genutzt für seine Aachener Residenz, hat zahlreiche Spolien und auch ganze Säulen abtransportieren lassen – antike Säulen waren damals offensichtlich heiß begehrt im Norden. Aber Karl hat sich auch inspirieren lassen durch die Architektur in Ravenna: Die oktogonale Pfalzkapelle in Aachen orientiert sich ganz eindeutig an dem Vorbild San Vitale.

 

Die Pfalzkapelle Karls des Großen im Aachener Dom. Einige der Säulen und Teile der Marmorverkleidung stammen mit ziemlicher Sicherheit aus Ravenna. © Wikimedia Creative Commons/Sailko 

 

Von dem Protohistoriker Agnellus wissen wir, dass Kaiser Karl bei seinem dritten und letzten Besuch in Ravenna 801 auch den Abtransport der berühmten bronzenen Reiterstatue des Theoderich nach Aachen verfügte, wo sie vor seinem Palast aufgestellt wurde. Die Statue existiert leider nicht mehr.

All diese »Steine« aus Ravenna zeigen, wie sehr sich Karl der Große der zentrale Bedeutung Ravennas in den vorangegangenen Jahrhunderten bewusst war. Seine neue Residenz Aachen sollte nun die Rolle einnehmen, die zunächst Rom und dann Ravenna innegehabt hatten.

Teresa Löwe: Sie nennen Ravenna die erste wirklich europäische Stadt, was meinen Sie damit?

Judith Herrin: Nun, die meisten römischen Städte waren ziemlich homogen. Ganz anders Ravenna: Zunächst waren es vor allem die Einflüsse aus Rom und Konstantinopel. Dann kam die gotische Phase unter Theoderich, danach das wieder byzantinisch geprägte Exarchat. Es ist das Zusammenspiel der römischen, griechischen und gotisch-germanischen Einflüsse plus der sehr starken Prägung durch das Christentum, was Ravenna ausmacht. Diese Kombination von griechischen, römischen, germanischen und christlichen Traditionen ist charakteristisch für das, was wir heute Europa nennen.

Teresa Löwe: Liebe Frau Herrin, ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch!

 

Über das Buch »Ravenna«

Ravenna, die goldglänzende Stadt an der Adria, war in frühchristlicher Zeit die heimliche Hauptstadt des europäischen Westens. Meisterlich erzählt Judith Herrin die Geschichte dieses Schmelztiegels griechischer, lateinischer, christlicher und barbarischer Kultur zwischen 400 und 800 n. Chr. Ungewöhnlich detailreich weiß sie nicht nur von Kaiserinnen und Königen, sondern auch von Gelehrten, Juristen, Ärzten und Handwerkern zu berichten.

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