Sprichwörter und ihre Herkunft: Zum Cover von »Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten«

Warum erhält ein verschmähter Liebhaber eigentlich einen Korb? Weshalb wirft man einem prinzipienlosen Menschen vor, seinen Mantel nach dem Wind zu hängen? Bei vielen heute noch gebräuchlichen Redensarten ist nur Wenigen die ursprüngliche Herkunft bekannt. Bei manchen Redensarten hat sich die Bedeutung komplett gewandelt, andere sind gänzlich in Vergessenheit geraten. 15.000 von ihnen finden sich in Lutz Röhrichs »Großem Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten«. Das 1973 erstmals erschienene und immer noch aktuelle, dreibändige Lexikon erscheint nun – pünktlich zum 100. Geburtstag des renommierten Forschers – in einer Neuausgabe in edler Schmuckkassette.

Die Buchrücken der Ausgabe ziert, passend zum Thema, das berühmte Gemälde »Die niederländischen Sprichwörter«. Auf dem Ölgemälde stellte Pieter Bruegel der Ältere 1559 über 100 Redensarten, Sinnsprüche und Sprichwörter seiner Zeit bildlich dar. Wer aufmerksam sucht, findet zahlreiche typisch niederländische Wendungen - aber auch viele, die ähnlich oder identisch im Deutschen oder Französischen verwendet werden. Hier sind einige Beispiele:

 

Den Brunnen zuschütten, nachdem das Kalb hineingefallen ist

Diese Redensart steht für den verspäteten Versuch, ein bereits eingetretenes Unheil abzuwenden. In veränderter und verkürzter Form (»Das Kind ist bereits in den Brunnen gefallen«) hat sie sich bis heute erhalten. Früher waren auch weitere Varianten mit Tieren verbreitet, etwa »den Stall zuschließen, wenn das Pferd gestohlen ist«.

Gegen den Mond pissen

Jemand der gegen den Mond pisst, verschwendet seine Zeit mit unnützen Tätigkeiten oder strebt nach unerreichbaren Zielen. Die Redensart warnt sowohl vor Hochmut als auch vor Zeitverschwendung. Vielleicht gerade aufgrund des vulgären Kontexts spielt die Redensart in der niederländischen Malerei wiederholt eine Rolle. Allein Pieter Bruegel verwendete das Motiv in drei Gemälden.

Den Teufel aufs Kissen binden

Streitsüchtigen Frauen wurde nachgesagt, durch ihre Sturheit selbst den Teufel auf ein Kissen binden zu können. Die hierzulande ausgestorbene, aber in Frankreich noch erhaltene Redensart steht somit für die Fähigkeit, scheinbar unerreichbare Ziele durch Hartnäckigkeit doch noch zu erreichen.

Der »Pfeilerbeißer« und »Wasser in der einen, Feuer in der anderen Hand«

Beide Wendungen drehen sich um Falschheit und Doppelzüngigkeit. Der links dargestellte »Pfeilerbeißer« steht für einen (religiösen) Heuchler. Um die eigene Frömmigkeit möglichst öffentlichkeitswirksam zur Schau zu stellen, umarmt er den Kirchenpfeiler und beißt sogar hinein. Daneben trägt eine Frau »Feuer« (in der Form glühender Kohlen) in der einen, Wasser in der anderen Hand – eine sprichwörtliche Form zu sagen, dass ihr nicht zu trauen ist.

Dem Mann einen blauen Mantel umhängen

Die Bedeutung dieser Redensart erschließt sich erst durch Kenntnisse der damaligen Farbsymbolik. Blau galt – unter anderem – als Farbe der Täuschung, rot als Farbe der Sünde. Die junge, in ein rotes Kleid gekleidete Frau, die ihrem gealterten Mann einen blauen Mantel umhängt, betrügt diesen also. Von der einstigen Bedeutung von Blau als Farbe der Täuschung leiten sich auch die noch gebräuchlichen Redensarten »jemandem das Blaue vom Himmel versprechen« oder »sein blaues Wunder erleben« ab.

Fuchs und Storch haben einander zum Essen eingeladen

Hier handelt es sich um eine Illustration von Äsops Fabel von Fuchs und Storch. Der Fuchs lädt den Storch zum Essen ein, serviert jedoch Suppe in einem flachen Teller, von dem der Storch nicht essen kann. Dieser revanchiert sich mit einer Einladung, bei der er die Speisen in einer langhalsigen Flasche und somit unerreichbar für den Fuchs serviert. Die Moral ist somit, dass Betrüger damit rechnen müssen, selbst betrogen zu werden, oder auch verkürzt und bis heute gebräuchlich: »Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu.«

Durch den Korb fallen

Nach zahlreichen Erzählungen sollen adlige Damen ihren Liebhabern Körbe vom Fenster herabgelassen haben, um sie darin hochziehen zu lassen. Unerwünschten Freiern sollen manipulierte Körbe herabgelassen worden sein, durch die diese dann hindurchfielen. Nach einer Tradition basiert die bis heute gebräuchliche Redensart »jemandem einen Korb geben« auf der abgeschwächten Variante dieser Sitte. Später habe demnach die Dame dem unerwünschten Liebhaber einen bodenlosen Korb geschickt, um ihre Ablehnung zu signalisieren.

Der Katze die Schelle anhängen

Immer wieder hat Bruegel in einer Szene gleich mehrere Redensarten dargestellt. Hier hängt ein wortwörtlich »bis an die Zähne« Bewaffneter, der zugleich »im Harnisch« ist (»wütend« – eine Wendung, die sich zum Beispiel in der Wendung der »geharnischten Antwort« erhalten hat), einer Katze eine Schelle um. Nach einer mittelalterlichen Fabel beschloss ein »Mäuseparlament«, der Katze eine Schelle umzuhängen, um vor ihrem Kommen sicher zu sein. »Der Katze die Schelle umhängen« steht somit einerseits dafür, ein Unternehmen durch lautstarke Ankündigungen zu gefährden, andererseits aber auch für einen gefährlichen und undurchführbaren Plan – den Mäusen in der Geschichte gelingt es nämlich nicht, einen Freiwilligen für die gefährliche Aufgabe zu finden.

Seinen Mantel nach dem Wind hängen

Noch heute gebräuchlich ist die Redensart, ein »Fähnchen im Wind«, also opportunistisch, zu sein. Zu Bruegels Zeiten wurde für das Sprachbild der Mantel bemüht, der im Wind flattert. Ursprünglich bezog sich dies – ausdrücklich nicht wertend – lediglich auf Anpassungsfähigkeit, abgeleitet von Wanderern, die bei schlechtem Wetter den (ärmellosen) Mantel auf der entsprechenden Seite über die Schulter hängten. Bei Bruegel ist jedoch schon die Bedeutungsverschiebung ins Negative erkennbar. Seit der frühen Neuzeit steht die Redensart für Charakter- und Prinzipienlosigkeit.

Der Hering brät hier nicht

In dieser Szene hat Bruegel gleich vier Redensarten illustriert, davon drei in einer einzigen Person. Die linke Figur »brät den ganzen Hering für den Rogen« (die Fischeier), das heißt er betreibt großen Aufwand, um eine Kleinigkeit zu erreichen. Dabei hat er »den Deckel auf dem Kopf«, also die Verantwortung übernommen – parallel zu der modernen Wendung, dass jemand in einer Leitungsposition »den Hut auf hat«. Diese Verantwortung trägt die Figur im Gemälde wohl auch, weil ihr Nachbar »zwischen zwei Stühlen sitzt«, also keine Entscheidung treffen kann oder will. Für ein Vorhaben, das nicht nach Plan verläuft, steht zudem die Redensart »der Hering brät hier nicht«.

 

Über das Buch »Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten«

Der »Röhrich« ist längst ein Klassiker. Zum 100. Geburtstag des renommierten Forschers liegt das unverzichtbare Standardwerk jetzt in edler Schmuckkassette vor. Röhrich informiert in leicht verständlicher Sprache und doch wissenschaftlich fundiert über Bedeutung, Herkunft und Anwendung von rund 15.000 Redensarten. Über 1000 Abbildungen aus zeitgenössischen Quellen veranschaulichen den Ursprung der sprichwörtlichen Redensarten und bieten reiches Anschauungsmaterial. Wenig erschlossene fremdsprachliche Entsprechungen zu deutschen Redensarten werden miteinbezogen. Durch Literaturangaben am Ende der Stichwortartikel und eine umfassende Bibliografie erschließt Röhrich wesentliche Publikationen zum Thema. Das aktuelle Vorwort von Werner Mezger würdigt das Lebenswerk des »Vaters der Volkskunde« und gewährt Einblick in Arbeitsstil und Persönlichkeit.

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