Visionen vom Ende der Zeit: Die Bamberger Apokalypse

Die spektakuläre Handschrift der Johannesapokalypse

Ein Gastbeitrag von Bernd Schneidmüller, Mitherausgeber der wbg-Reprint-Ausgabe

 

Bernd Schneidmüller entschlüsselt ein besonderes und rätselhaftes Bild aus der Bamberger Apokalypse: Im Zentrum thront ein Herrscher im roten Mantel, in der rechten Hand einen langen Stab, in der linken eine silberne Weltkugel mit goldenem Kreuz. Als Einziger sucht er mit weit geöffneten Augen den direkten Blickkontakt zu uns. Die Apostelfürsten Petrus und Paulus setzen dem Herrscher die Krone aufs Haupt. Oder stützen sie die Krone nur? Unten bringen vier bekrönte Frauen in Füllhörnern und Schalen wertvolle Gaben. Lateinische Verse in goldenen Buchstaben verbinden die irdische mit der himmlischen Königsherrschaft.

Diese Darstellung von Krönung und Huldigung gehört zu den berühmtesten Herrscherbildern aus der Mitte des Mittelalters. Wie passen Himmel und Erde hier zusammen? Welcher Herrscher ist hier dargestellt: Kaiser Otto III., Kaiser Heinrich II., ein Himmelskönig?

 

»Es war kein Zufall, dass die Bamberger Apokalypse in der Zeit um 1000 entstand.«

 

Nicht alle Rätsel sind aufzulösen. Unser Buch will aber neue Antworten geben. Es bettet die berühmte Bildseite in eine der wichtigsten mittelalterlichen Handschriften ein. Als Schmuckstück unter den Bamberger Codices wurde sie mit anderen Reichenauer Handschriften ins UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommen. Am Anfang der Bamberger Apokalypse steht die Offenbarung des Johannes, das letzte Buch der Bibel. Mit seinen suggestiven Prophezeiungen vom Ende der Zeit bewegt es die Menschen seit fast 2000 Jahren. Die Reichenauer Mönche versahen den Bibeltext mit herausragenden Bildern. Sie künden von sieben Siegeln, von furchtbaren Plagen, von apokalyptischen Reitern, von der Hure Babylon. Und dann wird endlich die tausendjährige Schreckensherrschaft des Satans überwunden. Am Ende steht die Gewissheit eines neuen Himmels und einer neuen Erde.

 

Ein Blick in die »Bamberger Apokalypse«.

 

Das Mittelalter konnte die tausend Jahre wörtlich lesen. Es war kein Zufall, dass die Bamberger Apokalypse in der Zeit um 1000 entstand. Doch im letzten Teil der Handschrift bietet ein Evangelistar mit den biblischen Lesungen für die Festtage auch Zukunft. Solange die Menschen Gottesdienst feiern, ist die Welt noch nicht am Ende.

In unserem Buch rücken wir die Visionen vom Ende der Zeit in ihre mittelalterlichen Zusammenhänge. Wir fragen nach der Jahrtausendfurcht in der Mitte des Mittelalters und präsentieren die einzigartige Fürsorge Kaiser Heinrichs II. (gest. 1024) für Bamberg. Hier wollte er begraben sein und auf das Jüngste Gericht warten. Zu seinen reichen Stiftungen zählt auch die Bamberger Apokalypse. Jetzt wissen wir mehr von ihr: Materialwissenschaftliche Forschungen machen in faszinierender Weise die Entstehungsprozesse der Farben, der Pergamente, der Buchstaben in dieser Handschrift deutlich.

Dieses Buch präsentiert nicht nur sämtliche Bild- und Textseiten der Bamberger Apokalypse in neuen Fotografien. Es lässt auch eine Welt voller Visionen und Gottvertrauen vor tausend Jahren erstehen, die – anders als wir heute – mit dem Wissen vom Ende der Zeit lebte. Seit tausend Jahren berühren die großartigen Imaginationen der Bamberger Apokalypse die Menschen. Unser Buch will diese ferne Zeit neu enthüllen – Apokalypse heißt nämlich Enthüllung.

 

Über das Buch »Die Bamberger Apokalypse«

Die Bamberger Apokalypse zählt zu den wertvollsten Handschriften des Mittelalters und wurde 2003 in das UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommen. Die farbigen Illuminationen der Johannesapokalypse sind Spitzenstücke der Buchmalerei aus der Zeit der ersten christlichen Jahrtausendwende. Das Vollfaksimile in Originalgröße wartet mit leserfreundlichen historischen, kunsthistorischen und theologischen Beschreibungen auf, die zugleich die neuesten wissen schaftlichen Erkenntnisse darstellen.

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Zu den Beteiligten

Bernd Schneidmüller ist Seniorprofessor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Heidelberg. Zuvor war er Direktor des Historischen Seminars und des Instituts für Fränkisch-Pfälzische Geschichte und Landeskunde. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem die gesamte europäische Nationenbildung im Mittelalter und die Entstehung von politischen, sozialen und gesellschaftlichen Identitäten. Der Mediävist ist Mitglied in zahlreichen Kommissionen, darunter für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte.

 

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