»Das waren glatte Verstöße gegen den hippokratischen Eid!« Dr. Felix Klein im Gespräch mit Daniel Zimmermann

Ärzte und angehende Mediziner »sollen bessere Kenntnisse über die menschenverachtenden Versuche des KZ-Arztes Josef Mengele und anderer Mediziner haben«, fordert der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Dr. Felix Klein. Mit ihm spricht wbg-Lektor Daniel Zimmermann.

D. ZIMMERMANN: Lieber Herr Klein, wie viele Ärzte, meinen Sie, wissen, wer Josef Mengele war?

FELIX KLEIN: Es gibt eine Untersuchung der Universität Aachen aus dem Jahr 2010, die große Wissenslücken unter Medizinstudenten bezüglich der Geschichte ihres Faches aufzeigen. So konnte ein Drittel der befragten Studenten mit dem Namen Josef Mengele nichts anfangen!

D. ZIMMERMANN: Sie sind, lieber Herr Klein, der „Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben und die Bekämpfung von Antisemitismus“, so die offizielle Bezeichnung. Anfang Februar ging Ihre Forderung breit durch die Presse, dass die Approbationsordnung für Ärzte geändert werden soll: „Angehende Ärzte sollen mehr über NS-Zeit lernen.“ Gab es für diesen Vorstoß einen Anlass?

FELIX KLEIN: Der Ausgangspunkt war, dass wir uns die Ausbildungsordnungen für Juristen angesehen haben, die zeigt, dass dort historisches Wissen zu wenig berücksichtigt ist. Es muss Pflichtstoff werden, dass das Unrecht der Nationalsozialisten‘ und die Untaten von NS-Juristen bekannt sind! Und dann ist mein Ziel, dass auch andere Berufsgruppen, die ethische Entscheidungen treffen müssen, von diesen Themen Kenntnis haben. 44,8% der deutschen Ärzte waren NSDAP-Mitglied, mehr also als etwa Lehrer oder Juristen. So bin ich auf das Bundesgesundheitsministerium zugegangen, dass ohnehin gerade die Approbationsordnung für angehende Ärzte überarbeitet. Wir wollen auf jeden Fall erreichen, dass das moralische Versagen der Ärzteschaft und die von Ärzten begangenen Straftaten in der Zeit des Nationalsozialismus- etwa im Rahmens des „Eutanasie-Programms“ Pflichtstoff in der Ärzteausbildung wird.

D. ZIMMERMANN: Der US-Historiker David Marwell, der auch einige Jahre am Berliner Document Center gearbeitet hat, war im Auftrag des US-Justizministeriums in den 80er-jahren maßgeblich an der Aufklärung des Verbleibs von Josef Mengele beteiligt, der nach dem Krieg Jahrzehnte unbehelligt in Südamerika lebte. David Marwell – Sie kennen ihn seit 2014 - hat Ihnen nun seine gerade erschienene Biographie des NS-Arztes zugesandt. Konnten Sie schon einen Blick hineinwerfen?

FELIX KLEIN: Ich finde, dies ist ein großartiges, ein wichtiges Buch, das gut in unsere Zeit passt, weil es zwei Themen zentral beleuchtet. Zum einen: Wie konnte jemand, der aus der Mitte der Gesellschaft kam, gut ausgebildet war, als Arzt so entsetzlich unethisch handeln? Josef Mengele war ja wahrscheinlich einer der größten Verbrecher gegen die Menschlichkeit. Und zum Zweiten ist das Buch wichtig, weil es die Unfähigkeit der Nachkriegsjustiz zeigt, seiner habhaft zu werden. 

D. ZIMMERMANN: Für das Cover des Buches hatten wir uns für ein Foto Mengeles entschieden, dass gerade deshalb so eindrucksvoll ist, weil er darauf so harmlos und alltäglich wirkt (wie auf eigentlich allen Fotos von ihm). Bei der Recherche nach dem Bild ist mir aufgefallen, dass es in verschiedenen Versionen im Netz kursiert, dass man genau weiß, wo in Freiburg dies aufgenommen wurde, dass aber auch Spezialisten nicht wissen, wo sich das Originalfoto befindet. Genauso tauchen auch in jüngster Zeit immer wieder private Briefe Mengeles auf, die für nicht unbedeutende Summen versteigert werden: Offensichtlich ist der Handel mit NS-Devotionalien nach wie vor wichtiger als historische Aufklärung.

FELIX KLEIN: Es erschreckt mich sehr, dass dies so ist. Die Weigerung, zur Aufklärung der Vergangenheit beizutragen, und dies  dann noch g mit kommerziellen Interessen zu verbinden: Das ist abstoßend! In diesem Zusammenhang möchte ich  ein ganz anderes Thema nennen, für das ich mich einsetze, nämlich dass das der Handel mit NS-Devotionalien  EU-weit verboten wird.

D. ZIMMERMANN: Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft hat, wie viele Verlage, auf Ihrer frühen Geschichte deutlich braune Flecken. Heute sind Bücher zur Aufarbeitung der Geschichte des Nationalsozialismus ein wichtiger Bestandteil im Buchprogramm der wbg. Was können Sie den 85.000 Mitgliedern, denen der Verein gehört, mit auf den Weg geben?

FELIX KLEIN: Ich begrüße dies sehr! Gerade die wbg nimmt eine Vorreiterrolle in diesem Bemühen ein. Das ist die Grundvoraussetzung für einen adäquaten Umgang mit unserer Vergangenheit.

D. ZIMMERMANN: Sind wir insgesamt in der Bundesrepublik auf einem guten Weg, was die Bekämpfung des Antisemitismus anbelangt, oder ist die Situation gegenwärtig eher wieder schlechter?

FELIX KLEIN: Nun, ich bin sehr besorgt, denn die Anzahl antisemitischer Straftaten nimmt stark zu, und wir sehen auch, wie antisemitische Ressentiments gesellschaftsfähig werden. Diese Entwicklung beunruhigt mich sehr; auch, dass man antisemitische Vorurteile konstant bei etwa 20% der Bevölkerung festzustellen kann, diese also keine Randerscheinungen sind. 
Andererseits bin ich doch zuversichtlich. Es gibt einen großen gesellschaftlichen Konsens in Politik und Gesellschaft, gegen Antisemitismus vorzugehen; die Schulen, die Gedenkstätten und viele Akteure in der politischen Bildung machen hervorragende Arbeit. Und dass das jüdische Leben in Deutschland wieder aufblüht zeigt mir, dass wir sehr weit gekommen sind! Aber ich nehme auch eine große Beunruhigung bei der jüdischen Bevölkerung wahr.

D. ZIMMERMANN: Ich danke Ihnen ganz herzlich für dieses Gespräch!

Lesen Sie auch: Auf den Spuren eines Massenmörders. Interview mit Autor David Marwell

Tags: wbg, Community
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