Drei Fragen an Gerhard Martin Burs zu seinem Buch »Outópos«

Lieber Herr Burs, in Ihrem Buch »Outópos. Der Entwurf einer freien Welt« entwerfen Sie eine ganz konkrete Utopie. Doch was ist für Sie eigentlich eine Utopie? 

Der Begriff ist ein sehr weites Feld, aber eigentlich begreife ich für mich Utopien so, dass Utopien abstrakte Konzepte sind, abstrakte Geschichten, die sozusagen den Entwicklungen vorweg gehen. Ganz abstrakt gedacht. Also etwas, was Menschen als ein Ziel vereint, um etwas zu tun. Wenn man den Begriff der Utopie ein bisschen aufdröselt, gibt es natürlich ganz viele verschiedene Arten von Utopien und sicherlich die am häufigsten verwendet wird oder die am meisten Bekannteste ist die die politische Utopie. Also Utopien, die sozusagen eine vermeintlich perfekte Herrschaft postulieren oder ein vermeintlich perfektes Gesellschaftsgefüge skizzieren, das sozusagen eine bessere Gesellschaft ermöglichen soll. Das ist so der top down Ansatz. Man kennt das sicherlich von Platon in der Politeia, die erste Entwicklung einer Idealstadt. Also ein Stadtstaat, wo alles irgendwie anhand eines übergeordneten Geistes erscheinen soll. Es geht dann weiter in der Geschichte der Utopien über Valentin Andrea im 17. Jahrhundert mit Christianopolis, also eine christliche Utopie, eine christliche Idealstadt nach göttlichem Geist, bis hin zu dem Buch, das eigentlich diesen Begriff der Utopie geprägt hat, nämlich Utopia von Thomas Morus, der auch eine ideale Gesellschaft anhand von ganz vereinheitlichten Lebeweisen in vereinigten Städten postulierte.

Nur kurz am Rande erwähnt: der Begriff der Utopie hat manchmal so was Träumerisches, schwärmerisches leicht von der Welt abgehobenes. Gerade dieser Thomas Morus war kein weltfremder Spinner, sondern Lord Kanzler von Großbritannien. Das war schon ein ernst gemeintes Konzept, welches er da aufgestellt hat.

An diesen drei Beispielen, die ich gerade so kurz angerissen habe, zeigt sich, warum vielleicht der Begriff der Utopie heutzutage mitunter sehr kritisch gesehen wird, weil er nämlich so eine perfekte umfassende Herrschaft postuliert, den sich alle Beherrschten sozusagen unterordnen müssen. Erst dann, wenn alle mitmachen, steht die Utopie und die perfekte Gesellschaft. Wir wissen ja alle gerade aus den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, was das für unglaublich katastrophale Folgen hat. Dieses postulieren eines vermeintlichen idealen Zusammenhangs, an denen sich die Menschen anpassen müssten… notfalls mit Gewalt.

Das ist die sehr kritische Komponente gerade an diesen Top-Down-Utopien, also diesen Von-Oben-Utopien. Dann gibt es noch die Gegenutopien, also nicht dieses von oben gedachte, sondern Bottom-Up, also Graswurzelbewegung, die mehr so einem freien Subjekt verbunden sind im Sinne von eins mit der Natur sein oder der Mensch und die Natur. Interessanterweise geht es bei diesen Utopien gar nicht so um Städte, sondern immer um die Abkehr von der Kultur zurück in die Natur. Geschichtlich hat sich dies Denken (zumindest in Europa) mit der Entdeckung der Insel Haiti 1770 entwickelt.

Das war ein Moment, wo plötzlich diese Südsee Romantik, die wir heute noch kennen mit als Urlaubsbild, entstanden ist. Nämlich dieses es gibt irgendwo einen Ort, wo man hingehen kann, der schön ist, wo Natur und Mensch vereint sind. Ganz prägend in diesen dieser Art des Denkens ist beispielsweise das Buch Walden gewesen, 1854 von Henry Thoreau geschrieben, wo eigentlich die Idee des Aussteigers etabliert wurde, also diese absolute Freiheit raus aus den Städten mehr zurück zur Natur, die natürlich mitunter daran krankte, dass sie auch eine Utopie des schnellen Todes sein kann, also, wenn man sozusagen die Kultur verlässt, kann man von Bären gefressen werden.

Nichtsdestotrotz sind diese »Zurück zur Natur«-Ansätze Sachen, die beispielsweise mit Walden Two von Skinner oder auch ganz groß aus dem Jahre 1975 Ökotopia von Ernst Callenbach, die in so eine postmaterielle Utopie verkünden, also eine dezentrale Gesellschaft, eine Abkehr vom Konsum der Dinge und ein romantisiertes Leben mit der Natur. Diese Utopien, also diese Bottom-Up-Utopien, haben aber immer ein bisschen das Problem, dass sie um das Subjekt kreisen, sehr diffus bleiben und eigentlich auch noch existieren als der Gegensatz zu etwas und ohne den Gegensatz, nämlich der Stadt oder der Kultur, gar nicht denkbar sind.

Um die Geschichte der Utopie ein bisschen zusammenzufassen gibt es noch die Technik Utopien, also diese gelebte Utopie des Werdens, die heutzutage ja sehr etabliert ist.

Also, dass ein Utopia etwas ist in der Zukunft, dass man schaffen kann durch Technik, durch Entwicklungen, durch alles. Vor allem der Aspekt des Trans-Humanismus, der vermehrt auftritt, ist darin entscheidend, dass man irgendwie auch in seinem Denken ein utopisches Denken hat, dass der natürliche Körper und auch der Verstand etwas sind, was erweitert werden muss, was technisch vergrößert werden muss, um dann irgendwann zu einer Gottheit der Super-Intelligenz zu reifen.

Auch da sieht man schon, was hinter solchen Utopien steht, das ist nämlich de facto eine religiös mystische Utopie. Diese Gottwerdung des Menschen findet man auch im religiösen System. Auch da sind Utopien als Grundierung drin. Jenseits-Vorstellungen sind eigentlich auch Utopien, weil sie nämlich eine große Erzählung schaffen, sozusagen beantworten: »Wie soll ich sehen und was kommt in der Zukunft oder nach dem Tod?«. Also eine große Gesamtstruktur, aus der sich sozusagen das Leben des Einzelnen ableitet.

Zu guter Letzt haben wir die Utopie des Traums vom guten Leben. Das ist, wie ich finde, eigentlich die Utopie der westlichen Gesellschaft unserer Zeit, wo die Menschen versuchen ein gutes Leben durch Konsum und symbolischem Konsum zu erreichen.

 

Inwiefern sind denn Utopien prägend für unsere Zeit?

Das wird, glaube ich, am deutlichsten anhand eines Beispiels der Stadt. Städte sind sozusagen das größte Habitat des globalen Menschen, also die meisten Menschen wohnen mittlerweile in Städten.

Städte sind nicht nur Objekte, sondern sie sind auch geistige Städte, eigentlich Utopien. Um das zu illustrieren, muss ich eine kurze Geschichte erzählen, die ganz interessant ist, und zwar die Geschichte des doppelten New Yorks. New York ist ja so der Archetyp der modernen Stadt, also die Stadt des Werdens, die Stadt der Höhe, diese wachsende Stadt. Aber New York war vor allem am Anfang des 20. Jahrhunderts das Zentrum der amerikanischen Filmindustrie. Nicht Hollywood Los Angeles, wie es heute ist, sondern New York. Die Filmleute waren da ansässig und drehten ihre Filme auch in New York und aus nicht ganz geklärten Begründungen zogen sie dann nach LA um, was damals ein recht verschlafenes Provinznest war. Sie drehten aber weiter Filme in New York, aber nicht in dem echten New York, sondern in einem virtuellen, medialen New York, was sie sich in den Studios nachgebaut hatten als Kulissen Welt. Die Geschichten, die sie da erzählten, wurden immer fantastischer und immer explosiver, weil das vielleicht auch eine eigene Projektion war aus diesem verschlafenen Provinznest in diese Traumwelt. Dieses Traumgebilde eines medialen New Yorks ging dann sozusagen um die Welt, weil zu der Zeit dann auch der Film ein Massenmedium wurde. Es wurde zu einem Signum von einem Traum des guten Lebens. Also die Leute sahen dieses tolle Leben in New York und dieses Leben war überwiegend ein Filmisches, das zutreffen kann, aber nicht muss. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie eigentlich so utopische Konstrukte, so perfekte Konstrukte heutzutage auf den globalen Menschen wirken, denn es sind Images. Es sind gemachte Bilder, Konzepte, Idealvorstellungen, die auf den Menschen einwirken und die er vielleicht erreichen will.
Das sehen wir am ehesten im Konzept der Werbung. Werbung lebt massiv davon, dass sozusagen eine Utopie entworfen wird, die irgendwie konsumierbar und erreichbar ist. Ein Beispiel dieser Utopie ist die Romantik der Südsee. Davon partizipieren ganze Industrien und als globaler Bewohner hat man dann diese Utopie des Ortes. Da gibt es diesen einen Ort, den kann ich quasi konsumieren und dann fährt man dort hin, aber dieser Ort wird ja auch noch von der Utopie gestaltet, also ganze Strukturen werden ja geformt zur Utopie, wenn man so will. Das sind Prozesse, die Durchdringungen von gedanklichen Utopien und realen Welten, die unsere Welt massiv formt, nicht nur in der Konsumkultur, sondern auch in der Dingwelt als solche. Wenn man das etwas übertrieben sagen kann, ist unsere Welt eine Welt der großen globalen Maschine, wo alles in Räume gefasst ist, die definiert sind nach etwas und wo ständig Dinge produziert werden in einer gigantischen Anzahl. Die größte Anzahl dieser Dinge betrifft nicht die Versorgung, also obwohl zum Beispiel mal im Jahr 72 Milliarden Hühner geschlachtet werden, um so ein Gefühl für die Dingwelt zu kriegen, sondern das meiste wird wirklich produziert für eine Art symbolischen Konsum. Für Etwas oder Mensch denkt da finde ich meine Utopie, mein gutes Leben, meinen guten Platz in der Welt. 

 

Wohin wird uns die Entwicklung führen?

Die nach der Zukunft ist immer auch erst mal eine Frage nach der Vergangenheit und man muss sehen, dass das menschliche Leben eigentlich seit der neolithischen Revolution, seit 10.000 Jahren, stark von dem Konzept der Utopien beeinflusst ist. Nicht inhaltlich, aber strukturell. Wir entwickeln als Gesamtheit, als Menschheit, wenn man so will, permanent Konzepte einer besseren Zukunft, nach der wir uns ausrichten und nach der wir anfangen die Welt zu gestalten. Nur leider ist es halt, so dass diese Konzepte einer besseren Zukunft fehlerhaft sind, nicht richtig funktionieren, sich nicht umsetzen lassen, weil sie halt de facto aus subjektiven Perspektiven entstehen. Aus unserer eigenen Unkenntnis über die Welt. Dennoch kriegen sie die Welt, also vielleicht nicht für diese, aber für die nächsten Generation und werden quasi sozusagen rezipiert als eine natürliche Welt.

De facto stapeln in einem globalen Prozess seit Jahrtausenden Unschärfen und Fehlannahmen aufeinander, die sicherlich auch immer mal wieder korrigiert werden, aber wir schaffen uns ein Lebensumfeld, was im Wesentlichen von Utopien, von eigentlich Behauptungen partizipiert und was eigentlich ein Leben in perfekten Bildern ist, wenn man so will. Wir schaffen uns eine Scheinwelt, die wir mit der echten Welt verwechseln, aber die echte Welt gar nicht mehr sehen können.
Wenn man sich nun die Frage stellt, wohin führt die Entwicklung, dann wird es objektiv so sein, dass unsere Welt immer kleinteiliger wird, immer parzelliert, immer mehr Dinge verbraucht, um diese Scheinwelt aufrecht zu erhalten. Es wird immer mehr erzeugt ganz logischerweise, weil man halt immer merkt die Utopie tritt nicht ein, der erwünschte Zustand entsteht nicht in der Realität und das wird zu einem endlosen Verbrauch führen, der natürlich irgendwann den Planeten sicherlich überfordern wird. Viel schlimmer ist die Wirkung für das Subjekt. Man darf nicht vergessen, dass Utopien im Menschen wirken und durch unsere modernen Massenmedien und die Kultur der Medien die ganzen gedachten Konstrukte, denen die Menschen hinterher jagen sozusagen. Die existieren im Menschen selbst, werden Teil seines Selbstbildes, werden Teil einer empfundenen Utopie. Die Gefahr, die ich für viel schlimmer halte, ist das sozusagen das Subjekt sich zunehmend in einer Scheinwelt verliert, die immer kleiner wird und in der es gar nicht mehr mit der Möglichkeit was alles die Natur um ihn herum hat, was immer das auch ist, in Berührung kommt und dass über dieses Leben in einer Scheinwelt eigentlich die Möglichkeit zu einer umfassenden Kenntnis zu einer wirklichen Verbesserung, die gesamte Lebenswelt immer mehr verschwinden wird. Sozusagen Platons Höhle. Der Mensch ist nicht in die Welt getreten. Er hat sich eine Scheinwelt gebaut und diese Höhle wird immer kleinteiliger und immer enger.


Dies ist ein Transkript eines Video-Interviews, welches Sie hier sehen können. 

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