Gastbeitrag Dr. Stefan Hartmann: Wissenschaft und (Sprach-)Politik – es ist kompliziert

Essay von Juniorprofessor Dr. Stefan Hartmann

In der Kontroverse über geschlechtergerechte Sprache, die derzeit wieder verstärkt geführt wird, scheinen die Fronten verhärtet – auch deshalb, weil die Diskussion einen Teilaspekt einer weit umfassenderen Debatte bildet. Die Diskussion zwischen Henning Lobin und Ulrike Ackermann sowie die Blogbeiträge von Ann-Kristin Iwersen und Achim Sohns zeigen sehr deutlich, dass wir es nicht nur mit unterschiedlichen Positionen, sondern auch mit unterschiedlichen Wahrnehmungen derselben Situation zu tun haben. Um zwei Fragen, die in einer Mitgliederumfrage der wbg angesprochen wurden, geht es in ihrer Debatte: Zum einen um die Frage, ob die wbg gendern sollte, zum anderen um die Frage, ob sie in ihrer Programmausrichtung politischer werden sollte. In diesem Beitrag wird es vorrangig um die erste Frage gehen, wobei die Verhältnisbestimmung zwischen Wissenschaft und (Sprach-)Politik immer wieder ein Thema sein wird.

Die Beiträge von Iwersen und Sohns gehen in eine ähnliche Richtung: Beide kritisieren „Gendersprache“ als unästhetisch und, viel wichtiger, als undemokratisch. Viele Befürworterinnen und Befürworter geschlechtergerechter Sprache, darunter auch ich, werden nicht müde, darauf hinzuweisen, dass weder irgendjemand zum Gendern gezwungen werden soll noch eine groß angelegte „Umerziehungsmaßnahme“ im Gange ist. Zugleich wird aber deutlich, dass dies teilweise anders wahrgenommen wird, dass ein „moralischer Druck“ (Ulrike Ackermann im Gespräch mit Henning Lobin) empfunden wird. Das ist ein Aspekt, den wir nicht ausblenden sollten, auch wenn wir die dahinterstehende Annahme nicht teilen. „Gendersprache“ – schon dies ist eigentlich ein Kampfbegriff – wird als autoritär verordnet, teilweise gar als Vorstufe zu einer Art Orwellschem Neusprech gesehen. Woher kommt diese Wahrnehmung? Diese Frage liegt etwas außerhalb meines wissenschaftlichen Kompetenzbereichs, aber nicht ganz: In meiner Arbeit geht es unter anderem um Sprachwandel, der als Prozess kultureller Evolution verstanden werden kann. Zeichensysteme aller Art, kollektive Wissensbestände, kulturelle Codes, Werte und Normen sind Wandelprozessen unterworfen, wobei sich aus dem Einzelhandeln zahlreicher Individuen ein System ergibt. Um das an einem sehr eingängigen Beispiel deutlich zu machen: Mein emeritierter Düsseldorfer Kollege Rudi Keller hat für Sprachwandel das Bild des Trampelpfads geprägt. Wenn viele Menschen unabhängig voneinander von A nach B gelangen wollen, entsteht er, ohne dass er von irgendwem beabsichtigt gewesen wäre.

 

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Tags: wbg, Community
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