Günter Müchler: Napoleon und die Pestkranken von Jaffa

Der Pesthauch kam vom Nildelta herüber. Als die ersten Soldaten erkrankten, diagnostizierten die Sanitätsoffiziere so allerhand. Ansteckungen bei dienstbaren Damen in Kairo kamen immer in Betracht. Erst beim Eintreffen der Seuche in Jaffa dämmerte es, dass sich der Schwarze Tod unter das Heer der Franzosen gemischt hatte.

Nun auch das noch! Der Kriegszug entlang der Küste Palästinas (man sprach damals von Syrien), zu dem Napoleon Bonaparte im Februar 1798 mit 13 000 Mann von Kairo aufgebrochen war, um einem türkischen Großangriff auf Ägypten zuvorzukommen, stand wahrhaftig unter keinem guten Stern. Zum Abschied hatte man gutgelaunt den „Chant du départ“ geschmettert. Schon bei der Durchquerung des Sinai war der Nachklang wie ein Hohn. „Wir haben Hunde gegessen, Esel und Kamele“, schrieb Napoleon General Desaix. Ein leichter Sieg, errungen bei El-Arish, besserte die Stimmung kurzzeitig auf. Dann kam Jaffa und mit Jaffa der Albtraum. Napoleon setzte auf die Vernunft der Besatzung und bot für die Übergabe freien Abzug an. Die Antwort war, dass der Kommandant der Zitadelle den französischen Parlamentär enthaupten ließ. Also Angriff. Wie zu erwarten, war der Widerstand bald gebrochen. In einer beispiellosen Raserei metzelten die Sieger in den Straßen nieder, was ihnen in die Quere kam. Zweieinhalbtausend Gefangene wurden am Strand erschossen, ein ungeheuerliches Vorgehen auch nach den Maßstäben der Zeit. Napoleon sprach später von einer „schrecklichen Notwendigkeit“ und rechtfertigte das Massaker mit einem Vertrauensbruch. Tatsächlich hatte er die Besatzung von El-Arish auf Ehrenwort freigelassen. Die feindlichen Soldaten mussten versprechen, nach Bagdad zu ziehen und niemals mehr auf Franzosen zu schießen. Das Versprechen wurde nicht gehalten. Unter den Gefangenen, die man in Jaffa machte, fand sich die gesamte Garnison von El-Arish wieder.

Die Pest war wie die Quittung auf das moralische Desaster der Massenerschießung. Täglich wuchs die Zahl der Erkrankten. Man würde sie zurücklassen müssen. Am 11. März erschien Napoleon in einem armenischen Kloster der Stadt, das man als Nothospital eingerichtet hatte. Die Ärzte warnten ihn, er dürfe den Kranken nicht zu nahe kommen. Doch Napoleon war der Ansicht, „moralischer Mut“ sei das beste Mittel gegen die Ansteckungsgefahr. Er sprach den Kranken gut zu; ob er Infizierte berührte, ist umstritten. In einem viele Jahre später veröffentlichten Bericht schilderte der Armee-Chefarzt Desgenettes den Oberbefehlshaber als halsstarrig und tollkühn. „In einem engen, überfüllten Raum half er den grässlichen Leichnam eines Soldaten aufzuheben, dessen zerfetzte Kleidung vom Eiter eines aufgeplatzten Pestgeschwürs besudelt war“. Den Vorwurf, er habe sich Napoleon nicht energischer widersetzt, wies Desgenettes zurück: „Wer glaubt, man könne so einfach seine Entschlüsse ändern und ihn mit irgendwelchen Gefahren einschüchtern, kennt ihn schlecht“.

Schlecht kannte Napoleon auch, wer seine Fähigkeit, auch aus der heikelsten Situation Nutzen zu ziehen, unterschätzte. Natürlich kam die Pest-Geste bei der Truppe gut an. Darüber hinaus lieferte sie den Ansatz für einen Akt Symbolpolitik, in der Napoleon ein unübertrefflicher Könner war. 1804 machte im Pariser Salon ein großrahmiges Ölbild von Antoine Gros Sensation. Das Gemälde zeigte Napoleon inmitten jammervoll Sterbender, wie er die die Beulen eines halbnackten Kranken berührt. „Bonaparte visitant des pestiférés de Jaffa“(„Bonaparte beim Besuch der Pestkranken von Jaffa“) ist ein Meisterwerk der Suggestion. Es erzählt die Geschichte eines Helden, dem das Schicksal der Gefährten wichtiger ist als das eigene Leben. Unübersehbar ist auch der aktuelle Bezug. 1804 wurde Napoleon zum Kaiser proklamiert, für den Sohn der Revolution ein erklärungsbedürftiger Vorgang. Gros‘ Bild ist eine Allegorie auf die wunderbare Heilkraft der französischen Könige, die nach der Krönung Skrofulösen öffentlich die Hand auflegten. Der Künstler war in Ägypten gar nicht dabei gewesen, aber das spielte keine Rolle. Antoine Gros hatte auch die Kämpfe um die Brücke von Arcole nicht miterlebt, genauso wenig wie Jacques-Louis David die Überquerung des Großen Sankt Bernhard. Und doch lieferten sie von beiden Ereignissen Bilder, die noch heute als Ikonen der Napoleon-Zeit geschätzt werden. Kunst der Art, wie Napoleon sie zum Zwecke der Eigenpropaganda haben wollte, brauchte die Wirklichkeit nur als Staffage. Entscheidend war, dass die Künstler das Genie einer Handlung oder eines Augenblicks erfassten und dafür eine allgemein verständliche Bildsprache fanden. Das gelang Gros mit den „Pestiférés“ ohne Zweifel.

Im Albtraum Jaffa fehlte noch das letzte Kapitel. Unter Zurücklassung der Pestkranken zog die kleine Armee weiter nach Norden, Ziel war Saint-Jean d‘Accre. Doch an den Verteidigungsanlagen des alten Akko, Hauptstadt des kurzlebigen Königreichs Jerusalem, bissen sich die Franzosen die Zähne aus. Mangels schwerer Artillerie scheiterten alle Versuche, die dicken Mauern der ehemaligen Kreuzfahrer-Feste zu durchbrechen. Der Rückzug, den Napoleon daraufhin einleitete, bot eine Vorahnung auf den noch schlimmeren aus Russland 1812: schreckliches Klima, unerträglicher Durst, Freischärlerhorden, die, aus Nablus oder aus dem Libanon kommend, die Marschkolonne wie Giftmücken umschwärmten. Wieder in Jaffa stellte sich die Frage, was zu tun sei mit den Pestkranken. Abermals stand Napoleon vor einer schicksalhaften Abwägung, einer Triage. Es kam zum Disput mit Desgenettes. Der solle den am ärgsten Betroffenen Opium verabreichen, verlangte Napoleon. Der Arzt weigerte sich. Seine Aufgabe sei es, Leben zu erhalten. Darauf Napoleon: Er seinerseits müsse die Armee erhalten. Außerdem dürften die Kranken nicht in die Hände der Türken fallen. „Ich empfehle, das zu tun, was ich in vergleichbarer Situation von mir selbst verlangen würde“. Schließlich fand sich ein Apotheker bereit, den tödlichen Trank zu mischen. Wie viele ihn nahmen und ob er überhaupt ausgegeben wurde, ist historisch ungesichert.

Fest steht, dass sich der Feind die Chance nicht entgehen ließ. 1801, nach der Kapitulation der Ägypten-Armee, verbreiteten die Engländer, horrormäßig ausgeschmückt, in Europa die Geschichte vom ruchlosen General Bonaparte, der eigene Soldaten töten ließ. Ein Grund mehr für Napoleon, mit den „Pestiférés de Jaffa“ eine Gegenerzählung zu schaffen.

 


 

 

Günter Müchler ist passionierter Frankreichkenner und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Französischen Revolution und Napoleon. Er studierte Geschichte und Politikwissenschaft und war bis 2011 Programmdirektor von Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur und DRadio Wissen. Zuletzt erschien bei der wbg „Napoleon. Revolutionär auf dem Kaiserthron“.

Tags: Seuche, Napoleon
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