Schreibwettbewerb »Freunde und Feinde«: Lesen Sie den Siegerbeitrag »Sarah«

»Sarah« – so lautet der Titel des Siegerbeitrags aus dem wbg-Schreibwettbewerb zum Thema »Freunde und Feinde«.

Herzlichen Dank an Cornelia Becker für diesen Beitrag.

 

Wir waren alleine unterwegs und hatten uns verlaufen, aber das war nicht Großmutters Schuld. Es war niemandes Schuld. Wir waren auf der Flucht. Anfangs gingen wir in einer Gruppe mit Leuten aus unserem Dorf, wir waren unter den Letzten, die aufbrachen. Das hatte seinen Grund in Großmutters schlimmer Hüfte. Vor Jahren hatte sie sich bei einem Sturz vom Traktoranhänger herab die Hüfte gebrochen, seither ging sie an einer Krücke und konnte nur noch unter Schmerzen laufen. Deshalb hatten wir lange gewartet mit dem Aufbruch, Mutter hoffte bis zuletzt auf eine Mitfahrgelegenheit. Doch es kam niemand, kein Pritschenwagen, keine Kutsche. Es gab kein Benzin mehr, denn es wurde an der Front gebraucht, und die Pferde und Kutschen waren schwer beladen längst alle fort.

Wir hielten die Gruppe auf, Großmutter war zu langsam. Sie schlug vor, allein weiterzugehen, doch Mutter lehnte das ab, in diesem Ton, der keine Widerrede zuließ. Niemand in der Gruppe ließ uns gerne zurück, aber der Kanonendonner in der Ferne war jeden Tag deutlicher zu hören. Sie wollten den vorgesehenen Weg mit aus Zweigen gelegten Pfeilen für uns markieren. Unsere Gemischtwarenhändlerin bot an, mich mitzunehmen, doch ich klammerte mich an Mutter, niemals würde ich sie und Großmutter verlassen. 

Einige Tage zuvor ergriff mich diese Angst, die mich lange nicht mehr loslassen sollte. Mutter fing an zu packen. Heimlich, eines Nachts, doch ich lag wach und hörte sie Schubladen aufziehen und Schranktüren öffnen und schließen. Morgens standen zwei Rucksäcke und mein Schulranzen hinter der Haustür. Ich sollte dieses Jahr in die Schule kommen, der Schulranzen war mein ganzer Stolz. Nun war etwas Kleidung darin und ein paar Brote, ein Stück Käse, eine Flasche mit Wasser. Mutter half mir, ihn zu schultern, er war schwer. Zuvor hatte sie das Frühstücksgeschirr abgewaschen und alles ordentlich in die Anrichte geräumt, so als würden wir nur einen Ausflug machen und heute Abend wieder zurück sein. Doch so war es nicht. Ich fing an zu weinen.

„Ich möchte Sarah mitnehmen, Mama.“

Sarah war meine Stoffpuppe, sie war ein Geschenk von Tante Sarah, nach der ich sie benannt hatte, weil ich Tante Sarah so sehr liebte. Sie war nicht meine richtige Tante, sondern die beste Freundin meiner Mutter und sie war ein Schatz. Sie war die Lehrerin in unserer Dorfschule, brachte uns Kindern lesen, schreiben und rechnen bei und erzählte Geschichten zum Lachen und zum Schmunzeln, weswegen sie sehr beliebt war. Ich kam schon früh in den Genuss ihrer Geschichten. Sie machte Ausflüge mit mir, wir gingen in den Wald, wo sie mir von den Kräuterweiblein erzählte und mir zeigte, welche Pflanzen man in eine gute Suppe tun konnte. Im Sommer wanderten wir manchmal zum nahegelegenen See und während ich am Ufer auf ihrem Schoß saß, sang sie mir fremdklingende Lieder vor, wunderschöne Lieder. Eines Tages war Tante Sarah verschwunden.

„Wo ist sie, Mama?“

„Ach Kind…“

Das sagte Mutter nur, wenn sie mir etwas nicht erklären konnte oder wollte. So wie damals, als ich fragte, warum Vater in den Krieg ziehen musste, obwohl er über diesen Krieg immer geschimpft hatte. Es war sinnlos, nachzufragen, mehr würde ich aus ihr nicht herausbekommen. Es sollte eine andere Lehrerin an unsere Schule abgeordnet werden, doch so weit kam es nicht mehr. Bald darauf begann die große Flucht.

„Sei doch vernünftig, für die Puppe ist kein Platz mehr, wir können sie nicht mitnehmen.“

„Ich gehe nicht ohne Sarah, Mama, sie hat solche Angst ohne mich!“

Mutter seufzte und ging zur Kommode im Elternschlafzimmer. Sie kam mit ihrem langen Seidenschal zurück, einem Geschenk meines Vaters. Diesen band sie mir um und steckte Sarah hinein.

„Aber glaub ja nicht, dass ich oder Großmutter sie für dich tragen! Und wenn du sie verlierst, will ich kein Wort hören! Ist das abgemacht?“

Ich drückte Sarah an mich. Ich würde gut auf sie aufpassen, egal was passierte!

Nur zwei Tage, nachdem wir die Gruppe verlassen hatten, sahen wir keine Pfeile mehr. Waren keine mehr ausgelegt worden? Hatten wir sie übersehen? War etwas passiert? Wir blieben auf breiteren Waldwegen, mieden die Straßen und liefen und liefen. Mutter versuchte einen Anschein von Zuversicht zu wahren, aber ich war mir bald sicher, dass wir uns verlaufen hatten.

„Da, da hinten, schau, da ist eine Hütte!“, rief ich.

„Nicht so laut“, maßregelte mich Mutter.

„Bitte, lass uns dorthin gehen, vielleicht gibt es etwas zu essen in der Hütte“, bat ich sie leise. Unser Proviant war längst aufgebraucht, wir aßen, was wir im Wald fanden.

„Das ist gefährlich, wir wissen nicht, ob der Feind dort ist“, antwortete sie.

Sie klang unglaublich erschöpft. Großmutter, die immer weiter hinter uns zurückgeblieben war, erreichte uns. Sie blickte mit der gleichen Sehnsucht nach der Hütte wie ich.

„Also gut, lasst es uns versuchen“, meinte Mutter und ging vorsichtig in Richtung der Hütte, wir folgten ihr langsam. Die Hütte war verlassen. Es fand sich auch nichts zu essen darin. Aber da stand ein Bett in einer Ecke. Ein Bett! Welch eine Vorstellung, für eine Nacht in einem Bett zu schlafen! Wir waren so müde, so unendlich müde. Mutter und Großmutter wiesen mich an, drinnen zu bleiben und suchten den Bereich um die Hütte weiträumig ab. Kein Mensch weit und breit. Wir holten uns Wasser am Brunnen draußen und aßen ein paar Beeren, die wir unterwegs gesammelt hatten. Mir zog sich ob der Säure sofort der Magen zusammen.

Wenig später hörten wir Schritte. Mutter und Großmutter erstarrten.

„Versteck dich!“, flüsterte Mutter mir zu.

Aber wo? Ich kroch unter das Bett, es war die einzige Möglichkeit, sich auch nur einigermaßen zu verbergen.

Stimmen erklangen, in der fremden Sprache des Feindes. Mutter schlug die Hände vor den Mund. Dann waren sie auch schon da, drei Soldaten polterten in die Hütte, sahen Mutter und Großmutter am Tisch sitzen. Sie grinsten und winkten sie zu sich. Mutter klammerte sich am Tisch fest. Großmutter stützte sich auf ihre Krücke, um aufzustehen. Einer der Männer schlug ihr die Krücke weg und sie fiel hin. Mutter schrie auf. Der Mann packte sie und zog sie in Richtung Bett. Großmutter versuchte, sich aufzurichten, kam auf die Knie und verblieb so. Sie faltete die Hände vor der Brust und fing an zu beten.

„Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name…“

Ich hielt mich an Sarah fest und betete lautlos mit.

„Mach die Augen zu!“, rief Großmutter mir leise zu, aber ich konnte nicht.

Plötzlich ging die Tür erneut auf und ein weiterer Soldat kam herein. Er schaute sich kurz um und entdeckte mich dabei sofort. Vielleicht weil ich ihn so anstarren musste. Er hatte den anderen wohl etwas zu sagen, denn er brüllte sie in harschem Befehlston an. Daraufhin ließ der eine meine Mutter los. Die drei Soldaten schulterten ihre Rucksäcke, die sie beim Eintreten abgeworfen hatten und gingen murrend hinaus. Der Mann kam zu mir und bedeutete mir, unter dem Bett hervorzukriechen. Mutter weinte, „Bitte, bitte, tun sie ihr nichts, sie ist doch ein Kind“, flehte sie.

Ich stand nun vor ihm, noch immer hielt ich Sarah fest in meinem Arm. Der Mann kniete sich hin und griff in seine Uniformjacke. Er holte ein zerknittertes Foto aus einer Innentasche. Ich schaute es an. Ein kleines Mädchen war darauf zu sehen.

„Katharina“, sagte er und deutete auf das Mädchen. Sein Finger war schmutzig, der Fingernagel ganz schwarz.

Das Mädchen hatte geflochtene Zöpfe wie ich, sie trug ein hübsches Kleidchen und stand vor einer Schaukel, einem Brett an zwei Seilen, aufgehängt am massiven Ast einer Eiche. Sie hatte eine Stoffpuppe im Arm. Ich fand, sie sah nett aus. Bestimmt wären wir Freundinnen gewesen, hätten wir im gleichen Dorf gelebt. Wir hätten mit unseren Puppen gespielt, hätten sie mit einem Brei aus Sand, Wasser und den Kräutern, die mir Tante Sarah gezeigt hatte, gefüttert und hätten uns gestritten, wer zuerst schaukeln darf.

„Katharina“, sagte der Mann noch einmal und seine Stimme klang gepresst. Ich schaute zu ihm auf, eine Träne lief ihm übers Gesicht, sie hinterließ eine helle Spur auf seiner Haut. Ich nahm einen Zipfel des Seidenschals und wischte sie weg. Wortlos drückte der Mann mich an sich. Er erhob sich, ging zum Tisch, stellte seinen Rucksack ab und nahm ein Kästchen heraus, mit dem er zu Mutter hinüberging. Er öffnete das Kästchen und erklärte etwas, deutete auf das Fenster gegenüber der Tür, auf das Kästchen und wieder auf das Fenster. Schließlich kramte er noch etwas aus dem Rucksack, in Stoff eingeschlagen, übergab es zusammen mit dem Kästchen meiner Mutter und verließ die Hütte, ohne sich umzusehen. Draußen gerieten die Soldaten in Streit, es wurde laut. Wir hielten den Atem an. Endlich verklangen ihre Schritte in der Dunkelheit.

Mutter half Großmutter wieder auf die Beine, beide sanken auf die Stühle am Tisch.

„Mama, was ist das für ein Kästchen?“, fragte ich.

„Ein Kompass, es ist ein Kompass.“, antwortete sie, noch immer zitternd.

„Was macht man damit?“

„Der Kompass zeigt uns die Richtung, in die wir gehen müssen“, erklärte sie. „Wir müssen hier lang.“ Sie deutete auf das Fenster.

„Er hat uns seinen Proviant überlassen“, sagte Großmutter, die mittlerweile das Stück Stoff auseinandergeschlagen hatte. Es waren ein paar trockene Brote darin. Wir teilten uns eines, aßen den Rest der sauren Beeren dazu und tranken das Wasser aus dem Brunnen. Danach legten wir uns in das Bett und schliefen ein. Über die Männer redeten wir nicht mehr. Auch nicht über das Foto.

Die nächsten Tage gingen wir fast pausenlos weiter, wir nutzten nur noch schmale Pfade und Mutter behielt den Kompass ständig im Blick. Irgendwann kamen wir in die Nähe eines Bauernhofes, wir waren noch weit weg, aber schon kam eine Frau aus dem Haus gestürmt, um uns zu vertreiben.

„Verschwindet, ihr Pack, hier gibt es nichts zu essen für euch, wir haben selbst nichts, schert euch zum Teufel!“, schrie sie uns entgegen. Wir fielen uns in die Arme, lachten und weinten gleichzeitig, Mutter umarmte mich und Großmutter so fest, dass wir keine Luft mehr bekamen. Wir hatten die Front weit genug hinter uns gelassen, wir waren in Sicherheit!

Wir erreichten ein Dorf, von wo aus man uns zusammen mit anderen Geflüchteten in die nächste Stadt brachte, dort zum Bahnhof und in eine noch größere Stadt. Es wurde uns ein Zimmer zugewiesen, das wir uns mit vielen anderen Frauen und Kindern teilen mussten. Ich band Sarah fest an mich, denn hier wurde alles gestohlen, was nicht unter ständiger Aufsicht war. Wieder wurden wir weitergeschickt, in eine andere Stadt, in ein anderes Zimmer, genauso überfüllt, aber hier hatten wir mehr zu essen. Und diese Stadt brachte uns Glück. Mutter fand Arbeit als Näherin, wir konnten eine kleine Dachkammer nur für uns mieten. Großmutter entwickelte meisterhafte Qualitäten bei allerhand Tauschgeschäften, sie nahm mich dabei mit und ich lernte die ganze Stadt und unglaublich viele Leute kennen.

Im nächsten Sommer wurde ich eingeschult. Mutter half mir, den ramponierten Schulranzen zu schultern, er hatte alle Strapazen überstanden. Sie packte voller Stolz einen dicken, rotwangigen Apfel hinein und gleich drei Karamellbonbons, die Überraschung war ihr wirklich gelungen. Sie und Großmutter brachten mich zu meiner neuen Schule, es standen viele Kinder im Schulhof und alle waren so aufgeregt wie ich. Wir wurden in Klassen eingeteilt, meine zukünftige Lehrerin stellte sich vor, sie sah streng aus. Ich dachte an Tante Sarah und versuchte krampfhaft, nicht traurig zu werden. Es war doch alles gut jetzt. Mutter und Großmutter lächelten mir aufmunternd zu, als ich zusammen mit den anderen Kindern ins Schulgebäude ging.

Tante Sarah wurde in dem Lager, in das sie verschleppt worden war, getötet. Sie unterrichtete dort bis zu ihrem letzten Tag die mitgefangenen Kinder, brachte ihnen lesen, schreiben und rechnen bei. Ganz bestimmt hat sie ihnen ihre Geschichten zum Lachen und zum Schmunzeln erzählt. Die Schule, die nach dem Krieg in unserem Dorf wiederaufgebaut wurde, trägt ihren Namen. Eine Granittafel im Foyer erinnert an sie und daran, was sie für die Kinder getan hat.

Vater kam nach langer Zeit zurück. Er war ganz anders als früher. Alles war anders.

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