Sir Christopher Clark: Meine Begegnungen mit Bismarck

2021 jährt sich die Gründung des Deutsches Reiches zum 150. Mal. Bei runden Jubiläen schaut man gerne zurück. Das gilt im Großen wie im Kleinen. Wenn ich dieser Tage über Bismarck nachdenke, komme ich immer wieder auf die Biographie zurück, die mein Doktorvater Jonathan Steinberg 2012 über den „Eisernen Kanzler“ veröffentlicht hat. In der überaus anregenden historiographischen Landschaft, die sich in den letzten anderthalb Jahrhunderten zu Bismarck ausgeformt hat, schlägt dieses Werk über den Magier der Macht einen ganz besonderen Weg ein. Statt Bismarck primär durch die Brille seiner eigenen Aussagen zu betrachten, konzentriert sich Steinberg nämlich darauf, was die Zeitgenossen des Reichsgründers über diesen gesagt und gedacht haben. Das Narrativ, das er auf diese Weise entwirft, gleicht einem faszinierenden, dreidimensionalen Hologramm einer titanenhaften, aber doch überaus menschlichen Person, das uns die physische Präsenz Bismarcks, das Gewicht seiner Persönlichkeit, die vernichtende Wirkung seiner Stimmungsschwankungen und Wutanfälle, aber auch den sanften Zauber seines Charmes förmlich fühlen lässt.

Steinbergs Bismarck-Biographie erinnert uns überhaupt daran, auf welche unterschiedlichen Arten wir Bismarck begegnen können. Natürlich hat uns Letzterer selbst einen umfangreichen Korpus an Memoiren hinterlassen. Bei seinen Gedanken und Erinnerungen handelt es sich aber um einen Akt der Selbstinszenierung, den der Kanzler unternahm, um sich selbst für die Nachwelt so zu verewigen, wie er es wollte. Er wollte, wie König Friedrich II., den er verehrte, sein Bild für die Zukunft fixieren. Umso bedeutender sind die Zeugnisse, die uns jene Menschen hinterlassen haben, die ihm nahekamen, mit ihm arbeiteten, ja mit ihm lebten und so die Beschränkungen und Möglichkeiten des Systems verstanden, in dem diese vermeintlich überlebensgroße Figur der deutschen Geschichte agierte. Daher ist es ein überaus großer Gewinn, dass die Wissenschaftliche Buchgesellschaft in diesem Jubiläumsjahr mit den Erinnerungen Robert von Keudells und Robert Lucius von Ballhausens zwei Klassiker des reichhaltigen Quellenfundus zu Bismarck in dem Doppelband Begegnungen mit Bismarck neu herausgibt. 

Meine erste persönliche Begegnung mit Bismarck hatte ich im Alter von acht Jahren, als ich durch die Bücher meines Großonkels Jack blätterte. Jack wohnte in Tallwood Station, einer abgeschiedenen Rinderfarm im australischen Outback, im trockenen, roten Norden von New South Wales. Der nächstgrößere Ort war Come by Chance, was im Deutschen in etwa so viel heißt wie „zufällig vorbeigekommen“. Ich weiß nicht, wie viele Menschen dort zu der Zeit lebten, als ich Bismarck entdeckte. Aber es waren nicht viele. 2006 registrierte eine Volkszählung 187 Einwohner. Laut dem nächsten Zensus zehn Jahre später war die Bevölkerung auf 125 Menschen geschrumpft. Woher der Ort seinen Namen hat, kann ich nicht sagen. Aber er scheint mir rückblickend doch durchaus gut gewählt. Denn wenn ich an die lokale Bevölkerung zurückdenke, die – wie Jack immer zu sagen pflegte – in diversen Stadien geistiger Verwirrtheit vor sich hin existierte, verirrten sich wirklich nur die Leute nach Come by Chance, die der Zufall dorthin geführt hatte. Jedenfalls standen auf den Regalen meines Großonkels mehrere englischsprachige Bismarck-Biographien: A. J. P. Taylor, Edward Crankshaw, Erich Eyck, Emil Ludwig (beide in englischer Übersetzung) und einige andere Klassiker. Wieso mein Onkel, der diese Bücher nach eigenem Bekunden mit großer Freude gelesen hatte, so sehr an Bismarck interessiert war, weiß ich nicht mehr.  Ich habe ihn damals gefragt, kann mich aber nicht mehr an die Antwort erinnern. Umso interessanter erscheint mir die Frage jetzt, wo ich dieses Nachwort über Begegnungen mit Bismarck schreibe. 

Jack ist 1985 verstorben; ich kann ihn also leider nicht mehr persönlich fragen. Er war sicherlich kein natürlicher Kandidat für einen Bismarck-Enthusiasten, war er doch ein stolzer Australier irisch-katholischer Abstammung. Aber die frühen Bismarck-Biographien maßen dem Kulturkampf, der ihm als devoten Katholik bitter hätte aufstoßen können, keine große Bedeutung bei. Von daher hat er über diesen dunklen Fleck in der Vita seines Helden wohl leicht hinwegsehen können. Außerdem hatte man als Australier mit irischem Blut zu der damaligen Zeit eine ganz bestimmte Sichtweise auf die moderne Geschichte: Man blickte mit skeptischen – jedenfalls ambivalenten – Augen auf die Anmaßungen Großbritanniens und seines Empires. Die ersten Vorfahren meines Onkels, die nach Australien gekommen waren, hatten Irland verlassen, um der Hungersnot zu entfliehen, die zwischen 1845 und 1849 zwischen einem Fünftel und einem Viertel der irischen Bevölkerung das Leben gekostet hatte. Vielleicht blickte Jack also deswegen mit Interesse auf Bismarck, weil er in ihm einen sympathischen Gegenspieler Großbritanniens in den weltpolitischen Verwicklungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts sah. Dafür spricht auch eine persönliche Erfahrung. Jacks älterer Bruder Jim hatte im Ersten Weltkrieg gegen die Deutschen gekämpft und – nachdem er verwundet und in einem englischen Hospital gesund gepflegt worden war – einen Abstecher in die irische Heimat der Vorfahren unternommen, bevor er nach Australien zurückkehrte. Später erzählte er seinem Bruder oft von seiner Enttäuschung, als er mitansehen musste, wie die Briten, für deren Empire er gekämpft hatte, im Irischen Unabhängigkeitskrieg zwischen 1919 und 1921 die Nationalbewegung der Grünen Insel rücksichtslos niederschlugen. Vielleicht las Jack aber auch einfach deshalb gerne über Bismarck, weil er genau wie dieser ein Mann von Recht und Ordnung war, mit einem intuitiv konservativen Blick auf die Welt. Bismarcks Kampf gegen die Sozialdemokraten wird Jack wohl ohne Zweifel mit Wohlwollen betrachtet haben. 

Während meiner akademischen Laufbahn bin ich Bismarck immer wieder begegnet, obwohl keines meiner Bücher sich ausschließlich mit ihm befasst hat. In meinem ersten Buch, das sich mit dem missionarischen Protestantismus und den Juden in Preußen zwischen 1728 und 1941 beschäftigte, tauchte Bismarck durch seine Kontakte zu den pietistischen Kreisen um seine spätere Frau Johanna von Puttkamer auf. Danach trat er in meiner Biographie Wilhelms II. als der Titan auf, der über das frühe Leben des Kaisers wachte. Im Zusammenhang mit dem größeren Narrativ der preußischen Geschichte, das ich in Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600–1947 entworfen habe, spielte Bismarck eine ambivalente Rolle. Er erschien mir als der letzte Preuße und der erste Deutsche, als ein Mann, der fest daran glaubte, den historischen Auftrag Preußens zu erfüllen, und doch mit der Reichsgründung das Ende dieses bemerkenswerten Staates einleitete. In den Schlafwandlern, dem Buch, das ich über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges geschrieben habe, war Bismarck wiederrum eine entfernte, aber gleichzeitig wichtige Figur. Denn nur, wenn man die gesamte Periode zwischen 1870 und 1914 in den Blick nimmt, erkennt man die Wahrheit in der Aussage, die Disraeli im Februar 1871 – kurz nach der Proklamation des Deutschen Kaiserreiches in Versailles – vor dem britischen Unterhaus traf, nämlich dass „die deutsche Revolution“ beziehungsweise Reichseinigung „ein größeres politisches Ereignis [war] als die französische Revolution des letzten Jahrhunderts“. Erst als ich in den vergangenen paar Jahren eine Studie zur Beziehung zwischen Zeit und Macht verfasst habe, wurde Bismarck zum Kronzeugen des Arguments, das ich in diesem Zusammenhang entwickelt habe. Bismarck benutzte oft zeitliche Metaphern und beschrieb sich selbst als „Steuermann im Strom der Zeit“. Geschichte war für ihn ein immenser, schnell rauschender Fluss. Über dessen Fließrichtung hatte der Staatsmann keine Kontrolle. Er konnte jedoch, so Bismarck, das Steuer des auf diesem Fluss fahrenden Staatsschiffes entschlossen in die Hand nehmen, um stückweise den Kurs nach rechts und nach links zu ändern, um so die größten Gefahren zu umschiffen.

In letzter Zeit bin ich Bismarck außerdem immer wieder bei meinen Beobachtungen der britischen Politik begegnet, wo er eine unerwartete Wiederauferstehung erlebt. Er ist das große Vorbild von Dominic Cummings, dem engsten Berater des gegenwärtigen Premierministers. Cummings, ein nassforscher Super-Politberater des neuen Typus, unterhält im Internet einen umfangreichen Blog, in dem er wiederholt auf jenen außerordentlichen Moment zu sprechen kommt, als Bismarck aus dem politischen Abseits plötzlich ins Zentrum der Macht berufen wurde, um das Amt des preußischen Ministerpräsidenten zu übernehmen. In diesem Moment, so Cummings, prallte eine potente Nichtlinearität (nämlich Bismarck selbst) mit der Weltgeschichte zusammen. Nach Cummings Ansicht hatte die disruptive Wirkung Bismarcks auf die preußische Politik nur Vorteile. Indem er die liberale Mehrheit des preußischen Landtags zur Weißglut brachte und das parlamentarische System inoperabel machte, schuf er in den Augen Cummings nichts als neue und kreative Möglichkeiten. 

In der Tat war Bismarck ein Staatsmann, der es bevorzugte, Konflikte nicht zu lösen, sondern sie zu eskalieren, weil er darauf hoffte, dadurch neue Machtkonstellationen zu kreieren. Zur großen Verwunderung seiner Freunde wie Feinde fühlte sich Bismarck an keine Konvention oder Tradition gebunden. Er war kein Konservativer des alten Typs, da er nie davon träumte, die ständische Welt des Adels wiederherzustellen; er war aber auch kein Liberaler. Er verachtete Beamte und hasste Journalisten. Mit all diesen Kräften konnte er aber trotzdem zusammenarbeiten, wenn es ihm angebracht erschien. Seine ganze Karriere ist gespickt mit den erstaunten Reaktionen jener, die sich als seine engsten Mitstreiter wähnten und sich nur wenige Wochen oder Monate später im Lager derer wiederfanden, die er für andere machtpolitische Partner fallen gelassen hatte.

In seiner Umtriebigkeit und Skrupellosigkeit war Bismarck der Prototyp eines gewissenlosen, ganz bewusst disruptiven Machtpolitikers, der sich einer großen Bandbreite verschiedenster Mittel mit größter Finesse bediente. Vermutlich sieht ihn Dominic Cummings genau deswegen als leuchtendes Vorbild. Er ähnelt insofern jenen schrankenlosen deutschen Bewunderern Bismarcks, von denen Max Weber kritisch schrieb, dass sie „nicht etwa [für] die Großartigkeit seines feinen und beherrschenden Geistes [schwärmten], sondern ausschließlich [für] den Einschlag von Gewaltsamkeit und List in seiner staatsmännischen Methode, das scheinbar oder wirklich Brutale daran“.  Die endgültigen Ziele der Bismarck'schen Politik waren – ähnlich, wie das beim Brexit auch der Fall war – nicht immer leicht zu erkennen, auch nicht für Bismarck selbst. In der Phase der Einigungskriege besaß Bismarcks Politik eine große Zukünftigkeit. Nach der Gründung des Reiches beschäftigte er sich in einer zweiten Phase seines Schaffens mit der inneren Staatsbildung und der Eingliederung der neuen Großmacht in das internationale Staatensystem. In den 1880er Jahren, als sich die Staatsbildungsprozesse schon verselbstständigt hatten, gingen Bismarck dann langsam die großen Ideen und Ziele aus. Sein Augenmerk lag in dieser dritten Phase seiner Zeit an der Regierungsspitze hauptsächlich auf der Bewahrung dessen, was er geschaffen hatte, das heißt, auf der Verteidigung des Kaiserreiches gegen eine breite Palette realer und eingebildeter Feinde. 

Die Memoiren Ballhausens und Keudells können uns dabei helfen, all diese Dinge besser zu verstehen. Obwohl Ballhausen nur elf Jahre jünger war als Keudell, beschäftigen sich ihre Erinnerungen mit ganz verschiedenen Phasen von Bismarcks Karriere. Keudell betrachtet die Ära der Reichseinigung, Ballhausen die Zeit als Kanzler des neuen Reiches. Zudem haben die beiden Männer ziemlich unterschiedliche Blickwinkel auf Bismarck. Keudell war einer der „Privatsekretäre“, die Bismarck während seiner langen Karriere verschliss. Für ihr Verhältnis gilt wohl das französische Sprichwort: „Für seinen Diener ist kein Mann ein Held“ (Il n'y a pas de grand homme pour son valet-de-chambre). Natürlich verehrte Keudell die große Lichtgestalt, für die er arbeitete. Aber er sah auch hinter den Schein, die Wutanfälle, die Stimmungsschwankungen, die zahllosen Fehden, die fast melancholische Nachdenklichkeit, den Mangel an Empathie, dafür aber auch die Liebe zur Musik, vor allem zu Beethoven, den Bismarck auf genauso liebevolle wie irritierende Weise „Beetchen“ nannte, wie Keudell beschreibt. Ballhausen war ebenfalls durch und durch Bismarckianer. Auch wenn es immer wieder Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen gab, hielt er Bismarck, dem er ab 1879 als Landwirtschaftsminister diente, doch bis zum Schluss die Treue, ja schied sogar kurz nach dessen Rücktritt ebenfalls aus dem Amt. Dabei war Ballhausen durchaus kritisch gegenüber seinem Chef. So verabscheute er zum Beispiel die Härte, mit der Bismarck den sterbenden Friedrich III. während dessen 99 Tagen auf dem Thron behandelte. Trotz aller Vorbehalte gegen das dominante Platzhirschgehabe des Kanzlers gab Ballhausen aber letztlich immer klein bei, wenn es zu Konflikten kam. Sein Platz war fest an der Seite seines Vorgesetzten, Mentors, und Freundes. 

Beide Männer lassen in ihren Erinnerungen keinen Zweifel an der einzigartigen Präsenz Bismarcks. Jenseits aller Reden, Memoiren, Briefe, Anordnungen, und Gesetze, die Bismarck mit viel Esprit, ungezügelten Emotionen, und analytischem Scharfsinn verfasst hat, bleibt die Macht seiner Persönlichkeit über diejenigen, die sich in seiner Umgebung bewegten, ein Rätsel. Indem wir Bismarck durch die Lektüre von Keudells und Ballhausens Erinnerungen neu begegnen, können wir jedoch mit großer Klarheit erkennen, dass genau diese höchsteigene persönliche Kraft eine entscheidende Zutat seines politischen Erfolgsrezeptes war.       


Cambridge, August 2020

 


 

Christopher Clark lehrt als Professor für Neuere Europäische Geschichte am St. Catharine's College in Cambridge. Zu seinen Forschungsgebieten zählt neben der preußischen die deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Für sein Buch "Preußen" erhielt er 2007 den renommierten Wolfson History Prize sowie 2010 als erster nicht-deutschsprachiger Historiker den Preis des Historischen Kollegs. Sein epochales Buch über den Ersten Weltkrieg, »Die Schlafwandler« (2013), war ein international überwältigender Erfolg. Zuletzt erschien von ihm »Von Zeit und Macht« (2018).

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