Über die Grenzen des Humors: Die Autorin Antonia Gießmann-Konrads im Gespräch mit Sandy Valerie Lunau

Dr. phil. Antonia Gießmann-Konrads studierte Neuere und Neueste Geschichte, Politikwissenschaft und Deutsche Philologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Sie ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historischen Institut der Universität Duisburg-Essen beschäftigt. Sandy Valerie Lunau von den wbg Publishing Services spricht mit ihr über Humorforschung und Gießmann-Konrads' Bücher »Grenzen des Sag- und Zeigbaren« und »John Bull through foreign Spectacles«.

Sandy Lunau: Zu Ihren Forschungsgebieten zählen Humortheorie und die Geschichte des Humors. Wahrscheinlich gibt es wenige Fragen, die strittiger sind als die, was Humor ausmacht. Wie definieren Sie – gerne auch ganz unwissenschaftlich – Humor?

Antonia Gießmann-Konrads: Das stimmt, Humor ist ein schillernder Begriff, der sich auch inhaltlich mit verschiedenen Akzenten konturieren lässt. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass die Abweichung von der Norm, man könnte auch von einer Regelverletzung sprechen, den Kern dessen ausmacht, was man als Humor bezeichnen kann. „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“, so ein bekannter Aphorismus, und hier ist mit Sicherheit auch etwas Wahres dran: Hat man Sinn für Humor, ist man eher gewillt und in der Lage Formen dieser Regelverletzung zu akzeptieren. Die Kunst bei der Humorproduktion liegt allerdings darin, auszutarieren, in welchen Grenzen diese Abweichung von der Norm verlaufen darf, um beim Humorrezipienten den gewünschten Effekt zu erreichen. So funktioniert Humor bspw. nicht, wenn innerhalb der Regelverletzung ethische, moralische oder religiöse Gefühle verletzt werden. Dies hat – als extremste Reaktion auf eine solche Normabweichung durch Charlie Hebdo – die Enthauptung eines französischen Lehrers im Oktober 2020 einmal mehr vor Augen geführt.

Sandy Lunau: In Ihrer Doktorarbeit haben Sie sich mit dem Englandbild in deutschen Satireblättern des 19. Jh. befasst. Warum haben Sie sich ausgerechnet für die Karikatur als Medium von Mentalitäten entschieden?

Antonia Gießmann-Konrads: Berichterstattung war im 19. Jahrhundert in erster Linie textbasiert und nicht zu vergleichen mit der massenmedial erzeugten Bilderschwemme im Zeitalter des Internets. Bilder – auch Englandbilder –, in Form von Karikaturen besaßen folglich eine besondere Wirkmächtigkeit und macht sie damit für HistorikerInnen zu einer bedeutenden Quelle, v.a. für deutsche Selbstbilder! Ziel der deutschen Satireproduktion war es, so könnte man zugespitzt formulieren, das britische Selbstverständnis im Kern zu treffen. Dadurch, dass Karikaturen in ihrer Darstellungsweise von der Norm abweichen, geben sie Aufschluss darüber, was unter dieser verstanden wurde. Durch sie erhalten wir einen plastischen Einblick in mentale Dispositionen, Überzeugungen und das jeweils vorherrschende zeitgenössische Wissen. Da sich diese Komponenten im Laufe der Zeit ändern, sind sie in der Rückschau oft nur durch mühevolle Rekonstruktion des damaligen Publikationskontextes zu verstehen. Wie in keinem anderen Medium verdichten sich in Karikaturen – gleichsam wie in einem Brennglas –, das für ihre Entstehungszeit Typische (und das in bildhafter Form!).

 

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