»Ein Philosoph im wahrsten Sinne dieses Wortes«: Klaus Vieweg zum Tod von Dieter Henrich

Nachruf von Prof. Dr. Klaus Vieweg (Friedrich-Schiller-Universität Jena)

 

Die deutsche Philosophie hat mit Dieter Henrich den bedeutendsten Denker der letzten Jahrzehnte verloren, Henrich verstarb am 17. Dezember im Alter von fast 96 Jahren in München. Die damit in die philosophische Gelehrtenwelt gerissene Lücke wird in absehbarer Zeit nicht zu schließen sein.

 

Metaphysik in der modernen Zeit
Henrichs wissenschaftliches Kernanliegen lag im ernsten philosophischen Nachdenken über Metaphysik im guten, aristotelischen Sinne, im Erkunden der Möglichkeit einer metaphysisch gegründeten Philosophie der Moderne. Damit steht sein Werk mit dem Bestreben zur Erkenntnis von Wahrheit gegen kurzlebige Modetrends und gegen das Gerede von einem nachmetaphysischen Zeitalter. Die Hauptinspiration hierfür sah Henrich in der an Kant anschließenden Philosophie des Deutschen Idealismus, deren Lebendigkeit er in eindrucksvoller, einzigartiger Weise besonders hinsichtlich Fichte, Hölderlin und Hegel herauszuarbeiten vermochte. Dass diese philosophische Denkströmung keineswegs in die Mottenkiste der Philosophie gehört, wie es heute manche wünschen und gebetsmühlenhaft verkündigen, dafür hat Henrich sein Leben lang tiefgründige Argumentationen vorgelegt – besonders in den heute zum Standard gehörigen Studien zu Fichte, Hölderlin und Hegel. Die vermeintlich toten Hunde des Idealismus zeigen bis heute auch dank Henrich ihre skalpellscharfen Zähne; die ungebrochene Aktualität dieses Denkens von Vernunft und Freiheit wird international immer stärker sichtbar.

Einen Kernbeitrag hierzu lieferte das von Henrich geleitet »Jena-Projekt«, das sich seit 1985 der Aufklärung der philosophischen und intellektuellen Situation an der Universität Jena während der Jahre 1789 bis 1795 widmete. Der herausragende Ertrag dieses Forschungsprogramms verbindet sich bis heute mit dem Wort »Konstellationsforschung«. »Für die Chronologie« – so Henrich – »sind die beiden Jahrzehnte am Ausgang des 18. Jahrhunderts eine verschwindend kleine Spanne Zeit. Doch das Bewußtsein der Menschheit und die Gedanken der Philosophen sind in ihr weiter vorangekommen als in vielen Epochen säkularer Stagnation.« Spätestens mit diesem Jena-Projekt wurde Jena zu Henrichs geistigem Heimatort, in dem er laut eigener Aussage gerne gelebt hätte.

 

Am Anfang war Hegel
Als jüngerer, in Jena lebender Ostdeutscher, der 1980 als frischgebackener Doktor der Philosophie nach seiner Verteidigung zuerst Blumen am Grabe Hegels auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin niederlegte, der als Habilitand zu Hegel in einem Gutachten ob der zu häufigen Berufungen auf Dieter Henrich gerüffelt wurde, wagte ich Ende 1989 einen Brief an Henrich.

Konnte aber hier ein Gespräch möglich werden? Mit einem der renommiertesten Philosophen der westlichen Welt, dem Gadamer-Schüler, früher auch Präsident der Heidelberger Hegel-Vereinigung, der eine innovative Sicht auf die philosophische Epoche um 1800 vorlegte, zu einer Zeit, in welcher Jena wie eine Super-Nova zum Athen der modernen Philosophie avancierte, dem Denker, der maßgebliche Beiträge zur Erschließung der Hegelschen Philosophie – seine Bände Selbstverhältnisse und Hegel im Kontext sind »Klassiker« geworden – publiziert hatte. Am Anfang war jedenfalls Hegel und der unbekannte Jenaer Hegelianer schrieb unerschrocken nach München und bat um ein erstes Kennenlernen, um einen ersten Einblick in das Jena-Programm. Mit der umgehenden und äußerst freundlichen Antwort von Dieter Henrich und dem sich anschließenden Besuch in München begann ein 32 Jahre andauernder Austausch. Das erste persönliche Treffen im Januar 1990 schuf die Basis hierfür, es war das Schlüsselerlebnis für meine weiteren akademischen Unternehmungen. Obschon ich nie bei Dieter Henrich Vorlesungen oder Seminare hörte – sehe ich in ihm meinen wichtigsten philosophischen Mentor, Lehrer und Wegbegleiter, ungeachtet dessen, dass die theoretischen Differenzen in Sachen Hegel blieben. In besonderer Erinnerung sind mir die Tage, in denen Henrich zum Ehrendoktor der Friedrich-Schiller-Universität Jena gekürt wurde – ein besonderes Ereignis in seinem Leben.

 

Eine Republik Deutschland
Unter diesem Titel eines kleinen, aber höchst bedeutsamen Büchleins artikulierte Dieter Henrich im Jahre 1990 seine Sicht auf das Zusammenwachsen dessen, was zusammengehört, der beiden Teile Deutschlands, über ein gelingendes Zusammengehen, das eine Herzensangelegenheit des Philosophen Dieter Henrich darstellt. Die Einleitung startet mit einer durchaus erstaunlichen Diagnose: »In Europa formieren sich die politischen Verhältnisse in einer Weise neu, die mit der Umgestaltung, welche Napoleon bewirkte, verglichen werden kann […] Den Deutschen hat es nach vierzig Jahren der Stagnation in ihren beiden Staaten[!] an einer Weltgrenzlinie eine kaum noch erhoffte Zukunft erschlossen.« Jedoch, so fügt der Autor gleich hinzu, hätte man erwarten können, dass die deutschen Intellektuellen »das revolutionäre[!] Geschehen in Deutschland mit einer Bemühung um Verständigung und um Klarheit über seine Perspektiven begleiten würden, die Rang und Gewicht des Geschehens entspricht.« Doch herrschte unter den Denkern zumeist Stummheit, ein beredtes Schweigen oder es wurden alte Denkschablonen bemüht. Die einen vermieden das Wort Revolution, die anderen dementierten Stagnation auf beiden Seiten. Und die entscheidenden Akteure der Revolution, die sich formierende Opposition im Osten, wurden in den medialen Gewittern schnell vernachlässigt. Schnell war die Terminologie des Anschlusses en vogue, des Beitritts des Ostens, statt Einheit auf Augenhöhe. Henrichs Büchleins war jedenfalls ein intellektueller Lichtpunkt in den oft merkwürdigen und unzulänglichen Debatten kurz nach 1989. Folgender Hoffnung Hegels hätte er wohl ganz zugestimmt: »Da die deutsche Nation sich aus dem Gröbsten herausgehauen, da sie ihre Nationalität gerettet hat, so dürfen wir hoffen, daß neben dem politischen und sonstigen Interessen auch die reine Wissenschaft, die freie vernünftige Welt des Geistes wieder emporblühe.«

Die Frage war Henrich zufolge die nach dem Übergehen von einer Verfassungsgemeinschaft in eine Lebensgemeinschaft. Aber es bestand bei manchem Ostdeutschen das Gefühl, das man wie jemand behandelte wurde, der bisher als Philosoph auf Bäumen gelebt hatte. Natürlich gab es erheblichen Nachholbedarf, was aber Zeit zum Nachholen benötigte und das fortdauernde gute Gespräch – dies konnte ich über drei Jahrzehnte mit Dieter Henrich führen, wofür ich ihm unendlich dankbar bleiben werde.

Dieter Henrich war ein Philosoph im wahrsten Sinne dieses Wortes, sich der Frage widmend wie Metaphysik heute möglich ist, dabei ausgestattet mit dem Mut zur Wahrheit, dem Bestreben nach Gediegenheit und Gründlichkeit der Argumentation und dem Versuch der Bewahrung des Höchsten, was der Mensch denkend besitzen kann – Selbstbewusstsein und Freiheit.

 

Nachweise:
Dieter Henrich, Eine Republik Deutschland. Reflexionen auf dem Weg aus der deutschen Teilung, Suhrkamp, Frankfurt am Main.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie I, Werke (TWA), Bd. 18

 

Titelbild: © Isolde Ohlbaum

 

Zum Verfasser des Nachrufs

Klaus Vieweg ist Professor für Klassische Deutsche Philosophie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Philosophie des Deutschen Idealismus, insbesondere Hegel. 2019 erschien seine Hegel-Biographie »Hegel. Der Philosoph der Freiheit«.

 

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