Thomas Mann, der große Gestalter

Wie inszeniert sich der Literat durch die Fotografie als Gesamtkunstwerk? Ein Essay von Rüdiger Görner und Kaltërina Latifi.

»Repräsentation« wurde zu einem Schlüsselthema Thomas Manns, verbunden mit seinem zunehmend öffentlichen Wirken. Es war ihm nicht in die Wiege gelegt, sondern das Ergebnis einer sozialen Leistungsethik, der er sich als Künstler verpflichten wollte.

Er stellte sich bewusst den gesellschaftlichen Erwartungen, die vor allem im deutschen Sprachraum mit ›dem Dichter‹ verbunden gewesen sind: als vermeintliches Universalgenie Auskunft über buchstäblich alles Mögliche geben zu können. Entsprechend ließ Thomas Mann auch kaum eine der vor und nach dem Ersten Weltkrieg beliebten Zeitschriftenumfragen aus. ›Man‹ erwartete vom Dichter Aufschlüsse über Seelisches, Allzumenschliches, Voraussagendes, auch und gerade über Politisches und das selbst dann, wenn sich der Gefragte – wie Thomas Mann noch 1918 – als dezidiert »unpolitisch« zu erkennen geben wollte. Die Betrachtungen eines Unpolitischen waren ein öffentliches Bekenntnis zu einer Politik der Geisteskultur in der barbarischen Zeit des Weltkrieges.

 

»Wer repräsentieren will, muss sich in Szene setzen können.«

 

Wer repräsentieren will, muss sich in Szene setzen können – mit Hilfe der Medien, im Falle Thomas Manns vorrangig der Kamera und des Rundfunks. Er wollte dokumentiert sein, der Aufstieg – trotz Schulversagens – vom Lübecker Handelsbürgerspross zum Münchener Großbürgertum durch Einheiratung in eine Familie üppigsten Wohlstands, dessen Oberhaupt, Schwiegervater Pringsheim, selbst Richard Wagner, den Urheber der Gesamtkunstwerk-Idee, persönlich gekannt hatte. Photo um Photo dann in der Weimarer Republik ließ sich Thomas Mann sein Zeitzeugentum bezeugen.

Repräsentation, das war Thema seines Romans Königliche Hoheit. Charakter- und Zeitbilder repräsentativer Art hatte er bereits in den Buddenbrooks entworfen und später in der räumlichen Entrückung des Zauberberg. Neben den Repräsentationsfiguren in seinem Werk zeigte er jedoch auch Sinn für die Außenseiter, ob für Detlev Spinell oder Mario oder auch für Repräsentanten ihrer Zeit, die zu Außenseitern abstiegen wie Gustav (von) Aschenbach.

 

»Den Blick auf sich selbst vergaß Thomas Mann nie.«

 

Den Blick auf sich selbst vergaß Thomas Mann dabei nie. Er avancierte mitten in der Weimarer Republik zum offiziellen Kulturvermittler zwischen Deutschland und Frankreich und legte darüber seine Pariser Rechenschaft ab. Als Nobelpreisträger (1929) repräsentierte er fortan die deutsche Literatur durch sich selbst und sich als den Hauptträger deutscher Kultur – ab 1933 dann als Exilierter im Ausland.

Dass es sein Versuch Leiden und Größe Richard Wagners (1933) war, der ihn vollends zum Verfemten werden ließ und schließlich zur Ikone des geistigen Widerstands gegen den Faschismus, ist in einer Beziehung sinnig: Spricht doch dieser Versuch von zwei Hauptfaktoren, die Wagners Gesamtkunstwerk(e) bedingten: »Psychologie und Mythus«, womit auch die psychologische Disposition des Meisters und jener Mythos gemeint war, den Wagner von sich selbst gebildet hatte. War er, der einstige Revolutionär, doch nicht minder zum ›Repräsentanten‹ seiner Selbst und des Vorrangs der Kunst vor allen anderen Erwägungen geworden.

Sich ins Bild setzen, Photo um Photo, Porträt um Porträt, Büste um Büste, das blieb bis zuletzt Ausdruck dieses nie gebrochenen Willens zur Selbstdarstellung, weil er wusste, er und sein Werk waren eins und standen ein für den immer lebendigen Geist seines Erzählens.

Welchen Einfluss hatte das Exil auf Manns Schaffen?
Thomas Mann verbrachte nahezu die Hälfte seines Lebens im Exil. Diese Jahre in der Fremde haben ihre Spuren hinterlassen – erkennbar in seiner Person und in seinem Werk. Der Autor spricht im Januar 1941 gar vom Schicksal seines Lebenswerks, »das mindestens für Jahrzehnte nicht nach Deutschland, in die Ordnung seiner Tradition wird zurückkehren« dürfe. Offenbar hat nicht nur der Mensch eine Heimat, auch das Werk ist an einem bestimmten Ort zuhause. Die wiederkehrende Frage lautete daher: »Was meinen Sie, wann wird Deutschland mich wieder lesen können? Eigentlich ist das die Frage, mit der ich zu Bett gehe und wieder aufstehe«. Wobei ihm phasenweise die deutsche Heimat zum ›Ausland‹ im eigentlichen Sinne wurde, »das Ausland, nämlich das Elend, ist heute zu Hause«.

Durch die Förderung seiner Mäzenin Agnes E. Meyer erhielt Thomas Mann gerade im amerikanischen Exil eine wirkungsreiche ›Plattform‹ in Form einer Lectureship an der Princeton University, um sich und sein Werk zu profilieren. Meyer, deren Mann Eugene Meyer Besitzer der Washington Post war und die selber als Mitherausgeberin fungierte, hatte mit Hinblick auf Thomas Mann eines zum Ziel: die Person hervorzuheben, denn, so schreibt sie in einem Brief, »der Mensch ist wichtiger als der Künstler, und sein Charakter ist das größte Kunstwerk überhaupt«. Für sie stellte die Person ›Thomas Mann‹ ein Gesamtkunstwerk dar, das zwar im literarischen Oeuvre zu seiner wesentlichen Entfaltung kam, sich bei weitem aber nicht nur darin erschöpfte. Die Selbstdarstellung, die Inszenierung der eigenen Person wurde gerade im Exil verstärkt: Teil des Werks. Dies hing auch damit zusammen, dass er – gerade im amerikanischen Exil – nahezu pausenlos journalistisch gefragt war.

Es dauerte ja geraume Zeit, bis Thomas Mann überhaupt anerkennen wollte, dass er zu den Exilierten gehörte. Sein Schaffen, auch wenn es in die Welt des biblischen Josephs eintauchte, blieb unverwechselbar deutsch. So nahm er die amerikanische Literatur seiner Zeit kaum wahr. Nach ›Einflüssen‹ sucht man da weitgehend vergebens. Doch kennen seine Kunstfiguren die Entheimatung: Joseph ist in Ägypten ›im Exil‹, sein Adrian Leverkühn exiliert sich selbst – mitten in Deutschland – durch seinen Charakter und die Art seines musikalischen Werks. Und noch der »Erwählte« wird zu dem, was er ist, als ein Ausgesetzter.

Thomas Mann nahm sein Deutschland mit ins Exil, den Schreibtisch, die Bücher und ihre geistige Welt, auch wenn dieses vielberufene »Leiden an Deutschland« zu seiner zweiten Bewusstseinsform im Exil wurde. Lotte in Weimar gedieh eben in Princeton, und sein kritischer werdendes Bild von Wagner und Nietzsche entstand außerhalb der deutschen Kultursphäre und Schreckenswelt, aber im genauen Wissen um sie.

Manifest wurde es u.a. in seinen Texten zur Zeit »Deutsche Hörer«, den wichtigsten Reflexionen eines deutschen Exilanten über den Zweiten Weltkrieg überhaupt. So gesehen ließe sich Ihre Frage umwandeln: Thomas Mann verstand sich auch darauf, sich sein Exil als notgedrungen volatile Wirkungsstätte zu schaffen.

Foto: © ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv / Fotograf: Atelier Elvira

 

Zum Schwerpunkt »Was ist Kultur?«

 

Zu den Beteiligten

Kaltërina Latifi promovierte mit einer Arbeit zur Poetik E.T.A. Hoffmanns. Fellowship am Centre for Anglo-German Cultural Relations der Queen Mary University of London. Sie arbeitet derzeit an einer Habilitation zur Ästhetik des Fragments. Publikationen zu E.T.A. Hoffmann, A.W. Schlegel und Jean Paul.

 

Rüdiger Görner ist Professor für Neuere Deutsche und vergleichende Literatur an der Queen Mary University of London und Gründungsdirektor des Centre for Anglo-German Cultural Relations. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und erhielt den Deutschen Sprachpreis der Henning Kaufmann-Stiftung ebenso wie den Reimar Lüst-Preis der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Rüdiger Görner ist Träger des Bundesverdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland. Publikation zu Nietzsche, Kafka, Trakl, Thomas Mann und Oskar Kokoschka.

 

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