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US-Dollar, so groß ist laut dem aktuellen Forbes Annual World's Billionaires Issue das Privatvermögen von Jeff Bezos. Das entspricht rund 116 Milliarden Euro. Zum ersten Mal knackt ein Privatmensch in Folge die 100-Milliarden-Grenze. Ist das die logische Konsequenz wachsenden Wohlstands? Oder aber ein Symptom für gefährliche Ungleichheit?

Wer soll was haben? Diese gesellschaftlich Kernfrage wird laut ›tagesspiegel‹ hierzulande viel zu wenig diskutiert. Für Menschen wie mich, die mit Mathematik und Zahlen weniger am Hut haben, ist diese Zahl recht abstrakt, und ich musste mich erst vergewissern, ob ich die Höhe des Vermögens von Bezos in Ziffern richtig geschrieben habe. Ich kann mir auch nicht so recht vorstellen, was man mit diesem Geld machen könnte. Immerhin ist dieses Vermögen rund dreimal so groß wie der Wehretat der Bundeswehr 2019, und es übersteigt deutlich das Bruttoinlandsprodukt der Slowakei. Aber ob dies weiterhilft?

Ich kann mich erinnern, dass man, als ich Kind war, in meiner Familie munkelte, ein Neffe meiner Mutter sei Millionär. Er besaß eine Tankstelle und einige Dutzend Garagen, die er vermietet, und hatte sich ein schmuckes Haus gebaut mit neobarocken Schleiflack-Einbauschränken im Schlafzimmer, die mich damals ungeheuer beeindruckten. Aber in einer Verwandtschaft der unteren Mittelschicht, die sich Geldbeträge nur im fünfstelligen Bereich vorstellen konnte, stand das Etikett ›Millionär‹ aus heutiger Sicht wohl nur für wohlhabend.

Natürlich gab es in meiner Jugend Millionäre. Eine für uns Kinder ungeheure Steigerung war das Wort ›Multimillionäre‹. Und es gab auch damals Milliardäre: Die Agnellis, der Getty-Clan.
Ungleichheit ist der Menschheit inhärent. Drastische Ungleichheit gab und gibt es in allen Epochen und Gesellschaften, in der Sklavenhaltergesellschaft ebenso wie im Feudalismus, im Kapitalismus und der sozialen Marktwirtschaft ebenso wie natürlich auch im Sozialismus. Das Phänomen und die damit einhergehenden Probleme hat der österreichstämmige US-Historiker Walter Scheidel in seiner großen historischen Überblicksstudie ›Nach dem Krieg sind alle gleich. Eine Geschichte der Ungleichheit‹ erstmals epochenübergreifend dargestellt.

Für mich geht es nicht um Gerechtigkeit. Ich habe auch nichts gegen Jeff Bezos. Ich kenne den Mann nicht. (Wohl aber habe ich etwas gegen amazon, aber das ist eine ganz private Meinung). Es geht mir um ein drohendes Problem, dass erst ganz langsam in den westlichen Gesellschaften zu Bewusstsein kommt, in Gellschaften, in denen ja niemand wegen Armut verhungert. Es geht um den künftigen Zusammenhalt unsere Gesellschaften, wenn die Grundfesten und unhinterfragten Gewissheiten zu bröckeln beginnen: Was ist Lohnarbeit? Wer bekommt für was wieviel Geld. Welche Werte werden in welcher Höhe besteuert, und wofür dienen die Steuern? Das sind die Fragen, die Gesellschaften zusammenhalten – oder aber, wenn sie nicht mehr im Konsens beantwortet werden können, torpedieren. Fakt ist, dass laut Forbes zwischen 1996 und 2006 die Zahl der Milliardäre weltweit von 423 auf 946 stieg. Dass die US-Internetkonzerne nach wie vor für in Europa erwirtschaftete Werbeeinnahmen keine Steuern zahlen müssen. Traditionelle Firmen, wie etwa Walmart, zahlen rund 40% ihres Marktwertes in Form von Löhnen und Gehälter an ihre Angestellten, Geld, dass über die Lohnsteuer auch wieder der Allgemeinheit zufließt. Internet-Giganten, wie facebook, zahlen hingegen nur 1% ihres gigantischen Marktwertes für ihre Angestellten. (Das Privatvermögen des Facebook-Chefs Mark Zuckerberg ist aktuelle auf 62,3 Milliarden US-Dollar geschrumpft …)

Wie also wollen wir in Zukunft leben? Wir welchen Tätigkeiten unseren Lebensunterhalt bestreiten, und auf welche Tätigkeiten und Vermögen müssten welche Steuern anfallen, damit staatliche Aufgaben im Sinne der Allgemeinheit geleistet werden können? Das sind die Fragen, die neben den Klimawandel in Zukunft nach radikalen Lösungen verlangen. Denn der Grundkonsens darüber ist die zentrale Größe für den Zusammenhalt einer Gesellschaft. »Wie vor hundert Jahren«, so fasst es Branko Milanovic, der ehemalige Chef-Ökonom der Weltbank, zusammen, »steht die Menschheit auch heute wieder an einer Kreuzung: Lässt sie zu, dass die wachsende Ungleichheit die Gesellschaften der reichen Länder zerreißt? Oder hält sie dagegen?«

Radikale Lösungen für eine gerechte Gesellschaft in den westlichen Ländern denken etwa die beiden US-amerikanischen Autoren Eric A. Posner und Glen Weyl. Ihre Ideen und Thesen sind zum Teil utopisch oder zum Widerspruch reizend, zum Teil absolut faszinierend und konkret und einleuchtend. Auf jeden Fall aber bieten sie unendlich viel Stoff zum Nachdenken, und klar ist, dass sie mit ihren Thesen eine dringend anstehende Debatte auslösen. Darum hat sich die wbg entschieden, ihr Buch ›Radical Markets: Uprooting Capitalism and Democracy for a Just Society‹ in Kürze unter dem Titel ›Wir sind der Markt‹ auf Deutsch zu veröffentlichen. Wie wir unsere Gesellschaft auch in Zukunft gerecht gestalten können, wird eine Frage sein, die uns alle zunehmend beschäftigen wird.

 

Soziale Ungleichheit und ökonomische Stagnation auf den freien Märkten sind die zentralen Probleme unserer Zeit. Die Lösung: den Markt endlich zügeln, oder? Die Querdenker Posner und Weyl stellen dieses Denken - und so ziemlich alles konventionelle Denken über Wirtschaft - buchstäblich auf den Kopf. Das Buch offenbart mutige neue Wege, Märkte zum Wohle aller zu organisieren und die Gesellschaft gerechter zu machen.

 

 

 

 

 

Daniel Zimmermann lebt in Mainz und ist Programmmanager im wbg-Lektorat Geschichte. Dort ist er zuständig für die Programme wbg Theiss, wbg Edition, wbg Academic und wbg Zabern.

 

 

 

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