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1918 - So viel Untergang war nie, und nie so viel Neubeginn

Am Beginn des 20. Jahrhunderts beherrschten die europäischen Nationen weite Teile der Welt, strotzten vor ökonomischer Stärke und überboten sich in technologischen Innovationen. Trotzdem aber gelang es ihnen nicht, ihre politischen Beziehungen auf friedliche Weise zu regeln. 1918, nach vier Jahren mörderischem Krieg, brach die europäische politische Ordnung, brachen Imperien und Monarchien zusammen. Heute, hundert Jahre später, leben wir in einem friedlichen, geeinten Europa. Aber sind wir wirklich so viel weiter als damals? Ein Interview

 

D. Zimmermann: Lieber Herr Knipp, nehmen wir 1918 als Chiffre: Auf dem eurasischen Subkontinent Europa brechen zwei Kaiserreiche zusammen, an der europäischen Peripherie das Osmanische und das Zarenreich. Da dies auch Vielvölkerreiche gewesen waren, muss es doch in der Folge zu gewaltigen Bevölkerungsströmen, zu Fluchtbewegungen gekommen sein. Wo gab es damals die meisten Flüchtlingsprobleme?

Kersten Knipp: Es waren damals unendlich viel Menschen unterwegs, sie flohen vor den unterschiedlichsten Missständen. Die größte Gruppe war die der Kriegsgefangenen. Bis zu neun Millionen Soldaten waren in die Hände des jeweiligen Gegners gefallen, wo sie teils Jahre in Gefangenschaft verbrachten, oft unter schwierigsten Bedingungen: nicht hinreichend ernährt, ungenügend gekleidet, in teils sehr rudimentären Behausungen. Sie alle wurde nach dem Krieg Schritt für Schritt, in teils riesigen Aktionen in ihre jeweiligen Heimatländer zurückgeführt - meist unter Federführung des soeben gegründeten Völkerbundes. Organisiert wurden sie von dem Norweger und Polarforscher Fridtjof Nansen, Hochkommissar für Flüchtlingsfragen und späteren Friedensnobelpreisträger.
Ebenso waren aber auch sehr viele Zivilisten betroffen. Als das deutsche Heer in Belgien einmarschierte, verließen allein dort 1,4 Millionen Bürger ihre Heimat. Auch vor den Kämpfen in Nord- und Nordostfrankreich brachten sich binnen kürzester Zeit Hunderttausende Menschen in Sicherheit. Ähnlich sah es in Osteuropa aus. Als die Russen in den ersten Wochen nach Kriegsbeginn weite Teile Preußens eroberten, brachen eine halbe Million Menschen Richtung Westen auf. Auch im von Habsburg beherrschten Galizien verließen rund 800 000 Menschen ihre Heimat. Umgekehrt trieb der Vorstoß der Armeen Deutschlands und Österreich-Ungarns Millionen Menschen in Richtung Russland. Im Dezember 1915 befanden sich 2,7 Millionen, im Mai 1916 schon 3,1 Millionen Flüchtlinge auf dem russischen Terrain. Im Juli 1917 waren es sieben Millionen. Gewaltige Zahlen also, die nach der russischen Revolution noch einmal anschwollen, als dort Millionen Bürger vor den Bolschewisten flohen. Zehntausende flohen nach Istanbul – eine Stadt, die ohnehin bereits von anderen Flüchtlingen überfüllt war. Dort lebten auch 75 000 Türken, die im Zug des griechisch-osmanischen Bevölkerungsaustauschs ihre Heimat verloren hatten; außerdem rund 155 000 Griechen und Armenier, die ihre angestammten Gebiete in der Türkei verlassen mussten und nun ebenfalls in Konstantinopel auf eine neue Zukunft hofften. Überall in Europa waren Menschen unterwegs. „Eine ganze Nation wandert durch die Welt, auch wenn ihre Mitglieder aus ganz verschiedenen Ländern stammen“, umriss die amerikanische Journalistin Dorothy Thompson 1938 die dramatische Situation, die in den vorhergehenden 20 Jahren entstanden war.

D. Zimmermann: In dieser Zeit entwickelte sich ja auch ein breites humanitäres Engagement für Flüchtlinge, getragen durch den neu gegründeten Völkerbund oder das Internationale Rote Kreuz. Die Folge von 1918 sind aber auch willkürliche Grenz-ziehungen und die Schaffung von Vasallenstaaten durch die europäischen Mächte, etwa Syrien. Heute klopfen hunderttausende Syrer an die europäischen Pforten. Haben diese einen Anspruch auf Schutz? Hat Europa hierfür eine historische Verantwortung?

Kersten Knipp: Das ist sehr schwierig zu beantworten. Natürlich hat Europa zu der komplexen Situation im Nahen Osten beigetragen. Im Sykes-Picot-Abkommen, geschlossen im Mai 1916, einigten sich Frankreich und Großbritannien auf ganz neue Grenzen in der Region, die damals noch zum Osmanischen Reich gehörte. Im Vordergrund standen allein die kolonialen oder imperialen Interessen der beiden Länder. Die nahmen auf die bisherige, auf sprachlichen, kulturellen und konfessionellen Grundlagen beruhenden Identitätsgefühle der dort lebenden Menschen keinerlei Rücksicht. Syrien und der Libanon bildeten unter den Osmanen eine Einheit. Wenn Syrien unter der Herrschaft der Assads seinen Einfluss auf den Libanon auszudehnen suchte, ihn am liebsten sogar dem eigenen Land angeschlossen hätte, hat das in Teilen historische Gründe – legitim sind sie darum noch lange nicht. Ebenso steht die Balfour-Deklaration vom November 1917, die den Juden eine „Heimstatt“ in Palästina in Aussicht stellte, am Beginn des bis heute dauernden Nahostkonflikts. Der zuletzt von US-Präsident Donald Trump angestoßene Streit um den Status von Jerusalem als israelischer Hauptstadt ist das jüngste Kapitel in diesem Buch der Krise. Aber hätte man den Juden diese Heimstatt nach den europäischen Pogromen verweigern wollen? Nach 1945 und dem Völkermord stellte sich die Staatsgründung dann noch einmal mit neuer Dringlichkeit.
Was Syrien angeht: Das Land geriet – ebenso wie der Irak - unter die Herrschaft der Baath-Partei, deren Vertreter ihre Position bald mit ruchlosesten Mitteln verteidigten. In Syrien baute Hafiz al-Assad, der Vater des derzeitigen Präsidenten Baschar al-Asad, einen höchst effektiven Repressionsapparat auf. Auf den Griff nach den Aufständen des Jahres 2011 auch die damalige, bis jetzt herrschende Regierung zurück. In Syrien starben bislang mindestens 400.000 Menschen, Tausende kamen in die Kerker des Regimes – und allzu oft nicht mehr hinaus. Hinzu kommen die Gräueltaten dschihadistischer Terrorbanden wie etwa des „Islamischen Staats“ – eine Bande von Sadisten, wie man sie lange nicht gesehen hat. All das trieb die Syrer in die Flucht. Ihnen Schutz zu gewähren ist moralisch und völkerrechtlich geboten. Nur wäre ich sehr vorsichtig, diese Verpflichtung ursächlich mit den Auswirkungen des Ersten Weltkriegs in Zusammenhang zu bringen.

D. Zimmermann: Getreu Wilsons‘ Vorstellung vom ‚Selbstbestimmungsrecht der Völker‘ entstanden eine ganze Reihe neuer Nationalstaaten. Das bedeutete aber keinesfalls eine homogene Bevölkerung innerhalb dieser neuen Staaten. Welche Probleme ergaben sich hieraus?

Kersten Knipp: Wilsons Idee war gut gemeint, in der Sache aber nicht durchdacht. In seinen berühmten „Vierzehn Punkten“ vom Januar 1918 hieß es etwa, es solle ein unabhängiger polnischer Staat errichtet werden. Dieser hätte alle Gebiete zu umfassen, „die von unbestritten polnischer Bevölkerung bewohnt sind“. Gewiss, Polen war Ende des 18. Jahrhunderts von der politischen Landkarte Europas verschwunden, aufgeteilt zwischen dem Zarenreich, Preußen und ganz im Süden dem Habsburgerreich. Insofern gab es allen Anlass, das Land wieder in seine staatliche Existenz zu bringen. Aber was ist eine „unbestritten polnische Bevölkerung“? Gehören die Juden dazu? Die Litauer im Norden, mit denen die Polen teils seit Jahrhunderten zusammenlebten? Oder die Ukrainer im Osten? Was mit den Deutschen, die seit Jahrhunderten in Schlesien und in Preußen siedelten? Was war mit einer Stadt wie Teschen direkt an der Grenze zum heutigen Tschechien? Alles Gruppen, die sich einer eindeutigen staatlichen Zuordnung entzogen. Wer ist „eindeutig“ Pole, wer nicht? Die Frage lässt sich nicht beantwort, und entsprechend strittig waren die jeweiligen Antworten – mit der Folge, dass es gleich mehrere Kriege um Grenzen gab, dazu in Schlesien und Preußen mehrere Volksabstimmungen. Beide vergifteten das Klima in der Region, erzeugten Spannungen, die direkt in den Zweiten Weltkrieg mündeten. All dies hat man während der Pariser Friedenskonferenz im Anschluss an den Ersten Weltkrieg nicht hinreichend berücksichtigt. „Diese kleinen Staaten hassen und streiten sich“, beschrieb der französische Historiker Jacques Bainville 1920 die Situation der neu geschaffenen Länder in Mitteleuropa. „Das macht sie blind für das allgemeine und ihr eigenes Wohl.“ Genauso war es. In dieser Region eröffnete der Erste Weltkrieg eine Tragödie, die für die dort lebenden Menschen erst 1989, mit dem sich andeutenden Zusammenbruch der UDSSR, endete.

 



D. Zimmermann: Mit dem Sturz der alten Monarchien setzten sich demokratische Systeme durch. Was bedeutete es aber für einen neuen Staat wie bspw. Österreich, gleichzeitig ein vollkommen neues Regierungssystem aufzubauen?

Kersten Knipp: Die Reaktionen waren sehr gemischt. Einerseits waren die Menschen froh, nach vier Jahren Krieg wieder im Frieden zu leben. Man war sich aber auch unsicher, wie die Leistungen der zusammengebrochenen Habsburger-Dynastie in dieser Phase zu bewerten seien. Viele – aber längst nicht alle – machten den verstorbenen Kaiser Franz-Joseph für die Katastrophe verantwortlich. Hinzu kam eine grundsätzliche Verrohung durch den Krieg. „Die Jahre im Schützengraben hatten sie mit dem Glauben an Gewalt erfüllt“, beobachtete der Sozialdemokrat Otto Bauer, 1918 und 1919 Außenminister der frisch gegründeten Republik. „Nun kam die Revolution, kam der Tag der Heimkehr. Aber in der Heimat harrten ihrer Hunger, Kälte, Arbeitslosigkeit.“
Vor allem aber fragten sich die Menschen auch hier: Was macht die frisch gegründete Republik aus? Wer gehört dazu, wer nicht? Für viele Bürger gehörte eine Gruppe nicht dazu: die Juden. Der Antisemitismus in Österreich reichte – wie in Deutschland – Jahrzehnte zurück, entwickelte seine Dynamik aber erst nach dem Krieg. Hinzu kam ein noch nicht hinreichend ausgeprägtes Bewusstsein für das Wesen der Republik. „Res publica“, die „öffentliche Sache“, die Sache aller: So dachte man damals bestenfalls in Ansätzen. Stattdessen standen sich die verschiedenen Lager gegenüber: die Nationalisten und Sozialisten, die jeweils um ihre Klientel und deren Dominanz kämpften. Die Kunst des Kompromisses, des Ausgleichs und des Dialogs, die aus Zeiten des Vielvölkerreichs ja grundsätzlich bekannt war, schien mit Blick auf die eigene Bevölkerung vergessen. Die Gruppen fanden nicht zum Dialog. Zudem träumten die Nationalisten träumten vom – unmöglichen, da von den Alliierten verweigerten – Anschluss an Deutschland. Das sorgte für eine Verbitterung, deren Folgen sich dann in der Begeisterung so vieler für Hitlers Einmarsch 1938 äußerten.

D. Zimmermann: Vor kurzem erschien ein Manifest, initiiert von namhaften europäischen Historikern und Intellektuellen, welches sich mit der Bedeutung des Jahres 1918 für uns heute beschäftigt. Wenn Sie in der heutigen Situation auf 1918 zurückschauen: Welche damaligen Probleme sollten wir besonders ernst nehmen? Welche Lehren können wir ziehen?

Kersten Knipp: Mit fortschreitender Arbeit an dem Buch fiel mir auf, worüber ich letztlich in jedem einzelnen Kapitel schrieb: über Identität, nationale Identität. Die Freiheitskämpfe der von Habsburg regierten Völker im 19. Jahrhundert, die Reisen tschechischer und polnischer Diplomaten während des Ersten Weltkriegs, die Verhandlungen in Paris; die Kriege auf dem Balkan und im Osmanischen Reich und ebenso die Hysterien der Weimarer Republik: Sie alle gründen letztlich auf der Sehnsucht nach nationaler Identität – einer sehr fragwürdigen nationalen Identität oft, einer, die häufig genug an Nationalismus und Chauvinismus grenzt. Aber der Impuls ist immer derselbe: Man will sich wiedererkennen, will zu einer klar definierten Gemeinschaft gehören, in einem Land leben, in dem man sich selbstverständlich wiedererkennt. Nationalisten haben auf eben diesem Bedürfnis ihre Politik gegründet. Der Nationalsozialismus hat die Welt darüber in eine Katastrophe von nie gekanntem Ausmaß gestürzt. Das Paradoxe ist aber: Diese Sehnsucht nach Identität haben die Europäer bis heute nicht abgelegt. Wir sprachen vorhin über die Frage der syrischen Flüchtlinge. Die Ereignisse im Spätsommer und Herbst 2015, die unkontrollierte Wanderung über die deutschen Grenzen, hat das Land in Aufruhr gebracht. Letztlich verdankt die „Alternative für Deutschland“ (AfD) ihren Erfolg jener Einwanderung. Auch die rechten Parteien in Mitteleuropa verdanken ihren Erfolg nicht zuletzt der Migration. Heute ist die Europäische Union vor allem wegen dieser Frage gespalten wie nie zuvor. All dies zeigt: Nationale Identität ist eine heikle Sache. Sie erfordert einen klugen Umgang. Und sie zeigt: Wir sind heute nicht weiter, nicht klüger als vor hundert Jahren. Der Mensch ist das Tier, das von seiner Identität besessen ist.

Kersten Knipp, geb. 1966, ist Publizist und Journalist. Er ist freier Politik-Redakteur bei der Deutschen Welle und arbeitet für den Deutschlandfunk und andere Sender der ARD, für die Neue Zürcher Zeitung und andere Zeitungen. Zuletzt erschien von ihm „Nervöser Orient. Die arabische Welt und die Moderne“(2016). Mit dem Autor sprach Daniel Zimmermann.

 

 

 

 

Kersten Knipps' neues Buch »Im Taumel«: 1918 bricht das alte Europa krachend zusammen: Die Vielvölkerreiche zerfallen, neue Staaten entstehen auf der Landkarte, die ihre Identität, ihr politisches System erst noch lernen müssen, und Nationalismus und ethnischer Chauvinismus erheben ihr Haupt. Wie viel dies mit uns heute zu tun hat, wird uns nach 100 Jahren erst allmählich bewusst.Kersten Knipp liefert die große historische Erzählung zu den dramatischen Umbrüchen des Weltkriegsendes. Aus dem Taumel von 1918 ist das entstanden, was unseren Kontinent heute ausmacht.

 

 

 

 

Tags: Neuzeit, Politik
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