A Space Odyssey 1968

Technik- und Fortschrittsglauben, New Frontier, Bewusstseinserweiterung: In keinem Film verdichten sich die Träume der 1960er-Jahre so augenscheinlich wie in der avantgardistischen Science-Fiction-Meditation ›2001– Odyssee im Weltraum‹, die (am 2. April) vor 50 Jahren Weltpremiere feierte. Der Film vom britisch-amerikanischen Meisterregisseur Stanley Kubrick sprengte im wahrsten Sinn des Wortes alle Grenzen und beeindruckt noch heute.

 

Allein schon der Anfang. Kein Vorspann, sondern nur tiefes Schwarz, drei ganze Minuten lang, dazu das Orchesterwerk ›Atmosphere‹ von György Ligeti, unheimliche, düstere Musik. Und dann wieder nur Schweigen – und grenzenlose Weite. Der Zuschauer sieht nichts als Bilder, traumhafte schöne Bilder aus der grauen Vorzeit, als Menschenaffen sich daran machten, die Welt zu entdecken. Die Erde ist noch öde und leer – und friedlich. Bis eines schönen Tages ein schwarzer Monolith im wüstenähnlichen Nirgendwo steht und von etwas Göttlichem, einer höheren Macht zeugt. Ein unergründliches Objekt, das sich jeder Auslegung entzieht und Tier und Mensch verstört, aber unbewusst beiden zu einem elementaren Entwicklungssprung verhilft.  Was den Menschenaffen die Fähigkeit ist, Werkzeuge und Waffen herzustellen, was sie letztlich zu Menschen machte, ist Millionen Jahre später dem hochentwickelten Homo sapiens sapiens die Fähigkeit, die Erde zu verlassen und den Weltraum für sich zu erobern. Schon immer strebte der Mensch nach Wissen und Erkenntnis, um die eigene Begrenztheit zu überwinden und neue Horizonte zu erreichen. Dieses Streben war besonders in den 1960er-Jahren in vielen Gesellschaftsbereichen spürbar, als vor allem die Jugend in großen Maßstäben nach vorne dachte.  

 

»2001 is the ultimate trip« (Werbeclaim für den Film)

 

Kubricks Film 2001 ist ein Kind dieser Umbruchszeit. Wie besessen arbeitete der Regisseur zusammen mit dem Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke seit 1964 am Konzept dieses Filmprojekt, das mit jedem Jahr immer teurer, ambitionierter und ausgefallener wurde. Wie unter einem Brennglas spiegelten sich in dem monumentalen Film-Epos die großen, transzendentalen Themen und Ideen der 1960er-Jahrewider: die Eroberung des Weltraums, die mythische Suche nach neuen Grenzen, nach einer neuen Welt, nach einem neuen Bewusstsein sowie der optimistische Glaube an den Fortschritt durch immer ausgefeiltere Technik, deren Allmacht in dem Film bereits fast prophetisch kritisch reflektiert wird.

 

All diese Ideenkomplexe packten Kubrick und Clarke in einem vergleichsweise dünnen Plot, der in vier Kapiteln geradezu kontemplativ erzählt, wie sechs Astronauten im Jahr 2001 mit Hilfe eines allmächtigen Computerhirns auf die Reise zum Jupiter geschickt werden, um rätselhaften Signalen einer außerirdischen Existenz auf den Grund zu gehen. Als der vorgeblich unfehlbare Bordcomputer HAL sich scheinbar grundlos in einen eiskalten Mörder wandelt, schaltet der Astronaut Dave Bowman als einziger Überlebender die verrückt gewordene Maschine aus. Auf eigene Faust macht sich Bowman auf eine Reise in die unendliche Weite des Weltalls, von der er nicht wieder zurückkehrt. Eine Reise, die im Irgendwo endet und doch möglicherweise eine kathartische Erlösung für die Menschheit verspricht, wenn Bowman in dem Schlussbild als Sternenkind lächelnd auf unseren blauen Planeten blickt. Über die Bedeutung des rätselhaften Endes wie des gesamten Films hat sich Kubrick stets bedeckt gehalten: »Es steht jedem frei, über die philosophische und allegorische Bedeutung des Films zu spekulieren – und derartige Spekulation ist ein Anzeichen dafür, dass es gelungen ist, das Publikum auf einer tiefen Ebene zu berühren – aber ich möchte keine verbale Deutung für 2001 aufstellen, der zu folgen sich jeder Zuschauer verpflichtet fühlen wird, in der Befürchtung, andernfalls den Kern nicht erfasst zu haben«, sagte er 1968 dem ›Playboy‹.

 

 

Avantgardistische Meditation: Vorbild und Ansporn

 

Doch auch wenn die wenigsten ›2001‹ wirklich verstanden: Die Kritiker waren mehrheitlich begeistert und das Publikum stürmte nach zögerlichem Beginn in die Kinos, oftmals nach dem Genuss von Rauschmitteln. Obwohl der Film in Machart und Inhalt allen Gesetzen eines populären Hollywood-Spektakels widerspricht, war Weltraumoper nicht nur das cineastische Ereignis des Jahres 1968, sondern auch kommerziell enorm erfolgreich.


Bis heute hat das philosophische, in vielerlei Richtungen interpretierbare Filmwerk wenig von seiner Anziehungskraft verloren und unzählige berühmte Filmmacher in ihrem Schaffen beeinflusst. Steven Spielberg sah in dem Film den ›Urknall aller Science-Fiction-Filme‹, die bis dahin einen schlechten Leumund hatten und vor allem als seichtes Unterhaltungsgenre galten, den »Film, der die Form änderte«, den Film, der Maßstäbe in Special Effects setzte. Für George Lucas, den Macher von ›Star Wars‹, steht ›2001‹ für die besondere Magie des Kinos schlechthin: »Der Film erzählt in Bildern, nicht in Worten«. Tatsächlich fällt in dem 143-minütigen Film in der ersten halben Stunde und in den letzten zwanzig Minuten kein einziges Wort.

 

Entgrenzung statt Logik

 

Es sind vor allem die betörenden suggestiven Bilderkompositionen zusammen mit der epischen klassischen Musik von Johann Strauss (›An der schönen blauen Donau‹) und Richard Strauss (›Also sprach Zarathustra‹), die ein visuelles Kinoerlebnis erschaffen, das gerade am Ende des Filmes sicher nicht zufällig an Bilder eines LSD-Rausches erinnert. Anstelle linearer Logik treten Gefühle und Empfindungen, die von Entgrenzung und Spiritualität erzählen. Figuren und Szenen des Filmes sind zu Ikonen geworden, die in zahllosen Filmen und Fernsehserien (von den ›Simpsons‹ bis ›Interstellar‹) adaptiert und zitiert worden sind. Etwa der Bordcomputer HAL, der als erster körperloser Bösewicht in die Filmgeschichte eingegangen ist und für die Gefahr eines Totalitarismus der Technik steht. Oder die Verwandlung eines von einem Menschenaffen in die Luft geworfenen Knochens zu einem Raumschiff in einem Filmschnitt – als symbolische Überbrückung von Millionen Jahren Menschheitsgeschichte.

 

 

Christoph Marx studierte Neuere Geschichte, Politikwissenschaft und Neuere deutsche Literatur an den Universitäten Freiburg und Berlin. Er ist Autor für Brockhaus, stern.de, National Geographic und andere.

 

 

 

 

 

Die 60er-Jahre waren von einem grundlegenden sozialen Wandel auf der ganzen Welt geprägt: Die US-Bürgerrechtsbewegung kämpfte gegen Segregation, in Westeuropa protestierten Studenten gegen starre Strukturen und die Nichtaufarbeitung des Nationalsozialismus, afrikanische Kolonien befreiten sich von ihren Kolonialherren. Ein neuer Idealismus entstand, der im »summer of love« 1967 mündete und Hippies auf der ganzen Welt inspirierte. Doch die 60er waren auch geprägt von einer immer aggressiveren Konfrontation im Kalten Krieg, von der Kuba Krise, dem Bau der Berliner Mauer, dem Vietnam Krieg - und den heftigen Protesten dagegen. 

Tags: Neuzeit
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