»Alt werde ich, und stets lerne ich vieles hinzu.« – Lebenslanges Lernen in der Alten Welt

In seiner Kolumne „Geflügelte Worte“ in der Zeitschrift Antike Welt klärt der Philologe Klaus Bartels regelmäßig die Bedeutung und Herkunft antiker Zitate. In der aktuellen Ausgabe beschäftigt er sich mit antiken Vorstellungen vom lebenslangen Lernen.

»Es ist ja, glaube ich, keine schlechte Sache, sich immer wieder vor Augen zu stellen, was wir in unserem Leben einmal nicht richtig gemacht haben oder auch jetzt noch nicht richtig machen. Vielmehr wird einer in seinem weiteren Leben gewiss mit klügerer Voraussicht handeln, wenn er sich dem nicht entzieht, sondern sich darauf einlässt und mit Solons Wort anerkennt, dass er lernen muss, solange er lebt – und nicht etwa meint, das Alter bringe ihm, wenn es kommt, die Vernunft einfach mit.«

Geflügelte Wort fliegen durch die Jahrhunderte: Als Platon im 4. Jh. v. Chr. den Politiker und Feldherrn Nikias den alten Solon zitieren ließ, lag die Lebenszeit des sprichwörtlich »weisen« Atheners bereits zwei Jahrhunderte zurück, und wieder fünf Jahrhunderte später hat Plutarch den Solonischen Vers, einen Pentameter, im Wortlaut zitiert: »Alt werde ich, und stets lerne ich vieles hinzu« – Gerásko d’ aieí pollá didaskómenos.

Lebenslanges Lernen: das ist gegenwärtig unter dem Zeichen von Digitalisierung und Robotisierung, kurz Industrie 4.0, zu einem topaktuellen bildungspolitischen Schlagwort geworden. Aber bei diesem Solonischen Vers geht es nicht um »Weiterbildung« im technischen, fachlichen Sinn, sondern vielmehr um ein lebenslanges Leben-Lernen. In einem köstlichen Stück seiner Altersbriefe an Lucilius hat Seneca das alte »Sprichwort«, wie er es nennt, lateinisch-lapidar ausdrücklich auf die Lebensklugheit und die Lebenskunst bezogen: »Solange musst du lernen, wie du leben sollst, solange du lebst. « – Tamdiu discendum est, quemadmodum vivas, quamdiu vivas.

 

 

Ein Senior, der lernt und lehrt

Senioren-Akademien und -Universitäten sind selbst noch jung. Im 1. Jh. n. Chr. rechnet der Senior Seneca noch mit dem Kopfschütteln seines Freundes, wenn er ihm von seinen Hörsaalbesuchen berichtet und ihm nach der Kunstregel der Rhetorik den erwarteten Spott in den Mund legt: »Sieh, wie offen ich mein Leben mit dir teile: Auch das hier Folgende will ich dir anvertrauen. Ich höre wieder einen Philosophen, und es ist sogar schon der fünfte Tag, seit ich zu ihm in die Schule gehe und ihn von der zweiten Mittagsstunde an vortragen höre. ›Gerade im rechten Alter‹, wirst du spotten. Wieso denn nicht im rechten? Was wäre denn törichter als eben darum, weil du lange Zeit nichts mehr gelernt hast, überhaupt nichts mehr zu lernen? ›Was heisst das? Soll ich dasselbe tun wie die Bildungsgecken und die jungen Leute?‹ Es ist noch gut mit mir bestellt, wenn dieses das einzige ist, das meinem Alter übel ansteht. Menschen jedes Alters lässt diese Schule zu. ›Dazu sollen wir alt und grau werden, dass wir den jungen Leuten nachlaufen?‹ Ins Theater werde ich auch als alter Mann noch gehen, zu den Wagenrennen im Circus Maximus werde ich mich tragen lassen, kein Gladiatorenpaar wird ohne mich seinen Kampf austragen – und da soll ich mich schämen, zu einem Philosophen zu gehen? Solange musst du lernen, solange du nicht weißt – wenn wir dem Sprichwort glauben: solange du lebst. Und auf kein Lernpensum trifft dieses Sprichwort besser zu als auf dieses: Solange musst du lernen, wie du leben sollst, solange du lebst. Ich allerdings lehre dort zugleich etwas. Du fragst, was ich dort lehre? Dass auch ein alter Mensch noch etwas zu lernen hat.«

Die Zitate

Platon, Laches 188 a f.; vgl. 189 a und Staat 7. 536 d – Solon, Fragment 22, 7 Diehl, bei Plutarch, Solon 2, 2, und 31, 7 – Seneca, Briefe an Lucilius, 76, 1ff. – Die Übersetzungen sind übernommen aus: Jahrtausendworte – in die Gegenwart gesprochen, ausgewählt, übersetzt und vorgestellt von Klaus Bartels, Reihe Paradeigmata 50, Freiburg i. Br. ²2019, S. 121 f.

 

Prof. Dr. Klaus Bartels ist Klassischer Philologe. Für seine Kolumnen in großen deutschsprachigen Tageszeitungen und die Standardwerke »Veni vidi vici« und »Roms sprechende Steine« wurde er 2004 mit dem Preis der Stiftung für Abendländische Ethik und Kultur ausgezeichnet. In der Rubrik »Geflügelte Worte« der Zeitschrift Antike Welt klärt er regelmäßig die Herkunft und Bedeutung antiker Zitate.

 

 

 

 

 

Roms Inschriften lassen Kaiser, Päpste und Künstler, ja selbst die Obelisken ›live‹ zu uns sprechen. Klaus Bartels hat sie als erster gesammelt, zeilengetreu übersetzt und durchgehend erläutert. Sein allseits gerühmtes Standardwerk erschließt diesen steinernen Stadtführer gerade auch den Freunden der Ewigen Stadt, die nicht fließend lateinisch träumen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Aktuelle Ausgabe ›Antike Welt‹

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