Der Egozentriker auf der Bühne: D'Annunzios Ankunft in Fiume

Wir wollen die Wahrheit nicht mehr. Gebt uns den Traum!
Gabriele D´Annunzio, 1893

Dies ist eine aberwitzige, eine absurde Geschichte. Wenn sie nicht wahr wäre, würden man sie den Kinoträumen eines Werner Herzog entsprungen glauben. Es ist die Geschichte der Marionettenrepublik von Fiume, die einen Winter, einen Sommer und einen Winter lang – von November 1919 bis Dezember 1920 – ein bizarres, ein aus der Zeit gefallenes Fest in Fiume, dem eltehrwürdigen Rijeka, feierte. Der erste Akt beginnt am 11. September 1919: Gabriele Rapagnetta-d’Annunzio betritt Fiume. 

Aus, vorbei. Der Erste Weltkrieg ist zu Ende. Am 11. November 1918 um 11 Uhr schweigen die Waffen. Hie und da fällt noch ein Schuss, auch sterben noch Menschen an der Front. Aber das sind die letzten Zuckungen einer vier Jahre dauernden Schlacht, an deren Ende man bis zu elf Millionen tote Soldaten und sechseinhalb Millionen tote Zivilisten zählt. Nun aber, an diesem Tag im Herbst, ist das große Sterben vorüber. Die allermeisten Menschen sind erleichtert. Glocken läuten, Böller krachen, weinend liegen sich die Überlebenden in den Armen, traurig ob der vielen Opfer, glücklich aber auch, dass nicht mehr gekämpft wird. Andere hingegen sind weniger glücklich. Sie müssen nun von einem liebgewonnenen Lebensstil Abschied nehmen. Für sie bedeutet der Waffenstillstand, keine waghalsigen Einsätze mehr unternehmen zu dürfen, auf verwegene Aktionen verzichten zu müssen, keinen Abenteuern zu Lande, Wasser oder in der Luft mehr entgegenfiebern zu können.

»Mich an das Leben in Frieden zu gewöhnen, fällt mir schwer«

All dies hat sich erübrigt, zum Leidwesen eingefleischter Krieger, die wie D’Annunzio nun vor einem Problem stehen: Was tun mit dem eigenen Leben? Wie fortan die Tage füllen? Er fühle sich „unnütz und abscheulich“, schreibt der Dichter wenige Tage nach dem Waffenstillstand seiner damaligen Geliebten Olga Levi Brunner. »Mich an das Leben in Frieden zu gewöhnen, fällt mir schwer«, erklärt er ihr. Die Normalität kehrt zurück, und für den Dichter die alte, drängende Frage: »Was tue ich, wenn der Frieden kommt?« Angesichts dieser Möglichkeit plagen ihn regelrechte Existenzängste: »Wie werde ich leben können?« Ganz ohne Ironie spricht er von dem »grausamen Sieg, der so viel Lebendiges zerstört und mich kaum mehr lebendig zurücklässt.« Wo soll er nun hin mit seiner »Verachtung für das gewöhnliche Leben?« Die Antwort nach dem »wohin« lautet: nach Fiume. Italienische Nationalisten fordern, die im heutigen Kroatien liegende, in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts auch von Italienern besiedelten Stadt unter die Regierung in Rom zu stellen. Sie soll italienisches Staatsgebiet werden. Die Idee findet weder in Rom noch in Paris Anklang, wo Politiker und Diplomaten die künftige europäische Staatenordnung entwerfen. Fiume soll nach allgemeinem Willen zum entstehenden Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen gehören - unakzeptabel für D'Annunzio, unakzeptabel auch für die gerade sich formierenden Faschisten um Mussolini.

Heilsbringer der Nation

Unterstützt von teils wohlhabenden Kreisen, besetzt D'Annunzio am 11. September 1919 Fiume. Das Unternehmen ist angesichts der weltpolitischen Konstellation von Anfang an aussichtslos, doch den Dichter und seine rund 2000 Anhänger schreckt das nicht. Am Abend hält er im Zentrum der Stadt seine erste Rede, empfangen von tausenden begeisterter Zuhörer. Aus der ganzen Stadt sind die Menschen zusammengeeilt, ja sogar aus allen Teilen Italiens, um ihn, D’Annunzio, zu hören, ihn zu feiern und zu preisen. »Ich musste auf ihre Ängste antworten, ich musste ihre Hoffnungen entzünden, ich musste ihre Hingabe immer blinder machen, ihre Liebe zu mir immer glühender werden lassen – zu mir allein.« Deutlicher ließe es sich kaum mehr ausdrücken: D’Annunzio sieht sich als Heilsbringer der Nation, ein Gesandter fast schon höherer Mächte. Er ist auserkoren, die Menge zu erlösen. Freilich tut er das nicht umsonst: Ihm winkt als Dank die Liebe der Massen, die sich zudem immer weiter erhitzt. Es ist unglaublich, deutet er an: »All dies geschieht allein dank meiner Stimme, meiner Gesten, meines blassen Gesichts und meines einäugigen Blicks.«

Der Egozentriker auf der Bühne

Schon sein erster Auftritt und dessen allein auf politische Magie abzielender Duktus deuteten an, dass von ihm vieles zu erwarten ist, nur keine rationale, konsistente Politik. Fiume ist ein Ort verlorener Seelen, die vorgeben, Italiens Größe wiederherzustellen. D'Annunzio, der hochbegabte Wortkünstler, hatte bereits vor Monaten sein Anliegen auf eine Formel gebracht: »la vittoria mutilatat«, »der verstümmelte Sieg«. Ohne Fiume sei der italienische Sieg verstümmelt, in anderen Worten: (fast) nichts Wert. Das war das Argument, das den politischen Satyrspielen der kommenden Monate die politische Legitimität verleihen sollte.

 

Politischer Budenzauber

In seiner 1935 erschienenen Autographie erinnert sich D’Annunzio ausschließlich an die sinnlichen Seiten seines Auftritts. Ihn interessieren die Emotionen, die sein Auftritt weckte, die der Menge ebenso wie seine eigenen. Der Dichter steht an der Spitze eines Gesamtkunstwerks, dem er, so sieht er es, zur Ewigkeit verhelfen, es zumindest für diese festhalten will »Zwei Kameras filmen, eine vor, eine unter der mit Flaggen dekorierten Tribüne, wo sich D’Annunzio aufhält«, beobachtet Filippo Tommaso Marinetti, der zwei Tage nach der Besetzung Fiumes in die Stadt gekommen ist. Die Kameras zeichnen nicht nur auf. Sie verleihen dem Treiben höhere Weihen, verstärken durch ihre schiere Existenz den Eindruck von der Bedeutsamkeit der Feiern. Scharfsichtige Beobachter sahen an jenem Tag bereits etwas Anderes, nämlich, dass die Festlichkeiten vor allem politischer Budenzauber war, eine revolutionäre Klamotte, die zum Scheitern verurteilt war, kaum dass sie begonnen hatte. Die Menge, der D’Annunzio an jenen Tagen vorstand, mochte vor Ort zwar den Eindruck gewaltiger Kraft erwecken. Auch mochte es Eindruck machen, dass gerade in den ersten Tagen und Wochen immer neue Ankömmlinge in Fiume eintrafen, um sich dem Aufstand anzuschließen. 

Proto-faschistische Ästhetik

Wer aber wollte, konnte schon in den ersten Tagen das Morsche und Morbide der Bewegung erkennen, das brüchige Fundament, auf dem der Dichter und seine Bewunderer sich bewegten »D’Annunzio fühlt sich immer mehr in der Herrlichkeit seines Reichs«, berichteten die Münchener Neuesten Nachrichten in ihrer Ausgabe vom 23. September 1919. »Er hat jetzt auf den ihm zur Verfügung stehenden Schiffen als eigener Flotte die Flagge von Fiume hissen lassen. Der gestern ergangenen Aufforderung der Regierung an die Freischaren, vor Ablauf des fünftätigen Fahnenfluchttermins zurückzukehren, sind nur wenige Leute nachgekommen.« Nüchtern erwähnt die Zeitung die »ganz überspannte Sprache«, in der sich der Dichter an seine Zuhörer wende, spricht von seiner Aufforderung, »das schmähliche Joch, womit nur die jetzige römische Regierung gemeint sein kann, abzuschütteln« Tatsächlich schüttelte D'Annunzio gar nichts ab. Sein Unternehmen führte politisch ins Nichts. Umso mehr sah er sich gezwungen, seine Anhänger mit pseudopolitischem Klamauk zu unterhalten. Das gelang ihm, erstaunlich lang: ganze 15 Monate. In dieser Zeit entwickelte er mit sicherem massenpsychologischem Geschick jene proto-faschistischen Riten, die sich anschließend, mit ungleich größerem Erfolg, ein anderer Italiener zunutze machte: Benito Mussolini.

  

 

 

Kersten Knipp, geb. 1966, ist Publizist und Journalist. Er ist freier Politik-Redakteur bei der Deutschen Welle, arbeitet für den Deutschlandfunk und andere Sender der ARD und ist Autor u. a. für die Neue Zürcher Zeitung.

 

 

 

 

Im September 1919 besetzen 2500 Freischärler unter der Führung des Exzentrikers, Dichters und Kriegshelden Gabriele D’Annunzio eine kleine, kroatische Küstenstadt und errichten dort auf den Trümmern des Habsburgerreichs die Republik von Fiume. Hier führen sie ein bizarres Spektakel antagonistischer Elemente auf: Militärparaden, Fackelzüge und Kriegsverherrlichung, vereint mit einem nicht abreißenden Happening von freier Liebe, Drogen und FKK. Die Republik von Fiume bildet den Auftakt zu einem Jahrhundert der Gewalt. Sie wird zum ästhetischen Laboratorium des Faschismus und zu einem frühen Ort der »counter culture« von 1968. In seinem historischen Essay beschreibt Kersten Knipp, wie sich all diese widersprüchlichen Aspekte zu einem gefährlichen, massenpsychotischen Populismus verbinden, und zeigt auf, wie sich an dieser erstaunlichen Episode der Beginn der Wege und Irrwege des 20. Jahrhunderts abzeichnet. 2019. 288 S. mit 34 s/w Abbildungen, 14,5 x 21,5 cm, geb. mit SU. wbg Theiss, Darmstadt.

 

 

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  • Kritik von Orthografie und Zeichensetzung

    Man kann nur hoffen, dass das Buch zum Thema sorgfältiger lektoriert ist als der Blog.

  • Mehr als interessant und lesenswert

    Der Beitrag las sich ganz so, als würden im Herbst 1919 Phänomene zum Vorschein kommen, die uns heute mehr als bekannt sind: ausufernder politischer Aktionismus, populistische Agitation ohne politisches Programm. Und so habe ich mir das Buch gekauft und war überrascht, dass man es tatsächlich auch als Parabel auf unsere Zeit lesen kann. Mehr als interessant und lesenswert, und eine gelungene Darstellung von fast vergessenen Ereignissen aus der Zeit am Ende des Großen Krieges.