"Der Libanon ist mehr als ein Land, er ist eine Botschaft"

Ein gemeinsames Fest von Christen und Muslimen? Im Libanon ist es Realität: am 25. März feiern Christen und Muslime gemeinsam die Ankündigung der Geburt Jesu, Mariä Verkündigung. Für die Christen des Libanon ist Jesus Christus Gottes Sohn, für die Muslime ein bedeutender Prophet, Vorläufer des Propheten Mohammed. Neun Monate vor Weihnachten gedenken Anhänger beider Religionen des Besuchs des Engels Gabriel bei der Jungfrau Maria. Seit 2010 ist der Tag ein staatlicher Feiertag im multireligiösen Libanon. Mit dem gemeinsamen Fest ist der Libanon einmal mehr Vorbild für die Länder des Nahen Ostens oder, wie Papst Johannes Paul II. es sagte, der Libanon ist mehr als ein Land, er ist eine Botschaft; eine Botschaft, dass das Zusammenleben von Christen und Muslimen möglich ist.

Als Johannes Paul II. den Libanesen dies 1997 zurief, war es aber auch ein Auftrag. Mehr als 15 Jahre lang, von 1975 bis 1990 hatten sie sich in einem blutigen Bürgerkrieg erbarmungslos bekämpft. Zwar handelte es sich dabei keineswegs um einen Religionskrieg – die verschiedenen Milizen schlossen die unterschiedlichsten Bündnisse quer über alle Religionsgrenzen hinweg – dennoch hatten viele Maroniten, mit Rom verbundene Christen, deren Heimat die Berge des Libanon sind, das Gefühl, in diesem Krieg um ihr Land zu kämpfen. Am Ende stand ein brüchiger Frieden und eine Formel, die allen das Gefühl geben sollte, sie hätten einen Platz im neuen Libanon: Kein Sieger und kein Verlierer!

Der Libanon zählt 17 anerkannte Religionsgemeinschaften: zwölf christliche, vier muslimische und die jüdische (wenn es auch seit 1948 quasi keine Juden mehr im Land gibt). In einem komplizierten System sind die politischen Ämter und die Posten in der Verwaltung unter ihnen aufgeteilt. Nicht immer funktioniert dieses System reibungslos. Oft blockieren sich die Gemeinschaften gegenseitig, weil sie befürchten, die anderen könnten sich einen Vorteil verschaffen. So war die Wahl des Staatspräsidenten, dem Nationalpakt von 1943 gemäß stets ein maronitischer Christ, über 29 Monate (von Mai 2014 bis Oktober 2016) unmöglich, weil sich die Lager im Parlament nicht auf einen Kandidaten verständigen konnten. Nach den Parlamentswahlen vom Mai 2018 stellte sich erneut eine Krise ein. Diesmal ging es um die Wahl des Ministerpräsidenten, der Tradition nach stets ein sunnitischer Muslim. Nach monatelangem Streit konnte erst im Januar 2019 eine neue Regierung gewählt werden. Es war ein politischer Stillstand in prekärer Lage. Der Libanon ist sozusagen das Vorzimmer des syrischen Bürgerkriegs. Er beherbergt fast eine Million Kriegsflüchtlinge aus dem Nachbarland. Die sozialen Spannungen sind enorm. 2015, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle, wurden im Libanon mehr syrische als libanesische Kinder eingeschult; 40.000 Geburten libanesischer Kinder standen 70.000 Geburten syrischer Kinder auf libanesischem Boden gegenüber. Die billigen Arbeitskräfte aus Syrien nehmen Libanesen die Jobs weg. Mieten und Lebenshaltungskosten sind extrem angestiegen, ganz zu schweigen von der Verschlechterung der Sicherheitslage und der Zunahme der Kriminalität. Immer mehr Libanesen fordern die sofortige Rückführung der Flüchtlinge nach Syrien. Auch die Kirchen haben sich diesen Forderungen angeschlossen, nur oberflächlich ergänzt um den Hinweis darauf, dass Sicherheit und menschliche Behandlung der Flüchtlinge garantiert werden müssten. Die meisten Flüchtlinge sind sunnitische Muslime, die dem syrischen Präsidenten Assad kritisch gegenüberstehen. Dies droht das Gleichgewicht zwischen den Religionsgemeinschaften im Libanon durcheinander zu bringen. Viele Christen des Libanon befürchten, ihr Anteil an der Bevölkerung könne noch weiter sinken. Schon einmal haben sie eine solche Situation erlebt: in den Jahren vor dem libanesischen Bürgerkrieg hatten palästinensische Flüchtlinge das politische System erschüttert, indem sie quasi einen Staat im Staate bildeten und von libanesischem Boden aus ihren Kampf gegen Israel führten. Für die Libanesen sind dies traumatische Erinnerungen und eine Wiederholung der Ereignisse unter anderen Vorzeichen wollen sie um jeden Preis verhindern.

Für viele Christen des Nahen Ostens ist der Libanon schließlich nicht nur Botschaft, sondern auch sicherer Hafen. Angesichts des Terrors im Irak und des Bürgerkriegs in Syrien haben Zehntausende Christen im Libanon Zuflucht gefunden. Ohne den Libanon, den einzigen Staat in der Region, in dem stets ein Christ Präsident und in dem der Islam nicht Staatsreligion ist, sähen sie noch weniger Christen Hoffnung auf eine Zukunft im Nahen Osten. Im Libanon fühlen sie sich gleichberechtigt neben den Muslimen, während sie sich in den meisten Nachbarländern diskriminiert oder angesichts der terroristischen Anschläge sogar verfolgt sehen.

Um Christen Zukunftsperspektiven im Nahen Osten aufzuzeigen und die Verbindung von Christen und Muslimen zu stärken, veranstaltet der Middle East Council of Churches (MECC), der ökumenische Rat der Kirchen des Nahen Ostens, in diesen Tagen in Zusammenarbeit mit der Gemeinschaft von Taizé ein ökumenisches Treffen von Jugendlichen aus der ganzen Region in Beirut. Die Generalsekretärin des MECC, Souraya Bechealany, erklärte dazu im Vorfeld: „Dies ist kein vorübergehendes Treffen. Es ein spirituelles Ereignis für die Jugend, das darauf abzielt, die Wurzeln von Glaube, Hoffnung und Einheit bei den christlichen Jugendlichen zu vertiefen, indem es den Reichtum der verschiedenen Kirchen und nationalen Identitäten aufzeigt. Es soll die Präsenz von Christen und deren Botschaft im Nahen Osten stärken, indem es sie immer besser verstehen lässt, dass die Präsenz von Christen ein unveräußerlicher Teil der Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Nahen Ostens ist. Sie sollen auch verstehen, dass Christen zur Menschenwürde, Religionsfreiheit und der Freiheit aller religiösen, ethnischen und kulturellen Identitäten beitragen.“ 600 junge Menschen aus 43 Ländern werden zu dem Treffen erwartet. Am 25. März feiern sie gemeinsam mit muslimischen Jugendlichen den Tag der Verkündigung der Geburt Jesu. Damit soll die brüchig gewordene Verbindung zwischen Christen und Muslimen wieder gefestigt und Christen eine Perspektive in den Ländern des Nahen Ostens aufgezeigt werden. Denn, so sagte es kürzlich Papst Franziskus, „es besteht die Gefahr, dass die Präsenz unserer Brüder und Schwestern im Glauben ausgelöscht wird. Dies würde das Gesicht der Region selbst entstellen, denn ein Naher Osten ohne Christen wäre nicht mehr der Nahe Osten.“

 



Matthias Vogt
, geboren 1975, Studium der Judaistik, Semitistik sowie Islamwissenschaft/Arabistik in Heidelberg, Paris und Halle (Saale). 2004 Promotion im Fach Islamwissenschaft/Arabistik durch die Universitäten Paris-Sorbonne (Paris IV) und Halle-Wittenberg. Veröffentlichungen u.a. zur Situation von Christen und Juden in der muslimischen Welt in der Vergangenheit und Gegenwart. Seit 2005 Länderreferent beim Internationalen Katholischen Missionswerk missio in Aachen; seit 2011 Referent für Nordafrika sowie den Nahen und Mittleren Osten, außerdem stellvertretender Leiter der Abteilung „Ausland“. Zahlreiche Auslandsaufenthalte und Reisen in der Region. 

 

 

 

 

 

 

2018: Irakische Christen kehren in ihre Dörfer zurück, aus denen der „Islamische Staat“ sie vier Jahre vorher vertrieben hatte. Hundert Jahre zuvor hatten Christen in der Region schon einmal alles neu aufbauen müssen. Während des Ersten Weltkriegs waren in Anatolien Hunderttausende vertrieben und ermordet worden. Was ist in den hundert Jahren seit dem Ende des Osmanischen Reichs pas-siert? Wie wirkte sich der Aufbau unabhängiger arabischer Staaten aus, wie die jüdische Einwande-rung und die Gründung Israels? Welche Rolle spielt der Libanon als christlich geprägter Staat? Wie ging die laizistische Türkei mit Christen um? Welche Folgen hatte der Sturz Saddam Husseins für die irakischen Christen? Wie sehen Christen die Revolution in Ägypten, und welche Auswirkungen hat der Bürgerkrieg in Syrien für sie? Das Buch beschreibt den Weg der Christen im Nahen Osten zwischen Integration, gesellschaftlicher Teilhabe, Abgrenzung und Auswanderung sowie die Herausforderungen, vor denen sie heute stehen.

 

 

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Tags: Religion, Politik
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