Der Poet als Populist - Gabriele D'Annunzio und der Krieg als Fortsetzung der Dichtung mit anderen Mitteln

Vor einhundert Jahren begründete er die Republik von Fiume, ein Operettenregime an der Küste der Adria, dass in den Wirren und Nachwehen der Zeit am Ende des Ersten Weltkrieges entstand: Gabriele D’Annunzio - Ein Portrait.

Er war ein Feingeist und ein Polterer. Er war gebildet und zugleich ordinär. Er kannte den gehobenen Stil und den vulgären, pflegte das dichterische und das pöbelhafte Wort. Er gab sich der Kunst hin, aber auch dem Krieg – Erlösung erhoffte er sich von beiden. Politik war für ihn die Fortsetzung der Poesie mit anderen Mitteln, gut waren ihm beide für eines: maximale Erregungssteigerung. Zwei treffende Zeilen eines Gedichts stimulierten ihn genauso wie die wogenden Massen vor ihm, wenn er eine seiner Rede hielt. Sprache hatte eine stimulierende, eine aufpeitschende Wirkung. Ob er sie als Verfasser sensibler Gedichte erfuhr oder als Agitator auf der Bühne – welchen Unterschied machte das?

Es machte keinen Unterschied. Nicht für ihn, nicht für Gabriele D'Annunzio. Er, der große Sprachkünstler, war vor allem ein Getriebener: immer den intensiven Erfahrungen hinterher, ganz gleich, wo sie sich machen ließen. Klar war nur: Immer hatten sie mit Sprache zu tun, denn Sprache erschloss ihm neue Räume. Alles, war er überzeugt, ist möglich dem, der spricht. Denn wer spricht, verändert die Welt. Er greift ein in ihren Lauf, ordnet sie nach seinen Vorstellungen, lässt sie in neuem Licht erscheinen Wie die Welt sich präsentiert, hängt ganz wesentlich davon ab, wie einer über sie spricht, sie darstellt und beschreibt. Deswegen haben die Dichter und Demagogen so viel Macht über die Welt, denn beide beherrschen die Kunst der Sprache, und gebrauchen sie die nur geschickt genug, fügt sie sich neu. Das macht die Magie von Dichtung und Demagogie gleichermaßen aus.

Esprimere è vivere“

„Meine Sprache ist mein mächtigster Instinkt“, schrieb er in seiner Autobiographie. Immer wieder seien ihm Wörter ganz plötzlich in den Sinn gekommen, notierte der Dichter, überraschend, plötzlich und schnell, wie aus den Untiefen der See „Deutlich erkenne ich mich in ihnen wieder, deutlich auch sehe ich in ihnen das, was ich an mir bislang nicht kannte, was ich mir von mir selbst nicht vorzustellen vermochte.“
Dieser enthüllenden Kraft der Sprache hat sich D’Annunzio immer wieder anvertraut Genauer gesagt, er hat um sie gerungen, in nie nach­lassender Anstrengung. „Der Ausdruck ist meine einzige Art zu leben“, schrieb er am Ende seines Lebens in seinem letzten großen Text, dem Libro Segreto, und fügte hinzu: „Esprimere è vivere“:

„Sich auszudrücken heißt zu leben.“ Der kurze Satz ist so etwas wie die Summe eines Lebens, ein Glaubensbekenntnis, dem der Dichter, so launenhaft und unstet er sonst gewesen ist, durchgehend die Treue gehalten hat. Er spricht, ebenfalls im Libro Segreto, von einem „wahnsinnigen Bedürfnis, mir meine Sprache und meinen Sprachklang zu erfinden.“

Ein Land in Aufruhr

Was aber, wenn Poesie allein diesem Bedürfnis nicht mehr genügt? Beim Übergang ins 20. Jahrhundert ist Italien ein aufgeputschtes Land. Die Gesellschaft formatiert sich neu: Industrialisierung, Landflucht, Entstehung einer modernen Arbeiterschaft. Lohnstreiks, Demonstrationen, politische Kundgebungen. Sozialismus, Anarchismus, Klassenkampf. Im Jahr 1900 erschießt ein junger Anarchist König Umberto I., nachdem dieser sich zuvor lobend über die brutale Niederschlagung eines Protestmarsches wegen steigender Brotpreise geäußert hatte. Die Hoffnungen auf eine harmonische Gesellschaft, die ein halbes Jahrhundert zuvor die Kämpfer des risorgimento, der italienischen Staatswerdung verbunden hatten, erfüllten sich erkennbar nicht.

Jahre der Unruhe fördern eine Kultur der Gewalt. Als sich der Erste Weltkrieg entzündet, drängen die italienischen Nationalisten auf italienische Beteiligung. Vorneweg: Gabriele D' Annunzio. Inspiriert von den gewaltgetränkten Phantasien des italienischen Futurismus sieht er die Zukunft im Kampf. Was sich in ihm entfaltet, ist etwas völlig Neues, ist er überzeugt. Hier offenbart sie sich, die „spirituelle Energie“, die sich in „unbekannter Schönheit“ zeigen wird. Und: „Der Kraft entspringt eine neue Kraft: vis ex vi... Die Herrschaft des menschlichen Geistes hat noch nicht begonnen.“ 


Gerechter Krieg?

Seine erste Rede hält er Anfang Mai 1915 – Italien debattiert den Kriegseintritt – in Genua. Der Anlass: die Einweihung eines Denkmals an Garibaldis Aufbruch nach Sizilien ein halbes Jahrhundert zuvor. Doch er nimmt den Festakt als Anlass, um über etwas ganz anderes zu sprechen: den nahenden Kriegseintritt seines Landes - für ihn eine zwingende Option: „Wir haben keine Wahl mehr“. Doch indem er dies verkünde, so D’Annunzio weiter, bringe er seinem Publikum eine „Gabe“, ein „Geschenk“, ja mehr noch: „Und ich sage euch, dass unser Krieg gerecht ist, ein Pfand, das man nur mit verhüllten Händen tragen kann, wie es unsere Väter mit den heiligsten Dingen zu tun pflegten Darum steht es uns an, zu beten“.

Die „Gabe“, der „gerechte Krieg“, die „heiligsten Dinge“: In wenigen Zeilen hebt D’Annunzio die denkbar folgenreichste Entscheidung jener Jahre auf ein poetisches Podest, verleiht der an Brisanz kaum zu übertreffenden Entscheidung des Kriegseintritts pseudoreligiöse Weihen – und ersparte es sich und seinen Zuhörern, die immensen Folgen eines solchen Waffengangs zu erörtern. Nichts in dieser Rede war im engeren Sinne politisch, verstanden als die Kunst – und Pflicht – rationaler Abwägung, als möglichst nüchterne Erörterung einer Entscheidung, die zahllose Menschen das Leben kosten, das Land in Armut und Elend stürzen sollte. Was spräche für den Kriegseintritt, was dagegen? Fragen dieser Art griff D’Annunzio nicht auf. Sorgsam verbannte er noch das kleinste Sachargument aus seiner Rede.

An der Front

An jenem Tag im Mai 1915 wurde der Demagoge Gabriele D'Annunzio geboren. Zumindest zeigte er sich erstmals öffentlich. Auf jeden Fall beschritt der Dichter an diesem Tag einen Pfad, der ihn als einen der größten Populisten seines Landes ausweiten sollte. Während der Kriegseintritt die italienische Bevölkerung in enormes Elend stürzte, öffnete sie D'Annunzio in eine ganz neue Erfahrungswelt: das Fronterlebnis. Ausgestattet mit allen nur erdenklichen Privilegien, genoss er den Krieg als eine Reihe nicht abreißender Abenteuer - intensiver, erregender, aufputschender als noch die kühnste Zeile, die je ein Dichter zu Papier hätte bringen können. Der Krieg: ein vier Jahre währender Rausch, eine Orgie starker und stärkster Empfindungen. Dieser Krieg, so wünschte es sich der Dichter, möge so schnell nicht vorbeigehen. Kein Wunder darum, dass er, als der Waffengang im November 1918 dann doch endete, an der Adria, genauer, in Fiume, ein weiteres Abenteuer aus der Taufe hob, verstanden ganz wesentlich als Versuch, der Langeweile der bürgerlichen Ordnung zu entkommen.

  

 

 

Kersten Knipp, geb. 1966, ist Publizist und Journalist. Er ist freier Politik-Redakteur bei der Deutschen Welle, arbeitet für den Deutschlandfunk und andere Sender der ARD und ist Autor u. a. für die Neue Zürcher Zeitung.

 

 

 

 

Im September 1919 besetzen 2500 Freischärler unter der Führung des Exzentrikers, Dichters und Kriegshelden Gabriele D’Annunzio eine kleine, kroatische Küstenstadt und errichten dort auf den Trümmern des Habsburgerreichs die Republik von Fiume. Hier führen sie ein bizarres Spektakel antagonistischer Elemente auf: Militärparaden, Fackelzüge und Kriegsverherrlichung, vereint mit einem nicht abreißenden Happening von freier Liebe, Drogen und FKK. Die Republik von Fiume bildet den Auftakt zu einem Jahrhundert der Gewalt. Sie wird zum ästhetischen Laboratorium des Faschismus und zu einem frühen Ort der »counter culture« von 1968. In seinem historischen Essay beschreibt Kersten Knipp, wie sich all diese widersprüchlichen Aspekte zu einem gefährlichen, massenpsychotischen Populismus verbinden, und zeigt auf, wie sich an dieser erstaunlichen Episode der Beginn der Wege und Irrwege des 20. Jahrhunderts abzeichnet. 2019. 288 S. mit 34 s/w Abbildungen, 14,5 x 21,5 cm, geb. mit SU. wbg Theiss, Darmstadt.

 

 

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