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11. November 1918 – Polen wird neu geboren

Für rund 120 Jahre hatte Polen überhaupt nicht mehr existiert. 1918 bedeutete auch für dieses Land einen spektakulären Neubeginn – mit offenem Ausgang.

 

Da flatterte sie nun, den polnischen Adler umrahmend, die polnische Flagge, und schmückt das Podest, auf dem der Kriegsheld Pilsudski zum polnischen Volk spricht. Ein Bild, wie man es über 120 Jahre nicht gesehen hatte: Die polnische Flagge – nun war sie mehr als nur eine Erinnerung. Sie verweist auf eine neue staatliche Realität. Im Oktober 1918 hatte die polnische Regentschaft einen unabhängigen polnischen Staat proklamiert. Damit war Polen auf die politische Landkarte Europas zurückgekehrt, nachdem das Land Ende des 18. Jahrhundert von dort getilgt worden war, zerrieben von den benachbarten Mächten: dem Zarenreich und Brandenburg-Preußen, die es unter sich aufgeteilt hatten. Jetzt, am Ende des Krieges, am 11. November 1918, wurde der kurz zuvor aus Magdeburger Haft entlassene Józef Piłsudski durch den Regentschaftsrat der Oberbefehl über die polnischen Truppen übertragen – und kurz danach auch die Führung des polnischen Staates.
Lange Zeit war Polen vor allem eines: ein Phantomschmerz, bittere Erinnerung derer, die einst in diesem Land gelebt hatten oder um dessen Existenz vom Hörensagen, vielleicht auch aus Büchern wussten. So war Polen ein Gedanke, auch ein kultureller Impuls. »Es ist gar nicht zu verkennen«, notierte 1916 der Autor Henryk Sienkiewicz, Literaturnobelpreisträger des Jahres 1905: »Wenn Literatur und Kunst in anderen Nationen Blume und Schmuck des Lebens sind, so sind sie in Polen das Leben selbst. Und das nicht deshalb, weil es den Polen an Talent fehlen würde, auf allen anderen Schaffensgebieten tätig zu werden, sondern deshalb, weil ihnen diese Felder verschlossen blieben. Das Volk verdichtet sich in seiner Literatur und lebt durch sie, denn anders kann es nicht leben.«

Als Sienkiewicz dies schrieb hatten die Pläne zur polnischen Renaissance längst konkrete Gestalt angenommen. Weitsichtige Beobachter wie der Pianist Ignacy Jan Paderewski oder der Marschall Józef Klemens Piłsudski hatten erkannt, dass die Katastrophe des Ersten Weltkriegs auch Chancen böte, jedenfalls für Polen, jedenfalls für die bislang unter die Regentschaft der großen Reiche gefallenen Nationen. Wenn jene Reiche stürzten, dann wäre der Weg für diese Nationen frei – sie könnten geradewegs in die Eigenständigkeit marschieren.
So warben die Vordenker der polnischen Selbständigkeit frühzeitig für die nationale Sache. Paderewski, ein Pianist von Weltrang, reiste vor allem durch die USA, um dort ein ganz neues Genre zu etablieren: die polit-musikalische Soirée. Er verband Piano und Politik, spielte vor seinem Publikum, um ihm zwischendurch die Sehnsüchte seiner Landsleute nach einem eigenen Staat zu erläutern. Auf ausgedehnten Tourneen durchreiste er das Land, in konzentrischen Bewegungen um das Weiße Haus. Auch dessen damaligen Bewohner, Präsident Woodrow Wilson, wollte er sein Anliegen erläutern. Beharrlich und mit enormem diplomatischen Geschick verschaffte er sich schließlich eine Audienz beim ersten Mann der USA. Der zeigte sich angetan von den Erläuterungen seines Gastes – so sehr, dass er die Gründung eines unabhängigen polnischen Staates auch zu einem seiner berühmten »Vierzehn Punkte« machte, jenem Programm, in dem er die neue Ordnung Europas nach Ende des Krieges skizzierte.

 

Ähnlich behutsam wie Paderewski waren auch andere, Marschall Pilsudski und der Politiker Roman Dmowski in Europa vorgegangen. So stand die Neugründung Polens bereits ganz zu Beginn der Pariser Friedenskonferenz im Frühjahr 1919 fest.

Gewiss, die Frage der Grenzen war noch offen. In harten Auseinandersetzungen mit ihren Nachbarn fochten die Polen für ein möglichst umfassendes Staatsgebiet. Litauen, die Ukraine, die ebenfalls unabhängig gewordene Tschechoslowakei und Deutschland: Überall rangen die Polen um ihre Grenzen. Volksabstimmungen, Gebietstausch und Gebietsabtretungen: kein diplomatisches Instrument blieb ungenutzt. Doch dann waren sie gefestigt, die Grenzen des alten, des neuen Staates. Und so flatterte sie im Wind, die Landesfahne, als sichtbares Zeichen dafür, dass die Zeit der politischen Sehnsüchte vorüber, der polnische Staat nach Europa zurückgekehrt war.

 

 

 

 

Kersten Knipp, geb. 1966, ist Publizist und Journalist. Er ist freier Politik-Redakteur bei der Deutschen Welle und arbeitet für den Deutschlandfunk und andere Sender der ARD. Seine Schwerpunkte sind die Zeitgeschichte sowie Politik in Nahost und der arabischen Welt. Von ihm erschien „Nervöser Orient. Die arabische Welt und die Moderne“ (2016). Mehr zum Umbruch in Polen wie in vielen weiteren Ländern 1918 finden Sie in seinem jüngst erschienenen Buch „Im Taumel. 1918 – Ein europäisches Schicksalsjahr“.

 

 

 

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