Deutscher Soul – von Brüdern und Schwestern. Neues Kapitel zu Manfred Preschers ›Es geht voran‹

Es geht voran – Kapitel 26

Deutscher Soul – von Brüdern und Schwestern

Xavier Naidoo, Moses P. und Co.

»Es interessiert mich nicht/Welcher Planet im Quadrat zu deinem Mond steht/Ich will nur wissen/Ob du den tiefsten Punkt deines eigenen Leids berührst« aus ›The Invitation (Ich will nur wissen)‹ von Laith Al-Deen

 

Mit der ohnehin weitreichenden und damit undefinierbaren Bezeichnung ›Soul‹ hat die sogenannte deutsche Soulmusik wenig bis gar nichts zu tun – wer also in dieser Musik eine Nähe zu Stevie Wonder, Lady Aretha, Marvin Gaye oder Al Green sucht, kann sich höchstens an dem Klischee warmer und weicher Stimmen festhalten. Vielleicht funktioniert der Begriff in Abgrenzung zu vermeintlich teutonischer Kühle oder Härte – für die zum Beispiel Kraftwerk, Rammstein, Tommi Stumpff oder DAF stehen. Vermutlich klappt das aber auch nicht. Und wenn, dann kommt man am Ende noch auf die durchaus nachvollziehbare Idee, Rio Reiser, den Fehlfarben-Shouter Thomas Hein oder auch Herbert Grönemeyer als deutsche Soulsänger zu bezeichnen, was in letzter Konsequenz gar nicht mal so falsch wäre. Da nun schon der amerikanische Soul so facettenreich wie unübersichtlich ist, braucht man sich mit einer Typisierung des germanisierten Terms erst gar nicht bemühen, denn solche Stigmatisierungen sind – über alle geschmäcklerisch bestimmten Grenzen hinweg – sowieso und mindestens seit den legendären Zeiten der Label Motown und Stax – reine Marketingwolken. Was man begrifflich fassen kann, lässt sich besser bewerben, in Medien besser beschreiben und in eine Wundertüte voller potentieller Hits verpacken. Als Etikett funktionierte das bei der Neuen Deutschen Welle, respektive auch bei der Deutschen Härte oder eben auch dem Deutschen Soul.

Aber woher kommt denn nun dieser Begriff und was steckt dahinter? Er geht zumindest mal zurück auf Moses Pelham, einen speziell in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts erfolgreichen Rapper und Sänger aus Frankfurt am Main. Als Produzent ist Pelham, der sich Moses P. nennt, immer noch gut im Geschäft – auch mit dem ›Soul‹-Stempel auf Alben und Songs. Ob er der erste war, der von ›deutschem Soul‹ sprach, lässt sich nicht sagen. Aber, quasi beiläufig, ließ er den zukünftigen Markenkern beim Interview mit dem Autor einfließen – und zwar schon anno 1989 und anlässlich der relativ erfolglosen, englisch gesungenen Moses-P.-Single ›Can This Be Love‹. Er bezog sich auf damals trendige Produzenten wie Kenneth ›Babyface‹ Edwards oder Teddy Riley. Denn deren Flow sollte auch die Platten seines Labels 3p auszeichnen – und tatsächlich haben und hatten die Alben aus dem Pelham-Umfeld einen sehr weichen Groove. Der war sogar auffällig, wenn seine auf böse gestylten Rapper vom Rödelheim Hartreim Projekt verbal um sich schlugen. Pelham, der durchaus auch mal körperlich hinlangte und während der ›Echo‹-Verleihung 1997 Stefan Raab das Nasenbein brach, ist zumindest am Mischpult ein Softie. Die CDs von Sabrina ›Schwester S‹ Setlur oder Glashaus – mit der sehr begabten Sängerin Cassandra Steen – sind Musterbeispiele für das, was Pelham unter Soul versteht: Warme, wohlig-weiche Arrangements und ein Groove, der tatsächlich an US-Vorbilder gemahnt. So etwas passt zu textlich gebrochenen Lovesongs, etwa zu Setlurs ›Du liebst mich nicht‹ oder zu ›Wenn das Liebe ist‹ von Glashaus. Oder zu den Liedern des am 30. Mai 1998 von 3p veröffentlichten Albums ›Nicht von dieser Welt‹. Mit dieser CD startete der Sohn eines südafrikanisch-indischen Vaters und einer südafrikanisch-irischen Mutter zu einer großen Karriere: Der 1971 in Mannheim geborene Xavier Naidoo wird zum Popstar, der tatsächlich teilweise von seinen Fans wie ein Heiliger verehrt wurde. Aktuell fragt man sich, was vor allem nach politischen Merkwürdig- und Rechtslastigkeiten, etwa Äußerungen, die sich in Richtung identitärer Bewegung deuten lassen – oder ihn als Anhänger von verschwurbelten Kaffeesatz- und Sterndeutereien zeigen. Wenn er dem ›Musik Express‹ sagt, dass ja was dran sein müsse, wenn so viele Verschwörungstheorien im Umlauf sind, dann ist das ein gefährliches Gedankengut. Wir erinnern uns: Ein Kernproblem, das zum Scheitern der Weimarer Republik führte, war der Umgang mit der faktisch schon damals als falsch belegten Dolchstoßlegende. Naidoo, der mit dem Tragen diverser ›Aluhüte‹ tatsächlich immer wieder in die Nähe von politischen Rechtausläufern tendiert und die Ereignisse vom 11. September 2001 für »kontrollierte Sprengungen« hält, leugnet sogar die menschliche Verantwortung des Klimawandels: »Wir können uns doch nicht herausnehmen zu sagen, dass wir die Erde kaputt machen. Die Erde wäre so oder so in diesem Zustand«, gibt er dem ›Musik Express‹ zu Protokoll. Er begibt sich damit in unmittelbare Nähe zu Beatrix von Storch, die im Interview mit ›Jung & Naiv‹ die Sonne für die Erderwärmung verantwortlich machte.

Mit Soul haben die Statements von Naidoo nichts zu tun, man kann sie als Irrlichter eines immer abgedrehter herummäandernden Künstlers sehen – oder behaupten, man habe es immer schon gewusst. Die weltlichen Anfänge seiner mittlerweile, wohl ob seiner Spintisierungen dahinsiechenden Karriere waren in bester Pelham-Tradition handfest: Nach dem Erfolg von ›Nicht von dieser Welt‹ stritten Moses P. und Naidoo jahrelang vor Gericht, währenddessen machte es der Mannheimer seinem Produzenten nach, gründete ein eigenes Label und eine eigenes Band-Projekt – die Söhne Mannheims. Allerspätestens seit dem Song ›Raus aus dem Reichstag‹ und Zeilen wie »Ihr wart sehr, sehr böse, steht bepisst in euren Socken/Baron Totschild gibt den Ton an, und er scheißt auf euch Gockel/Der Schmock ist‘n Fuchs und ihr seid nur Trottel« möchte man nicht wissen, wer diese Söhne nun wirklich erzogen hat. Abgesehen davon, dass man Naidoo übrigens per Gerichtsbeschluss nicht ›Antisemit‹ nennen darf, sondern sich andere Worte ausdenken müsste: Die Eltern haften nicht für ihre Kinder, die sind schon erwachsen. Mannheim kann also nichts dafür, die quadratische Stadt ist besser als der Ruf, den Naidoo versucht hat zu ruinieren.

 

Einige Jahre lang dachte man – der Autor nimmt sich da nicht aus –, dass Xavier Naidoo die unterschiedlichen Religionen einigen könne, gerade, weil er das lebendige Multikulti darstellt. Es schien sogar möglich, dass der potentielle Heilsbringer direkt neben der ›Mannemmer‹ Adenauerbrücke auf dem Rhein lief und die Menschheit mit diesem kolossalen Wunder einen würde. Das wäre in der Tat nah am Soul, denn immerhin waren Al Green oder auch Solomon Burke veritable Prediger, Aretha Franklin veröffentlichte ein wundervolles Gospelalbum und James Brown gab einen überzeugenden Geistlichen im Film ›Blues Brothers‹. Von den genannten konnte wahrscheinlich keiner über das Wasser gehen, aber nach dem Erfolg des Albums ›Telegramm für X‹, das 2005 bezeichnenderweise kurz vor Weihnachten in den Futterkrippen der Fans auftauchte, schien das für Naidoo im Bereich des Möglichen – auch, wenn klar war, dass dieser Weg kein leichter sein würde. »Dieser Weg wird steinig und schwer«, wusste zumindest der Künstler. Er gab damit nebenbei den Startschuss für ein Sommermärchen, dass Deutschland ein positives Stück, fähnchenschwingendes Stück Nationalstolz zu bescheren schien. Letztlich war das ein Trugschluss, und wir plagen uns immer noch mit dem Begriff ›Nation‹ herum – aber Xavier Naidoo driftet nun dorthin, wo solche Worte ins Gestrige zurückgeholt werden. Vielleicht hätte man sie da aber auch schon 2006 verortet lassen müssen. Der sogenannte Deutsche Soul hat sein musikalisches Aushängeschild verloren, es zeigt sich von einer leider Urdeutschen Seite, aber der Rest bleibt auf der Strecke, die Naidoo nach dem Stillstand des Denkens geistig einfach nicht mehr abschreiten kann. Das heißt allerdings nicht, dass es in diesem schwer überschaubaren Bereich keine interessanten Künstler mehr gibt. Der Karlsruher Laith Al-Deen zum Beispiel, der nebenbei zeigt, dass die Söhne Badens auch anders können. Neun Studioalben hat der Künstler seit dem Jahr 2000 veröffentlicht. Es ist auch da nicht alles Gold, was produktionstechnisch glänzt, aber speziell das Debüt ›Ich will nur wissen…‹ ist immer noch ziemlich gut. Das liegt auch an der zentralen, titelgebenden Übersetzung und Vertonung des Gedichtes ›The Invitation‹ von Oriah Mountain Dreamer. Cassadra Steen, Bergitta Victor oder Joy Denalane zeigen, dass Soulmusik auch hierzulande eine großartige weibliche Seite hat, Stefan Gwildis, der – natürlich – von Moses P. entdeckte J-Luv oder der Ludwigsburger Philipp Poisel tragen das Etikett ›Deutscher Soul‹ weiter. Die genannten Künstler sind allerdings so unterschiedlich, dass man ihre Songs nicht in eine gemeinsame Schublade stecken sollte. Aber neben durchaus sehr gut anhörbarer Musik eint sie doch auch zweierlei: Keiner von denen wird je über das Wasser gehen können und bislang verbreiten sie zwar das Hohelied der Liebe aber eben keine Verschwörungstheorien.

 

 

» Spotify-Playlist zum Buch

 

Manfred Prescher wurde 1961 direkt auf der Stadtgrenze von Nürnberg und Fürth geboren, mit dem Schreiben begann er kurz darauf. Er arbeitet für diverse Medien und leitet eine PR-Agentur. Seine Leidenschaft für Musik pflegt er auch als Radiomoderator und als Buchautor.

 

 

 

 

 

Deutsche Texte und Popmusik - das ging lange nicht zusammen. Zu sehr war die Sprache durch die jüngste Geschichte vorbelastet und zu sehr schielte man über den großen Teich oder zumindest über den Kanal und versuchte, die angloamerikanischen Stars auch in der Sprache zu imitieren. Doch das hat sich gewaltig geändert und schon seit einiger Zeit mischen deutschsprachige Künstler die hiesigen Charts auf - deutscher Hip-Hop steigt in der Regel auf Platz 1 ein, Schlagerkünstler aber auch moderne Liedermacher sind extrem erfolgreich. Von Hannes Wader und den politischen Liedermachern der 1960er Jahre über Udo Lindenberg und die Neue Deutsche Welle, bis hin zu Sido und Tim Bendzko spürt Manfred Prescher der Geschichte der deutschsprachigen Popmusik nach. Spannend und unterhaltend zeigt er, wie es gelang, eine neue Sprache und eine neue Leichtigkeit zu erschaffen, was die Erfolge der letzten Jahre erst ermöglichte.

 

 

 

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Tags: Musik
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  • Ein Schreiberling mit Soul

    Ich muss es zugeben, ich kenne den Prescher schon aus gemeinsamen Radiozeiten. Damals hatte er eine ausgeprägte Vorliebe auch für Soul. Aber was ist Soul? Gibt es deutschen Soul? Möglicherweise schon, wie er hier aufzeigt. Dass man gerade Naidoo kritisch gegenüberstehen kann, ist klar. In seinem Buch hat Prescher den Mann ausgespart, warum wohl? Das Buch finde ich übrigens sehr gelungen, man kann geschmäcklerisch anmerken, dass er manchen Künstler, manche Künstlerin oder auch manche Strömung schlicht unterschlagen hat, aber das ist normal. Wo kämen wir denn mit einem Wälzer hin, der alles umfasst? Zum Taschen Verlag? Oder zum Orthopäden? Wirklich lesenswert finde ich übrigens das erste Kapitel zur Sprachlosigkeit und das über die DDR.

  • Leckere BuchBeat-stabensuppe

    Jedes Menü hat sein Konzept, seine Zutaten UND den Meisterkoch dahinter, der alle Elementarteilchen zusammenfügt. Genau das ist Maestro Manfred Prescher auch mit seinem neuesten Buch inklusive Zusatzkapitel...als Dessert sozusagen. ..gelungen.
    Ein tolles Gericht aus Buchstaben, buchstäblich eine BuchstabenBeatkreation der Extraklasse...

  • Wichtiges Kapitel

    ... zum Buch und zur deutschen Musikgeschichte!!

  • Kommentar

    Danke für die unterhaltsame Reise durch die deutsche Popgeschichte. Es ist ja zum Teil auch meine musikalische Vergangenheit. Auf dieses Kapitel hatte ich noch gewartet. Huch! Manche Dinge liegen gefühlt noch gar nicht so lange zurück. Die Story mit Raabs gebrochenen Nasenbein hatte ich auch gar nicht mehr auf dem Zettel. Nachvollziehbarer Reflex.. Mehr von diesen Geschichten, Herr Prescher!

  • BRAVO...

    Recherche... Sie erfordert ein enormes Wissen. Dieser zweite Zusatz zum Buch "Es geht voran" ist interessant zu lesen, und für mich als Laie, zu verstehen. Ulla -Daumen hoch...