Die Eroberung der Wolken: Gabriele D'Annunzio, die Flugkunst und der moderne Luftkrieg

Der Wort-Künstler D’Annunzio suchte nach immer neuen Herausforderungen und Abenteuern. In der gerade entstehenden Luftfahrt fand er, wonach er ständig suchte: Die Steigerung des alltäglichen Lebens. 1909 stieg er das erste Mal in ein Flugzeug…

Prag ist eine wunderbare Stadt, aber gelegentlich tut Tapetenwechsel gut. So hatte sich der Schriftsteller Franz Kafka im September 1909 zusammen mit seinen Freunden Max und Otto Brod auf den Weg an den Gardasee gemacht. Eine beschauliche Landschaft, aber auch berührt von den Regungen ihrer Zeit. Auch an den Promenaden rund um den Bergsee machte die Nachricht von der Flugschau von Brescia die Runde, die in den kommenden Tagen einige der bekanntesten Piloten jener Zeit nach Italien holen würde. Die Kunst zu fliegen war jung in jenen Jahren, und so machten sich auch Kafka und seine Begleiter voller Neugierde auf den Weg in die lombardische Stadt.

„Wir haben in Brescia eine Volksmenge wie noch nie, wie nicht einmal zur Zeit der großen Wettfahrten der Automobile", berichtet der Schriftsteller in der Zeitung Bohemia. "Alle Preise steigen ausgezeichnet; die Beförderungsmittel reichen nicht aus, um die Menge bis zum circuito aereo zu bringen; die Restaurationen auf dem Flugfeld können 2 000 Menschen vorzüglich bedienen, vor den vielen Tausenden müssen sie versagen, Militär wäre nötig, die Buffets zu schützen; auf den billigen Plätzen stehen 50 000 Menschen den ganzen Tag.“

Mitten in dem Geschehen bemerkt Kafka einen anderen Literaten: „Gabriele d‘Annunzio, klein und schwach, tanzt scheinbar schüchtern vor dem Conte Oldofredi, einem der bedeutendsten Herren des Komitees.“ Klein ist D'Annunzio in der Tat, er misst nicht viel mehr als 1,6 Meter. Was Kafka in diesem Moment nicht sieht: die ungeheure Energie des Dichterkollegen. Kontakte in die Flugszene hat er bereits, in diesem Moment bittet er darum, einen der Piloten während eines Fluges begleiten zu dürfen. Das Ansinnen hat Erfolg. „Der Moment, in dem man von der Erde abhebt, ist von unendlicher Süße Es ist ein neues Bedürfnis, eine neue Leidenschaft“, erklärt er anschließend einem Journalisten des Corriere della Sera

Vorstoß ins Ungeheure

Fliegen ist süß. Aber auch heroisch und erhaben. "Wohin hat es dich getragen?“, fragt sich der Flieger Paolo Tarsis, Protagonist von D'Annunzios im Fliegermilieu spielenden Romans Forse che si, forse che no. „Wo soll dieser Flug enden? Wohin bringt dich dieser tödliche Atem? Noch höher hinaus? Alles ist verschwunden. Die Erde ist eine undurchsichtige Wolke." In seinem Flugzeug, deutet sich hier an, erhebt sich der Mensch in nie dagewesene Gefilde.

Der neue Raum ist das Ungeheure, noch grandioser und erhabener vielleicht sogar als das Meer. Wer sich in die Wolken erhebt, hat die Erde, hat die gewöhnlichen Menschen unendlich weit hinter sich gelassen. Vielleicht kann er sich gar nicht mehr zu ihresgleichen zählen. Unmerklich entwickelt sich der Kult des Fliegens in einen Kult des Übermenschen, des Helden, der hier, nahe den Wolken, seinen Wagemut bestätigt sieht. Alles scheint fortan möglich: "Die Natur senkte eine ihrer Schranken nach der anderen.“

Der erste Luftangriff der Geschichte

Vorerst, 1909, kannten die Italiener die Helden der Lüfte allein in ihrer sportlichen Variante. Doch nur zwei Jahre später, 1911, sollten sie auch deren kriegerische Aspekte kennenlernen. In diesem Jahr versucht Italien, Libyen - eine Provinz des Osmanischen Reichs - unter seine Herrschaft zu bringen. „Tripoli, terra incantata / Sarai italiana al rombo del cannon“, heißt es in einem Schlager der Epoche: „Tripolis, Erde voller Zauber / beim Schlag der Kanone wirst du italienisch sein!“ Doch die Kämpfe erweisen sich als härter denn zunächst angenommen. Den Italienern wird klar: Libyen gehört mit aller Gewalt bekämpft. Dazu setzen sie auch Flugzeuge ein.

Es bleibt einem Flieger der italie­nischen Luftstaffel, Giulio Gavotti, vorbehalten, den ersten Luftangriff in der Geschichte des Krieges zu fliegen. Am 1. November startet er seine Mission. Vier melonengroße Bomben hat er dabei. Als er mit seinem Flugzeug die für den Angriff ausgewählte Garnison erreicht hat, trifft er seine Vorbereitungen. „Mit der freien Hand hole ich einen Zünder aus der Tasche und halte ihn mit dem Mund fest Ich schließe das Etui, setze den Zünder auf die Bombe und schaue nach unten. Ich bin bereit.“ Deutlich zeichnen sich die Zelte der Soldaten ab, ebenso auch ein größeres weißes Gebäude, daneben ein etwas kleineres. „Kurz bevor ich die Stelle erreiche, greife ich mit der rechten Hand nach der Bombe. Mit den Zähnen ziehe ich den Sicherheitsring ab und werfe die Bombe über den Flügel nach unten. Einige Sekunden sehe ich ihr nach, dann verliere ich sie aus dem Blick.“ Doch wenige Sekunden später kann er triumphieren: „Inmitten des kleinen Hauses sehe ich ein dunkles Wölkchen. Ich hatte eigentlich einen Aufschlag in dem großen Haus erwartet, bin aber trotzdem zufrieden: Ich habe getroffen."

 

Gefahren des Windes

Strategisch blieb der Angriff ohne unmittelbare Folgen. Die Bomben erschreckten die Angegriffenen, richteten aber keinen größeren Schaden an. Mittelbar aber war das Geschehen epochal: Mit Gavottis Angriff begann das Zeitalter des Luftkriegs. Gefahr konnte nun auch aus dem Himmel kommen.

Beeindruckt von Gavottis Flug war auch D’Annunzio. Er nahm den Piloten in eines seiner Gedichte, „La Canzone della Diana“, auf. „Und du, Gavotti, im leichten Wall, gebeugt in den Gefahren des Windes / über den Feind, der von deinem Angriff nichts weiß!“ Ethische Bedenken? Der Dichter kennt sie nicht. Er bewundert allein die Tat, die militärische Geste: „Du wirfst deine Bombe über den Flügel / hinunter auf das plötzlich einsetzende Massaker, / das dein Herz im Schwung des Windes zum Glühen bringt.“

Flug über Wien

Als der Erste Weltkrieg ausbricht, steigt D'Annunzio selbst in die Kampfflugzeuge. Zum Piloten lässt er sich nicht ausbilden, ihm genügt der Beifahrersitz. Von dort wirft er die Bomben ab, oder auch tausende von beschriebenen Blättern mit politischen Parolen. Sein legendärstes Unternehmen zählt ein Flug von Venedig nach Wien am 9. August 1918.

Das Unternehmen ist ehrgeizig: rund 435 Kilometer beträgt die direkte Luftlinie, mit den einkalkulierten Abweichungen sind es rund 500. Die Flughöhe beträgt 3000 Meter. Dieses Mal – der Sieg der Alliierten ist absehbar – haben die Flugzeuge keine Bomben an Bord, sondern Flugzettel, und zwar jede Menge: 40 000 mit einem italienischen Text von D’Annunzio und 350 000 mit einer deutschen Übersetzung. Gut 20 Minuten kreisen die Maschinen in 600 Metern Höhe über der Stadt. „WIENER!“, heißt es in großformatigen Majuskeln im ersten Teil der Flugblätter. „Lernt die Italiener kennen. Wenn wir wollten, wir könnten ganze Tonnen von Bomben auf eure Stadt hinabwerfen, aber wir senden euch nur einen Gruß der Trikolore, der Trikolore der Freiheit. Wir Italiener führen den Krieg nicht mit den Bürgern, Kindern, Greisen und Frauen. Wir führen den Krieg mit eurer Regierung, dem Feinde der nationalen Freiheit, mit eurer blinden, starrköpfigen und grausamen Regierung, die euch weder Brot noch Frieden zu geben vermag und euch nur mit Hass und trügerischen Hoffnungen füttert.“

Kriegsspiele in Fiume

Der Flug wurde ein Triumph, auch darum, weil die österreichische Luftabwehr vor aller Augen versagt hatte. D'Annunzios Ruf als unerschrockener Kriegsheld festigte sich weiterhin, umso mehr, als er zuvor während eines anderen Fluges durch den harten Aufprall bei der Landung das Licht eines Auges verloren hatte. Italien hatte seinen Helden. Der genoss seine Rolle. Und wollte sie nach Kriegsende unbedingt weiterspielen. Weil die Waffen offiziell aber schwiegen, suchte er sich einen anderen, einen eigenen Kriegsschauplatz. Er fand ihn in Fiume. Dort setzte er eines der bizarrsten Abenteuer der unmittelbaren Nachkriegszeit in Gang, mit Strahlkraft weit in das 20. Jahrhundert.

  

 

 

Kersten Knipp, geb. 1966, ist Publizist und Journalist. Er ist freier Politik-Redakteur bei der Deutschen Welle, arbeitet für den Deutschlandfunk und andere Sender der ARD und ist Autor u. a. für die Neue Zürcher Zeitung.

 

 

 

 

Im September 1919 besetzen 2500 Freischärler unter der Führung des Exzentrikers, Dichters und Kriegshelden Gabriele D’Annunzio eine kleine, kroatische Küstenstadt und errichten dort auf den Trümmern des Habsburgerreichs die Republik von Fiume. Hier führen sie ein bizarres Spektakel antagonistischer Elemente auf: Militärparaden, Fackelzüge und Kriegsverherrlichung, vereint mit einem nicht abreißenden Happening von freier Liebe, Drogen und FKK. Die Republik von Fiume bildet den Auftakt zu einem Jahrhundert der Gewalt. Sie wird zum ästhetischen Laboratorium des Faschismus und zu einem frühen Ort der »counter culture« von 1968. In seinem historischen Essay beschreibt Kersten Knipp, wie sich all diese widersprüchlichen Aspekte zu einem gefährlichen, massenpsychotischen Populismus verbinden, und zeigt auf, wie sich an dieser erstaunlichen Episode der Beginn der Wege und Irrwege des 20. Jahrhunderts abzeichnet. 2019. 288 S. mit 34 s/w Abbildungen, 14,5 x 21,5 cm, geb. mit SU. wbg Theiss, Darmstadt.

 

 

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