Die wbg wird 70!

Einige persönliche Anmerkungen dazu, zum Phänomen der Subskription, zu Europa im Allgemeinen und zu „Europa“ im Speziellen. 

Die Bundesrepublik Deutschland wurde im Mai 1949 gegründet, wenige Monate nach der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft. Heute, 70 Jahre später, besinnt sich der Traditionsverlag in Teilen wieder auf seine Ursprünge.

Die wbg entstand – wie die Bundesrepublik – 1949. Sie wurde am 12. Januar 1949 in der Universitätsstadt Tübingen als „Verein Wissenschaftliche Buchgemeinschaft e.V.“ gegründet. Diese Gemeinschaft wurde aus der Not geboren, war das Geschöpf einer Mangelgesellschaft. Es mangelte an Wohnraum, an Nahrung und Heizmaterial, es mangelte an Papier wie auch an Büchern.

Was nationalsozialistische Bücherverbrennung und der Krieg an entsetzliche Lücken in die Bestände privater und öffentlicher Bibliotheken gerissen hatte, dies wollte die wbg füllen.

Die Arbeitsgrundlage war dabei anfangs fast ausschließlich die Subskription, ein Vorabverkaufsverfahren, dass im 17. Jahrhundert im Buchmarkt Eingang fand. 1750 verschickte Denis Diderot in ganz Europa einen Prospekt, in dem er Interessenten zur Subskription seiner Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers („Enzyklopädie oder (alphabetisch) geordnetes Lexikon der Wissenschaften, Künste und Gewerbe, von einer Autorengemeinschaft“) aufrief. 1751 erschienen die beiden ersten Bände; der anschließende buchhändlerische Erfolg und die Wirkung des Werkes waren enorm.

In der Anfangszeit arbeitete die wbg tatsächlich vorwiegend genau nach diesem Prinzip: Platon oder Schleiermacher, Mommsen, Droysen oder Gregorovius – wenn genügend Subskribenten sich bereit erklärt hatten, druckte die Wissenschaftliche Buchgesellschaft zentrale Monographien, Quelleneditionen und Werkausgaben nach. Die jährlichen Bestandskataloge der wbg mit den Ankündigungen neuer Subskriptionsangebote waren selbst so umfangreich wie richtige Bücher.

Wenn man so will, so war die wbg der Nachkriegszeit eine Art Selbsthilfeverein, eine Kooperative mit dem Ziel, die an Büchern und Bildung Interessierten zusammenzuführen und gemeinsam für die Auswahl und für den Druck verlorener Wissensgrundlagen zu sorgen.

Doch stellen wir uns die Anfänge der wbg nicht zu idealistisch, nicht zu romantisch-altruistisch vor. Immerhin war der Gründungsdirektor und langjährige Leiter der Buchgemeinschaft der Historiker Ernst Anrich, von dem ich an Positivem nur sagen kann, dass ich ihm niemals persönlich begegnet bin. Obwohl dies lebenszeittechnisch durchaus möglich gewesen wäre: Das langjährige NSDAP- und SS-Mitglied starb erst 2001 ganz in der Nähe von Darmstadt. 

 

 

 

In den Kriegsjahren baute er die „Reichsuniversität Straßburg“ – inoffiziell auch gerne „NS-Kampfuniversität Straßburg“ genannt - mit auf und wirkte dort als Dekan der Philosophischen Fakultät, neben Historikern wie Günther Franz oder Herrmann Heimpel. Nach dem Krieg baute er - mit dem Segen der französischen Besatzungsbehörden - die wbg auf. Erst nach einer besonders eindrucksvollen Rede 1966 auf dem Parteitag der NPD, deren Präsidium er angehörte, wurde er vom Vorstand der wbg umgehend entlassen – bei voller Gehaltsfortzahlung bis zu seinem 65. Lebensjahr (1971) und dem Fortbestand seiner Pensionsansprüche.

Auch die Anfänge der BRD stellen wir uns alles andere als romantisch vor. Niemand hätte damals die Hand dafür ins Feuer gelegt, dass aus dieser in der Gewalt gezeugten zarten Pflanze ein erfolgreiches, ein friedliches Gemeinwesen erwachsen würde. Die Angst vor einem „IV. Reich“ bestand innerhalb Deutschlands wie auch bei seinen Nachbarn. Ausschlaggebend und unabdingbar für das Gelingen des politischen Neuanfangs war die Wiederaufnahme der jungen westdeutschen Republik in die europäische Staatenfamilie. Niemals darf es vergessen werden, was die Friedensmesse in Reims 1962 bedeutete, was es bedeutet, dass es heute eine so enge deutsch-französische Freundschaft gibt, nachdem sich die beiden Länder in drei Kriegen – ausschließlich auf französischem Boden – zerfleischt hatten.
 

 

 

Heutzutage ist das Verfahren der Subskription weitgehend aus der Verlagslandschaft verschwunden, ein ausgestorbenes Fossil, wie auch die deutsche Mangelgesellschaft verschwunden ist und einer Überflussgesellschaft Platz gemacht hat. Aus der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft hat sich die wbg entwickelt, ein schlagkräftiger Verein und Verlag mit den Labeln wbg Theiss, wbg Zabern, wbg Edition und wbg Academic, die jährlich rund 120 Eigenproduktionen vornehmlich aus den Gebieten der Geisteswissenschaften veröffentlichen. Aber nota bene: Vereinzelt gibt es sie noch, die gute alte Subskription, oder sie lebt wieder auf:

2017 gaben zwei für die Geschichte brennende französischen Historiker das monumentale Sammelwerk „Europa: Notre histoire“ heraus. In Zeiten, in denen immer deutlicher wird, wie essenziell und – hier darf es gesagt werden – alternativlos Europa ist, und in denen gleichzeitig die Orientierungslosigkeit und Unzufriedenheit wächst, wollten Sie die unendliche Vielfalt unseres Kontinentes dokumentieren.; absolut nicht unkritisch, und vor allem unter radikaler Vermeidung eines hergebrachten eurozentristischen Blicks, mit einer Autorenriege aus allen fünf Kontinenten. Niemals würden sie von sich behaupten, dass sie Europa umfassend und in Gänze abgebildet hätten, ja, das Großartigste an diesem Werk sind vielleicht seine Lücken, denn, wie schon Voltaire wusste: »Die nützlichsten Bücher sind die, die den Leser anregen, sie zu ergänzen.«

 

An das, was Étienne Francois und Thomas Serrier in Frankreich geleistet hatten, traute sich kein großes deutsches Verlagshaus heran. Und auch bei der wbg bin ich mit dem ‚Projekt Europa‘ erstmal grandios gescheitert - bis die Idee keimte, dafür die alte Subskription wiederzuentdecken. Das Ende vom Lied ist: Das Alte, das Abgelegte ist manchmal das Innovative und Zukunftsweisende. Und wir haben die Mitglieder der wbg haarsträubend unterschätzt: hatten wir uns zum Ziel gesetzt, zum Ende des Monats März 600 Subskriptionen eingesammelt zu haben, so hatten sich schon im April 2019 über 1500 Subskriptionen bereit erklärt, dieses Werk zu bestellen … Mit diesen Mitgliedern haben wir eine große Zukunft. Und mit Europa haben wir alle zusammen eine große Zukunft!

https://waehlen-gehen-fuer-europa.de/

 

 

 

 

Daniel Zimmermann lebt in Mainz und ist Programmmanager im wbg-Lektorat Geschichte. Dort ist er zuständig für die Programme wbg Theiss, wbg Edition, wbg Academic und wbg Zabern.

 

 

  

 

Die Antwort auf die Suche nach der europäischen Identität: Über 100 Weltbürger – Historiker aus Frankreich, Deutschland, England, Italien, Indien oder Japan – beschreiben in grandiosen Essays die europäischen Erinnerungsorte, entwerfen ein Psychogramm europäischer Befindlichkeit und zeichnen so das Riesenpanorama der Geschichte unseres Kontinents.

 

 

 

 

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