Ein »antiker« Stadtrundgang – die virtuelle Rekonstruktion der Colonia Ulpia Traiana

Im Jahr 2014 produzierte der LVR-Archäologische Park Xanten / LVR-RömerMuseum in Zusammenarbeit mit der Firma Faber Courtial GbR eine aus sechs Teilsequenzen bestehende, ca. zehnminütige virtuelle Rekonstruktion der Colonia Ulpia Traiana. Der Film ist heute exklusiv im LVR-RömerMuseum zu sehen. Das Ziel ist es, den Besucherinnen und Besuchern des Museums einen umfassenden und möglichst detailgetreuen Eindruck des architektonischen Erscheinungsbildes in Form eines virtuellen Rundgangs zu vermitteln und einen realistischen Eindruck von Raum und Atmosphäre der römischen Metropole erlebbar zu machen.

Die römische Geschichte Xantens beginnt um die Zeitenwende. Zu Beginn der augusteischen Feldzüge errichteten römische Legionen das Militärlager Vetera auf dem Fürstenberg, südlich der heutigen Stadt Xanten. Im Schatten des Legionslagers ließen sich Zivilisten und Handwerker auf einer Uferterrasse des Rheins nieder. Im Laufe der Zeit wuchs die Siedlung zu einer stattlichen Größe. Auf Initiative Kaiser Trajans erhielt sie wahrscheinlich um das Jahr 100 n. Chr. das höchste römische Stadtrecht. Die Colonia Ulpia Traiana zählte damit zu den bedeutendsten Metropolen der germanischen Provinzen. Ein orthogonales Straßenraster unterteilte das 73 ha große Stadtareal, das von einer insgesamt 3,5 km langen Stadtmauer umgeben war, in insgesamt 40 Insulae. Repräsentative, öffentliche Großbauten wie das Forum, der Kapitolstempel, eine Thermenanlage und das Amphitheater prägten das Stadtbild. In der Blütezeit der Colonia zur Mitte des 2. Jahrhunderts lebten vermutlich mehr als 10 000 Menschen unterschiedlichster kultureller Herkunft in der Stadt. Neben römischen Veteranen ließen sich dort einheimische und zugezogene Germanen, Gallier sowie Menschen aus anderen Teilen des römischen Reiches nieder.

 

Der Niedergang der Stadt beginnt gegen Ende des 3. Jhs. n. Chr. Nach einer ersten Zerstörung wurde das Stadtareal auf neun Insulae im Zentrum reduziert. Mitte des 4. Jhs. n. Chr. wurde auch diese spätantike Festung durch die Franken stark zerstört. Nach dem Ende der römischen Epoche verlagerte sich der Siedlungsschwerpunkt auf den heutigen Xantener Domhügel, das Areal der ehemaligen römischen Gräberstraße. Das Gelände der Colonia wurde seit der Spätantike nicht überbaut, das antike Steinmaterial geraubt, verkauft oder für den Bau der mittelalterlichen Stadt wiederverwendet. Heute sind nur die Fundamente der römischen Bauten oder deren Ausbruchgräben erhalten. Diese Überreste schützt und erforscht der LVR-Archäologische Park Xanten seit 1977 als eines der bedeutendsten archäologischen Bodendenkmäler Deutschlands.

Durch den virtuellen Rundgang wurde die antike Stadt wieder zum Leben erweckt. Die Gebäude in den Filmsequenzen entsprechen den archäologisch nachgewiesenen Bauten der antiken Stadt auf aktuellem Forschungsstand. Auf der Basis archäologischer Grundriss- und Rekonstruktionszeichnungen, die Bauforscher in jahrelanger Recherche zusammengetragen und in wissenschaftlichen Fachkolloquien kritisch diskutiert haben, wurden die Gebäude mit Hilfe computergenerierter Bilder dreidimensional rekonstruiert. Um die Colonia mit Leben zu füllen, sollten Personen, Tiere, Fuhrwerke oder Lastschiffe optisch möglichst realitätsnah und in natürlicher Bewegung in den Film integriert werden. Um eine möglichst wirklichkeitsnahe Darstellung zu erzeugen, wurden Schauspielerinnen und Schauspieler mithilfe des sog. Greenscreen-Verfahrens vor einem neutralen Hintergrund gefilmt und anschließend in die virtuell rekonstruierte Szenerie eingebettet. Lediglich Menschen und Tiere im Bildhintergrund wurden zum Teil animiert. Die visuelle Umsetzung wird durch Tonspuren unterstützt, z. B. Jubel oder Kampfgeräusche in der Arena, Hintergrundgespräche oder Umgebungsgeräusche wie Schritte, Hufe oder Fuhrwerke.

Die Filmsequenzen werden auf großen Bildschirmen im Museum präsentiert, die über einem Realmodell der Colonia mit einer Fläche von insgesamt 3 x 3 m im Maßstab 1 :350 installiert sind. Das haptische Modell der Colonia trägt insbesondere zum Verständnis der Stadtanlage, ihrer Struktur sowie ihres gesamten Ausmaßes bei. Die Kombination mit der virtuellen Rekonstruktion bietet den einzigartigen Vorteil, einen Eindruck der dichten antiken Bebauung vermitteln zu können und gleichzeitig die Monumentalität der eindrucksvollen Repräsentationsbauten zu visualisieren. Die Besucherinnen und Besucher des Museums schlüpfen in die Rolle eines römischen Spaziergängers, der die Colonia durch eines der Tore betritt und erkunden die Stadt aus seiner Perspektive: Im Hafen wird die Ladung eines Frachtschiffes gelöscht, auf dem Forum veräußern Händler im geschäftigen Treiben ihre Waren und vor dem Kapitolstempel findet eine Opferzeremonie statt. Die Kamerafahrt nimmt uns mit in die in hadrianischer Zeit errichtete städtische Thermenanlage, wo wir zunächst die große, den Badesälen vorgelagerte basilica thermarum betreten. An eben dieser Stelle befindet sich heute das LVR-RömerMuseum, dessen Architektur dem didaktischen Konzept des Archäologischen Parks folgend sowohl die Kubatur als auch Teile der Innengliederung des antiken Gebäudes aufgreift.

 

Durch den Haupteingang im Osten der Thermenanlage öffnet sich der Blick in die etwa 68 m lange und 19 m breite Halle. Der eigentliche Badetrakt war im Inneren über drei Portale zugänglich. Ausgrabungen förderten die Fundamente des repräsentativen Mittelportals und verkohlte Überreste des Fußbodens zutage, die auf einen flächigen Holzfußboden aus Eichendielen hinweisen. Das Innere des Museums nimmt diese wesentlichen Elemente der antiken Eingangshalle auf. In einem schmalen, im Eingangsbereich der antiken Halle befindlichen Kopfbau befanden sich Treppenhäuser, die zu den oberen Stockwerken des rund 25 m hohen Gebäudes führten. Unklar ist, ob Badegäste diese Galerien nutzen konnten oder ob es sich um Bedienungsgänge (etwa für die Reinigung der Fenster) handelte. Der hölzerne Dachstuhl der Halle war vermutlich mit einer freitragenden Kassettendecke verkleidet. Die ausgegrabenen Befunde erlauben jedoch keine spezifischen Aussagen zur genauen Nutzung dieser monumentalen Halle. Vermutlich befanden sich hier Verkaufsläden oder -stände, z. B. für Badeutensilien, Kosmetika oder Sportgeräte.

Der virtuelle Rundgang stößt auf äußerst positive Resonanz. Die Besucherinnen und Besucher können in beeindruckender Weise in die städtische Atmosphäre eintauchen und dabei realistische Eindrücke von Raum, Atmosphäre und Alltagsleben der Stadt und ihrer Bewohner aufnehmen. Die virtuelle Rekonstruktion erfüllt darüber hinaus den Anspruch an zeitgemäße Sehgewohnheiten. Zu den Stilmitteln einer möglichst naturalistischen Darstellung, wie sie auch bei neuesten Serien- und Filmproduktionen zum Standard zählt, gehört z. B. auch die Abbildung von Schmutz oder Schäden durch Verwitterung an Gebäuden. Solche »Lebensspuren« stehen durchaus im Einklang mit den Eindrücken der Museumsgäste im Freigelände, wo die originalgetreu nachgebauten Gebäude den Einflüssen der Witterung und einer experimentell-archäologischen Nutzung ausgesetzt sind.

Der LVR-Archäologische Park Xanten und das LVR-RömerMuseum

Rund vierhundert Jahre lang war Xanten einer der bedeutendsten römischen Orte in Germanien. An die zehntausend Männer, Frauen und Kinder lebten in der imposanten Stadt, die Kaiser Trajan um 100 n. Chr. zur Colonia Ulpia Traiana ernannte. Dass ihr Gelände seit dem Mittelalter kaum besiedelt wurde, ist ein wahrer Glücksfall. So können die Überreste der römischen Stadt im LVR-Archäologischen Park Xanten und im dazugehörigen LVR-RömerMuseum geschützt, erforscht und präsentiert werden. Im weitläufigen Grün des Parks vermitteln originalgetreue Nachbauten wie der Hafentempel und das Amphitheater, die Stadtmauer, Wohnhäuser und Badeanlagen einen lebendigen Eindruck vom römischen Alltag in Germanien.

Website des Archäologischen Park Xanten:www.apx.lvr.de

 

Archäologische Ausgrabungen lassen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler jeden Tag auf bis heute erhaltene Spuren antiker Kulturen stoßen. Grabungsstätten geben Hinweise auf Siedlungen, Gebäude, weitläufige Plätze und Heiligtümer längst vergangener Zeiten. Die erst Jahrhunderte später zu Tage tretenden Überreste zeugen von Orten und Bauwerken, deren früherer Größe und Erscheinung sich die Archäologie anhand von Ausgrabungen, modernen Methoden und Rekonstruktionen nähert. In den letzten Jahren entstehen - dank neuester Technik und auf Grundlage archäologischer Untersuchungen - eindrucksvolle Rekonstruktionen antiker Bauten und Stätten. In aufwändigen dreidimensionalen digitalen Modellen werden seit Langem zerstörte oder stark veränderte Orte in ihren vermutlichen Originalzustand zurückversetzt und verschaffen dem Betrachter einen einzigartigen Eindruck des antiken Erscheinungsbildes. Gezeigt werden 24 fantastische Rekonstruktionen von 24 verschiedenen archäologischen Stätten, versehen mit den wichtigsten Stichpunkten zum Grabungsprojekt . Die jeweils doppelseitig abgebildeten Rekonstruktionen zeigen dabei eins besonders: die Wirkung antiker Stätten - auferstanden im digitalen Zeitalter.

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