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›Ein geändertes Leben‹ – Gerhard L. Weinberg spricht über seine Kindheit in Deutschland

1928 wurde Gerhard Ludwig Weinberg in Hannover geboren – zehn Jahre später musste er aufgrund der nationalsozialistischen Judenverfolgung nach Sawange an der Südküste Englands auswandern.
In unserem neusten Blogbeitrag spricht der Historiker über die prägnantesten Erinnerungen aus seiner Kindheit in Hannover.

 

Gerhard L. Weinberg – ›Ein geändertes Leben‹

Ich wurde am 1. Januar 1928 in der Wohnung eines Hauses geboren, das meinen Eltern in Hannover gehörte. Zwei Ereignisse im Jahr 1934 machten nachhaltigen Eindruck auf mich. Ich kam in die Volksschule. Ein paar Jungen sagten vor oder nach dem Unterricht und in den Pausen immer hässliche Dinge und schlugen mich. Als ich davon Nasenbluten bekam, suchte ich mir auf dem Nachhauseweg einen Platz, wo ich mich verstecken konnte, bis das Bluten aufhörte, um Mutter nicht zu beunruhigen. Das andere Ereignis war die Entlassung meines Vaters von seiner Stelle als Regierungsrat im Finanzamt Hannover, als Hindenburg im August 1934 starb und Juden, die als Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs auf sein Drängen hin im Amt geblieben waren, entlassen wurden. Das Wohnzimmer wurde nun zu Vaters Büro. Dort traf er Mandanten, die vorhatten, Deutschland zu verlassen und sich die fachlichen und wechselnden staatlichen Vorschriften erklären lassen mussten. Der vordere Bereich der Wohnung wurde zum Wartezimmer für Mandanten.

In den Jahren 1935–36 wurde die Situation in der Schule für meinen älteren Bruder so schlimm, dass meine Eltern ihn nach Berlin zu einer jüdischen Familie schickten, damit er dort eine jüdische Schule besuchen konnte. Meine Schwester blieb auf ihrer Schule in Hannover. Unsere Eltern kamen zu der Überzeugung, dass es für uns in Deutschland keine Zukunft gab, und beantragten mit Unterstützung eines Onkels mütterlicherseits die Einwanderung in die Vereinigten Staaten. Wir Kinder sollten von zwei englischen Schwestern, die in Hannover lebten, Englischunterricht bekommen. Ich gebe zu, dass ich mich mehr für ihren Papagei interessierte als für die Englischstunden. Als ich Anfang 1938 von der Volksschule aufs Gymnasium wechselte, war Englisch dort auch Schulfach.

Ich konnte nicht schwimmen lernen, da Schwimmbäder zu den Einrichtungen gehörten, die Juden verschlossen waren. Zoos waren für Juden nicht verboten, meine Eltern kauften mir deshalb regelmäßig eine Jahreskarte, die ich auch häufig nutzte. Einige Jahre besaßen wir ein Auto, das wegen Vaters Kriegsverletzung am rechten Arm meine Mutter fuhr. Als man Juden das Autofahren verbot, wurde der Wagen verkauft. Wenn die Familie in Urlaub fuhr, telefonierten meine Eltern mit unserer geplanten Unterkunft, ob dort auch Juden beherbergt würden.

In der „Kristallnacht“ wurde Papa verhaftet, kam aber nach drei Tagen nach Hause, und ich erfuhr später, dass Mutter seinen früheren Chef aufgesucht hatte, der den Polizeipräsidenten bat, ihn auf freien Fuß zu setzen. Am 13. November kam der Rektor in die Klasse und verlas die Verordnung, mit der Juden von öffentlichen Schulen ausgeschlossen wurden, also standen ein anderer Junge und ich auf, packten unsere Sachen zusammen und gingen nach Hause.

Was mich am meisten aufregte, war, dass unsere Synagoge in Brand gesteckt wurde. Dass Menschen einander verletzten, war schlimm, gehörte aber zum Leben. Aber dass sie offenbar so wütend auf Gott waren, dass sie ein Gotteshaus niederbrannten, schien für mich in eine andere Kategorie von Schrecknissen zu gehören. Quäker in England fragten bei Internaten an, ob sie zu ermäßigten Gebühren jüdische Flüchtlingskinder aufnehmen würden. Eine Schule in Swanage an der Südküste bot an, zwei Jungen aufzunehmen, und eine Schule in Bournemouth bot an, ein Mädchen aufzunehmen. Unsere Eltern brachten uns drei nach Hamburg, wo wir an Bord eines amerikanischen Schiffes gingen, das am 28. Dezember 1938 in See stach.

 

 

Gerhard L. Weinberg ist ein US-amerikanischer Historiker, dessen bekannteste Arbeiten von der Geschichte des Zweiten Weltkriegs handeln. Er wurde am 1. Januar 1928 in Hannover geboren und musste zehn Jahre später aufgrund der Judenverfolgung nach England auswandern.

 

 

 

 

 

Konrad H. Jarausch, Jg. 1941, ist Lurcy Professor of European Civilization an der University of North Carolina in Chapel Hill. Gastprofessuren und Forschungsaufenthalte führten ihn wiederholt nach Deutschland (Saarbrücken, Göttingen, Leipzig, Potsdam und FU Berlin). Von 1998 bis 2006 leitete er zusammen mit Christoph Kleßmann bzw. Martin Sabrow das Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam. Rund 50 Bücher zur deutschen und europäischen Geschichte hat er publiziert, zuletzt: Aus der Asche. Eine neue Geschichte Europas im 20. Jahrhundert.

 

Konrad Jarausch schreibt eine neue deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts: im Spiegel der Lebensgeschichten von über 80 Zeitzeugen. Geboren während der Weimarer Republik, hat diese Generation den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg erlebt, aber auch die Nachkriegszeit – in BRD oder DDR – und die Wiedervereinigung. Es sind sehr verschiedene Lebensläufe, gebrochene Biografien: von glühenden Nazis bis zu jüdischen Holocaust-Opfern, von politischen Wendehälsen bis zu unpolitischen Zeitgenossen. Wie haben diese »ganz normalen Deutschen« das 20. Jahrhundert erlebt, erlitten und verarbeitet?

 

 

 

 

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Tags: Politik
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