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Ein merk- und denkwürdiger Sommer in der Hauptstadt der deutschen Literatur

Der Name Sanary-sur-Mer steht heute für Exil und Vertreibung. Zwischen 1933 und 1942 lebten hier mehr als 50 deutsche Intellektuelle, darunter Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Franz Werfel und Thomas Mann. ›Exil unter Palmen‹ entwirft ein lebhaftes Porträt der kleinen Mittelmeergemeinde und ihrer prominenten Bewohner inmitten einer Welt am Abgrund.

 

Es ist ein heißer Sommertag Anfang August. Der elsässische Schriftsteller René Schickele feiert seinen 50. Geburtstag. Nach und nach stellen sich die Gäste ein, darunter fast die gesamte Familie des Nobelpreisträgers Thomas Mann. Die Zikaden zirpen, das Meer rauscht im Hintergrund, die illustre Gästeschar findet Schatten unter Palmen. Nichts scheint den harmonischen Sommerabend zu stören, bis Thomas Mann bedauert, dass der Ehrentag seines Freundes zu wenig in der Öffentlichkeit gefeiert werde, ein Jahr zuvor hätte man ihm sicherlich in Deutschland ein Bankett gegeben. Katia Mann versucht die Stimmung zu retten, erhebt das Glas und sagt: »Na, der Ehrentisch ist ohnehin hier versammelt, und damit wollen wir uns begnügen.«

Man schreibt das Jahr 1933, dessen erste Hälfte durch die Machtergreifung Adolf Hitlers, den Reichstagsbrand und die Bücherverbrennungen gekennzeichnet ist. Es folgen die Ausbürgerungslisten, auf denen die Namen der Feinde der Nationalsozialisten verzeichnet sind. Einer der ersten, dem die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen wird, ist Thomas Manns älterer Bruder Heinrich. Der Autor des ›Untertan‹ und des ›Professor Unrat‹ ist auch unter den Geburtstagsgästen. Der Ehrentisch für René Schickele steht in jenem August 1933 in Sanary-sur-Mer, der, so der Schriftsteller Ludwig Marcuse, Hauptstadt der deutschen Literatur.

Zwischen 1933 und 1940 soll dieses Fischerdorf zwischen Toulon und Marseille den bedeutendsten Intellektuellen der Weimarer Republik, die aus politischen, religiösen Gründen oder aufgrund ihrer sexuellen Orientierung Deutschland verlassen haben, eine Art Heimat werden. Einige verbringen hier Wochen, wie Bertolt Brecht, andere, wie Thomas Mann, Monate und wieder andere, wie Lion Feuchtwanger, Jahre. »Bisweilen war ein guter Teil der besten deutschen Literatur im Dorf und saß im Marine oder bei der Witwe Schwab. Sanary war ein sehr umfangreiches Romanisches Café, mit Marmor-Tischen und Badehosen. […] Die Luft war geschwängert mit originellen Aperçus, Indiskretionen und Krächen«, heißt es dazu in Ludwig Marcuses Autobiographie ›Mein zwanzigstes Jahrhundert‹.

 

 

Doch dieses Exil unter Palmen soll bald zu einer lebensbedrohlichen Falle werden. Bei Kriegsbeginn wird Frankreich die Deutschen zu feindlichen Ausländern erklären. Wer nicht rechtzeitig in die Vereinigten Staaten oder in die Sowjetunion weiterfliehen wird, wird interniert, deportiert und in den deutschen Konzentrationslagern ermordet. Lion Feuchtwanger wird, als Frau verkleidet, von einem Gesandten des amerikanischen Konsuls aus dem Internierungslager Les Milles bei Aix-en-Provence entführt und gelangt mit falschen Papieren an die Westküste der USA. Heinrich Mann und sein Neffe Golo, Thomas Manns mittlerer Sohn, fliehen zusammen mit dem österreichischen Schriftsteller Franz Werfel und dessen Frau Alma Mahler-Werfel zu Fuß über die Pyrenäen. Ihr beschwerlicher Weg hat im spanischen Portbou, wo der deutsche Philosoph Walter Benjamin den Freitod wählt, noch kein Ende, sondern führt durch Spanien und Portugal. Von dort geht es mit einem der letzten Schiffe nach Übersee. Viele Exilanten treffen sich in Los Angeles wieder, um mehr oder weniger erfolgreich für die dortigen Filmstudios zu arbeiten. Für Lion Feuchtwanger ist Hollywood deshalb nichts Anderes als ein »gigantisches Sanary«.

 

René Schickeles Lebensweg endet an der Côte d’Azur. Der nichtverfolgte Pazifist, der Anfang der 1930er Jahre wegen des Klimas nach Sanary gekommen ist, stirbt 1940 in Nizza an Linksherzinsufizienz. Das konnte man während dieses merkwürdigen und denkwürdigen Sommers 1933 in Sanary-sur-Mer noch nicht ahnen. Doch unbeschwert ist die Stimmung vor 85 Jahren trotz des arkadischen Umfelds sicherlich nicht gewesen.

 

 

 

 

 

 

 Dr. Magali Nieradka-Steiner ist akademische Mitarbeiterin für Französisch an der Universität Heidelberg und Lehrbeauftragte für Literaturwissenschaft an der Universität Mannheim. Die Deutsch-Französin hat mehrere Jahre an der Côte d’Azur gelebt und geforscht. Sie beschäftigt sich vor allem mit deutsch-französischen Themen, Exilforschung und Migration. Zu ihren Veröffentlichungen zählt auch eine Biographie des Dichters Franz Hessel.

 

 

 

 

Ein Fischerdorf bei Toulon war einst die ›Hauptstadt der deutschen Literatur‹. So jedenfalls sah es Ludwig Marcuse. Nach Hitlers Machtergreifung flohen zahlreiche deutsche Literaten an die Côte d’Azur. In Sanary-sur-Mer trafen sich Ernst Toller und Bert Brecht am Hafen, hier besaß Lion Feuchtwanger ein Haus am Meer. Thomas Mann mit Frau besuchte die Kirmes, während Sohn Klaus am ›Mephisto‹ schrieb. Doch das Exil unter Palmen wurde bald zur Mausefalle. Bei Kriegsbeginn erklärte Frankreich die Deutschen zu feindlichen Ausländern. Wer nicht rechtzeitig nach Übersee emigrieren konnte, wurde interniert, deportiert und ermordet. Magalie Nieradka-Steiner hat lange an der Cote d’Azur gelebt. Sie konnte bisher nicht bekannte Dokumente nutzen und mit den letzten Zeitzeugen sprechen. Ihr Buch erzählt eindringlich, wie sich universale Katastrophe und individuelles Schicksal in Sanary kreuzen.

 

 

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  • Interessanter Beitrag

    Danke für den interessanten Beitrag. Im Grunde gab es ein doppeltes "Exil unter Palmen", denn nachdem einer Reihe von Emigranten die Flucht aus Frankreich gelungen war, bildet sich eine neue Emigrantengemeinde im Großraum L.A.
    Kalifornien bzw. die USA waren für viele aber ungleich schwieriger als Frankreich, denn die Neue Welt hatte andere Ansprüche und Wertvorstellungen, die sich nur zum Teil mit denen der (deutschen) Emigranten deckten. Viele fanden dort kein Zuhause, aber immerhin einen Ort, an dem sie vor Verfolgung sicher waren. Einer, der es auch in Amerika schaffte, war Thomas Mann, der ja für einige Monate auch in Sanary-sur-Mer Exil gesucht hatte. Gerade ist ein neues und - wie ich finde - sehr lesenswertes Buch über Thomas Manns Leben in den USA erschienen, das das Leben, den Alltag und die Probleme im Exil detailliert nachzeichnet. ("Seven Palms. Das Thomas-Mann-Haus in Pacific Palisades, Los Angeles"). Das Buch ist - auf der individuellen Ebene einer Person bzw. einer Familie - eine Ergänzung und Forsetzung dessen, was Frau Niradka-Steiner beschreibt. Auch in diesem Buch werden bisher unbekannte Quellen zu Rate gezogen, und der Autor hat noch lebende Zeitzeugen befragt. So schlimm das Thema Exil und Vertreibung auch ist, so schön ist es zu sehen, dass es zunehmend einen Platz im öffentlichen Bewusstsein erhält, auch und gerade in seiner historischen Dimension.

  • Noch mehr Exilliteratur...

    Klingt wie ein weiteres eher langweiliges Buch über die deutschen Intellektuellen im Exil...sowas hat man schon zu oft gelesen und obwohl die Thematik eigentlich spannend ist, ist die Luft raus...aber das ist nur meine Meinung ;-)

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