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Ein Weltkrieg, der vergessen wurde

Ein Gespräch mit den Historikern Włodzimierz Borodziej und Maciej Górny anlässlich des Erscheinens der deutschen Ausgabe ihres bahnbrechenden, zweibändigen Werkes „NASZA WOJNA (Unser Krieg) 1912-1923“.

 

 

D. Zimmermann: Lieber Herr Borodziej, lieber Herr Górny, dieser Tage erscheint die deutsche Ausgabe Ihres zweibändigen Großwerkes „Nasza Wojna 1912-1923“ unter dem Titel „Der vergessene Weltkrieg. Europas Osten 1912-1923“. Tatsächlich entstand die Idee zu diesem Buch in Jena. Wie kam es dazu?

W. Borodziej / M. Górny: Die Frage ist derart grundsätzlich, dass wir von unserem ironischen Grundton, den wir im Alltag gerne anschlagen, abweichen müssen: Wissenschaft und Universität verkommen während unseres Berufslebens zu Verwertungsmaschinen: Man wirbt sogenannte Drittmittel ein, liefert damit Punkte für die Institution, die einen beschäftigt, steigt folgerichtig in der formellen und informellen Hierarchie auf usw. Wir beide kommen mit diesem kranken System gut zurecht, aber sind dies wirklich die Punkte, an denen wir letztendlich gemessen werden wollen? Eine eher langweilige Perspektive.
Vor etwa 10 Jahren hatte das Bundesministerium für Bildung und Forschung die Idee, den besten Human- und Sozialwissenschaftlern eine Alternative zu bieten: die Käthe Hamburger Kollegs, Centers for Advanced Studies, ohne Lehrverpflichtungen, in ständiger Kommunikation mit den Besten des Faches. Das Imre Kertész Kolleg in Jena ist eines von ihnen, wo wir mit Kollegen aus Deutschland, den USA, vielen Ländern Ostmittel- und Südosteuropas zusammengekommen sind. Die Idee zu diesem Buch entstand also im Frühjahr 2012 in Jena, genauer gesagt im Garten des Gästehauses der Friedrich-Schiller-Universität in der Charlottenstraße 23 in Wenigenjena. Und da wir schon vorher am Ersten Weltkrieg interessiert waren - Maciej Górny hatte gerade die erste Fassung seiner Habilitation über die damaligen Haltungen von Intellektuellen im nichtwestlichen Europa fertiggestellt, Włodzimierz Borodziej arbeitete an einem Artikel über die Erfahrung des Ersten Weltkriegs in Mittel- und Südosteuropa - boten die Gespräche mit einem Rumänen, einer US-Amerikanerin, einem Kroaten - wir können unmöglich alle aufzählen - völlig neue Einsichten. Nicht vergessen werden darf die Warschauer Verlegerin Beata Stasińska, die für unser angedachtes Projekt sofort zusagte, ohne nach einem Druckkostenzuschuss zu fragen. Zusammengefasst: Dank dem Imre Kertész Kolleg und unserem Warschauer Verlag hatten wir es bei der Arbeit an dem Buch nicht mit einer Pflichtübung zu tun. Wir hoffen, diese Freiheit, umgegossen in Leserfreundlichkeit, auch an den deutschen Leser weitergegeben zu haben.

D. Zimmermann: Bis heute ist das Bild vom Ersten Weltkrieg tatsächlich nicht nur bei Laien, sondern auch in der Fachwelt wesentlich von der Vorstellung eines Krieges im Westen geprägt. Dabei war das Kriegsgeschehen im Osten mindestens ebenso blutig wie an der Westfront. Der Historiker Jörn Leonhard sagte, dass alles, was er über den Weltkrieg im Osten weiß, im Wesentlichen durch Sie vermittelt sei. Nun beschreiben Sie aber in Ihrem Buch, dass auch in Osteuropa selbst das dortige Kriegsgeschehen weitgehend verdrängt worden sei. Warum?

W. Borodziej / M. Górny: Wir haben mit einem Soziologen ein Buch über den Umgang mit dem 11. November 1918 (Waffenstillstand von Compiègne) von Finnland bis Serbien 1918-2017 geschrieben, das auf Polnisch ebenfalls dieser Tage erscheint. Die Ergebnisse sind ziemlich klar: Der 11. November ist ein ‚echter‘ Gedenktag in Großbritannien, Belgien und Frankreich; aber weder in Italien noch in Finnland, in Russland oder Slowenien. Alle haben andere Gedenktage, die oft an die sogenannten Nachfolgekriege nach dem 11. November erinnern.
Noch wichtiger: Überall deckt der Zweite Weltkrieg den Ersten gewissermaßen zu. Genauso, wie die Massengräber von 1914-1918 an der Ostfront im Schatten der Gedenkstätten des Holocaust in den "Bloodlands" bleiben.
Das Fazit kann man auch anders formulieren: Das Interesse an dem Großen Krieg im östlichen Mitteleuropa war schon früher erloschen. 1918 entstanden dort neue Staaten, die paradoxerweise in diesem Krieg nicht gekämpft, sondern ihn lediglich gewonnen haben.
Sie feierten ihre eigenen Helden, die es angeblich schon immer besser gewusst haben. An die Opfer des Krieges, denen man tagtäglich in den Straßen Prags, Rigas oder Warschaus begegnete, wollte man nicht denken.

 

D. Zimmermann: Polen feiert seinen Unabhängigkeitstag am 11. November. In Ihrem Werk zeigen Sie, was der Krieg für das nicht existente Polen tatsächlich bedeutete und wie schwierig dieses Erinnern ist, in dem Sie etwa vorrechnen, dass in der Nachkriegszeit 80 Prozent der polnischen Kriegsinvaliden ehemalige russische, österreichisch-ungarische oder deutsche Soldatenwaren, nur 20 Prozent waren frühere Legionäre oder Teilnehmer des polnisch-bolschewistischen Krieges. Wie gedenkt man der Staatsgründung 1918 in Ihrem Land heute?

W. Borodziej / M. Górny: Mit viel Aufwand, wenig Wissen und noch weniger Bereitschaft, andere Farben als schwarz und weiß zu verwenden. "Wir" waren auf jeden Fall Helden - die Anderen Verräter und Schurken, bestenfalls Ignoranten. Selten bedenkt man, dass 1918 die polnische Staatlichkeit nur einer von unterschiedlichen möglichen Entwicklungswegen gewesen war. Vieles deutete darauf hin, dass sich dieser Staat nicht lange würde halten können, dass er die äußeren Konflikte (im polnischen Fall kämpfte man tatsächlich an jeder möglichen Grenze) und inneren Spannungen nicht überleben würde. Dazu noch war die bolschewistische Revolution in Polen gar nicht unwahrscheinlich. Das alles zu vergessen ist nicht nur unklug, sondern ironischerweise auch ‚unpatriotisch“‘ denn worin nur sollte das Verdienst unserer Nationalhelden bestehen, wenn ihr Erfolg ohnehin vorprogrammiert gewesen war?

D. Zimmermann: In den multiethnischen Imperien Osteuropas – vor allem im Habsburgerreich, aber auch im Zarenreich mit seiner wichtigen deutschen Minderheit im Baltikum – mutierte der Krieg rasch zu einem Krieg des Misstrauens zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen, zu einem ‚Rassekrieg‘: Kann man dies so sagen?

W. Borodziej / M. Górny: Eher nicht. Koloniale Attitüden gegenüber den Nachbarn im Osten gab es zwar durchaus, die Urbedrohung stellten aber die gefallenen Großmächte Deutschland und Russland dar.
Und hier ging es nicht um Rasse, sondern darum, das machtpolitische Vakuum zu besetzen, das mit dem Zerfall der Imperien entstanden war. Klassenkonflikte scheinen uns mehr über diese Zeit zu erzählen, auch angesichts der Tatsache, dass sie in dem wichtigsten lokalen „Rassenkrieg“ eine vorrangige Rolle spielten, nämlich in den antijüdischen Gewaltausbrüchen: In Polen gab es Hunderte bis wenige Tausend Todesopfer - was schlimm genug ist -, in der Ukraine und Russland bewegte sich die Zahl der Opfer im sechsstelligen Bereich! Im Weste heute weitgehend vergessen.

D. Zimmermann: Welche Bedeutung hatte diese neue Form des Krieges für den Zweiten Weltkrieg?

W. Borodziej / M. Górny: Hier sind wir wohl radikale Revisionisten: so gut wie keine. Holocaust, massenhafte Vernichtung von Menschen im Osten gibt es trotz aller Kriegsverbrechen und Brutalität entlang der Ostfront weder vor 1918 noch nach diesem Datum. In staatsfreien Räumen haben reguläre wie irreguläre Einheiten zwar massenhaft Unschuldige ermordet, vergewaltigt, ausgeraubt und geschlagen - ein masterplan lag dem aber nicht zugrunde.

D. Zimmermann: Ihr Buch ist voller großartiger Zitate von bekannten wie unbekannten Europäern, von Intellektuellen und Politikern, Gewerkschafter oder einfachen Soldaten. Dies spiegelt die gesamteuropäische Dimension dieses Kampfes. Stimmen aus wie vielen Sprachen kommen zu Wort?

W. Borodziej / M. Górny: Neben den baltischen Sprachen mehrere slawische und westliche. Machen wir uns dennoch nichts vor: Ohne vor allem auf Englisch oder Deutsch publizierte Arbeiten von Zeitzeugen wie Kolleginnen und Kollegen wäre unsere Auswahl wesentlich bescheidener ausgefallen.

D. Zimmermann: Heute nimmt die Abgrenzung der Nationen im ‚Haus Europa‘ wieder zu. Wenn Sie an den großen Kampf der Nationen und Ethnien 1912-1923 denken: Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Situation?

W. Borodziej / M. Górny: Zutiefst pessimistisch. Nationale "Gemeinschaft" bzw. Identitätspolitik sind erneut auf dem Vormarsch; Sicherheit gewinnt gegen Freiheit. Als ob sich ein beachtlicher Teil der Europäer davon selbst überzeugen müsste - gar wollte -, wohin die Unfähigkeit zum Kompromiss, die Eskalation von Konflikten führen kann. Aber statt zu jammern - was immer die bequemste Haltung ist - sollte man einfach machen, was man am besten kann: In unserem Fall an Vergessenes und bewusst Verdrängtes zu erinnern.

 

Das Gespräch führte Daniel Zimmermann. Er lebt in Mainz und ist Geschichtslektor in den Verlagen der wbg-Gruppe Philipp von Zabern, Konrad Theiss und Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

 

 

 

 

Maciej Górny, geb. 1976, war Fellow am Imre Kertész Kolleg Jena und ist heute außerordentlicher Professor am Historischen Institut der Polnischen Akademie der Wissenschaften Warschau und am DHI Warschau.

Wlodzimierz Borodziej, geb. 1956, ist einer der führenden Zeithistoriker Polens. Er wuchs zweisprachig auf und ging in Berlin und Warschau zur Schule. Seit 1996 ist er Professor am Historischen Institut der Universität Warschau, seit 1997 stellvertretender Vorsitzender der deutsch-polnischen Schulbuchkommission. Wlodzimierz Borodziej scheut sich nicht, brisante Themen der deutsch-polnischen Geschichte zu behandeln wie die deutsche Vernichtungspolitik in Polen und die Vertreibung der Deutschen.

 

 

 

Der vergessene Weltkrieg‹ ist die bisher nicht geschriebene Meistererzählung, die faszinierende, großartige Darstellung eines unbekannten, neu zu entdeckenden Weltkrieges: des Krieges in Osteuropa von 1912 bis 1923. In unserer Geschichtserinnerung reduziert sich der Erste Weltkrieg auf den Stellungskrieg und die Materialschlachten in Nordfrankreich. Welche unermesslichen Tragödien sich im Osten abspielten, ist aus dem Bewusstsein gestrichen.

Die Schauplätze reichen vom 1. Balkankrieg 1912 über den habsburgischen Teil der Ukraine bis nach Russland Anfang der 20er Jahre. Schon der Zuschnitt der beiden Bände – ›1912–16 Imperien‹ und ›1917–23 Nationen‹ – ist faszinierend neu. Die Perspektive weitet sich aber noch inhaltlich, denn im ethnisch und religiös zerklüfteten Osten wird der Krieg rasch zu einem ›Rassenkrieg‹ und bildet so den Auftakt zum größeren Rassenkrieg 20 Jahre später. Ein Werk, dass »noch viele Jahre lang gelesen und diskutiert werden wird«, so Professor Timothy Snyder.

 

 

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  • grosses Lob!

    Lange überfälliger Perspektivwechsel.
    Grosser Dank an die Autoren!
    Ich rege eine Lesung im Poleninstitut Datmstadt an.

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