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Elly Deumer

Staatsarchiv Darmstadt macht bisher weitgehend unbekannte Dokumente der mutigen Geliebten Wilhelm Leuschners zugänglich

Am 27. Dezember 1947 richtet die Medizinstudentin Elly Deumer ein Schreiben an den Vorsitzenden des Ausschusses für die ärztliche Prüfung beim Berliner Landesgesundheitsamt. Die Studentin bittet darum, weiter studieren zu können. Ihre Begründung: »Durch Kriegseinwirkungen und schwere persönliche Verluste« habe sie ihr Studium ohne ihr persönliches Verschulden länger unterbrechen müssen, nachdem sie ihre »ärztliche Vorprüfung im August 1944 im Zusammenhang mit der Verhaftungswelle des 20. Juli« nicht zu Ende führen konnte. Vier Tage später erläutert Elly Deumer die Gründe für ihre Studienunterbrechung nach dem 20 Juli 1944 genauer – verbunden mit der Bitte, ihre Angaben »vertraulich zu behandeln«. Die Berliner Medizinstudentin berichtet, dass sie Anfang August 1944 zeitweise den von der Gestapo dringend gesuchten Wilhelm Leuschner verstecken musste. Leuschner, einer der führenden zivilen Mitverschwörer des 20. Juli 1944, kann zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in seiner Privatwohnung übernachten, da die Gestapo das Haus überwacht.

Dass Elly Deumer nach dem 20. Juli 1944 Wilhelm Leuschner Unterschlupf bietet, hat eine lange Vorgeschichte. Da ist dieses besondere Foto im Bestand des Hessischen Staatsarchivs Darmstadt. Es zeigt den damals rund 40 Jahre alten hessischen Innenminister Wilhelm Leuschner, der im hellen Sonnenlicht auf einem Balken vor einer Holzhütte sitzt. Das Foto ist koloriert, die offene Windjacke, die Leuschner trägt, ist beige. Ebenso der Pullover, den er darunter trägt. Die schwarze Hose ist weit geschnitten, sicher bequem zum Wandern. Dass Leuschner auf einer Bergtour ist, darauf deutet auch der Rucksack hin, der vor seinen Füßen auf dem Boden liegt. Links neben Leuschner, dessen Kopf fast kahl ist, sitzt eine blendend aussehende Frau mit mittellangen schwarzen Haaren. Sie lächelt wie der Politiker in die Kamera. Die Frau ist um die 30 Jahre alt und trägt eine schwarze Strickjacke, die mit weißen und roten Blumen verziert ist. Sie trägt eine halblange, graue Hose, graue, dicke Socken ragen aus den Wanderstiefeln.

Was das Foto besonders macht: Die beiden sehen bei ihrer Rast vor der Holzhütte vollkommen entspannt aus. Sie sitzen ein Stück abgerückt voneinander, die beiden haben eine individuelle körperliche Präsenz. Der Fotograf oder die Fotografin hat sie in einem sehr glücklichen Moment festgehalten. Die Frau auf dem Bild ist Elly Deumer, die langjährige Geliebte Leuschners. Das Bild ist um 1930 entstanden, die genaue Datierung ist unklar. Leuschner war seit seinem einundzwanzigsten Lebensjahr mit der aus Mainz stammenden Elisabeth Batz verheiratet und hatte zwei Kinder. Als das Foto entstand, war die in München geborene und in Darmstadt aufgewachsene Elly Deumer seit mindestens zwei Jahren seine Geliebte.

Man könnte jetzt sagen: Das sind private Dinge und sie müssen nicht unbedingt öffentlich erzählt werden. Zumal es zwischen Elisabeth Leuschner und Elly Deumer in den folgenden Jahren wohl immer wieder zu angespannten Situationen gekommen ist. Auch das wird bei der Sichtung des Darmstädter Archivmaterials deutlich. Doch in diesem Fall muss diese Geschichte heute – 75 Jahre später – erzählt werden. Denn Elly Deumer hat nach dem gescheiterten Umsturz vom 20. Juli 1944 für Wilhelm Leuschner ihr Leben riskiert. Sie versteckte den führenden zivilen Verschwörer gegen Hitler tagelang in Berlin und hat auch nach seiner Verhaftung alles versucht, ihn wieder frei zu bekommen. Sie nimmt Kontakt zu ihrem Darmstädter Jugendfreund Karl Wolff auf. Der ist inzwischen ein General der Waffen-SS und im persönlichen Stab Himmlers. Deumer will Wolff davon überzeugen, sich bei Himmler dafür einzusetzen, Leuschner zu schonen. Weil sie selbst Angst hatten, schreibt Elly Deumer nach dem Krieg, taten »diese Kreise« jedoch nichts. In den wichtigsten Leuschner-Biografien wird Deumer auch als Initiatorin dieses Rettungsversuches bis heute nicht erwähnt.

Ein aussagekräftiges Dokument zu diesen tragischen Berliner Wochen nach dem 20. Juli 1944 ist Deumers Terminkalender aus dem Jahr 1944, der ebenfalls im Darmstädter Staatsarchiv aufbewahrt wird. Seit 1943 lebt Elly Deumer wie Leuschner – auf dessen Bitte hin – bereits in Berlin und studiert im 3. Semester Medizin. Mit blauer Tinte hat sie unter dem 11. September 1944 notiert: »Urteil über Helm. Der Strang«. Es geht um das Todesurteil gegen Leuschner und die Art, wie es vollstreckt werden soll. Deumer hat die Angewohnheit, Leuschners Vornamen immer wieder spielerisch zu zerlegen. In den Kalendernotizen 1944 nennt sie ihn meist »Helm«. In früheren Liebesbriefen hat sie sie ihn bisweilen auch »Wil« genannt. Das Todesurteil gegen ihren »Helm« ist von den Nationalsozialsten bereits am 7. September gesprochen worden. Doch Elly Deumer erfährt das erst vier Tage später währende einer Reise, auf der sie den SS-General Wolff treffen will. Eine weitere Notiz findet sich im Kalender unter dem 11. September 1944 neben der Nachricht zum noch nicht vollstreckten Todesurteil gegen Leuschner. Nämlich: »Terrorangriff auf Darmstadt«. In leuchtendem Rot ist rechts daneben am Kalenderrand notiert: »Herdweg 67 zerstört«. Damit ist das Darmstädter Haus gemeint, in dem Deumer ihre Jugend verbracht hatte.

Noch einen knappen Monat vorher, am Sonntag den 13. August 1944, hatten Deumer und Leuschner den ganzen Tag gemeinsam in Deumers Wohnung in der Sesenheimer Straße 1 in Berlin-Charlottenburg verbracht. Elly Deumer lernt im Rahmen ihres Medizinstudiums für eine Prüfung im Fach Zoologie am nächsten Tag. Leuschner habe den Stoff abgefragt, notiert sie im Kalender. Als Wilhelm Leuschner mit ihr übt, wird er bereits seit Wochen fieberhaft von der Gestapo gesucht. Elly Deumer muss den führenden zivilen Mitverschwörer des 20. Juli 1944 verstecken. Den Kopf frei für Uni- Prüfungen hat sie deshalb in diesen Tagen nicht. Zwei Tage später, der Prüfungstermin ist verstrichen, verabschiedet sich Leuschner in der Wohnung von Elly Deumer. Doch schon am nächsten Morgen, am Mittwoch den 16.8.1944, wollen sie sich wiedersehen. Das Paar hatte verabredet, gemeinsam einen befreundeten Arzt aufzusuchen. Doch Wilhelm Leuschner kommt nicht zum vereinbarten Treffpunkt. Der Anruf »in großer Sorge« beim Arzt zeigt: Leuschner ist auch dort nicht eingetroffen. Später wird klar: Der Verschwörer gegen Hitler ist an diesem Morgen verhaftet worden, weil er denunziert worden ist.

Dass der ehemalige hessische Innenminister Wilhelm Leuschner einer der zivilen Köpfe des Umsturzversuchs vom 20. Juli 1944 war, wird den Nationalsozialisten bereits am Abend des gescheiterten Stauffenberg-Attentats klar. Denn die Mitverschwörerin Elfriede Nebgen, zu der Leuschner auf der Flucht ebenfalls Kontakt suchte, hatte noch kurz vor dem Stauffenberg-Attentat den aufständischen Militärs auf deren dringende Bitten hin eine Liste der Zivilisten übergeben, die nach einem geglückten Mordanschlag auf Hitler in die Regierung und als politische Vertrauensleute in die Wehrkreise geschickt worden wären. Leuschner stand als möglicher Vizekanzler oder gar Reichskanzler der Umsturzregierung auf der Liste von Elfriede Nebgen, die den Nationalsozialisten noch am Abend des 20. Juli 1944 im Bendlerblock in die Hände fiel.

Kein Wunder also, das Nebgens enger Freund und späterer Ehemann Jakob Kaiser bereits am Abend des 21. Juli 1944 Leuschner aufsucht und ihm dringend rät, sofort unterzutauchen. Für Leuschner sei ein Versteck im Norden Berlins vorbereitet, so Kaiser, die Zentralfigur der katholischen Gewerkschafter im Widerstand. Er selbst wollte sich zunächst Richtung Potsdam absetzen. Doch Leuschner will das Zentrum Berlins zunächst nicht verlassen. Bereits am nächsten Tag wird jedoch Leuschners enger Mitarbeiter Ludwig Schwamb verhaftet. Wiederum jedoch weigert sich Leuschner, sich außerhalb des Berliner Zentrums zu verstecken. Er glaubt, noch einige Tage Zeit zu haben, bevor er von der Bildfläche verschwindet.

Elly Deumer notiert in ihren Kalender: Am 24. 7. trifft sich Leuschner noch einmal mit Jakob Kaiser und Carl Friedrich Goerdeler im Zigarrengeschäft Voss in der Rosenthaler Straße in Berlin-Mitte. Die Inhaberin des Ladens soll eine zuverlässige alte Gewerkschafterin sein. Goerdeler reist umher, wird dann am 12. August in Westpreußen nach einer Denunziation verhaftet. Auch für Leuschner wird die Lage in Berlin spätestens seit Anfang August immer bedrohlicher. Zeitungen berichten, dass Erwin von Witzleben gehängt wurde, der nach dem erfolgreichen Umsturz Oberbefehlshaber der Wehrmacht geworden wäre. Auch Josef Wirmer, der von den zivilen Konspirateuren des 20. Juli 1944 als Justizminister vorgesehen war, wird gefasst. Schließlich nimmt die Gestapo Elisabeth Leuschner fest. Ihr flüchtiger Mann kommt zeitweise bei einem Freund unter, einem ehemaligen Polizeibeamten. Und bei der Medizinstudentin Elly Deumer in der Sesenheimer Straße 1 in Charlottenburg. Obwohl er in größter Gefahr ist, bewegt sich Wilhelm Leuschner auch in den ersten beiden Augustwochen immer wieder im öffentlichen Raum innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings. Mit Elly Deumer besucht er Restaurants, kehrt am 10. August sogar noch einmal in seine Wohnung zurück. Dort trifft er einen Untermieter an mit dem er verabredet, dass er seine Post künftig auf dessen Arbeitsstelle in der Mohrenstraße in Berlin-Mitte abholen wird. Am 12.8. taucht Leuschner tatsächlich dort auf. Doch dieses teilöffentliche Leben wird für den von der Gestapo fieberhaft gesuchten Widerstandskämpfer nur noch weitere vier Tage gutgehen. Dann wird er verhaftet.

Elly Deumer, die Leuschner nach dem 20 Juli 1944 in Berlin so gut es geht hilft, war spätestens seit 1928 die Geliebte des sozialdemokratischen Politikers. Dass wir bis heute wenig über Deumer wissen, liegt möglicherweise nicht zuletzt an ihr selbst. Als der Leuschner-Biograf Joachim G. Leithäuser 1962 die erste große Monografie zu Leuschner veröffentlicht, gibt er noch eine ganze Reihe überlebender Zeitzeuginnen und Zeitzeugen an, mit denen er Kontakt hatte. Zu ihnen gehören Elfriede Kaiser-Nebgen und Annedore Leber, die Frau des hingerichteten führenden Sozialdemokraten Julius »Jules« Leber. Ebenso wie den ehemaligen Darmstädter Oberbürgermeister Ludwig Metzger, der zu den südhessischen »Leuschner-Konspirateuren« gehörte. Leithäuser spricht in seinen Quellenhinweisen aber auch von »Zeugen der Geschehnisse, die ausdrücklich darum baten, daß ihr Name nicht genannt wird«. Ist unter diesen Zeugen auch Elly Deumer? Im Darmstädter Staatsarchiv befindet sich ein Brief, den Deumer 1947 an einen Berliner Medizin-Professor schreibt. Darin schildert sie die Tage in der ersten Augusthälfte, als sie Leuschner in ihrer Berliner Wohnung verstecken musste. Damit erklärt sie dem Professor, warum sie damals eine Prüfung nicht machen konnte, die sie nun – drei Jahre später – nachmachen möchte. Sie bittet explizit darum, den Inhalt des Briefes vertraulich zu behandeln.

Aus dem langjährigen Briefwechsel zwischen Deumer und Leuschner, den das Hessische Staatsarchiv in Darmstadt inzwischen auch digitalisiert hat, geht hervor, dass es für die beiden Liebenden damals nicht einfach war, ihre Beziehung öffentlich zu leben. Deumers Eltern waren eingeweiht, Leuschners Frau Elisabeth und seine beiden Kinder wissen spätestens seit Anfang der 40er Jahre von der Affäre, die Wilhelm Leuschner mit Elly Deumer hat. Elisabeth Leuschner denkt zeitweise darüber nach, Deumer zur Rede zu stellen. Möglicherweise ist es auch in den Nachkriegsjahren für die beiden Frauen schwer, über diese Beziehungskonstellation öffentlich zu reden.

Dafür spricht auch, dass Leuschners Ehefrau Elisabeth »Elsbeth« Leuschner die Geliebte ihres Mannes nicht erwähnt, als sie ihre Sicht der Ereignisse in den Tagen nach dem gescheiterter Stauffenberg-Attentat in einem vierseitigen Bericht aufschreibt. Elisabeth Leuschner bestätigt, dass ihr Mann ab Anfang August nicht mehr zu Hause schlafen will, weil er sich unsicher fühlt. Sie spricht von »Bekannten«, die gefragt werden, ob Leuschner dort Unterschlupf finden kann. Am 3. August schlägt sie geistesgegenwärtig die Tür zu, als drei Gestapo-Beamte in die Wohnung eindringen wollen, in der sich Leuschner in diesem Moment noch befindet. Die Gestapo-Leute kommen tatsächlich erst am nächsten Tag wieder, um Elisabeth Leuschner zu verhaften. Wilhelm Leuschner beobachtet die Szene von der anderen Straßenseite aus. Während Elisabeth Leuschner in Moabit verhört wird und kurzzeitig auch ins Konzentrationslager Ravensbrück gebracht wird und dort Todesängste durchlebt, bleibt ihr Mann bis zu seiner Verhaftung meist bei Elly Deumer. Die Studentin vermerkt in ihrem Kalender die Orte, an denen sie sich Anfang August mit ihrem „Helm“ bis zu seiner Verhaftung aufhält. Während Elisabeth Leuschner allerdings erst bei ihrer Entlassung auf dem Gefängnis Moabit Anfang Oktober von der am 29. September vollstreckten Hinrichtung ihres Mannes erfährt, konnte Elly Deumer zuvor noch ihren Rettungsversuch bei der SS unternehmen.

Doch der mutigen Medizinstudentin gelingt nicht das, was Wilhelm Leuschner Junior, dem Sohn des Widerstandskämpfers, am 25. August gelingt- den Verhafteten nämlich noch einmal zu sehen. Beide, der Leuschner-Sohn und Elly Deumer, fahren an diesem Tag zur »Sicherheitspolizeischule Drögen« auf dem Stadtgebiet von Fürstenberg/ Havel. Wilhelm Leuschner Junior, der die kriegswichtigen Geschäfte seines Vaters weiterführt, bekommt dort tatsächlich die Möglichkeit, drei Stunden lang streng bewacht ein letztes Mal mit dem Vater und dem ebenfalls inhaftierten engen Leuschner-Mitarbeiter Hermann Maaß zu sprechen – allerdings nur über geschäftliche Angelegenheiten. Elly Deumer wird nicht in die Polizeikaserne eingelassen und muss in der Zwischenzeit um den örtlichen Röblin-See spazieren, wie sie in ihren Kalender schreibt. Die Gegend ist »sehenswert«, notiert sie: »Aber Helm fehlt. Helm. Helm. Wiederkommen«.

»Helm« kommt nicht wieder. Ein Abschiedsbrief Leuschners an seine Geliebte findet sich nicht im Darmstädter Staatsarchiv. Im letzten Schreiben an seine Ehefrau schreibt Leuschner: »Liebe Lisbeth, sei mir nicht böse, ich habe es gut gewollt. Immer Dein Wilhelm.« Der Leuschner-Sohn wird die verarmte und in Darmstadt ausgebombte Elly Deumer nach dem Krieg jahrelang finanziell unterstützen. Im Alter von 47 Jahren nimmt sie ihr Medizinstudium in Berlin wieder auf. Auch, um in Gedenken an Leuschner einen sozialen Beruf auszuüben, schreibt sie bei ihrem Wiederzulassungs-Antrag an die Hochschule.

 

Ludger Fittkau, geb. 1959, studierte Sozialpädagogik. Ab Mitte der 80er-Jahre war er in der offenen Jugendarbeit in Essen und Oberhausen tätig, seit 1994 als freier journalistischer Mitarbeiter u. a. für den WDR und den Deutschlandfunk. An der Fernuniversität Hagen absolvierte er ein Studium der Sozialwissenschaften, 2006 wurde er im Fach Soziologie promoviert. Seit 2013 berichtet Ludger Fittkau als Landeskorrespondent aus Hessen für den Deutschlandfunk.

 

 

  

Wer waren die zivilen Hintermänner des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944? Dieses Buch erzählt die nicht-militärische Geschichte hinter dem Attentat. Wo trafen sich die Konspirateure, welche Pläne schmiedeten sie – etwa für die Übernahme von Polizeimacht, von Rundfunk und öffentlicher Verwaltung? Es ist die Geschichte mutiger Männer und Frauen.

 

 

 

 

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