Farbe – ein Schlüsselphänomen

Staunen ist nach Aristoteles der erste Grund der Philosophie. Sein Lehrer Platon lässt Sokrates zu Theaitetos sagen: „Denn gar sehr ist dies der Zustand eines Freundes der Weisheit, die Verwunderung, ja es gibt keinen andern Anfang der Philosophie als diesen.“
Aristoteles staunte über scheinbare Selbstverständlichkeiten und regte an, sie zu hinterfragen, weil dies zu überraschenden Einsichten führen kann. Eine solche Selbstverständlichkeit ist die, dass uns die gesamte Welt in Farben wie Rot, Gelb, Blau, Schwarz und Weiß erscheint, sei es im realen Alltag oder in den Medien.
Das Thema „Farbe“ ist wie eine Tür, an der wir jeden Tag sehenden Auges vorbeilaufen, ohne sie zu öffnen. Doch wenn wir sie öffnen, tut sich eine überraschende Welt von Bedeutungen, Erkenntnissen und Fragestellungen auf. Farben kennt jedes Kind, und doch stecken sie voller Geheimnisse. Das Thema Farbe betrifft das alltägliche Leben ebenso wie die unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen, etwa Biologie, Hirnforschung, Physik, Chemie, Psychologie, Anthropologie, Kulturwissenschaft, Kunst und Philosophie. Schon mit der Frage „Was ist Farbe?“ nimmt man einen Faden auf, der eine Vielzahl neuer Fäden nach sich zieht und uns an die Grenzen menschlicher Erkenntnis führt.

Kaum ein Thema ist uns sinnlich so nahe und doch für die Naturwissenschaften so schwer greifbar. Schon Newton erkannte, dass er das Spektrum der Farben, wie wir es erleben, mit seiner Korpuskulartheorie nicht erklären konnte. Die Auffassung des Lichtes als Welle durch Huygens änderte nichts daran. Denn die erlebten Farben lassen sich zwar schlecht und recht unterschiedlichen Wellenlängen zuordnen, aber ihre Erscheinungsweisen, die „Qualia“, werden damit nicht erklärt. Sie bleiben ein Stachel im Fleisch der Philosophie und der Naturwissenschaften. Auch die Sinnesphysiologie und die Neurowissenschaften stoßen bei dieser Frage an ihre Grenze, und zwar an die Grenze, die sie von der Psychologie und den Geisteswissenschaften trennt. Wir wissen inzwischen bis ins Detail eine Menge darüber, wie Licht unterschiedlicher Wellenlänge durch Rezeptoren in der Netzhaut des Auges als Reiz wirkt, wie die optischen Signale in Form von Nervenerregungen in mehreren Stationen der visuellen Informationsverarbeitung aufbereitet und mit anderen Hirnzentren verknüpft werden. Wir kennen die Orte im Gehirn, wo die Prozesse stattfinden, die der Farbwahrnehmung entsprechen. Die Forschung ist dabei zu entschlüsseln, welche Vorgänge und Zustände im Gehirn einem Rot, Gelb oder Blau entsprechen. Doch sie findet keine Antwort auf die Frage, warum uns gerade solche Qualitäten erscheinen, und warum es überhaupt solche Qualitäten gibt. Jeder moderne Fotoapparat trennt auffallendes Licht nach unterschiedlichen Wellenlängen und verarbeitet sie, ohne dass wir ihm die Fähigkeit zusprechen würden, Farben zu erleben. Wir stoßen mit dem Thema Farbe als einem sehr prägnanten Beispiel an das Rätsel des Bewusstseins, das die Neurowissenschaften und die Philosophie wieder zunehmend umtreibt, nachdem diese Frage lange Zeit unter den Teppich gekehrt worden ist. Der Behaviorismus im Westen und die Reflexologie im Osten leugneten die Existenz des Bewusstseins oder schoben das Problem als Epiphänomen aus dem Bereich wissenschaftlicher Fragestellungen. Sie ist besonders seit der Linguistik des Amerikaners Noam Chomsky zurückgekehrt, nachdem im deutschsprachigen Raum jahrzehntelang fast nur die Gestaltpsychologie das bewusste Erleben, besonders im Rahmen der visuellen Wahrnehmung, als Forschungsgebiet vertreten hatte.

 


Licht unterschiedlichster Wellenlängen gehört zu den bestuntersuchten Forschungsgegenständen der Physik, und die Technik beschert uns in Form von LEDs und OLEDs leuchtende Anwendungsergebnisse, die uns in Displays und Raumbeleuchtung begegnen. Die Chemie hat sich von der Begrenztheit natürlicher Pigmente befreit und ist inzwischen imstande, alle erwünschten Farbtöne und Farbeffekte zu synthetisieren, wie sie etwa Textilien und Autos bieten. Kunst und Design verfügen seit der Steinzeit, als Ocker und wenige andere Materialien, die die Natur bot, Farbgestaltung ermöglichten und zugleich beschränkten, inzwischen über endlose Optionen, mit farbigen Stoffen oder mit farbigem Licht zu arbeiten.

Farbe ist ein endloses Thema im Bereich Mode und Kosmetik, das zugleich die vielfältige Art und Weise widerspiegelt, wie Farbe auf den Menschen wirkt. Neben individuellen, kulturellen und produktabhängigen Vorlieben gibt es offenbar Universalien, die mehr oder weniger für alle Menschen gelten. So gibt es weltweit eine interkulturelle Präferenz für Rot und Blau. Andererseits gibt es auffällige Unterschiede in der Farbwahrnehmung, wie sie besonders prägnant an sog. Farbenblinden deutlich wird. Geht man diesem Phänomen nach, stößt man auch auf die Frage, wie Tiere Farbe wahrnehmen, und findet, dass im Tierreich häufig Bereiche des Lichtspektrums unterschieden werden, für die die normalsichtigen Menschen blind sind. Viele Vögel und Insekten nehmen z.B. Ultraviolett war. Und der Weltmeister im Farbensehen ist kein Wirbeltier, sondern der Fangschreckenkrebs, der 12 verschiedene Farbrezeptoren besitzt. Dem Menschen sind drei Rezeptortypen gegeben, die für die Gesamtheit einer Farbenwelt verantwortlich zeichnen, die den meisten als die einzige erscheint. Ob der Fangschreckenkrebs an der ihm eigenen Farbenwelt seine Freude hat, wissen wir nicht, womit wir wieder bei der Frage nach dem Bewusstsein angelangt sind.

 

 

Dr. Max Kobbert, Jahrgang 1944, ist Wahrnehmungspsychologe. Er war an den Universitäten Münster und Regensburg tätig, als Professor an den Kunstakademien Münster und Düsseldorf sowie an der Fachhochschule Münster im Fachbereich Design. Er unterrichtete und forschte bis zu seiner Emeritierung in den Bereichen visuelle und haptische Wahrnehmung, anschauliches Denken, Kreativität, Kinderzeichnung, Kunst von Blinden u.a.m. Er schrieb Bücher zur Kunstpsychologie, zu Kinderzeichnungen, zu Mineralien, zu Bernstein und zum Kulturgut Spiel. Nebenher erfindet er Spiele zum anschaulichen Denken, z.B. „Das verrückte Labyrinth“, das weltweit zum Klassiker geworden ist. „Das Buch der Farben“ lässt uns selbst und die Welt in neuem Licht sehen. Das Phänomen Farbe wird aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln behandelt. Seine Geheimnisse werden nicht wegerklärt, vielmehr werden Erkenntnisse und Hintergründe anschaulich vermittelt und offene Fragen angesprochen. Physikalische, chemische, physiologische, psychologische und kulturelle Aspekte werden anhand zahlreicher Farbabbildungen behandelt. Goethes Ansatz, Farben als Phänomene ernst zu nehmen, werden naturwissenschaftliche Herangehensweisen gegenübergestellt. Es wird deutlich, dass Farbe ein Phänomen ist, dem man mit objektiven Methoden nicht hinreichend gerecht wird, weil es untrennbar mit Individualität und Subjektivität verbunden ist.

 

 

Was sind eigentlich Farben und was sind Pigmente? Wie entstehen sie und was passiert, wenn man Farben mischt? Wir alle sehen Farben - jedenfalls wenn wir keine medizinisch bedingte Farbschwäche haben. Doch wie kommt es, dass unser Auge Farben wahrnehmen kann? Und wie wirken Farben auf unsere Stimmungen und Gefühle? Und ist es sogar möglich, durch Farben unsere Stimmungslage zu beeinflussen? All diese Themenbereiche und noch viele mehr fügt der Wahrnehmungs- und Kunstpsychologe Max Kobbert in seinem interdisziplinärem Buch zu einem faszinierendenund reich illustrierten Kompendium zusammen, bei dem zum Schluss keine »Farbfrage« offen bleibt.
2., ergänzte Auflage 2019. Jubiläumsausgabe. 240 S. mit 279 farb. Abb., 22 x 29 cm, Bibliogr. u. Reg., geb. wbg Theiss, Darmstadt. 

 

 

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