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Frage an …: Joachim WHALEY

D. Zimmermann: Lieber Herr Whaley, in Ihrer monumentalen Geschichte des Heiligen Römischen Reiches kommt der Name Erasmus – ich habe nachgezählt – 63 mal vor. Nun hat die AfD auf ihrem Bundesparteitag in Augsburg beschlossen, den Desiderius-Erasmus-Verein als parteinahe Stiftung anzuerkennen. Wie passen die Alternative für Deutschland und der Humanist und Erzeuropäer Erasmus zusammen?

 

 

J. Whaley: Die Inanspruchnahme des Namens Desiderius Erasmus durch die AfD beruht auf einer unverfrorenen Geschichtsverfälschung. Nicht nur für einen Frühneuzeithistoriker ist diese Wahl erstaunlich und befremdend.

Jede Partei in Deutschland hat natürlich das Recht, eine parteinahe Stiftung zu gründen oder anzuerkennen. Die AfD hatte dies zwar lange abgelehnt und die Stiftungen der anderen Parteien als korrupte Geldsammelorganisationen von ‚Kartellparteien‘ abgelehnt. Nun aber will sie auch von solchen Geld- und Einflussmittlen profitieren. Natürlich hat auch jede Partei das Recht, für ihre Stiftung einen Namenspatron auszusuchen. Diese hatten bisher alle eine Bedeutung in der modernen Geschichte bzw. Vorgeschichte der jeweiligen Partei: Friedrich Ebert (SPD), Konrad Adenauer (CDU), Friedrich Naumann (FDP), Hanns Seidel (CSU), Rosa Luxemburg (Linke), Heinrich Böll (Grüne). Was aber hat Erasmus mit einer modernen Partei zu tun und in welchem Zusammenhang kann er überhaupt zu der AfD stehen?
Die Webseite der Desiderius-Erasmus-Stiftung versucht an zwei Stellen zu informieren. Da liest man unter einem Link auf der Homepage zunächst völlig richtig: Erasmus „war ein niederländischer Philologe und einer der bedeutendsten Repräsentanten des europäischen Humanismus. Durch seine kirchenkritische Haltung gilt er als Vorreiter der Reformation und zugleich als ein Verfechter ausgeprägter religiöser Toleranz. Er ... zählte bereits zu Lebenszeiten zu einer der treibenden gesellschaftlichen Kräfte ... [und war] ein Gelehrter von universaler Bildung und ein glänzender lateinischer Stilist.“

Weiter heißt es, er „zählte ... zu den Wegbereitern der europäischen Aufklärung und wurde gleichermaßen von Spinoza, Rousseau, Voltaire, Kant, Goethe, Schopenhauer und Nietzsche geachtet.“ Nicht nur das: er galt auch „als einer der ersten ‚Europäer‘ und hoffte auf die ‚Vernunft‘ der Herrschenden, auch ohne Krieg zu einem dauerhaften Frieden zu kommen. Er legte Wert auf Neutralität und Toleranz und sah die Gefahren der Religionskriege voraus“ … Das alles ist durchaus vertretbar und wird Erasmus gerecht – allein es beantwortet nicht die Frage: Was hat Erasmus mit der AfD zu tun? Unter einem anderen Link gibt das Gründungsmitglied der AfD, „Spiritus Rector der Desiderius-Erasmus-Stiftung“ und seit August „Ehrenvorsitzender mit Stimmrecht“ Dr. Konrad Adam Aufschluss: Man habe viele Namen in Erwägung gezogen, u.a. Immanuel Kant und Gustav Stresemann. Erasmus wurde schließlich gewählt, weil er als „der erste Repräsentant eines kulturell, nicht bloß wirtschaftlich definierten Europas erschien.“ Stiftung und Partei „waren und sind überzeugt davon, dass ein Gebilde, das Freiheit auf den Austausch von Waren und Kapital, von Dienstleistungen und Arbeitskräften beschränkt, niemals zur Einheit finden kann. Was Europa zusammenhält, sind nicht die Freiheiten im Plural, sondern die Freiheit im Singular, die nach der klassischen Definition in dem Recht besteht, alles zu tun, was einem anderen nicht schadet.“ Erasmus hat durch seine vielen Reisen „anspruchsvollere Vorstellungen von den kulturellen Werten gewonnen, für die Europa stand und stehen sollte“ als die „Könige und Kaiser, die frommen Bischöfe und die entlaufenen Mönche“, denen er zutiefst misstraute.
Adam betont, Erasmus sei ein freier Geist gewesen, Kritiker jeder Zensur und der Bevormundung durch politische Machthaber. Er kann also für die AfD als Vorbild dienen in ihrem gegenwärtigen Kampf gegen die „Exzesse einer politisch korrekt verlogenen Sprachpolizei“. Erasmus, so Adam, stand abseits von der Tagespolitik, was auch heute angeblich nötig ist, wo „die Lautsprecher, die mit der Dummheit der einen und der Feigheit der anderen ihre Geschäfte machen“, alles zu übertönen drohten. Das alles passt angeblich zu der Forderung „der ganzen, ungeteilten, bürgerlichen Freiheit“ durch die AfD.

 

Mit Erasmus und der Aufklärung soll die Gegenwart in Frage gestellt werden, was aber in Wirklichkeit eine Art Anti-Aufklärung der Aufklärung bedeutet. Denn mit dem historischen Erasmus und der Aufklärung des 18. Jahrhunderts hat dies nun wirklich und rein gar nichts zu tun. Mit Adams Thesen ist eigentlich nicht viel mehr gesagt, als dass die AfD eine Anti-Partei sein will, die das ganze politische Establishment in Deutschland ablehnt. Im Einzelnen ist es völlig unklar, was da angeboten wird. Klar ist nur, dass alles anders werden muss. Etwas mehr Information zum Geschichtsbild findet man auf dem ‚liberal-konservativen‘ (bzw. rechtspopulistischen) Blog „Philosophia Perennis“, der von Kuratoriumsmitglied Dr David Berger betrieben wird. Es wird klar, dass die Berufung auf Erasmus und Aufklärung eigentlich nur ein Nebelschleier für ganz andere Ziele ist. Da wird nämlich die erste wissenschaftliche Großveranstaltung der Stiftung angekündigt, ein Kongress anlässlich des Endes des 1. Weltkrieges vor 100 Jahren. „Das historische Datum führt uns“, erklärt Berger, „vom katastrophalen Scheitern einer gesamteuropäischen Friedensordnung nach 1918 im Zeichen des Versailler Diktatfriedens, über das geteilte und von raumfremden Mächten beherrschte Europa des Kalten Krieges bis in unsere Zeit, in der die EU unter Aushöhlung des demokratischen Selbstbestimmungsrechts der Völker die Zerstörung der gewachsenen Nationalstaaten betreibt.“ Da sollen Antworten gefunden werden auf die „höchst aktuelle Frage, wie denn eine wirkliche Europäische Friedensordnung in unseren Tagen aus alternativer Sicht ausschauen müsste.“
Das sind wieder sehr vage Aussagen aber die Tendenz wird klar. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts soll neu geschrieben werden. Nicht der Erste Weltkrieg, sondern der „Diktatfrieden“ ist die eigentliche Katastrophe gewesen. Das ‚Dritte Reich‘ (sowieso laut AfD Alexander Gauland nur ein „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte) wird überflogen. Viel wichtiger ist die zweite Erniedrigung Deutschlands nach 1945, mit der Vertreibung der Deutschen aus dem Osten, der Teilung, der bis 1990 andauernden Besatzung und der Entwicklung einer auf die „Siegermächte“ hörigen politischen Klasse, die angeblich bis heute das deutsche Volk mit dem ,Gift‘ der Vergangenheitsbewältigung in Knechtschaft hält. In Bezug auf 1914 knüpfen die Überlegungen durchaus an die revisionistische Geschichtsschreigung der letzten Jahre an. Der bayerische Landesverband der AfD empfiehlt enthusiastisch die Lektüre von Christopher Clarks „Schlafwandler“. Neuere Arbeiten von Margaret Macmillan, Jörn Leonhardt, Gert Krumeich oder Adam Tooze unter vielen anderen kritisieren die Friedensordnung von 1918. Aber im Gegensatz zu den liberal-demokratischen Historikern ziehen die AfD-nahen Interpreten ganz andere Schlüsse für die Gegenwart. Da stehen sie den 2016 verstorbenen Rolf-Peter Sieferle und sein Klagegesang „Finis Germania“ viel näher.
Wie gefährlich ist das alles und was kann bzw. soll man dagegen unternehmen? Die Mitglieder von Vorstand und Kuratorium der Desiderius-Erasmus Stiftung stellen eine kuriose Sammlung dar, vielfach Rentner, emeritierte Akademiker. Der streitfreudige Wiener Historiker und ehemalige FPÖ-Berater Lothar Höbelt ist wohl der Bekannsteste. Unter der Leitung von Erika Steinbach, ehemaliges CDU-Mitglied und Präsidentin des Bundes der Vertriebenen 1998-2014, wird das neue Geschichtsnarrativ kaum neue Anhänger für die AfD gewinnen. Die vage Aussage, alles muss anders werden, wird weiterhin größere Wirkung haben.

Dennoch fühlen sich Historiker zu Recht herausgefordert. Ende September verabschiedete der 52. Historikertag in Münster eine Resolution „gegen den politischen Missbrauch von Geschichte“. Das scheint mir in zweierlei Hinsicht verfehlt. Es verkennt, dass fast jede Geschichtsschreibung eigentlich politisch ist. Was geforscht wird, wie über das Erfoschte geurteilt wird, ist nicht durch rein wissenschaftliche Belange geleitet, sondern auch durch die Interessen der Gegenwart und die Grundüberzeugungen der Historikerinnen und Historiker. Zweitens ist eine Resolution gegen die AfD - die zwar nicht namentlich erwähnt wurde aber ganz eindeutig gemeint war - einseitig. Geschichtsmythen werden schließlich auch u.a. von der Linken betrieben. Alle genießen Meinungsfreiheit. Niemand ist gezwungen etwas zu glauben. Wo liegt eigentlich die Grenze zwischen legitime historische Interpretation und Mythenbildung?
Das heißt nicht, dass man das alles einfach hinnehmen soll. Im Gegenteil! Was die Desiderius-Erasmus-Stiftung und die AfD betreiben ist schlicht und einfach Fake-Geschichte, die nur zu gut in das Zeitalter der Fake-News passt. Man muss dagegen argumentieren, man muss protestieren, die falschen Argumente müssen immer wieder entlarvt werden.

 

 

 

Ob die Welt allerdings durch bessere Argumente allein zu retten ist, bleibt fraglich. Denn die neue Fake-Geschichte ist ein Symptom einer größeren, schon seit etwa einem Jahrzehnt andauernden Krise. „The economy, stupid“ hat der Wahlstratege James Carville vor fast dreißig Jahren dem Präsidentschafts-Kandidaten Bill Clinton immer wieder eingebläut. Das gilt heute noch. Der Schlüssel liegt nicht in der Wissenschaft, sondern in der Konjunktur. Jede zukunftsträchtige Politik muss Hoffnung bieten. Die Krise hat die Versprechen der liberal-demokratischen politischen Mitte untergraben. Die Krise hat auch die AfD hervorgebracht, die so schnell, wenn überhaupt, nicht verschwinden wird. Ihr soll, ihr muss aber mit Ihren aberwitzigen Ideen über Erasmus und über die deutsche Geschichte unbedingt andauernd widersprochen werden!

 

 

Joachim Whaley, geb. 1954, ist Mitglied der Royal Historical Society, Fellow der British Academy und Professor of German History and Thought an der Universität Cambridge, wo er deutsche Geschichte und Kultur nach 1500 am Gonville and Caius College lehrt.

 

 

 

 

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  • Erasmus verdient es nicht, so verkannt zu werden

    Joachim Whaley's Artikel ist eigentlich nicht viel mehr hinzuzufügen. Danke für diese deutliche Klarstellung.
    Für mich als "Erasmianer" bleibt die Berufung der AfD auf Erasmus ein Rätsel, fehlt ihr doch eines der wichtigsten Kennzeichen, das für den gebildeten Humanisten des 16. Jahrhunderts so charakteristisch war: sein feiner, subtiler Humor, der eher dem Florett als dem Haudegen glicht, und seine Fähigkeit, nicht nur über andere zu spotten, sondernder allem sich ironisch von sich selbst und den eigenen Positionen distanzieren zu können – all jenes, was die AfD in "grosso modo" nicht kann…
    Ärger als durch eine Verbindung mit der AfD und allem, wofür sie politisch steht und eintritt kann Erasmus, sein Wirken, seine Absicht und seine Person nicht verzerrt werden…

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