Francesco, Franz, Franziskus - von dem Versuch, sich Franz von Assisi zu nähern

Volker Leppin schreibt in diesem Blogbeitrag über die Schwierigkeit sich der historischen Person Franz von Assisi zu nähern und was die Arbeit mit dem Thema für ihn als evangelischen Theologen bedeutet.

Der Irrtum war vorauszusehen: Meine Mitteilung, dass ich über Franziskus schreibe, musste missverstanden werden. Schließlich, so die berechenbare Reaktion, habe dieser Papst es auch verdient, dass über ihn ein Buch geschrieben werde. Hat er. Das wird man auch – trotz aller Unruhen um das Abendmahl für konfessionsverbindende Paare, für die der Papst selbst Mitverantwortung trägt – als evangelischer Theologe anerkennen können.

Aber mein Buch handelt nicht von ihm, es handelt von seinem Namenspatron, von Franz von Assisi, der vor genau achthundert Jahren lebte: um 1181/82 in Assis geboren und ebendort im Jahre 1226 gestorben. Die Erkenntnis, dass dabei schon die Sache mit dem Namen kompliziert ist, war mehr ein Nebenprodukt der Arbeit – die Erzählung der frühen Biographen, der Bettelmönch aus Assisi sei ursprünglich auf den Namen Giovanni getauft und dann erst vom Vater, der bei der Taufe abwesend war, in Francesco umbenannt worden, sie stimmt vielleicht nicht ganz. Vielleicht hieß er doch von Anfang an so wie wir ihn kennen: Franziskus. Oder Franz. Wie der Papst eben.

Franz von Assisi – so wenig das Buch über den aktuellen Papst gehen sollte, so sehr ist er einem beim Schreiben doch präsent. Die Nähen sind zu greifen, die Sympathien, die Franziskus heute für Franziskus damals empfindet – am meisten vielleicht in der unglaublichen Spontaneität, die beide auszeichnet. Beide leiten nicht Konzepte, sondern Begegnungen, emotionale Impulse, eine anrührende Menschlichkeit. Dem Umfeld macht diese Menschlichkeit gelegentlich zu schaffen – der Papst braucht heute sogar Unterstützer aus den eigenen Reihen gegen die aus eben diesen Reihen kommenden scharfen Kritiker. Und Franz von Assisi überwarf sich mit seinem Vater, und gleich mit einem Großteil der wohlhabenden Schichten Assisis, denen er entstammte.

Über ihn also sollte und soll das Buch gehen – was allerdings die hartnäckigen Fragen nicht zum Schweigen brachte, sondern ihnen eine andere Wendung gab: Wieso ich, als evangelischer Theologe und Kirchenhistoriker eigentlich ein solches Buch schreibe – ob nicht Luther besser passe. Nun, hätte ich antworten können, manche meiner evangelischen Kollegen meinen nun gerade, Luther passe nicht zu mir oder vielmehr ich nicht zu ihm, weil ich ihn viel zu mittelalterlich zeichne.

Aber die Frage zielt ja eigentlich auf Franz von Assisi und das Verhältnis, das ein evangelischer Theologe zu ihm haben kann und darf. Zunächst gehört es zu den Privilegien und besonderen Chancen eines Kirchenhistorikers, der zugleich immer auch Theologe ist, sich genau solche Fragen stellen lassen zu müssen, ja, sie sich selbst zu stellen. Längst ist es allen Historikerinnen und Historikern bewusst, dass unser Erforschen der Vergangenheit nicht voraussetzungslos geschieht. Was wir entdecken, hängt von dem ab, was wir suchen. Und was wir suchen von dem, was wir mitbringen. Aber keines der historischen Fächer ist so sehr verpflichtet, sich permanent Rechenschaft über die eigenen Voraussetzungen abzulegen wie die Kirchengeschichte, die ihren Ort an theologischen Fakultäten hat, deren Konfessionsgebundenheit eine relativ nüchterne rechtliche Bestimmung ist, manchmal Irritationen hervorruft, vor allem aber die Chance mit sich bringt, sich im Konzert der Kolleginnen und Kollegen über die Grundlagen des eigenen Tuns Gedanken zu machen.

Was also fasziniert den evangelischen Kirchenhistoriker an Franz von Assisi? Bei der Antwort auf diese Frage ist gleich eines zu klären: Wenn darin mitschwingen sollte, dass das Mittelalter im Sinne der modernen Konfessionen katholisch sei und daher Evangelische nichts angehe, außer als Folie für die Reformation, dann ist die Frage schon falsch gestellt. Man soll und kann nicht so tun, als wären die über tausend Jahre zwischen dem Kirchenvater Augustin und Martin Luther nicht auch Teil der evangelischen Kirchengeschichte. Die evangelischen Kirchen sind „katholische Kirchen (…), die durch die Reformation gegangen sind“, so hat der ehemalige Ratsvorsitzende Wolfgang Huber dies gefasst. Wer stolz auf die Leistung evangelischer Theologie an den europäischen Universitäten ist, sollte nicht vergessen, dass sie sich damit in einer im Mittelalter entstandenen Institution bewegt. Und wer munter mittelalterliche Kirchen für evangelischen Gottesdienst nutzt – man nehme nur die Wittenberger Stadtkirche als Beispiel –, gibt hierdurch Sonntag für Sonntag zu erkennen, dass er in einer langanhaltenden Tradition steht.

Die Frage nach dem Interesse eines evangelischen Kirchenhistorikers an Franz von Assisi hat aber eine noch viel grundsätzlichere Dimension. Das Interesse möchte ich in drei Begriffe fassen: Rekonstruktion, Verfremdung, Aneignung. Die ersten beiden Begriffe sind diejenigen, die unter Historikern und Historikerinnen, mit unterschiedlichen Gewichten, rasch Zustimmung gewinnen dürften. Problematisch ist der dritte Begriff – auch wenn ich behaupten würde, dass auf die eine oder andere Weise alle historisch Arbeitenden auch Prozesse der Aneignung vollziehen. Nur eben, siehe oben, Kirchenhistoriker müssen sich darüber Rechenschaft ablegen.

Rekonstruktion, das ist zunächst einmal das, was von einer Biographie erwartet wird und erwartet werden darf.  Und das ist im Falle von Franziskus nicht so einfach, wie man angesichts seiner doch recht allgemeinen Bekanntheit meinen sollte. Die Versuche der Rekonstruktion führen in sehr handfeste Quellenfragen, denen sich jede und jeder bei dem Versuch, über Franz zu schreiben, stellen muss, gleich ob sie evangelisch, katholisch oder ganz säkular eingestellt ist. Von wenigen eigenen Äußerungen abgesehen, sind die Quellen von Anfang an dem Bemühen geschuldet, Franz so darzustellen, wie man ihn gerade brauchte. Für die Heiligsprechung, für den Frieden im Franziskanerorden – oder auch gerade für die Auseinandersetzungen in ihm. Wer angesichts dieser Quellenlage behaupten wollte, das eine richtige Bild von Franz zu zeichnen, wäre nicht redlich. Jeder Historiker ist darauf angewiesen, Mosaiksteine zunächst zu finden und dann zusammensetzen. Manche bekannte Geschichte wird dadurch in einer Biographie gar nicht erzählt – wie die berühmte Episode von dem Wolf von Gubbio, der durch den liebevollen Franz gezähmt wurde -, manche erscheinen anders als gewohnt wie die Vogelpredigt oder auch die Erzählung von den Stigmata, den Wundmalen Christi, die Franz zwei Jahre vor seinem Tod empfangen habe. Hinter jeder dieser Entscheidungen stehen lange Überlegungen, Abwägungen der Quellen - und das Wissen, dass es auch Gründe gäbe, die Entscheidung anders zu fällen, ja, vielfach das Wissen um die, die die Entscheidung anders getroffen haben.

Methodisch hilfreich ist daher der zweite Begriff: der der Verfremdung. Mindestens auf einer bestimmten Stufe der Rekonstruktion sollte man die Möglichkeit stark machen, dass die Person, über die man schreibt, vielleicht gerade genau anders gewesen ist, als die Wirkungsgeschichte sie gemacht hat. Darum sollten nicht nur Lutheraner Lutherbücher schreiben und nicht nur Franziskaner Franz-Bücher: Über Franz zu schreiben, heißt, solche Traditionen zu entdecken, in denen er uns nicht als der natur- und menschenliebende sanfte Prediger entgegentritt, sondern als Wutprediger, der seinen Hörerinnern und Hörern das Gericht androht, wenn sie nicht rechte Buße tun. Mindestens ambivalent ist der Franz, der einem so begegnet. Solche Züge schließen die anderen nicht aus, machen aber das Mosaik einer historischen Gestalt bunter und facettenreicher – und schwieriger für den dritten genannten Punkt: die Aneignung.

Das ist der Vorgang, der für das Schreiben einer Biographie am heikelsten ist, den ich hier daher bewusst erst nach der Verfremdung benenne. Aneignung, vielleicht gar Liebe zum Gegenstand ist vielfach Voraussetzung des Bücherschreibens, aber offenkundig für die wissenschaftliche Distanz nicht förderlich. Und doch würde man sich hoffnungslosen Illusionen hingeben, wollte man behaupten, dass man eine solche Biographie ohne ein Moment der persönlichen Auseinandersetzung schreiben könnte. Diese kann kritisch sein – etwa bei einem Hitlerbiographen würde ich dies voraussetzen -, aber sie kann auch positiv sein. Und nur wenn man sich hierüber Rechenschaft ablegt, wird man auch kontrolliert damit umgehen können. Da kommt wieder jenes Privileg der Kirchenhistorikerinnen und Kirchenhistoriker, sich mit den eigenen Voraussetzungen auseinandersetzen zu müssen.

Was also, so wurde ich gefragt, so muss ich mich fragen lassen, fasziniert mich, den evangelischen Theologen, an dem mittelalterlichen Asketen? Es ist nicht, dass er ein Evangelischer vor der Reformation gewesen wäre. Das war er nicht, und ich glaube, meine Biographie zeigt das auch sehr deutlich. Aber es ist eine Unbedingtheit, von der noch in die Gegenwart hinein eine Faszination entgegenschlägt, der man sich schwer entziehen kann. Die Prozesse waren im einzelnen sehr kompliziert – auch das lässt sich nachlesen –, aber sie laufen doch darauf hinaus: Da war am Ende ein Sohn aus guten Verhältnissen bereit, eben diese Verhältnisse hinter sich zu lassen, um andere Werte zu vertreten als die, mit denen er aufgewachsen war. Sein Leben, so schwer es historisch zu fassen ist, war von einer Unbedingtheit getragen, die noch im Jahre 2018 an Frische nichts verloren hat. Franz sah die Diskrepanz zwischen den Etablierten seiner Heimatstadt und den Ausgestoßenen, vornehmlich den Leprakranken – und wollte diese Diskrepanz nicht mehr mittragen, wollte keinen Kompromiss mit der eigenen Gemütlichkeit mehr schließen. Darin bleibt er eine drängende Anfrage. Nicht nur für Katholikinnen und Katholiken, vermutlich nicht einmal nur für Christinnen und Christen.

 

 

Volker Leppin ist evangelischer Theologe und lehrt Kirchengeschichte an der Eberhard Karls Universität Tübingen; davor war er zehn Jahre in derselben Funktion an der Friedrich-Schiller-Universität Jena tätig. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Scholastik und Mystik des späten Mittelalters, die Biographie und Theologie Luthers sowie die Aufklärung.

 

 

 

 „Weder Geld noch Kleider will ich von dir, von jetzt an nenne ich nur noch einen Vater, den im Himmel!“ Mit diesen Worten entsagte der aus einer wohlhabenden Familie stammende Giovanni Battista Bernardone, genannt Franz von Assisi (1181/82–1226), dem Besitz, lebte von da an ein Leben in Armut, stets darauf bedacht, Gutes zu tun und in der Nachfolge Jesu zu leben. Der zunächst als Sonderling Abgetane wurde zum Gründer eines der bedeutsamsten Orden des Mittelalters, aus dem viele große Gelehrte stammten.

 

 

 

 

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  • Anderer Blickwinkel

    Ich finde es super, wie hier darauf hingewiesen wird, dass man als evangelischer bzw. nicht katholischer Theologe genauso ein Recht darauf hat über Franz von Assisi zu schreiben.
    Es ist immer schwierig jede Kleinigkeit aus dem Leben einer Person in ein Buch zu packen und dann auch noch ohne jede persönliche Wertung.

    Mir jedenfalls gefällt die andere Perspektive auf Franz…

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