Gelbwesten im Lande Napoléons

Demonstriert und Rebelliert wurde in Frankreich schon immer gerne – immerhin hat das Land die Revolution erfunden. Und manches Wahrzeichen, wie die Vendôme-Säule, wurde in der Geschichte gleich mehrfach geschändet. Aber auch für den Franzosen gibt es Grenzen, und es gibt Heiligtümer, die nicht angetastet werden sollten …
Ein Bericht von Günter Müchler

 

Die Gelbwesten, die aktuell dem in Frankreich periodisch aufflammenden Bedürfnis nach etwas Revolution Rechnung tragen, haben einen Fehler gemacht, als sie sich am Arc de Triomphe vergriffen. Brennende Autos und zerschlagene Kaufhausscheiben nimmt man gerade noch hin. Der Toleranzschirm für öffentlichen Radau ist in Frankreich weiter gespannt als in Deutschland. Aber wie die Vandalen über den Arc herfallen – da hört der Spaß auf! Schließlich geht der Bau des Triumphbogens auf Napoleon zurück. Das große Tor am Étoile ist das in Stein gehauene Verzeichnis seiner Siege.

Eine der ersten Institutionen, die auf den Vandalismus reagierten, war ›France Bonapartiste‹. Die Vereinigung, deren Anliegen es ist, die Ideen Napoleons zu propagieren und nebenbei das Kaisertum wiedereinzuführen (allerdings nur mit Zustimmung des Volkes, wie versichert wird), prangerte durch ihr Nationales Büro die Schändung des Arc an, »der uns so teuer ist«. Die blaue Weste mit kaiserlichem Adler, die bald auf der Website von ›France Bonapartiste‹ erschien, war als Kampfansage an die Gelbwesten zu verstehen.

Anders als der Arc de Triomphe hat die Vendôme-Säule – ein weiteres Monument der Napoleon-Verehrung und den Taten der Großen Armee geweiht – den Aufstand gegen die Ökosteuerpolitik von Präsident Macron bisher schadlos überstanden. Sie wurde in den Jahren 1806-1810 nach den Plänen des Architekten Jean-Baptiste Lepère errichtet und ist der römischen Trajans-Säule nachempfunden. Gelegen auf der Place Vendôme zwischen der rue de Rivoli und der rue Saint-Honoré ragt sie mit 44,3 Metern fast so hoch empor wie der Triumphbogen (50 Meter). Für das gewaltige Bauwerk (Durchmesser 3,65 Meter) wurden 180 Tonnen Bronze verarbeitet.
Überwiegend stammte das Material aus Kanonen, die die siegreichen Franzosen 1805 bei Austerlitz von Österreichern und Russen erbeutet hatten.
Die ›Zigarre‹, wie sie von Pariser Spottdrosseln genannt wird, hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Ursprünglich stand auf ihrer Spitze ein Napoleon in antiker Toga, gekrönt von einem Lorbeerkranz. Vivant Denon, Gründungsdirektor des Musée Napoléon, des späteren Louvre, hatte das Standbild in Auftrag gegeben, ohne den Kaiser zu fragen. Noch 1812 ärgerte sich Napoleon über die Eigenmächtigkeit: »Ich wünsche für mich selbst keine Götzenbilder, nicht einmal Statuen unter freiem Himmel«. Aber natürlich blieb das Standbild, wo es war – bis 1814. Nach Napoleons Sturz hatten die zurückgekehrten Bourbonen nichts Eiligeres zu tun, als den revolutionären Parvenu vom Sockel zu holen und einschmelzen zu lassen. Die enthauptete Säule diente fortan als Fahnenmast für das bourbonische Lilienbanner. Es flatterte bis 1830. In diesem Jahr änderten sich die politischen Verhältnisse erneut. Die Julirevolution fegte Karl X. vom Thron. Plötzlich war der Tote von Sankt Helena, über den jahrelang noch nicht einmal gesprochen werden durfte, wieder »in«. Der sogenannte »Bürgerkönig« Louis Philippe war beileibe kein Anhänger des verblichenen Kaisers, doch immerhin klug genug, der gewaltigen napoleonischen Nostalgiewelle, die über das Land rollte, Tribut zu zollen. 1833 bestellte er beim Bildhauer Charles-Marie-Émile Seurre ein neues Standbild Es zeigte den 1821 gestorbenen Kaiser diesmal nicht als tugendhaften Römer, sondern in seiner persönlichen ID als »petit caporal«, angetan mit dem legendären Zweispitz, der Uniform der Gardejäger und dem langen Mantel, der »redingote«.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Nun stand der nationale Säulenheilige also wieder dort, wo er vordem gestanden hatte – passgenau mit der doppelten realen Körpergröße, d.h. mit 3,65 Metern Höhe. Doch abermals bestätigte sich, dass in Frankreich Revolutionen meistens mit Bilderstürmerei einhergehen. Zwar überstanden Säule und Statue die Revolution von 1848 unversehrt (allein der Tuilerienpalast fiel dem revolutionären Furor zum Opfer). Die Aufständischen der Kommune von 1871 aber wollten auf ein Spektakel nicht verzichten: Am 16. Mai wurde die ›Colonne de la Grande Armée‹ mit Hilfe von zwei Stahlseilen und einer Winde hingerichtet. Sie stürzte samt Kaiser auf das vorsichtshalber mit Stroh und Mist gepolsterte Pflaster der Place Vendôme.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Impresario der Aktion war der Maler Gustave Courbet. Als Mitglied der Kommune hatte er immer wieder zum Angriff auf die Säule geblasen, die ihm weder politisch noch ästethisch gefiel. Ein Unglück für Courbet, daß nur ein paar Tage nach dem Säulensturz die reguläre Armee dem Regiment der Kommune gewaltsam ein Ende setzte. Er wurde als einer der Rädelsführer angeklagt und dazu verurteilt, die Kosten von 1,335 Millionen francs für die Wiederherstellung der Säule zu tragen. Durch seinen baldigen Tod konnte sich Courbet, der kein Armer war, der Wiedergutmachungsleistung entziehen. 1873 wurde die bronzene ›Zigarre‹ auf Geheiß des Präsidenten der neuen Republik, Mac-Mahon, reinstalliert.

Seither überstand sie unverletzt zwei Kriege, selbst die Studenten des Mai 68 taten ihr nichts an. Werden die Gelbwesten Hand an sie legen? Das sehen die Blauwesten von ›France Bonapartiste‹ vor!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Günter Müchler, geb. 1946, studierte Geschichte und Politikwissenschaft. Nach Stationen bei verschiedenen Zeitungen wechselte er 1987 zum Rundfunk und war bis 2011 Programmdirektor von Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur und DRadio Wissen. Der Frankreichkenner beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Napoleon. Bei der wbg erschien von ihm ›Napoleons hundert Tage‹ (2014) und ›Napoleons Sohn. Biographie eines ungelebten Lebens‹ (2017). Anfang 2019 folgt seine große Biographie ›Napoleon. Der Revolutionär auf dem Kaiserthron‹.

 

 

 

 

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Tags: Napoleon
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  • sehr lehrreich

    Eine interessante Rückschau. Davon haben wir in Frankreich in der Schule größtenteils nicht gehört...