Das sogenannte „Holocaust-Gesetz“ oder: Was ist eine Nation?

Das Schluchzen vor der "Schwarzen Wand" am Block 11, dem Todesblock des Stammlagers Auschwitz, es klingt wie ein fernes Echo aus dunkelsten Jahren, einer Zeit, die den wohl größten Zivilisationsbruch zu durchleiden hatte, den die Welt bis damals und bis heute kennt. Es entfährt einer Touristin, die sich nicht mehr halten kann. Einer Deutschen vielleicht oder einer Israelin, Amerikanerin, aus welchem Land auch immer sie stammen mag – zuletzt tut dies auch nichts zur Sache. Das Schluchzen erklingt im Sommer 2013, an einem ganz normalen Besuchstag im Konzentrationslager Auschwitz, einem jener Tage, an dem hunderte Menschen das ehemalige Lager besuchen, um sich einen unmittelbaren Eindruck von jener Todesmaschinerie zu verschaffen, die die deutschen Nationalsozialisten auf polnischem Boden errichteten und betrieben. Allein in Auschwitz ermordeten sie bis zu 1,5 Millionen Menschen.

Jenes Schluchzen, dem die unbekannte Besucherin sich überlässt, gegen das sie sich vergeblich wehrt, es legt sich um den ohnehin schon eng gedrückten Hals einer ganzen Reihe anderer Besucher, deren Bemühung um Haltung sich in den angespannten Gesichtern überdeutlich abzeichnet. Der junge Mann, der ungerührt ein Eis schleckt, bleibt die Ausnahme an jenem Tag. Alle anderen Besucher, die in diesem Moment das Schluchzen vernehmen, dürften sich darin selbst erkennen, in den Tränen auch ihre eigene Beklemmung, erleben. Eine Beklemmung, in die sich, wenn die Besucher aus Deutschland stammen, zu allergrößten Teilen die Scham mischt, Bürger jenes Landes zu sein, dessen Vorgängerstaat für das millionenfache Töten verantwortlich war. Eines Landes, das technische Perfektion mit menschlicher Niedertracht vereinte, in einem Maß, das bis heute seinesgleichen sucht.

 

Grausige Details

Die Einheit von Sadismus und Effizienz zeigt sich in kleinen Details. Etwa in jenem stählernen Mini-Zwinger in einem der Verwaltungsräume von Birkenau, in dem zwei oder drei Menschen auf allerengstem Raum über Tage eingesperrt blieben, ohne die Möglichkeit, sich zu setzen. Die Gefangenen mussten über den Boden in diesen Zwinger hineinkriechen, hatten vom ersten Moment physische Qual und symbolische Erniedrigung gleichermaßen zu erdulden.

Nähert man sich den Abgrenzungen des Lagers, stößt man als Deutscher auf ein weiteres vertrautes Bild: die martialischen Zäune, die doppelten oder gar dreifachen Reihen von Stacheldrahtzäunen, getragen von Betonpfeilern, deren oberes Ende sich dem Insassen entgegenbeugt, so dass nicht nur der durch den Draht zischende Strom eine Flucht verhindert, sondern auch die Architektur der Betonkonstruktion. Seltsam vertraut wirken diese Pfeiler – dergleichen kannte man bis in die 70er Jahre auch aus Deutschland, wo sie, weniger martialisch, aber auf ihre Weise doch ebenfalls effizient, hie und da privates Gelände gegen die Öffentlichkeit abschirmten.

Es sind immer auch Details, die Scham hervorrufen. Und die den Begriff der "Polnischen Todeslager" doppelt unerträglich machen. Historisch sind die Dinge eindeutig: Im September 1939 marschierte die Deutsche Wehrmacht in Polen ein und eröffnete damit den Zweiten Weltkrieg. In den folgenden Wochen und Monaten überrollte sie das Nachbarland, besetzte es zu weiten Teilen und hielt es fest im Griff. Im April 1940 ordnete SS Reichsführer Heinrich Himmler den Bau des Lagers Auschwitz an. Ausschlaggebend für die Wahl waren zum Einen die zahlreichen Flussläufe in der Region, die das Lager nach außen abschotteten und den Insassen die Flucht erschwerten. Zum Anderen lag Auschwitz, bis zum Ende des Ersten Weltkriegs Teil des Habsburgerreiches, an der Bahnlinie Krakau-Wien - ein Umstand, der es ermöglichte, Juden aus Mitteleuropa rasch und unkompliziert in das Lager zu deportieren.

 

Schlüssige Argumentation

Klar ist: Auschwitz ist ein deutsches Todeslager, kein polnisches. Dass die polnische Regierung auf diesem Umstand besteht, ist selbstverständlich. Damit tut sie nicht mehr, als auf ein historisches Faktum hinzuweisen, eine Tatsache, die einigen Zeitgenossen offenbar nicht mehr hinreichend bewusst ist. Man darf vermuten, dass dieser Umstand vor allem auf Geschichtsvergessenheit zurückgeht, weniger hingegen auf einen plumpen und von vornherein zum Scheitern verurteilten Versuch, die Geschichte umzuschreiben. Revisionisten, das haben deren einschlägige Vertreter gezeigt, gehen einen Tick gerissener vor – wenn auch längst nicht gerissen genug, als dass ihre "Argumente" den Zusammenprall mit der Wirklichkeit bestehen könnten.

Die polnische Regierung hat allen Grund, sich gegen den Begriff der "Polnischen Todeslager" zu verwahren. Fraglich hingegen ist ein anderer Teil des am 06. Februar 2018 von Präsident Andrzej Duda unterzeichneten Gesetzes. Demnach macht sich strafbar, wer Polen als Staat oder Nation "eine Verantwortung oder Mitverantwortung" für die NS-Verbrechen zuschreibt. Das Gesetz richtet sich gegen die Behauptung, der polnische Staat – damals vertreten durch die legitime Exilregierung und die Heimatarmee – hätten sich am Holocaust beteiligt. Diese Argumentation macht sich auch der polnische Staatspräsident Andrzej Duda zueigen. Er weist darauf hin, ein polnischer Staat habe während des Zweiten Weltkriegs überhaupt nicht existiert – und sich darum auch nicht am Holocaust beteiligen können. Auch dieses Argument besticht durch seine Schlüssigkeit.

 

Antisemitische Verbrecher ...

Wahr ist allerdings auch, dass es während der Jahre 1939-1945 auch in Polen Antisemiten gab. Aber wo gab es sie nicht? Der Antisemitismus ist seit 1933 ein vor allem deutsches Problem, in zweiter Linie aber auch ein europäisches, und durchaus auch ein polnisches.

So erinnern polnische Kritiker des Gesetzes etwa an das Massaker vom Juli 1941 in der Kleinstadt Jedwabne im Nordosten des Landes, gelegen in jenem Teil Polens, der nach dem Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt an die damalige Sowjetunion fiel. Zahlreiche Bewohner der Stadt beschuldigten die dort lebenden Juden der Kollaboration mit Moskau.

 Als Deutschland dann im Juni 1941 die Sowjetunion überfiel und bald auch Jedwabne besetzte, überließen sich Teile der polnischen Bürger ihrem antisemitischen Ressentiment: Am 10. Juli jenes Jahres, rund drei Wochen nach der Besatzung, trieben sie hunderte jüdische Mitbürger auf einem zentralen Platz der Stadt zusammen, misshandelten sie und brachten sie anschließend in eine außerhalb des Ortes gelegene Scheune. Dort verbrannten sie sie bei lebendigem Leib. Nach derzeitigem Forschungsstand starben 300 – 400 Menschen.

Bei einer Gedenkfeier am 10. Juli 2001, 60 Jahre nach den Ausschreitungen, bat der damalige polnische Staatspräsident Aleksander Kwaśniewski im Namen all derjenigen Polen, die sich durch das Verbrechen betroffen fühlten, um Vergebung. Weite Teile der Bürger von Jedwabne lehnten die Gedenkfeier allerdings ab.

Massaker wie das von Jedwabne – es ist nur das bekannteste einer ganzen Reihe antisemitischer Ausschreitungen jener Zeit – haben Israel und die USA veranlasst, das Gesetz zu kritisieren. Israel sieht in dem Gesetz einen Versuch, die polnische Geschichte pauschal von allem Antisemitismus reinzuwaschen. Insbesondere der israelische Bildungsminister Naftali Bennett hatte sich kritisch gezeigt – woraufhin die polnische Regierung einen Besuch Bennetts absagte. Daraufhin erklärte Bennett, es seien zwar die Deutschen gewesen, die die Todeslager erbaut und betrieben hätten. "Viele Polen haben sich jedoch im ganzen Land an der Verfolgung, Denunzierung oder aktiv am Mord an mehr als 200.000 Juden beteiligt, während und nach dem Holocaust."

 

... und heldenhafter Einsatz

 Allerdings gab es in jenen Jahren auch in Polen – wie auch überall in Europa – Menschen, die sich für Juden einsetzten, sie versteckten und vor dem Tod bewahrten. Nicht wenige Polen bezahlten ihren Einsatz mit dem Tod. Der "Rat für die Unterstützung der Juden", unter dem Codename Żegota operierend, hatte enge Beziehungen zur polnischen Exilregierung. So rettete die Kinderabteilung der Żegota unter der Führung Irena Sendlers über 2500 Kinder aus dem Warschauer Ghetto. Insgesamt rettete die Żegota rund 75.000 Juden. Eines der bekanntesten Mitglieder des christlich-jüdischen  Verbandes war der spätere Außenminister Władysław Bartoszewski, auch er zeitweilig Häftling in Auschwitz.

 

Individuelle, nicht kollektive Verantwortung

Wenn die derzeitige polnische Regierung nun ein Gesetz erlässt, dass die polnische "Nation" davon freispricht, sich am Holocaust beteiligt zu haben, wirft sie zugleich die Frage auf, was eine "Nation" denn ausmacht. Stehen die polnischen Antisemiten und Mörder stellvertretend für die ganze Nation? Wohl kaum. Ebenso wenig wird sie aber durch die Żegota und andere todesmutige Menschen repräsentiert, die damals für die Juden ihr eigenes Leben aufs Spiel setzten. Die Nation ist einerseits zwar die Summe derer, die ihr angehören. Andererseits zerfällt diese Summe aber in so viele einzelne Individuen, dass es unmöglich ist, von ihnen auf das Ganze zu schließen.

 

Die derzeit regierende Partei Prawo i Sprawiedliwość ("Recht und Gerechtigkeit", kurz PiS) begibt sich auf schwieriges Terrain, wenn sie versucht, die polnische "Nation" als unteilbares Ganzes hinzustellen, angesichts dessen nur eine Entweder-Oder-Entscheidung möglich ist. Die lässt sich aber seriöserweise nicht formulieren. Die polnische Exilregierung hat sich an dem von den Nazis initiierten Völkermord nicht beteiligt. Einige polnische Bürger aber eben doch. Diese Differenzierung zuzulassen, sollte möglich sein.  Dies umso mehr, als es letztlich die damalige deutsche Regierung war, die es den polnischen Antisemiten überhaupt erst ermöglichte, zu Verbrechern zu werden. Auch dies ist Teil der ewigen deutschen Schuld.

 

 

 

Kersten Knipp, geb. 1966, ist Publizist und Journalist. Er ist freier Politik-Redakteur bei der Deutschen Welle und arbeitet für den Deutschlandfunk und andere Sender der ARD, für die Neue Zürcher Zeitung und andere Zeitungen. Zuletzt erschien von ihm „Nervöser Orient. Die arabische Welt und die Moderne“(2016).

 

 

 

 

 

 

Kersten Knipps' neues Buch »Im Taumel«: 1918 bricht das alte Europa krachend zusammen: Die Vielvölkerreiche zerfallen, neue Staaten entstehen auf der Landkarte, die ihre Identität, ihr politisches System erst noch lernen müssen, und Nationalismus und ethnischer Chauvinismus erheben ihr Haupt. Wie viel dies mit uns heute zu tun hat, wird uns nach 100 Jahren erst allmählich bewusst.Kersten Knipp liefert die große historische Erzählung zu den dramatischen Umbrüchen des Weltkriegsendes. Aus dem Taumel von 1918 ist das entstanden, was unseren Kontinent heute ausmacht.

 

 

 

 

 

 

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