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„Finie la guerre?“

Der 11. November 1918 gilt als Ende des Ersten Weltkriegs. An diesem Martinstag vor 100 Jahren wurde das Waffenstillstandsabkommen zwischen dem Deutschen Reich und den beiden Westmächten Frankreich und Großbritannien geschlossen. Bewusst wurden Staatssekretär Matthias Erzberger und seine deutsche Delegation über verschlungene Wege durch eine Trümmerlandschaft geleitet, in der kurz zuvor noch gekämpft wurde. Mit einem Sonderzug gelangten sie schließlich auf eine Lichtung bei Rethondes im Wald von Compiègne, rund 90 Kilometer nordöstlich von Paris. Dort besiegelten Militärs der Entente unter dem französischen Marschall Ferdinand Foch und die bevollmächtigten Militärs und Politiker des Deutschen Reiches unter Erzberger die Einstellung sämtlicher Kampfhandlungen. Aber war das tatsächlich das Ende des Ersten Weltkriegs?

Diese Perspektive auf das Ende des Ersten Weltkriegs ist sehr westeuropäisch geprägt. Ja, für die Westmächte und für das Deutsche Reich war der Krieg vorüber. Doch wann endeten die Kämpfe an der Alpenfront zwischen dem Königreich Italien und dem österreichischen Kaiserreich? Wann und unter welchen Umständen endete der Krieg für Russland? Für das Osmanische Reich oder das Königreich Serbien?

Für viele Länder Mittel- und Osteuropas ging der Krieg nicht am 11. November 1918 zu Ende. Er dauerte noch Jahre an. Auch an der Peripherie Europas, in Marokko und Libyen, in der Türkei, im Nahen und Mittleren Osten ging das Wüten jahrelang weiter, denn in diesen Regionen mündete der Krieg in große Krisen, die seine direkte Folge waren. So erwuchs etwa aus der Russischen Revolution unmittelbar der Russische Bürgerkrieg, und im Nahen und Mittleren Osten brach im Anschluss an den Krieg ein Befreiungskrieg gegen die europäischen Kolonialmächte los.

Im Westen Europas beginnen wir erst langsam zu begreifen, dass dieser Weltkrieg weit mehr war als die Materialschlachten um Verdun oder an der Marne. Und dass der 11. November im Kern nur den Auftakt bildete für neue, gewaltige Herausforderungen.

Die Aufgaben und Probleme, die nun anstanden, waren gewaltig. Viele neue Nationalstaaten erblickten ganz überraschend (oder erst wieder nach Jahrhunderten) das Licht der Welt – Polen oder die Tschechoslowakei, Jugoslawien, die Türkei oder Syrien. Was sollte deren Herrschaftsform sein? Welche Verfassung sollten sie sich geben? Welches politische Personal sollte sie, aus dem Nichts heraus, anführen? Auf welchen Traditionen sollten sie aufbauen, welche Identität sollte ihre Grundlage sein? Welche Bevölkerungsgruppen sollte ihnen angehören – und welche nicht?

Die mörderischen Kräfte, die Fragen ethnischer und nationaler Zugehörigkeit entwickeln konnten, kristallisierten sich erst im Geschützfeuer des Ersten Weltkrieg heraus – und sie sollten ihre Kraft mit dem 11. November 1918 nicht verlieren. 20 Jahre später sollten sie sich noch ungleich mörderischer auswirken. Und auch die Jugoslawienkriege der 90er-Jahre spielten auf dieser Klaviatur.

„Finie la guerre?“, „Ist der Krieg zu Ende?“ soll ein einfacher französischer Soldat gefragt haben, als die deutsche Waffenstillstandsdelegation unter Matthias Erzberger am Vorabend des 11. November das Örtchen La Capelle unmittelbar hinter der belgisch-französischen Grenze erreichte, in das die Franzosen erst wenige Stunden vorher eingerückt waren. Ja – für das mörderische Ringen im Westen war dies tatsächlich der Endpunkt.
„Finie la guerre?“ – dafür müssen wir alle uns immer wieder einsetzen. All dies betrifft uns auch heute noch. Im Ersten Weltkrieg zerbrachen multiethnische Imperien. Unsere offenen, multikulturellen Gesellschaften sind heute wieder in Frage gestellt. Das hat viel mit den ungelösten Fragen zu tun, die sich aus den Folgen von 1918 ergaben.

In den kommenden Monaten will sich dieser Blog immer wieder mit den Folgen des Ersten Weltkriegs beschäftigen, mit den gewaltigen Umbrüchen, die sich für ganz Europa – und insbesondere auch für die östliche Hälfte – aus dem Kriegsende ergaben. In Beiträgen verschiedener Autoren, in Interviews (siehe auch die bereits erschienenen Artikel von Reiner Möckelmann und Kersten Knipp) – und gerne wollen wir auch Jeden dazu ermutigen, sich zu beteiligen.



Daniel Zimmermann lebt in Mainz und ist Geschichtslektor in den Verlagen der WBG-Gruppe Philipp von Zabern, Konrad Theiss und Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

 

 

 

 

 

 

Tags: Politik, Neuzeit
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