Wissen verbindet uns - exklusive Vorteile für Mitglieder!

Gärten – Schlüssel zur Vergangenheit

Ein Jahr ist vergangen, seitdem ich das Pompejanum in Aschaffenburg mit seinem Innenhofgarten zum letzten Mal besucht habe. Damals wollte ich verstehen, wie die Römer ihre Gärten in die Häuser integrierten und wie sie mit ihnen lebten. Um diese Frage zu beantworten war das Pompejanum die ideale Adresse, weil hier König Ludwig I. von Bayern und sein Architekt Friedrich von Gärtner versucht haben, ein römisches Haus nach den Funden in Pompeji zu rekonstruieren.

Nun gehe ich wieder durch das Atrium und blicke auf den Hof mit der bemalten Mauer. Ich stehe vor einer Glasscheibe und einem niedrigen Zaun und sehe auf eine gekieste Fläche, die von einer steinerneren Regenrinne eingefasst wird. Zwei längsrechteckige Beete in der Mitte und Philosophenhermen in den vier Hofecken füllen die Fläche. Der Garten ist recht sparsam begrünt: Zitrusbäumchen in Kübeln und Efeu als Beeteinfassung sorgen für ein wenig mediterrane Stimmung. Mittelpunkt der Beete sind zur Pyramide geschnittene Lorbeersträucher. Sie stehen in weißen Übertöpfen, wie sie auch in den Orangerien des 18. und 19. Jahrhunderts verwendet wurden. Die Töpfe sind Reminiszenzen an die Entstehungszeit des Gebäudes, ebenso wie die, mit einer bunten Mischung aus Tagetes, Buntnessel, Fuchsie, Heliotrop und anderen Gewächsen bepflanzten Beete. Schön anzusehen sind sie, aber mit den römischen Gärten der Antike haben sich nichts zu tun.

Die Bepflanzung des Innenhofs ist so gehalten, dass sie den Blick auf die Wandmalerei nicht stört. Ganz klar geht es bei der Gestaltung des Hofs um die Architektur des Pompejanums, nicht um die Rekonstruktion eines antiken römischen Gartens. Kostbare Skulpturen, eine Brunneneinfassung und ein Altar, die wohl alle einmal in römischen Gärten aufgestellt waren, sind daher in den Ausstellungsräumen des Gebäudes zu besichtigen. Als Freundin historischer Gärten hätte ich mir jedoch einen Innenhofgarten gewünscht, der sich deutlicher auf die Gartenanlagen der alten Römer bezieht, als es hier der Fall ist. Zumal das Pompejanum ja einen Einblick in die damalige Wohnkultur geben will und der Innenhofgarten ein Lebensmittelpunkt im antiken römischen Haus war.

Davon einmal abgesehen ist der Gedanke reizvoll, an einem Ort wie dem Pompejanum, in dem die Vergangenheit so anschaulich präsentiert wird, auch Pflanzen zu betrachten, die zentral in einer alten Kultur waren und die für uns heute immer noch von Bedeutung sind. Zitronen oder Lorbeer an einem solchen Ort nach den alten Vorbildern gepflanzt, könnten ebenso wie eine Gartenskulptur viel über die Menschen damals erzählen und eine lebendige Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit schlagen.

 

Doch bei meiner Beschäftigung mit den zahlreichen Rekonstruktionen von Gärten vergangener Epochen, habe ich auch gelernt, dass ihre Einrichtung Probleme mit sich bringt. Das fängt an mit der Frage, wie ein solcher Garten aussehen soll, und endet nicht mit der Diskussion darüber, ob die Pflanzen nach Art der botanischen Gärten mit Beischriften versehen werden müssen. Im Fall des Pompejanums kommt hinzu, dass das Gebäude selbst eine über 150 Jahre lange Geschichte mitbringt. Kriegsschäden und Restaurierungen oder das Wissen über römische Kunst und Kultur im 19. Jahrhundert werden in der Vermittlung des Pompejanums mitberücksichtigt. Über römische Gärten jedoch wusste man damals noch nicht sehr viel. So spiegelt die schlichte Gestaltung des Hofes auch den damaligen Wissensstand wider.

Das Pompejanum ist ein Gebäude, das wir wohl als Period-Room oder als Style-Room bezeichnen können, also ein der Architektur vergangener Epochen nachempfundener Raum, der mit dazu passenden Kunstwerken eingerichtet ist. In vielen älteren Museen gibt es solche Räume. Das Hessische Landesmuseum Darmstadt etwa hütet ein römisches Atrium und eine gotische Kapelle. Erfahrungsgemäß sind Style-Rooms beim Publikum sehr beliebt, weil sich dort die Freude am Schauen mit der Fantasie des Betrachters zu einem sehr persönlichen Erlebnis verbindet. Style-Rooms erreichen die Besucher auf einer emotionalen Ebene, Faktenwissen und Besucherbelehrung treten dabei in den Hintergrund. Wie ein Style-Room holen auch Gärten Besucher bei ihren eigenen Erfahrungen, Erinnerungen und Kenntnissen ab. Wie gut Gärten in dieser Hinsicht funktionieren, beweisen die römischen Gärten der Villa Borg. Die Anlagen sind nach antiken Vorbildern eingerichtet und bepflanzt und ziehen jedes Jahr aufs Neue viele Besucher an.

Doch gibt es einen großen Unterschied zwischen Period-Rooms und Period-Gärten: Ist der Style-Room im Museum einmal eingerichtet, kann er die Zeiten überdauern und kommt – wenn es sein muss – weitgehend ohne Betreuung aus. Lebendig wird der Raum durch den Besucher. Ganz anders der Museumsgarten: Er ist im Unterschied meist nur für wenige Monate im Frühjahr und Sommer wirklich attraktiv. Um als Schaufläche das ganze Jahr genügen zu können, müssen auch im Winter zumindest die Grundzüge des Gartens erkennbar sein. So ist der Gemüsegarten der Villa Borg im Winter völlig uninteressant, weil er brachliegt und die Beete jedes Frühjahr neu angelegt werden. Im Pompejanum gliedern hingegen immergrüner Efeu, steinerne Beeteinfassungen, Wege, Kiesflächen und die Hermen den Garten und rahmen das Landschaftsfresko auf der Mauer ein. Doch auch der Garten des Pompejanums verändert sich mit jedem Tag ein wenig. Während Wandmalerei, Hermen und Beeteinfassungen die Jahre überdauern, sind die Pflanzen lebendige Wesen. Sie keimen, wachsen, sterben irgendwann ab. Trockenheit, Regenperioden, wechselnde Temperaturen, Schädlinge beeinflussen das Leben im Garten. Der Garten benötigt ständige Pflege, um einen schönen Anblick zu bieten. Seiner Natur nach ist jeder Garten veränderlich und wandelbar. So waren bei meinem ersten Besuch im Pompejanum die Beete und Kübelpflanzen ganz anders bepflanzt und verteilt. In diesem Jahr konnte ich einen Gärtner beobachten, der Unkraut mit einer Hacke beseitigte und die Zitrusbäumchen ganz zeitgemäß mit dem Gartenschlauch wässerte. Die Römer hätten zu diesem Zweck das Wasser aus einer Zisterne geschöpft. So mögen für die Gartengestaltung im Innenhof des Pompejanums ganz praktische Gründe für die wenig antik wirkende Präsentation eine Rolle spielen.

Tatsächlich aber ist es trotz des angewachsenen Wissens über die Gartenkunst vergangener Zeiten nicht einfach, einen Garten nach den alten Vorbildern anzulegen. Zu vielfältig und zu widersprüchlich sind die Funde und die wissenschaftliche Aufarbeitung. Räumliche Beschränkungen, Klima, Boden, Auswahl und Ansprüche der Gewächse, gärtnerische und historische Fachkenntnisse, finanzielle und personelle Mittel setzen Grenzen bei der Planung, Gestaltung und Betreuung. Vor allem darf nicht vergessen werden: Gartenrekonstruktionen – und seien sie noch so detailgenau – sind stets nur Interpretationen der historischen Fakten. Auch die liebevoll betreuten Gärten der Villa Borg sind lediglich Kompromisse zwischen den Ansprüchen der Besucher, den räumlichen, finanziellen und personellen Möglichkeiten des Museums und den aktuellen Forschungserkenntnissen. Sie sind in dieser Hinsicht ebenso künstlich und „unwissenschaftlich“ wie die alten Style-Rooms der Museen. Dennoch lohnt es sich, wie ich finde, den Gärten an und um Museen größere Aufmerksamkeit zu schenken. Sie üben ebenso wie Style-Rooms einen großen Reiz auf die Besucher aus, lassen sich doch in keinem anderen Bereich Kultur und Lebensweise vergangener Zeiten auch für Laien so leicht nachvollziehen wie in der Gärtnerei. Gute Gründe, die vorhandenen Anlagen gut zu pflegen und ein guter Grund, mehr Museumsgärten nach historischen Vorbildern anzulegen – seien sie auch noch so klein und bescheiden.

 

 

 

STEPHANIE HAUSCHILD ist promovierte Kunsthistorikerin mit Schwerpunkten in der Kunst des Mittelalters, des 19. Jahrhunderts und der Gegenwart sowie in der Gartengeschichte. Nach Stationen an der Hamburger Kunsthalle, dem Germanischen Nationalmuseum und der Schader-Stiftung lebt und arbeitet die Autorin in Darmstadt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bitte geben Sie die Zahlenfolge in das nachfolgende Textfeld ein

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.

  • Geduld und ein Blick für das Ganze

    Vielen Dank für diesen inspirierenden Artikel.
    Besonders die Erkenntnis, dass ein Garten auch dann gepflegt werden muss, wenn er für ein öffentliches Publikum nicht unterhaltsam ist, gefällt mir. Er lässt sich auf viele Lebensbereiche übertragen.

Passende Artikel
Akanthus und Zitronen Hauschild, Stephanie  Akanthus und Zitronen

inkl. MwSt. zzgl. Versandkosten

Sofort lieferbar

EBOOK
Akanthus und Zitronen Hauschild, Stephanie  Akanthus und Zitronen

inkl. MwSt. zzgl. Versandkosten

Sofort lieferbar