»Hoch lebe die Freiheit!« – Die Kieler Ausstellung ›Die Stunde der Matrosen‹

Vor hundert Jahren wollten Matrosen der kaiserlichen Hochseeflotte nicht mehr am Krieg teilnehmen. In Kiel kam es zu Demonstrationen und Meutereien; das Stadtschloss, in dem der Bruder des Kaisers residierte, wurde besetzt. Matrosen trugen den Keim des Aufstandes in die Zentren des Reichs. An den hundertsten Jahrestag des Kieler Matrosenaufstands erinnert eine eindrucksvolle Schau im Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum. Museumsdirektorin Doris Tillmann stellt das Konzept der Sonderausstellung mit dem Titel ›Die Stunde der Matrosen‹ vor.

Wenn im Jahr 2018 das Ende des Ersten Weltkriegs im Mittelpunkt internationaler Erinnerungskultur steht, dann rückt auch die Geschichte des Kieler Matrosenaufstandes in den Fokus, gilt er doch als Auslöser der Umsturzbewegung, die zur Abdankung des Kaisers und Gründung der Weimarer Republik führte. Die Landeshauptstadt Kiel nimmt diesen Jahrestag zum Anlass für ein umfangreiches Jubiläumsprogramm und eine Imagekampagne, die Förderstadt als wichtigen Schauplatz deutscher Demokratiegeschichte herausstellt.

 

Zielsetzungen

Über Jahrzehnte haben zuvor ideologische Grabenkämpfe um die Deutungshoheit über die Geschichte des Matrosenaufstandes den Blick darauf verstellt. Politische Auslegungen und Instrumentalisierung – etwa die Dolchstoßlegende und die gegensätzlichen Sichtweisen auf die Revolution in beiden deutschen Staaten bis 1989 – haben polarisiert und seit hundert Jahren Mythen und Legenden hervorgebracht, die bis heute die Sicht auf die historischen Ereignisse überlagern. Zudem wurden auch wissenschaftliche Erklärungsansätze, die die Relevanz des Geschehens vor allem aus nachfolgenden Ereignissen – etwa dem Scheitern der Weimarer Republik – heraus bewertet haben, der Geschichte des Kieler Matrosenaufstandes nicht gerecht. Doch vor allem seit der sogenannten friedlichen Revolution von 1989 – die im Übrigen kaum mit 1918 assoziiert worden ist – und dem Ende der DDR steht die Erinnerung an die revolutionären Ereignisse 1918 nicht mehr im Fadenkreuz des politisch-ideologischen Systemgegensatzes. Es geht heute immer weniger darum, die Motivationen und Handlungen der damaligen Akteure zu bewerten und sich dabei selbst entsprechend politisch zu positionieren. Der Kieler Matrosenaufstand ist vielmehr zu einem Geschichtsereignis geworden, das in seinem breiten historischen ebenso wie kulturwissenschaftlichen Kontext mit historiografischen Methoden analysiert wird. Kurz: Der Blick wird unverstellter und neue Deutungsmuster scheinen möglich. So ist es Zeit für eine Neuverortung des Matrosenaufstandes in der Erinnerungskultur.

 

 

Unter dieser Zielsetzung steht auch die große Sonderausstellung mit dem Titel ›Die Stunde der Matrosen‹, die vom 6. Mai 2018 bis zum 15. März 2019 im Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum gezeigt wird. Die Ausstellung rollt anhand von über 500 Exponaten – Gemälde, historische Plakate, Dokumente, Fotografien und Objekte – die Kieler Ereignisgeschichte sowie ihre Vorgeschichte und Folgeentwicklung auf nationaler Ebene in hoher Komplexität auf und befasst sich am Ende mit der wechselhaften Rezeptionsgeschichte der Novemberrevolution. Das Ausstellungsprojekt, dem eine zweijährige Vorbereitungsphase vorausging, basiert auf umfangreichen Kooperationen und vielfältiger Unterstützung. Für großzügige finanzielle Förderung dankt das Museum der Kulturstiftung der Länder sowie dem Ministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein, das außerdem parallel zur Kieler Sonderausstellung eine Wanderausstellung zum gleichen Thema in verschiedene Städte des Landes schickt.

 

 

 

Gestaltung und Szenografie

Eine Ausstellung zu Aufstand und Revolution steht unter einem hohen Erwartungsdruck des Publikums hinsichtlich einer fesselnden Präsentation und actionreicher Dramaturgie. Doch leider erfüllen die überlieferten Sach- und Bildquellen derartige, meist von Film und Medien geprägte Vorstellungen zum Revolutionsthema nicht. Es liegt in der Natur der Sache, dass ein politischer Aufstand kaum materielle Zeugnisse hinterlässt. Die Schießereien und dramatischen Tumulte machten nur einen kleinen Teil des historischen Lebensalltags während der Revolution aus, vielmehr bewegte die Menschen die Sorge um die tägliche Ernährung und um ihre unsichere Zukunft. Dennoch stellt die Ausstellungskonzeption die historischen Originale aus der Museumssammlung in den Mittelpunkt. In klassischer Museumshängung präsentiert, bieten Exponate aus den Bereichen der zeitgenössischen Fotografie und Printmedien, darunter die großformatigen historischen Plakate, eine hohe Authentizität und Anschaulichkeit. Sie dokumentieren die politischen Entwicklungen, Positionen und Auseinandersetzungen vor, während und nach den Kieler Novemberereignissen und beantworten den Ausstellungsbesuchern die Frage nach der Bedeutung beziehungsweise Bewertung revolutionärer Prozesse, zeigen aber auch die Wirkkraft von politischen Bildern, Kommunikation und Propaganda.

Um der Ausstellung darüber hinaus dennoch mit einer spannenden Dramaturgie einen nachhaltigen Erlebnischarakter zu geben, wird auf ein starkes szenografisches Gestaltungselement zurückgegriffen, das die Idee des revolutionären Umbruchs beeindruckend visualisiert und räumlich erfahrbar macht: Ein raumdominierender Keil bildet ein imposantes Architektur- und Grafikelement, das die in der 600 m2 große Ausstellungshalle teilt und so die Sprengkraft der Revolution sichtbar werden lässt. Ausgeführt in Form von zwei riesigen, bis zu fünf Meter hoch aufragenden dreieckigen Wänden – innen in leuchtendem Rot, außen mit einer wie rostiger Schiffsstahl der Kieler Werften anmutenden Strukturoberfläche – bestimmt er das Raumerlebnis in der großen Halle. Der rote Keil ist ein abstraktes, dennoch greifbares Element mit vielfältiger symbolischer Bedeutung: Er ist zugleich als Anleihe bei der Revolutionskunst des russischen Konstruktivismus zu verstehen und spielt speziell auf El Lissitzkys Plakat ›Schlagt die Weißen mit dem roten Keil‹ (1920) an – bis heute ein Klassiker der Revolutionsikonografie. Ein interaktiver Medientisch und eine Groß-Projektion mit historischen Fotos verdeutlichen innerhalb dieses szenografischen Komplexes, wie sich die Revolution von Kiel ausgehend ins ganze Deutsche Reich verbreitete.

 

 

Ein wichtiger didaktischer Grundsatz der Ausstellungskonzeption ist die Trennung von Exponat- und textlicher Informationsebene: Erläuternde Begleittexte zu den 63 Themenfeldern des Ausstellungsrundgangs sind nicht an den Ausstellungswänden verortet, sondern in einem separaten Textheft auf Deutsch oder Englisch abgedruckt, das jedem Besucher der Ausstellung kostenlos ausgehändigt wird und auch eine spätere inhaltliche Vertiefung möglich macht. Die Texte sind auch über den Audioguide abrufbar. So bleibt der Blick auf die Exponate weitgehend unverstellt von langen Ausstellungstexten, und die Ausstellungstücke entfalten frei ihre authentische Wirkkraft.

Weitere Medienstationen in der Ausstellung sind sechs Bild- und Filmpräsentationen sowie zwanzig Hörstationen mit zeitgenössischen biografischen Texten, so dass ein vielfältiges didaktisches Angebot unterschiedliche Zugänge zu den Themen bietet.

 

Exponate

In der Ausstellung werden ca. 500 vielfältige Exponate gezeigt, davon etwa je zur Hälfte Bildreproduktionen und historische Originalobjekte. Bei diesen handelt es sich um wenige dreidimensionale Objekte wie Schiffsmodelle, Uniformen und Uniformteile oder Souvenirs, die an Krieg und Revolution erinnern. Dokumentarisch herausragend, obwohl optisch wenig spektakulär, sind darunter die einzigartigen Stücke aus dem direkten Kieler Revolutionsgeschehen, etwa eine Gewehrkugel, von der überliefert ist, dass sie während des Aufstandes abgefeuert wurde oder das Fragment eines Offiziers-Säbels, zerbrochen von revolutionären Matrosen, die ihren Vorgesetzten den Gehorsam verweigerten und ihnen Ehren- und Rangabzeichen abnahmen.

Zahlenmäßig weit überwiegen in der Ausstellung Bilder aus Kunst und Gebrauchsgrafik sowie archivalische Dokumente. Eindrucksvoll sind die im Original gezeigten großformatigen politischen Plakate und die Gemälde, die die Situation vor und nach der Revolution darstellen. Künstlerische Darstellungen geben die zeitgenössischen Positionen der jeweiligen Künstler in Bezug auf die politischen Ereignisse wieder. Ihr Spektrum reicht von der kaiserlichen Marinemalerei am Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur konstruktivistischen Utopie der frühen 1920er Jahre, dabei liegt der Schwerpunkt bei Künstlern mit lokaler Anbindung an Kiel. Die Werke verdeutlichen die Entwicklung neuer künstlerischer Ausdrucksformen und Motive, wie Beispiele der Kieler ›Revolutionsexpressionisten‹ aus dem Bestand der Stadtgalerie zeigen. Eine in diesem Kontext herausragende Leihgabe der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen ist Peter Drömmers ›Selbstporträt als Revolutionär‹ von 1919.

 

 

 

Beeindruckende Propagandaplakate machen einen großen Teil der Exponate in der Ausstellung aus. Sie stammen zumeist aus dem Bestand des Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseums, das seinen großen Sammlungsschwerpunkt politischer Plakate im Rahmen des Ausstellungsprojektes durch zahlreiche Neuerwerbungen erweitern konnte. Die ausgestellten, oft sehr großformatigen Plakate reichen von der Kriegsanleihe- und Durchhaltepropaganda des Kaiserreichs über den nach der Revolution eingerichteten ›Werbedienst der Republik‹, für den herausragende Künstler wie Max Pechstein gearbeitet haben, und die Parteienplakate zur Wahl der Nationalversammlung bis hin zur lokalen Kieler Imagewerbung der frühen 1920er Jahre.

 

 

 

Besonderen quellenkritischen Umgang erforderten die zahlreichen Fotografien, die im Original oder zumeist als vergrößerte Reproduktionen in der Ausstellung gezeigt werden. Insbesondere bei vielen Einzelfotos führten Recherchen im Rahmen der Ausstellungsvorbereitung zur Neubestimmung ihres historischen Kontextes. Etliche Bildmotive sind zuvor jahrelang fehlinterpretiert und – dem Wunsch nach einer Visualisierung der politisch so umstrittenen, zugleich aber spärlich dokumentierten Revolutionsereignisse folgend – unbedarft als Illustration in falschen beziehungsweise fiktiven Zusammenhängen verwendet worden. Tatsächlich ist die Zahl der authentischen Fotos vom Revolutionsgeschehen, namentlich von bewaffneten Kämpfen, äußerst gering, denn die Kieler Ereignisse verliefen weitgehend spontan, Fotografen waren nicht vor Ort, und sie hätten wohl auch kaum Aufnahmen machen können, weil die meisten Aktivitäten in den dunklen Abendstunden stattfanden. Überhaupt steckte der Fotojournalismus noch in den Kinderschuhen, und so gibt es allenfalls aus Berlin einige hochwertige Aufnahmen namhafter Pressefotografen wie etwa von Willy Römer.

Neben den seltenen Aufnahmen von Ereignissen oder Straßenszenen sind ebenfalls nur sehr wenige Einzel- und Gruppenporträts revolutionärer Matrosen erhalten. Manche dieser Fotos sind echte Neuentdeckungen; sie sind allein dem Engagement privater Sammler zu verdanken und werden in der Ausstellung erstmals gezeigt. Die Fotos sind stolze Selbstzeugnisse der Revolutionäre in dem Bewusstsein, den Frieden und die Republik erkämpft zu haben, so ist es auf den Tafeln zu lesen, mit denen sie posieren. Derartige Gruppen- oder Einzelporträtfotos von Matrosen kommen persönlichen politischen Bekenntnissen gleich, sie gehören zu den ganz seltenen Ego-Dokumenten, die von den einfachen Matrosen überliefert sind.

Auch politisches Schriftgut und rein textliche archivalische Dokumenten wie Flugblätter, öffentliche Anschläge oder Werbeblätter von Parteien werden als anschauliche Belege der politischen Entwicklung in der Ausstellung präsentiert. Aber auch bei dieser Quellengruppe ist die Überlieferung in Bezug auf den Kieler Matrosenaufstand spärlich, wohingegen überregionales Material oder solches zu den Berliner Revolutionsereignissen recht zahlreich ist.

Es ist den überlieferten historischen Exponaten geschuldet, dass die Ausstellung neben der Ereignisgeschichte außerdem einen inhaltlichen Schwerpunkt bei der Mediengeschichte von Weltkrieg und Revolution setzt. Politische Plakate waren die wichtigsten Propagandamedien mit einer massiven Präsenz und großer Wirkkraft in der Öffentlichkeit in der Zeit vor, während und nach dem politischen Umbruch. Die großen Propagandakampagnen haben seit Beginn des Krieges zur Politisierung der Bevölkerung in verschiedener Richtung beigetragen. Diese Medien sind damit fundamentaler Teil des revolutionären beziehungsweise auch des konterrevolutionären Prozesses. Die Ausstellung zeigt,  welchen Einfluss sie auf das Geschehen hatten und mit welchen gestalterischen Mitteln sie ihre Wirkung entfalten konnten.

 

Inhalte: Ausstellungstory und Ausstellungsrundgang

  1. Vorgeschichte des Matrosenaufstandes:

Inhaltlich umspannt die Ausstellung zunächst die großen Bereiche der Vorgeschichte der Revolution, also den Ersten Weltkrieg und die militärische, politische und gesellschaftliche Situation auf der lokalen wie auch nationalen Ebene bis 1918 und gewichtet dabei die verschiedenen sozialen und politischen Voraussetzungen und Auslöser. Unterschiedlichste Exponate – persönliche Erinnerungsstücke ebenso wie politische Dokumente – geben  Einblick in die verschiedenen Milieus, in denen sich revolutionäres Gedankengut entwickelt hat und zeigt die Komplexität von Motiven und Anlässen auf.

Ausgehend von einem Einführungsfilm mit Interviews der am Projekt beteiligten Kuratoren und Historiker führt der Ausstellungsrundgang im ersten Teil durch Themen der sozialen, politischen und kulturellen Situation in Kiel und im Kaiserreich, befasst sich dann mit dem Kriegsbeginn mit Fokus auf innenpolitische Positionen des ›Burgfriedens‹ sowie auf die große Kriegsbegeisterung. Viel Raum wird der Propagandageschichte gegeben, sei es der Werbung für Kriegsanleihen oder der Darstellung des Seekriegs in der Marinemalerei. Dabei wird einerseits die Rolle der ›Heimatfront‹ verdeutlicht, andererseits die Situation bei der Marine mit der Diskrepanz zwischen dem Anspruch der hochgerüsteten Flotte, die statt der großen Seeschlacht einen zermürbenden Blockadekrieg führt, und dem von zunehmenden Versorgungsmängeln und Diskriminierung der Mannschaften bestimmten Kriegsalltag an Bord der Schiffe. Kurz gestreift wird der Stellungskrieg an der Westfront mit dem hunderttausendfachen Tod auf den Schlachtfeldern, um dann wieder zur prekären Ernährungssituation in den deutschen Städten zurückzukommen, der bald zu ersten – nun auch politischen – Protesten und Widerstand der Bevölkerung führt. Viele kriegs-und außenpolitische Ereignisse seit Ende 1917 werden zur historischen Grundlage, auf der es ein Jahr später zu ersten Waffenstillstandsverhandlungen kommt: Der Kriegseintritt der USA, die Russische Revolution und der Frieden von Brest-Litowsk, die endgültige militärische Niederlage des Deutschen Reiches und die Oktoberreform mit der neuen Reichsregierung. Als die Admiralität entgegen den Waffenstillstandsverhandlungen die Flotte von Wilhelmshaven aus gegen die Royal Navy auslaufen lassen will, verweigern die Mannschaften auf den Schiffen den Gehorsam.

 

  1. Die Kieler Ereignisse im November 1918:

Den dramaturgischen Höhepunkt der Ausstellungsstory und der raumgestaltenden Szenografie bilden die Kieler Ereignisse: Das dritte Geschwader mit den inzwischen inhaftieren aufständischen Matrosen aus Wilhelmshaven wird an die Förde verlegt, und am 3. November ziehen kriegsmüde Matrosen und Werftarbeiter durch Kiel und fordern die Freilassung der Verhafteten sowie ein Ende des Kriegs. Sie übernehmen die Kontrolle über die Stadt und schaffen sich am 4. November 1918 mit dem ersten Arbeiter- und Soldatenrat Deutschlands ein revolutionäres Organ, das sich am 9. November – nun unter Führung des Sozialdemokraten Gustav Noske – zur provisorischen Regierung der Provinz erklärt. Die Ausstellung stellt die Protagonisten des Geschehens vor, wobei die auf zahlreichen Porträts gezeigten Matrosen weitgehend anonym bleiben. Bestimmendes Thema ist die Angst vor Unruhe, Gewalt und Chaos; die gezeigten Dokumente verweisen auf eine von Angst und Irritation, aber auch von Aufbruch und Mut getragene Stimmung.

 

  1. Die Revolution breitet sich aus:

Anschließend folgen z.T. interaktive Präsentationen zur Verbreitung der Revolution von Kiel aus im Deutschen Reich und bis nach Berlin, wo bald die Wahl zur verfassunggebenden Nationalversammlung beschlossen wird. Nun wird die Spaltung der Bewegung in revolutionäre und reformistische Flügel überdeutlich – es geht um den z. T. gewaltsamen Kampf zwischen sozialistischem Rätesystem und Parlamentarismus. Hier legt die Ausstellung wiederum einen starken Fokus auf Propaganda und die mediale Verbreitung politischer Positionen. Den bildlichen Darstellungen nicht nur in der Plakatgrafik sondern auch in der Kunst wird viel Raum gegeben, denn darin visualisieren sich die an die Revolution geknüpften gesellschaftlichen Utopien; mit den Stilmitteln des Expressionismus wird eine durch Krieg, Hungersnot und Revolution gebrochenen Welt versinnbildlicht, aus deren Trümmern die Zukunft als Lichtschein eines neuen Morgen aufleuchtet.  

Die konkreten Folgeentwicklungen der Revolution werden in der Ausstellung kurz angerissen, und zwar überregional mit der Wahl zur Nationalversammlung, Gründung der Weimarer Republik, Versailler Friedensvertrag und dem Erstarken konterrevolutionärer Kräfte mit bürgerkriegsähnlichen Folgen und gewaltsamer Niederschlagung der Räterepubliken sowie Kappputsch; und auf der lokalen Ebene durch die Abrüstung des einstigen Reichskriegshafens Kiel und die Reorganisation des wirtschaftlichen und sozialen Lebens unter den schwierigen Anfangsbedingungen der jungen Republik.

 

  1. Rezeptionsgeschichte:

Den Abschluss der Ausstellung bildet der Blick auf die Rezeption der Revolutionsgeschichte beziehungsweise ihre unterschiedliche Interpretation im politischen Raum einschließlich eines Verweises auf ihre Verortung in der heutigen Erinnerungskultur. 

Die wirkmächtige, sehr früh einsetzende Rezeptionsgeschichte von der Dolchstoßlegende bis zu den verschiedenen Sichtweisen auf die Revolution in beiden deutschen Staaten bis 1989 hat  Mythen und Legenden der Revolution hervorgebracht, die seit fast 100 Jahren die heute oft nur schwer rekonstruierbaren historischen Ereignisse überlagern. Sie werden in der Ausstellung hinterfragt und aufgebrochen; ihre Entstehung, Zielsetzung und Wirkung werden analysiert.

Den Abschluss des Ausstellungsrundgangs bildet eine Medienstation mit interaktiver Besucherbefragung zur Einschätzung und Bedeutung des Matrosenaufstandes in der Geschichte und Gegenwart. So steht am Ende das Votum der Museumsgäste darüber, welchen Platz die Ereignisse zukünftig in der Erinnerungskultur einnehmen sollen. Eine Auswertung der Befragung wird nach Ausstellungsende vorgenommen – man darf gespannt sein!

 

 

 

 

Dr. Doris Tillmann, geb. 1958, studierte Volkskunde, Kunstgeschichte und Ur- und Frühgeschichte. Sie ist Ausstellungskuratorin und Autorin beziehungsweise Herausgeberin kulturgeschichtlicher Publikationen mit regionalem Schwerpunkt in Schleswig-Holstein und Kiel. Nach wissenschaftlicher Mitarbeit in verschiedenen Museen in Schleswig-Holstein leitet sie seit 2004 das Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum und das Stadtarchiv Kiel.

 

 

 

 

Die Ausstellung ›Die Stunde der Matrosen – Kiel und die deutsche Revolution 1918‹ läuft  bis zum 17. März 1919. Der Eintritt ist frei.

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