Wissen verbindet uns - exklusive Vorteile für Mitglieder!

Holmger und die Zisterzienser

Holmger Knutsson war in seinen Dreißigern, als er König werden wollte. Als Sohn Knuts II., der bis 1234 König von Schweden gewesen war, hatte er dafür auch gute Voraussetzungen. Doch die Sachlage war kompliziert: Der amtierende König Eric XI. konnte sich auf seinem Thron nicht durchsetzen und Holmger – animiert von der einstigen Königswürde seines Vaters – brachte 1247 eine Revolte in Gang, die Eric den Thron streitig machen sollte. Der Aufstand misslang jedoch und Holmger wurde festgesetzt und enthauptet.
Seine Anhänger ließen ihn im Kloster Sko begraben, in einem Zisterzienserinnenkloster, das von Holmgers Vater Knut II. gegründet worden war. Dort entwickelte sich schnell ein Personenkult um den Königssohn. Sogar Wunder sollen sich an seinem Grab ereignet haben. Jahr für Jahr besuchten immer mehr Pilger das Kloster.

Und so verwundert es nicht, dass über 200 Jahre nach seinem Tod ein überaus prachtvolles Grabtuch angefertigt worden ist, das Holmger in Gestalt eines Märtyrers, ja fast eines Heiligen zeigt. Auf einem Seiden- und Leinengrund wurde von einer Stockholmer Werkstatt die Gestalt Holmgers fast in Lebensgröße aufgestickt. Die Materialität seiner Gewandung ist so meisterhaft ausgeführt, dass man gleich den feineren Stoff seiner Gewänder, den schweren Stoff des Mantels und das grobere Schuhwerk erkennt. Der Faltenwurf des Mantels sowie Holmgers Kopfschmuck wurden dreidimensional aufgestickt. Das blaue Trägergewebe und die umlaufende Beschriftung stammen sehr wahrscheinlich von den Nonnen in Skokloster selbst.

Holmgers Grabtuch hat sein Heimatland Schweden im Juni 2017 zum ersten Mal verlassen. Nun wird es im LVR-LandesMuseum Bonn in der Ausstellung „Die Zisterzienser. Das Europa der Klöster“ (29. Juni 2017 – 28. Januar 2018) gezeigt. Gemeinsam mit etwa 150 weiteren Objekten aus ganz Europa erzählt das Grabtuch des Holmger Knutsson die Geschichte des Zisterzienserordens in seiner Gründungs- und Blütezeit. Ausgehend von Robert von Molesme, der in seinem Heimatkloster die benediktinischen Regeln nicht mehr in ihren ursprünglichen Formen verwirklicht sah und 1098 mit 21 Mitbrüdern auszog, um ein neues Kloster zu gründen, entwickelte sich der Orden ab dem 12. Jahrhundert zu einem der mächtigsten Verbände der Christenheit.

 

Der sogenannte Konzern der weißen Mönche berief sich auf die Regel des Hl. Benedikt von Nursia – ora et labora – und wollte von der eigenen Hände Arbeit leben. Die Mönche und Nonnen hatten sich dem einfachen, asketischen Leben verpflichtet. Durch den großen Erfolg des Ordens – innerhalb weniger Jahrzehnte wurden hunderte Klöster gegründet – konnten sich die Abteien jedoch bald den großen Stiftungen der Herrscherhäuser nicht mehr entziehen. So hielten Kunstwerke von außerordentlicher Qualität Einzug in die vormals schmucklosen Klöster.

Einige dieser Kunstwerke können in der Bonner Ausstellung bewundert werden. So zeigen zwei Marienfiguren aus Polen und Deutschland die Entwicklung der Marienfrömmigkeit des Ordens und dass man, trotz allem Willen zur Einfachheit, mit der Zeit und der Mode ging. Verzierte Bodenfliesen, Architekturelemente und Fenster zeugen von den baulichen Hinterlassenschaften der Zisterzienser; Kelche und wunderbar gestaltete Kreuze sowie wertvolle Vorsatztafeln für Altäre, Antependien genannt, komplettieren mit einer stattlichen Pultfigur und weiteren Objekten die sonstige Ausstattung des Klosters. Als Holmgers Grabtuch nach zweitägiger Fahrt per Lastwagen von Stockholm aus zu uns kam, war auch ein Antependium aus Kopenhagen „an Bord“. Auf dieser bemalten Holztafel findet sich ein wirklich außergewöhnliches Bildprogramm. Oder haben Sie schon einmal vom „Bratenwunder“ gehört?

Die Architektur der Zisterzienserkirchen und -klöster wird gleich zu Beginn der Ausstellung auf beeindruckende Weise vor Augen geführt: Ein wiederzusammengefügtes Obergadenfenster der Kirche des ehemaligen Klosters Altenberg  zeigt eindrucksvolle Steinmetzarbeiten aus einer Zeit, in der nur sehr wenige Bauwerke überhaupt in Stein ausgeführt wurden. Sollten Sie unsere Ausstellung besuchen, halten Sie auf den Fensterfragmenten Ausschau nach einem kleinen, in den Stein geritzten Dreieck – ein Steinmetzzeichen, das zu einem bestimmten Arbeiter gehörte und für die nachträgliche Abrechnung wichtig war. Die ehemalige Abtei Altenberg wird mithilfe einer CAD-Animation vollständig rekonstruiert. Der Weg führt durch die gesamte Anlage, von der heute nur die Kirche erhalten ist, und bindet originale Steinfragmente wie Kapitelle und Säulen aus den Grabungen wieder in den Kontext ein. Anschaulicher können Architekturelemente kaum vermittelt werden.

Funde aus den Produktions- und Lagerstätten für Waren und Güter, den sogenannten Grangien, weisen auf die hohe Produktivität und Effektivität des Ordens hin. Denn schon recht bald nach Gründung des Ordens hatten die Mönche festgestellt, dass das Leben von der eigenen Hände Arbeit kaum mehr Zeit für den Gottesdienst ließ. Man stellte Konversen ein, ausgebildete Fachleute, die als „Halbmönche“ von den spirituellen Vorzügen und der Nähe zum Kloster profitierten und im Gegenzug die Arbeiten auf den Höfen und Ländereien verrichteten. Während anfangs nur für den Eigenbedarf produziert wurde, verkaufte man später auch Überschüsse in Stadthöfen inmitten der pulsierenden mittelalterlichen Hauptstädte.

Auch Frauen traten dem Orden bei, um 1120 wurde in Le Tart das erste Zisterzienserinnenkloster gegründet. Andere Ordensfrauen identifizierten sich so sehr mit der Rückbesinnung auf die Regel des Hl. Benedikt, dass sie eigenständig nach zisterziensischem Vorbild lebten und erst im Nachhinein offiziell in den Orden aufgenommen wurden. Von der ganz eigenen Frömmigkeit der Nonnen erzählen Funde aus dem Wienhausener Nonnenchor, kleine Gebetbüchlein, Spindeln und selbst gemachte Andachtsbildchen, die im Laufe der Jahrhunderte durch die Dielen rutschten und unlängst bei Ausgrabungen aufgefunden wurden.

Über ganz Europa zog sich bereits 150 Jahre nach Gründung des Ordens ein Netz von Zisterzienserklöstern. Um dieses Netzwerk beisammen halten zu können, war eine einheitliche Regelung von großer Bedeutung. Wurde ein neues Kloster gegründet, mussten die Mönche bestimmte liturgische und administrative Texte mitnehmen. Diese mussten genau dem Originaltext entsprechen und konnten im Mutterkloster Cîteaux eingesehen werden. Dass Schriftlichkeit ein hohes Gut für die Zisterzienser war, zeigen die zahlreichen mittelalterlichen Handschriften, die in der Ausstellung in einer Art „Schatzkammer“ präsentiert werden. Einige der wertvollsten und schönsten Handschriften des Mittelalters entstanden in den Skriptorien der Zisterzienser. Vier der ältesten Ordensbücher liegen in der Ausstellung in Bonn und können neben anderen Manuskripten mithilfe von faksimilierten Seiten nicht nur betrachtet, sondern auch gelesen werden – Dank Übersetzungen auch ohne Lateinkenntnisse. Wunderbare Initialen und Buchmalereien sowie einzelne Textstellen werden erläutert und geben ein eindrückliches Bild des Ordens und seiner Überzeugungen.

 

Die Zusammenstellung der Objekte zeigt auch, dass der Orden stets Anpassungen vornahm: wurde zu Beginn des 13. Jahrhunderts noch Einfachheit und Zurückhaltung gefordert, fanden sich im Laufe der Zeit immer mehr Verzierungen und sogenannte Drolerien in Architektur und Ausstattung. Kleine, fantasievoll gestaltete Tiere und wunderbare florale Muster finden sich auf Möbeln, Grabplatten und vor allem in den Handschriften. Wenn man genau hinsieht, kann man so viele Fabeltiere, Monster und Drolerien entdecken, dass wir bereits überlegen, eine eigene Führung zu dem Thema anzubieten.

Die Schau endet mit Bernhard von Clairvaux, einer der großen Persönlichkeiten des Ordens. Er war maßgeblich an der Verbreitung des Ordens beteiligt und verfasste Schriften, die über Jahrhunderte Gültigkeit besaßen und auf die sich auch Martin Luther in seiner Papstkritik 1520 berief. Auf Bernhards Reisen durch Europa, die ihn auch ins Rheinland führten, scharrte er immer weitere Anhänger um sich, war aber auch ein eifriger Prediger zum Zweiten Kreuzzug. Übrigens hätte Bernhard das aufwendige Grabtuch für Holmger Knutsson ganz und gar nicht gefallen – zu prachtvoll sind die Stickereien, zu verherrlicht erscheint die Figur des Holmger selbst, überhaupt wollte man nicht von externen Förderern abhängig sein und Stifter, so wusste man, erwarteten für ihre Zuwendungen natürlich eine Gegenleistung, die sich in prachtvollen Grablegen in den Kirchen und Kreuzgängen der Zisterzienserklöster äußerten.
Und heute? Die Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts hat auch den Zisterzienserorden schwer getroffen. Heute bestehen noch etwa 160 Klöster auf der ganzen Welt. „Was war, was ist, was bleibt“ kann man auch in der Kooperationsausstellung im Siebengebirgsmuseum in Königswinter (bis 05. November 2017) und der Chorruine in Heisterbach unweit von Bonn erfahren. Dort können Besucher die Spuren der Zisterzienser im Rheinland und speziell in Heisterbach entdecken.

 

ANJA ROSER studierte Kunstgeschichte und Archäologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und arbeitete zwei Jahre als wissenschaftliche Volontärin im LVR-LandesMuseum Bonn. Nun ist sie als freiberufliche Kunsthistorikerin in Projektarbeit tätig.

 

Die Ausstellung Die Zisterzienser. Das Europa der Klöster ist noch bis zum 28. Januar 2018 zu sehen im LVR LandesMuseum Bonn, Colmantstr. 14–16, 53115 Bonn.
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag und Sonntag: 11–18 Uhr / Samstag: 13–18 Uhr / Montag: geschlossen
Öffentliche Führungen jeden Sonn- und Feiertag um 11.15 Uhr
Eintritt: 8 €, ermäßigt 6 €
Weitere Informationen unter www.landesmuseum-bonn.lvr.de

 

 

 

Bitte geben Sie die Zahlenfolge in das nachfolgende Textfeld ein

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.